Prügelnde Polizisten, Wasserknappheit und Sprachbarrieren: Das Flüchtlingslager mitten in Berlin

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Prügelnde Polizisten, Wasserknappheit und Sprachbarrieren: Das Flüchtlingslager mitten in Berlin

Vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales campieren Flüchtlinge seit Tagen in der Hitze.
11.8.15

Rund 900 Männer, Frauen und Kinder erreichten am vergangenen Freitag ihr Traumziel Berlin-Moabit. Fast 2.000 waren es am Vortag, und täglich geht es in diesen Größenordnungen weiter. Rund 100.000 Syrer haben seit Ausbruch des Krieges im Mai 2011 Asylanträge in Deutschland gestellt, während die Nachbarstaaten Syriens bereits rund vier Millionen aufnahmen. Deutschland war für Syrer schon immer ein bewundernswertes Vorbild guter Staatsführung. Am Ende ihrer langen, meist lebensgefährlichen und teuren Reisen aus Syrien, Irak, Afghanistan, Iran, Albanien und Mazedonien finden sich nun täglich Tausende auf der großen parkartigen Freifläche der einzigen Berliner Asylbewerber-Antragstelle unweit des Hauptbahnhofes ein.

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Das Lageso (Landesamt für Gesundheit und Soziales) in der Turmstraße ist die zentralen Stelle, bei der sich verfolgte Menschen aller Herren Länder für ihren Lebensneuanfang in Deutschland, in der Wunschstadt Berlin, der Hauptstadt, die die meisten Chancen verspricht, melden müssen. Viele Mitarbeiter sind krankgeschrieben, andere, engagierte, schieben 12-Stunden-Schichten. Die Wenigsten können Arabisch und es herrscht riesiger Erklärungsbedarf, wenn die Syrer mit sechs Formularen für den Start ins deutsche Leben nach tagelanger Wartezeit aus den Büros kommen.

Die Menschenmenge vor dem Lageso wird aber trotzdem nicht kleiner, es kommen einfach immer mehr angereist, die Übersetzer, BVG-Fahrscheine, Hostelgutscheine, Tickets in Unterkünfte in Chemnitz oder Passau benötigen, wenn die Berliner Notaufnahmelager überfüllt sind und neue noch Zeit brauchen, um gebaut zu werden. Junge syrische Medizinstudenten mit Designerbrille sind ebenso dabei wie Familienväter, die zwei Ehefrauen und sieben Kinder in der Türkei zurückließen. Welch schöne Idee, diese meist traumatisierten Flüchtenden mit Hostelgutscheinen gen Stadtmitte zu senden. Dumm nur, dass die Berliner Hostels bis September zumeist von Partytouristen ausgebucht sind, und es nicht ganz einfach ist, die öffentlichen Verkehrsmittel zu nutzen, um dann auf die ebenfalls nicht ganz einfach zu benutzende Bahn umzusteigen. Abgesehen davon, dass Hostels derzeit die Gutscheine ablehnen—da Berlin über 4.000 offene Rechnungen für eben dieses Konzept bei den Hostelbetreibern hat.

Berlin als Hauptstadt ist Sehnsuchtsziel Nummer Eins, da viele zum einen bereits Angehörige oder Freunde hier wissen, zum anderen, da sie sich größere Chancen auf ein gutes neues Leben in der Hauptstadt ausrechnen. Nun campieren seit Tagen, teils seit Wochen, Tausende vor Gewalt und Armut Geflüchtete, die ihre Menschenrechte auf ein sicheres Leben, auf Bildung, ein Heim, Krankenversicherung und Hartz 4 in dieser heißen Augustwoche in der BRD in Anspruch nehmen wollten, in Berlins Mitte. Denn das System zur Asylantragstellung ist hoffnungslos überlastet, weshalb aktuell nur Wartenummern zur Registrierung in Berlin vergeben werden können. Und Termine zur Asylantragstellung, die aktuell bereits bis in den Oktober hinein reichen. Die Wartenummern werden aufgerufen—und dann muss der Mensch mit der Nummer vor dem Amt stehen, doch die Abarbeitung der Nummern—die Abfertigung der Geflüchteten—dauert. Wer nicht in der Schlange steht, wenn seine Nummer ausgerufen wird, kann sich für eine Wartenummer erneut anstellen.

Viele Syrer kommen ausgemergelt und erschöpft an, und doch strahlen sie einfach nur, wenn man ihnen den arabischen Willkommensspruch nach einer gelungenen Reise zuruft („Gott sei gedankt für die Ankunft"). Meist haben ganze Familien oder Dörfer das letzte Geld zusammengesammelt, um einen jungen Mann oder ein Paar der Familie ins sichere Europa zu senden. Wenn rund 10.000 Euro zusammengekommen sind—die Erfahrung lehrt, dass der Trip nach Deutschland derzeit soviel kostet (z.B. wenn man vier Monate zu Fuß über den Balkan unterwegs ist oder sich unterwegs für rund 3.500 Euro einen gefälschten EU-Pass kaufen will)—starten die Mutigen, Verzweifelten, mit dem Auftrag, das Mysterium des Begriffs „Familenzusammenführung" in der deutschen Bürokratie zu entschlüsseln und zu organisieren, gen gelobtem Deutschland.

