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Vice Blog

Ein Rat an meine Räuber

3.8.10

Unser Kollege Baby Balls wurde auf offener Straße, überfallen, verprügelt, und ausgeraubt. Leider haben seiner Ansicht nach die Diebe einiges falsch gemacht und noch viel zu lernen. Um ihnen also eine große Karriere in der organisierten Kriminalität zu ermöglichen hat er ihnen ein paar Gedanken und Verbesserungsvorschläge  zusammengeschrieben.

Liebes Pack, das mich überfallen hat,

Gut gemacht, Jungs. Ihr habt mich richtig schön rangenommen. Meinen Geldbeutel auch. Ein gründlicher Job auf der ganzen Linie. Ich will euer Gefühl des Sieges/den Pappeimer voller Chicken Wings, die ihr wohl gerade genießt, nicht herunterreden, nichtsdestotrotz habe ich ein paar Notizen zusammengetragen bezüglich ein paar Sachen, die meines Erachtens nach einer Verbesserung verlangen.

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Ich muss hier nicht extra erwähnen, dass ich selbst niemals gestohlen habe, doch als gelegentlicher passiver Teilnehmer von Straßenüberfällen und folglichem prototypischen Trauma habe ich wahrscheinlich ein gutes Stück mehr Rauberfahrung als ihr mit euren geschätzten 12 bis 13 Jahren. Nehmt euch jedenfalls folgende Ratschläge zu Herzen.

Frag erstmal nach?
Offensichtlich verfolgt ihr euren eigenen Stil, und die Gewinnchancen daraus auf jemanden zuzulaufen und ihm auf den Hinterkopf zu schlagen, bevor er oder der Typ, mit dem er unterwegs ist, sich darüber bewusst werden, was vor sich geht, erklären sich von selbst. Das ist grundsätzlich das selbe Vorgehen, mit dem die Army in den Irak einmarschiert ist. Es trifft den Nagel auf den Kopf und lässt alle beteiligte Parteien unverzüglich und ohne Raum für Missverständnisse wissen, was vor sich geht (ein Verbrechen). Dazu ist es auch noch lustig, zumindest für euch  und jeden, der zufällig gerade die Aufnahme der Überwachungskamera sieht.

Da hätte ich trotzdem noch eine Sache-vielleicht waren die Schläge nicht von Nöten. Ich weiß, dass das sich wohl nach dem Gerede von jemandem anhört, der eben geprügelt wurde, aber bedenkt mal die Eckpunkte dieser Handlung: Da stehen sechs von euch gegen 65 Kilo meiner selbst. Ich weiß, dass ihr nicht viele von uns in Bedford Stuyvesant hochnehmt, aber ich bin das, was man weitläufig als "Nerd" bezeichnet. Ihr hättet Zeit gehabt einen Haufen diverse Markennamen und Bandnamen zu lernen, um die bestehlenswürdigen, weißen Kinder (Raver, Gothics, Grindcore-Fans) von denen, mit denen ihr euch nicht anlegen wollt (Itacker, DJs, Metaller, einige Punks) zu unterscheiden, doch mit der wachsenden Monokultur, die aus Nord-Brooklyn herunterkriecht, geht man auf Nummer sicher, wenn man jeden grundsätzlich als Nerd bezeichnet, der nicht so aussieht, als würde er drei Stunden täglich in der Sporthalle verbringen. Ich weiß, dass es  keinen großen  Reiz hat, eine Person ganz bewusst umzuhauen, doch dass andere das offensichtlich tun, lässt uns eifrig über brauchbare Alternativen nachdenken.

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Sogar wenn ich im Begriff wäre, jeden Verstand für meine eigenen Fähigkeiten zu verlieren und versuchen würde zurückzuschlagen: Schaut euch erstmal meine Handgelenke an. Mit einem Umfang von 15 Zentimetern. Nun versucht euch einen Spatz auszumalen, wie er einem Ford Crown Victoria die Windschutzscheibe einschlägt. Das ist wahrscheinlich der  Schaden, den ich im Zuge einer etwaigen Vergeltung am ehesten hinterlassen würde.

