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Der traurige Schönheitswettbewerb

Was würdest du tun, wenn dir die Leute ständig erzählen, dass dein Land kein richtiges Land wäre? Wenn du nun Lobsang Wangyal wärst, dann würdest du dich in den Bankrott stürzen und dabei den traurigsten Schönheitswettbewerb der Welt organisieren.
14.6.11

Was würdest du tun, wenn dir die Leute ständig erzählen, dass dein Land kein richtiges Land wäre? Wenn du nun Lobsang Wangyal wärst, dann würdest du dich in den Bankrott stürzen und dabei den traurigsten Schönheitswettbewerb der Welt organisieren.

Die indische Stadt McLeod Ganji klingt nicht nur nach einem Rastafari aus Schottland, sondern ist zudem der Sitz der tibetanischen Exil-Regierung, sowie Heimat für die meisten Flüchtlinge aus Tibet. Jedes Jahr seit 2002 pilgerten die Einwohner der Stadt ins tibetanische Institut für Performance Arts (was eher dem Spielplatz einer Grundschule ähnlich sieht) um höchstens vier oder fünf tibetanischen Frauen dabei zuzusehen, wie sie darum ringen das höchste Maß an „innerer und äußerer Schönheit“ an den Tag zu legen.

Von außen betrachtet wirkt der Miss Tibet Wettbewerb wie jeder andere Schönheitswettbewerb: voller Glitzer, Tanz, heißen Frauen, und einigen wenigen nervtötenden Problemen wie ständige Stromausfälle. Aber anders als im Westen, wo eine Armee an PR-Menschen und unbezahlten Praktikanten das Even managen und organisieren würden, wird die Show in McLeod Ganji von einem einzigen Mann organisiert und bezahlt.

Der 42-jährige Lobsang Wangyal ist ein Mann, dessen Leben sich nur darum dreht Tibet in die Freiheit zu führen. Außerdem ist er der hübscheste Fotojournalist, Event-Planer, Tänzer und Grafik-Designer den wir jemals kennengelernt haben. Als er uns also in sein Büro auf ein kurzes interview einlud, liessen wir uns das nicht zweimal sagen.

VICE: Hi Lobsang! Das ist der letzte Tag des Wettbewerbs. Du musst erschöpft sein.

Lobsang Wangyal: Das ist richtig. Heute ist das große Finale und ich habe nicht mehr wirklich viel Energie übrig. Aber morgen werde ich mich hoffentlich entspannen können.

Gut. Bevor wir über den Schönheitswettbewerb reden werden, erzähl mir doch was über dein Leben im Exil.

Es ist die große Tragödie meines Lebens und macht meine Existenz sehr schwierig.

Wurdest du in Tibet geboren?

Nein, ich wurde in Indien geboren. Mein Vater kam dort 1959 an und meine Mutter zwei Jahre später. Sie waren damals noch Kinder. Meine Mutter war 11 und mein Vater 15. Sie wussten also ganz genau weshalb sie nach Indien mussten, dachten damals aber noch, dass sie nur ein paar Jahre dort verbringen würden, doch dann kamen die Chinesen, die Mongolen, die Briten... Sie mussten immer weiter flüchten. Ich lebe hier nun schon mein gesamtes Leben, habe aber immer noch kein Haus, kein Land, gar nichts. Alles was ich habe, trage ich in meinem Herzen.

Das ist traurig. Fühlst du dich noch immer fremd in McLeod Ganji?

Ja.

Tut mir leid das zu hören. Lass uns über nettere Sachen sprechen. Wie zum Beispiel über Schönheit und den Wettbewerb. Wie kamst du auf die Idee, eine Miss Tibet Wahl abzuhalten?

Ach, wir leben in modernen Zeiten, es gibt Fernsehen, Radio und Magazine. Man hört also ständig von einer Miss dies oder Miss das. Miss, Miss, Miss... also dachte ich mir warum gibt es nicht auch eine Miss Tibet? Wir fingen damit schließlich 2002 an und gleich die erste Wahl wurde ein internationaler Hit, da die restliche Welt dachte, dass wir das nicht durchziehen würden und natürlich war es ein Kuriosum. Wir bekamen viel Aufmerksamkeit von den Medien und Journalisten aus aller Welt kamen vorbei um darüber zu berichten.

Was ist mit den Bewerberinnen? War es einfach Leute zu finden, die sich dazu bereit erklären bei dem Wettbewerb mitzumachen?

Nun, es war damals natürlich neu und aufregend. Alle wollten Miss Tibet werden und eben die schönste, charmanteste und begehrenswerteste Frau. Wenn man recht darüber nachdenkt, dann ist das wirklich ein verdammt großer Titel. Ich bekam also eine Menge Bewerbungen. Aber am Ende blieben nur vier davon übrig, da viele der anderen sich davor fürchteten in der Öffentlichkeit zu sprechen oder einen Badeanzug zu tragen. Im kommenden Jahr gab es nur eine Bewerberin, also krönten wir sie ohne Wettbewerb. Seitdem wurde es besser. Wir haben nun vier bis fünf Mädchen pro Jahr.

