Das Krisengebiet nebenan: Die Disco-Ära in Bushwick
DIE MUSIKAUSGABE

Das Krisengebiet nebenan: Die Disco-Ära in Bushwick

New York City war Ende der 1970er eine wilde, spannende Stadt. Ich war damals in meinen 20ern und bis über beide Ohren verliebt in die Metropole. Meine Mittelformatkamera war meine ständige Begleiterin. 1977 lernte ich Judi Jupiter kennen, eine...
14.11.16

Aus der Music Issue 2016.

New York City war Ende der 1970er eine wilde, spannende Stadt. Ich war damals in meinen 20ern und bis über beide Ohren verliebt in die Metropole. Meine Mittelformatkamera war meine ständige Begleiterin.

1977 lernte ich Judi Jupiter kennen, eine temperamentvolle und schillernde Frau, und schlug ihr einen Fotoshoot für ein Magazin vor, für das ich frei arbeitete. Sie willigte ein und zusammen fotografierten wir die Clubszene, die um uns pulsierte. Um aus der Masse hervorzustechen, entwarfen wir für Judith auffällige Kostüme—jedes Mal ein anderes.

Als wir uns eines Abends bei mir fertig machten, ging plötzlich in meinem Gebäude und allen Nachbarhäusern das Licht aus. Die U-Bahn fuhr nicht, die Ampeln waren aus. Aber nichts konnte uns aufhalten. Wir radelten durch die dunklen Straßen ins Herz Manhattan.

Autoscheinwerfer erfassten uns, als wir am Columbus Circle verschnauften. Vor dem Studio 54 standen ein paar Leute, doch die Türen waren zu. Wir hämmerten dagegen, keine Antwort. Die ganze Stadt war vom Stromausfall betroffen und das Studio 54 hatte geschlossen. Als wir ein paar Tage später zurückkehrten, war es, als sei nie etwas passiert.

Während alle in den Discos von Manhattan feierten, sprachen sie im Radio von einem Ort auf der anderen Seite des East River, von dem ich noch nie gehört hatte: Bushwick, Brooklyn. Es brenne dort, hieß es, und im Schutz der Dunkelheit gebe es Plündereien und Krawalle. Die Zeitungsfotos von den Bränden und geplünderten Geschäften nach dem Stromausfall werde ich nie vergessen.

Wenige Jahre später, im Dezember 1981, wurde ich Kunstlehrerin an der Intermediate School 291 in Bushwick und dachte wieder daran. Als ich an meinem ersten Tag mit der U-Bahn von der Upper West Side anreiste, überlegte ich tatsächlich, ob meine Vorgängerin ermordet worden sei. Das Viertel schien ganz aus kaputten Ziegeln, bröckelndem Beton und verstreutem Bauholz zu bestehen—verkohlte Überreste der Brandstiftung.

Ich fing an, mit einer günstigen Plastikkamera herumzulaufen.

Die I.S. 291 war eines der wenigen intakten Häuser in dem Block und wirkte wie Schule, Notunterkunft und Gefängnis in einem. Es war verblüffend. Kinder versuchten in dem Chaos zu lernen und zu spielen; bewundernswerte Lehrkräfte bemühten sich, einem zerstörten Viertel Struktur und Sinn wiederzugeben.

Ich unterrichtete von 1981 bis 1992 in Bushwick. Der Weg von und zur U-Bahn war jedes Mal ein Abenteuer. Man wusste nie, wer da vielleicht auf der Straße oder auf einem trümmerübersäten Grundstück abhing.

Ich fing an, mit einer günstigen Plastikkamera herumzulaufen. Mein Arbeitsweg wurde zum Ritual: Morgens ging ich von der Station Myrtle-Wyckoff die Palmetto Street entlang. Nach der Schule nahm ich jedes Mal einen anderen Weg und entdeckte so, dass jede Straße ihre eigene Atmosphäre und ihre eigenen Geschichten zu erzählen hatte.