Nochmal, es liegt mir fern, euch Typen außerordentlich zu belehren, aber bedenkt doch einmal an die potenziellen Vorteile der Erstmal-fragen-Methode: gesparte Kraft und unverletzte Fäuste für künftige Räube, keine Anklagen der Körperverletzung/des Totschlags und ein geringes Risiko von Blutflecken auf euren Schuhen. Das ist ein ziemlich großer Unterschied, was? Und sogar wenn ich nein sagen oder vorgeben sollte, euch nicht zu hören, könnt ihr euch immer noch dem Schläger-Plan hingeben. Dann hat das Ganze vielleicht den Überraschungseffekt verloren, aber der Vorteil ist, dass ihr das Element des kurzzeitigen Terrors beiseite lasst. Win-win.

Geht es langsamer an

OK, ihr habt mich auf den Boden geworfen und erlangt gerade eure Ruhe wieder. Der dunkle Fleck auf meiner Hose, das ist Urin, der durch einen Tritt auf meine Niere einfach rauslief. Eurem schrillen Babygeschrei fehlt jeder Sinn. Wozu also die Eile? Erzählt dem einen Typen von euch mal, er soll damit aufhören "Abhauen, abhauen, abhauen" zu rufen. Ihr habt meinen Geldbeutel schon in der Hand. Werdet euch darüber erstmal klar. Was fehlt euch sonst noch? Na? Denkt mal drüber nach, was quasi jeder besitzt… Vielleicht ein Handy? Vielleicht in der anderen Hosentasche? OHHHHHHH, richtig. Seht ihr? Es ist so leicht, die wichtigsten Sachen zu vergessen, wenn ihr euch keine Minute zum Durchschnaufen nehmt. Wenn ich einer von euch wäre, würde ich den mit "Abhauen!" daran erinnern, dass er auf Bewährung ist, bis er seinen Arsch in den Ruhestand schicken kann.

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Speckt ab
Wisst ihr was? Was macht Mister "Abhauen!" eigentlich in dieser Mannschaft? Ich weiß, dass es ein gutes Gefühl ist, mit all seinen Freunden Dinger zu drehen, aber irgendwann kommt es zu einem Punkt, an dem die Aufnahme weiterer Mitglieder der Räuberbande euch wie eine Selbsthilfegruppe aussehen lässt. Wirklich, wenn ihr nicht mit einem Verhältnis von zwei Räubern pro Opfer klarkommt, (einen für die Drohgebärden/Zusammenschlagen, einen für das Ausnehmen), beklaut ihr entweder die falschen Leute  oder ihr solltet gar nicht stehlen.

SECHS Leute für zwei weiße Nerds? Vom schlichten Übermaß abgesehen beißt ihr euch damit ins eigene Fleisch. Was sind 20 Dollar durch sechs, so drei Dollar plus Kleingeld? Herzlichen Glückwunsch, ihr habt euch soeben  unter dem Mindestlohn bezahlt dafür, dass ihr mich beinahe umgebracht habt. Das ist das anschaulichste Beispiel für einen schlechten Deal, das ich mir vorstellen kann.

Mistet mal ordentlich aus
Wo wir schon beim Thema sind: Was zum Himmel wollt ihr mit meiner Zahnversicherung und meinen Tankstellenquittungen anfangen? Verrechnen lassen? Oh, ihr habt doch keine Ahnung. Warum nehmt ihr sie also? Es gibt einen Grund dafür, dass erfahrene Diebe  Bargeld aus dem Portemonnaie nehmen und es dem Opfer zurückgeben oder über die Straße werfen, und das nicht, um das eigene Image zu pushen. Das tut man, um sich selbst vor den Problemen zu schützen, die der Umgang mit einem Haufen von nutzlosem, belastendem Mist, aufwirft.

