THE US PRISON ISSUE

Der Gefängnisaufstand von Santa Fe

1980 übten Gefangene für 36 Stunden in einem US-Gefängnis einen tödlichen Aufstand. Heute bietet der Bundesstaat New Mexico Führungen durch den Schauplatz unaussprechlicher Gewalt an.

von Andrew Brininstool
17 November 2015, 5:00am

Ein unsanierter Verwaltungskorridor im Gefängnis Old Main. Foto von Emily Kinni. Fotos von Christian Filardo

Aus der US Prison Issue 2015

Als das Gefängnis Penitentiary of New Mexico (PNM) im Juli 1956 fertiggestellt wurde, waren die Verantwortlichen so stolz, dass sie allen Interessenten Gratisführungen anboten. „Wir bitten Eltern, ihre Kinder mitzubringen, wenn die Kleinen alt genug sind, den Zweck eines Gefängnisses zu verstehen", verkündete der Direktor Harold Swenson. „Der Besuch könnte ein Kind retten." Und so kamen mehr als 10.000 Besucher aus Santa Fe und Umgebung. Familien im Sonntagsstaat spielten mit Gittern, saßen auf Häftlingsbetten und drehten Türgriffe. Paul Madigan, der Direktor des Bundesgefängnisses Alcatraz, kam aus San Francisco, um alles Gute zu wünschen. Der Gouverneur hielt eine Rede. Ein kleiner Junge saß in der Gaskammer und rief: „Schau, Oma, ich werde hingerichtet!"

Bereits am 8. August war das Gefängnis voller Insassen, die ihren Einzug mit einem Film feiern durften. Sie hatten Glück, dort inhaftiert zu sein: Die Medien hatten ihre vorherige Behausung, das verfallende Backsteingefängnis im Zentrum von Santa Fe, als „Feuerfalle" und „Schandfleck" bezeichnet. Nur drei Jahre zuvor hatte es dort einen Aufstand gegeben, bei dem Insassen stundenlang andere Häftlinge angriffen und Wärter als Geiseln hielten. Das PNM wurde dagegen vom Albuquerque Journal als „das wahrscheinlich modernste Gefängnis der Welt" bezeichnet. Rob Beier schrieb: „Die Freizeitbereiche übertreffen die Einrichtung jeder Highschool im Staat und die Resozialisierungsbereiche, wozu Schule, Schilderwerkstatt, Laden und Ziegelfabrik gehören, sind im ganzen Land unerreicht."

Doch innerhalb von 25 Jahren wurde das modernste Gefängnis durch Überfüllung und schlechte Verwaltung zu einer nationalen Schande. Insassen schliefen auf dem Boden. Überall gab es Ratten. An einem Thanksgiving-Fest erhielten die Insassen verdorbenes Truthahnfleisch, woraufhin die Rohre tagelang mit Durchfall und Erbrochenem verstopft waren. Wärter nutzten Nötigung, um die Kontrolle zu wahren: Sie verbreiteten Gerüchte, gewisse Insassen seien Verräter, und ließen den „Häftlings-Kodex" sein Übriges tun. Sie übten auch selbst Gewalt aus, traten zum Beispiel Insassen ganze Treppenabsätze hinunter oder kamen nachts in ihre Zellen, um sie zu schlagen. Selbst der protestantische Kaplan soll einen Schlagstock geschwungen haben.

1980 herrschten Paranoia und Rache über das Gefängnis, und die Insassen beschlossen, die Macht an sich zu reißen.