Es muss sich sicherlich einiges geändert haben, nachdem ihr im Internet bekannt wurdet.

Nein, nicht wirklich. Die meisten Menschen hier haben nicht besonders enge Verbindungen zur modernen Welt und sind sehr traditionell veranlagt. Sie sind zwar von der Veranstaltung beeindruckt, aber würden es nicht zulassen, dass ihre Töchter oder Schwestern daran teilnehmen. Die junge Generation ist da etwas anders. Ich bin zum Beispiel aus der zweiten Generation der Exil-Tibetaner und ich bin ein offener Mensch. Die kommenden Generationen werden sogar noch offener sein und die Miss Tibet Wahl wird ein Teil ihres Lebens sein, sie werden es als normal ansehen, doch für die älteren Menschen ist es immer noch sehr ungewohnt. Doch das wird sich ändern. Dieses Jahr haben wir sechs Bewerberinnen!

Haben die Teilnehmerinnen irgendwelche Erfahrungen in Richtung Mode und Modeln?

Einige ja, aber nicht alle von ihnen. Einige von ihnen sind nur von der Glitzerwelt und allem was mit Mode, Kunst und Glamour zu tun hat interessiert. Diese Seite des Lebens eben.

Was verändert sich mit dem Titel für die Gewinnerin in ihrem Leben?

Nun, dass hängt natürlich von dem jeweiligen Mädchen ab. Sie muss etwas aktiver werden, denn nur darauf zu warten, dass sich Dinge ändern weil man nun den Titel der Miss Tibet gewonnen hat funktioniert nicht. Einige wollen ja auch ihrem stillen und ruhigen Leben entkommen, aber sie nehmen auch deshalb teil, um andere Mädchen zu inspirieren. Sie hoffen nicht darauf, dass sie den Titel der Miss World gewinnen werden, denn die chinesische Regierung hat einiges unternommen um uns davon fernzuhalten, wie zum Beispiel die Kommunikation mit den Organisatoren zu unterbinden. Aber abgesehen davon ist das Preisgeld recht gut, knapp 2.200 Dollar.

Hat euch Indien dabei geholfen die Miss Tibet Wahl zum Laufen zu bringen?

Nein, die Modewelt in Indien hat keine Ahnung von tibetanischer Mode, Kultur und Talent. Unsere Gemeinschaft ist auch sehr in sich geschlossen. Ich würde dennoch gerne der gesamten Welt davon berichten, doch mit nur fünf Mädchen pro Jahr... was kann ich da schon tun? Ich sollte mindestens 20 Mädchen pro Jahr auf der Bühne haben und daraus die Beste aussuchen. Dieses Jahr feiern wir unser zehnjähriges Bestehen und nicht besonders viel hat sich seitdem geändert.

Zehn Jahre? Ich dachte du hättest gesagt, dass ihr 2002 angefangen habt.

Sagte ich, aber wenn du es mit deinen Fingern abzählst, dann ist es das zehnte Jahr.

Hmm, OK.

Du musst verstehen, dass hier alles sehr schwer ist. Nicht nur Teilnehmerinnen zu finden. Zum Beispiel gibt es hier sowas wie einen Event Organisator, einen Produzenten oder selbst einen Regisseur überhaupt nicht. Ich muss alles alleine machen, also wirklich alles aus dem Nichts erschaffen, aber irgendwer muss es ja tun.

Wie sieht es mit dem Geld aus? Wie finanzierst du das Event?

Ich habe gar kein Geld. Nach dem Wettbewerb habe ich knapp 7.000 Dollar Schulden. Ich muss für alles bezahlen, es gibt keine Sponsoren und niemand zahlt für Tickets obwohl die nur 10 Rupien kosten. Obwohl tausende dieses Jahr kamen habe ich nur 1.000 Dollar Umsatz gemacht. Es gab sogar eine Ticket-Lotterie. Der Hauptpreis wäre ein Abendessen mit der Gewinnerin gewesen, aber niemand hat mitgemacht. Ich sitze im Moment also tief in der Scheiße.

Was ist mit dem Dalai Lama? Kann er dir nicht helfen?

Er hat immer eine positive Grundstimmung allem gegenüber. Er nimmt halt immer den Weg der Mitte und sagt immer, dass „äusserliche Schönheit wichtig sei, aber die Schönheit die von innen kommt noch wichtiger ist,“ also unterstützt er uns schon, aber ich bin mir nicht sicher, ob er uns auch finanziell unterstützen könnte.

Ich habe gehört, dass er heute mal vorbeisehen will. Wird er kommen?

Nein. Ich sitze wirklich tief in der Scheiße, aber es ist schon OK. zehnjähriges Jubiliäum oder nicht, ich werde den Wettbewerb einstellen müssen. So kann ich nicht weitermachen.

Ich wünsche dir alles gute Lobsang und wir alle hoffen, dass es schon werden wird.

Danke dir. Komm heute Abend vorbei. Hier sind ein paar Tickets. Willst du ein T-Shirt?

TEXT: IOANNIS MUSTAKIS FANARIOTIS, ELEKTRA KOTSONI
FOTOS: MIKI ZORIC, MIKE ALRIGHT