Wem die Flucht aus Syrien in Richtung Norden gelingt, findet sich in der westtürkischen Stadt Ayvalik ein—dort warten Schlepperbanden, die für eine Passage auf die nur zehn Kilometer entfernte griechische Insel Lesbos 1.200 Euro berechnen—für zwei bis fünf Stunden Schlauchbootfahrt. Wer als einer von zehn Milionen Menschen raus aus dem Gebiet will, das der IS für sich beansprucht, muss sein Haus, sein Auto oder Familienangehörige als „Pfand" zurücklassen—sonst darf man aus der „Hauptstadt" des IS, Ar-Raqqa, zum Beispiel nicht ausreisen. Sprich: Von dort, wo die Lebensbedingungen am schlimmsten sind, gibt es kaum ein Entrinnen.

Von Lesbos aus geht es weiter nach Norden, zu Fuß, per Schiff, auf Waldwegen in privaten, von Schleppern organisierten PKW oder schlimmer noch, mit teils über 80 Menschen zusammengepfercht auf einem LKW. Im Gegensatz zu den Menschen, die sich von Syrien nach Libyen oder Tunesien durchgeschlagen haben und die weitaus längere und gefährlichere Tour über das Mittelmeer und Lampedusa (bei ruhiger See rund 40 Stunden, 1.200 – 1.500 Euro) hinter sich haben, lauert die Gefahr nicht auf dem Meer, sondern in den Wäldern Südosteuropas.

Viele Neu-Berliner Syrer auf dem Lageso-Gelände sind auf der so genannten „Todesroute" über Mazedonien und Serbien ausgeraubt worden, von Soldaten oder der Polizei misshandelt worden, Anderen widerfuhr dieses Schicksal erst in Ungarn. Besonders brutal und verbrecherisch: Über ein Dutzend Gesprächspartner berichteten, dass sie von der ungarischen Polizei geschnappt, zur Registrierung per Fingerabdruck gezwungen wurden, all ihr Hab und Gut abgeben mussten und dann weiter gen BRD geschickt wurden—sprich: Die Vermutung liegt nahe, dass Ungarn das Geld für die Aufnahme von Asylbewerbern von der EU bekommt, die Menschen aber tatsächlich einfach—wie auch aus Italien—nach Deutschland durchgewunken werden.

Hurrah, wir leben noch

Selbst wer es ohne Schuhe, mit gebrochenen Fingern, einem Gipsbein oder mit Prellungen von Stockschlägen der Polizisten nach Berlin-Moabit geschafft hat, strahlt über das ganze Gesicht. Und ist doch auch stets den Tränen nahe: Wie geht es weiter, was ist mit den Lieben in der Heimat, wie Kontakt herstellen, wenn 50 Cent für eine halbe Stunde Skype im Internetcafé fehlen? Dazu: das schlechte Gewissen, in Sicherheit zu sein, wenn der Rest der meist vielköpfigen Familie weiterhin im Krieg harrt.

In der Turmstraße 21, der Berliner Sehnsuchtsadresse, die in Damaskus, auf Lesbos, in Asmara (Eritrea), Sarajevo und bei allen Menschenschmugglern in Nordafrika ein Begriff ist, herrschte teils festivalartige Stimmung.

Zwischenzeitlich gab es Versorgungsengpässe auf dem alten Krankenhausgelände, da die schichtarbeitenden Sachbearbeiter bislang nur rund 1.000 Fälle pro Tag bearbeiten konnten. Die Antragsteller warten gespannt vor einer Tafel, auf der ihre Wartenummern bekanntgegeben werden. Wer in der Hitze nur mal kurz Wasser holen will und die Ausrufung seiner Nummer verpasst, kann sich wieder hinten anstellen, wobei sich die Wartezeit auf einen Termin zur Asylantragstellung derzeit auf einige Monate nach hinten verschiebt. Monate, die in Notaufnahmelagern ohne Bargeld abgesessen werden müssen.

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Die meisten wollten lieber verdursten, als ihren Platz in der Schlange verlieren …

Nach einigen Facebook-Aufrufen war und ist die Solidarität der alteingesessenen Berlinern weiterhin überwältigend, permanent kommen neue Lieferungen Wasser, Nahrung, Windeln, Eiscreme für die Kinder, organisiert von Bürgern und der Johanniter Unfallhilfe—so dass teilweise ausgelassene und fröhliche Stimmung auf dem Lageso-Gelände herrscht. Der Beginn einer schönen zivilgesellschaftlichen, per Facebook organisierten Willkommenskultur.

