Heulsuse der Woche

Ein Duell der Heulsusen-Giganten. Ken Jebsen vs. Fler.

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Nov. 21 2014, 1:42pm

Und wieder ist es an der Zeit, sich über ein paar Menschen zu wundern, die mit der Welt nicht fertig werden.

Heulsuse #1: Fler als Stalker samt Fan-Anhang

Foto: Nico Jenner | ​Wikimedia | ​CC-BY-SA-3.0 | Montage: VICE Media

Der Vorfall: Fler postet sein polizeiliches Führungszeugnis, worauf eine Glosse in Die Welt erscheint.

Angemessene Reaktion: Der mit allen Abwassern gewaschene Fler sitzt diesen Provokationsversuch aus oder reagiert mit einem originellen Kommentar.

Tatsächliche Reaktion: Fährt zum Haus des verantwortlichen Journalisten, postet ein Foto vom Eingangsbereich, droht wiederzukommen, wenn der Artikel nicht zurückgezogen wird.

Rapper sind Künstler. Und wie jeder Künstler wünschen sie sich, von ihrer Kunst zu leben. Das bedeutet aber auch, dass sie ihre Kunst vermarkten müssen. Hierzu kreieren sie auch ein Bild von sich als Künstler und präsentieren es über die Medien der öffentlichen Welt. Dem Einen gelingt das besser, dem Anderen schlechter.

Fler scheint in letzter Zeit eine kleine Pechsträhne zu verfolgen. Im Rapperkrieg gegen Farid Bang wollte er die Rolle des korrekten Deutschen einnehmen, aber sein offen an Farid adressierter Brief wurde überwiegend ​aus Kommafehlern und ungeschickten Formulierungen zusammengehalten: „Die soziale Gerechtigkeit die wir für Deine Eltern und Dich gerne anbieten solltest du nicht als Herablassung empfinden ... Wir Deutsche machen das gerne!"

Vor einigen Tagen nun wollte Fler sein Gangsterimage zur Schau stellen, indem er sein ​polizeiliches Führungszeugnis publik machte. So wirklich beeindruckt zeigte sich von seinen Rapperrivalen keiner, stattdessen nahm der Journalist Frédéric Schwilden die Aktion zum Anlass, Fler in einem Artikel auf Die Welt zu verarschen.

Er rechnete den im Führungszeugnis veranschlagten Strafsatz von 4800 Euro in ein monatliches Gehalt von 1200 Euro um und unterstellte Fler und der gesamten Rapperbranche, in die Altersarmut abzurutschen. Abschließend ruft er zum Spendenaufruf auf.

Die Reaktionen von Fler und seinen Fans sind  ​gewaltig: Der Zeitung und dem Journalisten wird massiv gedroht, beide sind natürlich Hurensöhne, ein Fan will sich mit Fler treffen und dem Journalisten die Finger brechen, worauf Fler antwortet, dass die Aktionen keinen Sinn hätten, weil Frédéric Schwilden nicht alleine wohnt. Das weiß Fler, weil er bereits bei ihm vor der Tür stand, klingelte, Fotos vom Eingangsbereich schoss und im Internet veröffentlichte—​Fler droht auch wiederzukommen, wenn Die Welt den Artikel nicht zurückziehen sollte.

Jüngst scheint sich der Deutschrapper doch noch für die sinnvollste aller Reaktionen entschieden zu haben: Er wird künstlerisch darauf antworten, indem er sein eigentlich abgeschlossenes Album um einen weiteren Track erweitert, der die ganze Angelegenheit zum Thema machen wird.

Heulsuse #2: KenFM-Begründer Ken Jebsen

Foto:  ​opposition24.de | ​Flickr | ​CC BY 2.0

Der Vorfall: In einem Lied der Band Antilopen Gang wurden KenFM-Anhänger u.a. als „Pseudogesellschaftskritiker" und „Antisemit" bezeichnet.

Angemessene Reaktion: Als eine Person, die selbst verbal hart austeilt, den Konter einstecken.

Tatsächliche Reaktion: Die Musiker anzeigen, Schadensersatz und das Verbot des Liedes fordern!

Ken Jebsen ist eine äußerst umstrittene Person in der Medienlandschaft. Er ist freischaffender Reporter, Moderator und selbsternannter Querdenker. Es ist auch jemand, die von Einigen gefeiert wird, wenn er auf dem eigenen Internetprotal über „ ​Zionistischen Rassismus" debattiert, den 11. September als Terrorlüge und einen „warmen Abriss" bezeichnet oder ​die Demokratie an sich in Frage stellt.

Allein sein YouTube-Kanal zählt stolze 66.800 Abonnenten, und doch muss Jebsen sich auch per Crowdfunding finanzieren, nachdem er Ende 2011 aus dem RBB geworfen wurde, weil der Vorwurf im Raum stand, er habe den Holocaust geleugnet. Zumindest ist allgemein bekannt, dass er Henrik Broder in einer privat adressierten Nachricht darüber belehren wollte, wer den  ​Holocaust als PR erfunden habe.

Und spätestens wenn Jebsen die Medien als Massenvernichtungswaffen bezeichnet, wird immerhin klar, dass er verbal mit harten Bandagen kämpft und ordentlich auszuteilen weiß.

Umso erstaunlicher ist es nun zu sehen, wie die Jungs vom Musiktrio Antilopen Gang ihm fast schon im Vorbeigehen einen leichten Jab verpassten und er einbrach wie Foreman gegen Ali. 

In ihrem Song ​Beate Zschäpe hört U2 liefern die drei Rapper einen originellen Kommentar in Bezug auf die rechtsradikale Entwicklung im modernen Deutschland—dabei wird auch Jebsens KenFM erwähnt: 

„Sie können sagen, was sie wollen, sie sind schlichtweg Antisemiten. All die Pseudogesellschaftskritiker: die Elsäser-, KenFM-, Weltverbesserer." 

​Jebsen scheint nun derart verletzt zu sein, dass er Schadensersatzklage erhoben hat und der Antilopen Gang das Lied verbieten möchte.

Nun gibt es zwar in Deutschland so etwas wie künstlerische Freiheit, doch die liegt bekanntlich im Auge des Betrachters—und Jebsens Anwälte haben viele Augen. Sie drohen den Musikern mit rechtlichen Schritten, sollte das Lied weiter im Umlauf bleiben. 

Deren Standpunkt ist aber ebenfalls klar: „Einschüchtern lassen wir uns jedenfalls nicht."

Hier könnt ihr euer Kreuz machen.

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