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Der Rucksack des Nerds, mit dem ich unterwegs war, war das größte und verdächtigste Ding, das ihr Typen mitgenommen habt, und habt ihr euch überhaupt mal den Inhalt angesehen? Ich glaube nicht, denn ich halte euch wirklich nicht für die Art von Kindern, die ihre Basketball-Shorts beim Betrachten von schicken japanischen Farbstiften und Malblöcken besudeln.

Schlagt härter zu
Ein Wahnsinnsding ist das, Schläge auszuteilen, während der eine von euch meinen Geldbeutel einsteckt - eine furchtbare Vorgehensweise. Als ich wieder zu mir kam, waren mindestens drei von euch damit beschäftigt, meine untere Hälfte zu bearbeiten - Ich weiß das, weil ich das gesehen habe, nachdem ich bemerkte, dass ich dabei pinkelte. Aber wisst ihr, was seit heute Morgen nicht merh da ist? Die drei Blutergüsse, die auf meinen Beinen und im Schritt waren. Tatsächlich ist die einzige Schramme, die ich noch habe, eine kleine pfenniggroße Blaubeere gleich über meiner rechten Niere , verursacht vom Piss-Tritt, den ich langsam eher als einen Glücksfall als eine Auswirkung kranken Menschenverstands betrachte, besonders gemessen an der Tatsache, dass sich niemand an meine gut exponierten Eier gewagt hat.

Diese Art von Faulheit wird eigentlich einem "Gangster-Revier" in Gary, Indiana nachgesagt, aber denkt dran, ihr raubt Leute in New York aus. Ich weiß, dass ihr gerade erst damit angefangen habt, aber ihr Typen werdet euch künftig an einen höheren Standard halten müssen. Ihr seid verloren gegen die Besten aller Zeiten.

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Nun will ich nicht, dass ihr denkt, dass ich euch hier nur zurechtweisen will, deswegen sind hier drei Aspekte des Raubüberfalls bei dem ihr Leute euch echt hervorgetan habt:

-Die Brille von meiner Nase schlagen: Effektiv, verwirrend, und es hat auf alle Fälle wahnsinnig  gut ausgesehen. Hat mich auch davor bewahrt, einen Haufen Geld für neue Gläser auf den Kopf zu hauen. Ich bezweifle zwar, dass das ein Teil eurer Absicht war, trotzdem danke.

-Das Kind auf dem Rad, das einen Wheelie gemacht hat, um mich entweder für einen Moment abzulenken oder die Attacke anzukündigen, bevor ihr mich geschlagen habt: Filmreif. War dieser Kerl die ganze Zeit lang Teil eures Plans oder nur ein Zufall? Wisst ihr was, lasst es zu Antworten. Falls es Teil des Plans war, exzellente Arbeit, falls nicht würde ich ihn und sein Rad ganz diskret und so bald wie möglich in euer Repertoire aufnehmen. Er ist mindestens drei "Abhauen!"-Typen wert.

-Dor scheißen, wo man isst: Klassisches Beispiel für "Regeln, die bestehen, um gebrochen zu werden." Als ihr vor dem Streifenwagen zurück in eure Sozialwohnung geflohen seid, war ich mir sicher, dass ihr gerade aufgegeben habt. Genauso als zwei eurer Kumpels uns erzählten, sie wüssten genau, wer wir wären und in welchem Haus wir wohnen. Aber weißt du, was sie getan haben, als die Bullen Sekunden später angefahren kamen? Ja, Verräter. Ich würde keine Gewohnheit daraus machen, Leute gleich gegenüber dem Haus eurer Eltern auszunehmen, aber ihr Leute habt in diesem Fall die Chance ergriffen und seid dafür umso glaubwürdiger davongekommen.

Nach allem würde ich sagen, dass ihr Leute einen ziemlich solide Arbeit geleistet habt, indem ihr mich ausgeraubt und die Habseligkeiten von mir und meinem Freund mitgenommen habt. Was euch an Gründlichkeit und Art des Auftretens gefehlt hat, habt ihr in Schnelligkeit und Bedrohung gesteckt. Ich freue mich auf weiterhin gute Arbeit in den kommenden Jahren.

Danke,
BABY BALLS

Porträt von Ben Ritter