Die organisatorische Aufstockung des Lagesos in Form von 100 neu geschaffenen Stellen naht—doch auch dann wird es teilweise noch Monate dauern, bis die Menschen überhaupt den Asylantrag stellen können. Aktuell werden die Anträge nicht einmal angenommen—sondern Termine bis weit in den Oktober hin vergeben. Bis dahin sind sie in Zeltlagern inmitten und auch am Rande Berlins untergebracht. Es gibt vier Mahlzeiten täglich, medizinische Versorgung—doch kein Bargeld. Das gibt es erst, wenn der Antrag angenommen wurde, was Monate dauert.

Was war und ist da eigentlich los in Moabit, warum kommt es immer wieder zu Tumulten?

Egal, was die Lokalreporter aus Moabit, direkt zwischen alteingesessenen Berliner Alkis, türkischen Gemüsehändlern und einzelnen wegebiertrinkenden Hipstern erfahren wollten, sie konnten mangels Sprachkenntnissen nicht mit den Syrern und Irakern kommunizieren. Als ein „Tumult" ausbrach—weil ein Syrer die Schlange, in der die Menschen teils tagelang ohne Erklärung der deutschen Behördenstruktur und mit einer Wartenummer ausharrten, bevor sie einen Antrag auf Asyl stellen können, zu durchbrechen versuchte—, kamen sofort sehr viele Polizisten in Kampfmontur angerauscht. Viele Syrer gingen sofort in aggressive Abwehrhaltung gegenüber der Staatsmacht, während andere sich neugierig den hübschen blonden Polizistinnen in Uniform näherten—aber allesamt standen sie sich ohne gemeinsame Sprache gegenüber. Die Syrer brüllten Parolen nach schnellerer Bearbeitung, die Polizei versuchte, die aufgebrachte Menge bei 40 Grad Hitze auf Deutsch zu beruhigen. Ein Antifa-Refugee-Soli-Mensch schmetterte lautstark Beschimpfungen gen Polizei, wurde unsanft abgeführt—die Syrer sahen, wie jemand, der ihnen gerade noch geholfen hatte, jetzt brutal abgeführt wurde.

Sprechchöre, herbeieilende Journalisten, Spannung in der Luft. Polizisten mit Schlagstöcken im Anschlag.

Zusammen mit einem ehrenamtlichen Koordinator der Gruppe „Refugees Welcome" begann ich spontan zu deeskalieren. Nach zehn Jahren als Nahostberichterstatterin in Syrien und im Libanon, nach unzähligen geschriebenen Flüchtlingslagerreportagen und als ehemalige offizielle deutsche Kulturaustauschjournalistin für den Libanon traute ich mir zu, rund 300 aufgebrachte syrische Männer beruhigen zu können. Ich rief vor den Augen der sprachlosen Polizei-Eingreiftruppe auf Arabisch deeskalierende Parolen in die Menschenmenge. „Seid lieb, wir haben alle die Hölle hinter uns, hier ist Frieden, es soll so bleiben! Geht zurück an eure Plätze, trinkt Wasser, es ist sehr heiß! Beruhigung." Ruhe war wieder hergestellt, die Polizisten angstfrei und offensichtlich staunend. Sprache hilft—und half auch, als am Montag die ersten Salafisten unter Führung rhetorisch gewandter Konvertiten auftauchten. Sie waren mit Koran-Exemplaren und Lebensmittelspenden, die sie ausschließlich an Muslime verteilen wollten unterwegs—und gaben natürlich freundliche Hinweise, wo die nächste radikale Berliner Moschee zu finden ist. Nach 45 Minuten beendeten die kräftigen Security-Mitarbeiter des Geländes, teils sehr durchsetzungskräftige arabischstämmige Berliner, den bösen Spuk.

Helfen will auch der Senat. Nachdem ich den spontan und alleine das Lageso besuchenden Bezirksbürgermeister von Berlin-Mitte, Dr. Christian Henke (SPD), im Dialog über die von mir geführten Gespräche informierte und ihm Übersetzungshilfe stellte, damit er die Sorgen einiger vorsprechender Syrer ernsthaft engagiert, zuhörend und mit Empathie verstehen konnte, kündigte er an, dass noch am heutigen Dienstag ein neues Konzept zur Aufnahme der Geflüchteten vorgestellt werden soll. Um Versorgung, Unterbringung und Bearbeitung der Asylanträge besser als z.B. die Nachbarländer Syriens zu stemmen.

Wer sich engagieren will, kann der Facebook-Gruppe „Moabit hilft" beitreten und sich auch auf dieser Seite über Möglichkeiten der Unterstützung der Menschen vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales engagieren. Allein im Juli erreichten 50.000 Syrer, die zum Großteil planen, sich in Richtung Deutschland zu retten, Griechenland; es wird ein wenig dauern, bis sie hier sind, und weitere Tausende schlagen sich derzeit durch die Wälder des Balkans, derweil auch die Schlepperbanden Nordafrikas an der libyschen und tunesischen Küste weiter Hochkonjunktur genießen.