Die Belagerung dauerte 36 Stunden. Während dieser Zeit wurden 33 Insassen gefoltert, verstümmelt und von umherziehenden, mit Schmerzmitteln und Farbverdünner zugedröhnten Exekutionstrupps getötet. Das Maß an Gewalt bleibt in der Geschichte US-amerikanischer Gefängnisse unübertroffen. Ein Häftling benutzte einen Rasierer und ein Handtuch, um den Kopf eines angeblichen Verräters abzureißen, spießte den Kopf auf einem Besenstiel auf und lief damit den Hauptkorridor entlang, wobei er mit der freien Hand masturbierte. Gouverneur Bruce King befürchtete, ein Stürmen des Gefängnisses durch die Nationalgarde könne ein zweites Attica auslösen—bei diesem Gefängnisaufstand 1971 in New York hatten Insassen viele Geiseln genommen und getötet. Deshalb warteten Beamte vor den Toren, wo sie die Schreie hörten, die in der Wüstenhochebene verhallten. Der Direktor kommunizierte mit den Anführern per Walkie-Talkie. Der Aufstand endete, als man einer Handvoll besonders brutaler Insassen Verlegungen in Gefängnisse außerhalb New Mexicos garantierte. Vier Monate später veröffentlichte der Generalstaatsanwalt des Bundesstaats einen zweiteiligen Ermittlungsbericht, in dem sich ausbreitende Korruption und Inkompetenz verantwortlich gemacht wurden. Doch daraufhin änderte sich kaum etwas, und so wurde das verfallene Old Main, so der Spitzname der Einrichtung, im August 1998 geschlossen.

Das Gefängnis geriet fast vollständig in Vergessenheit, bis New Mexico 2012 mit den Vorbereitungen zur Hundertjahrfeier des Staats anfing. Gouverneurin Susana Martinez ließ alle Behörden Veranstaltungen planen, welche die Öffentlichkeit ansprechen würden. Albuquerque hielt ein Konzert mit vielen regionalen Künstlern. Die Museen von Santa Fe luden zu Vorträgen über die örtliche Kunstgeschichte ein. Das Gesundheitsministerium bot Filme und Vorträge. Die Justizvollzugsbehörde war von dem Aufruf nicht ausgenommen, doch ihr Minister, Gregg Marcantel, war ratlos. Schließlich hatte er eine Idee: Das verlassene Old Main wurde ab und zu für 1.000 Dollar täglich von Hollywood-Produzenten gemietet, um Filme wie All die schönen Pferde oder Zero Dark Thirty zu drehen. Doch zur Hundertjahrfeier, dachte Marcantel, wäre es besser, wenn das Gefängnis eine andere Geschichte erzählte: seine eigene. Er trug seiner Behörde auf, Führungen durch die Einrichtung zu organisieren, bei der die Geschichte des Aufstands von 1980 im Mittelpunkt stand. 65 Jahre nachdem Harold Swenson stolz die Türen von Old Main geöffnet hatte, wurden erneut Bürgerinnen und Bürger eingeladen—diesmal, um dessen Ruine zu besichtigen.

Ein Führer leitet eine Gruppe durch Old Main. 2012 öffnete die Justizvollzugsbehörde von New Mexico die Einrichtung für Besucher, um die Geschichte des tödlichen Aufstands von 1980 zu erzählen.

Der Aufstand im PNM nahm am Montag, den 28. Januar 1980, seinen Lauf, als ein Insasse mit dem Spitznamen Blabbers aus dem Schlafsaal E-2 eine Tüte mit Wasser, Obst, Hefe und Zucker füllte und in der Verschalung eines Duschrohrs versteckte. E-2 war ein kasernenartiger Schlafsaal für Insassen, die als vertrauenswürdig genug eingeschätzt wurden, um außerhalb einer Zelle zu leben. Sechs Wochen zuvor waren zur Schande der Behörden zehn Insassen mit relativer Leichtigkeit entkommen. Um das Gesicht zu wahren, hatte der Gouverneur Renovierungsgelder für den Zellentrakt 5 bereitgestellt. Dort wurden Häftlinge verwahrt, die als so gefährlich galten, dass ihnen nur wenige Aktivitäten erlaubt waren. Unerklärlicherweise hatte man beschlossen, diese Häftlinge während der Renovierung nach E-2 zu verlegen. Seitdem war der Schlafsaal unter ihrer Kontrolle. Die restlichen Insassen, Diebe und Drogensüchtige mussten den härteren Verbrechern dienen.

Radios plärrten zu jeder Tageszeit durcheinander. Die Toiletten verstopften. Da manche Insassen auf dem Boden schlafen mussten, kam es aufgrund versehentlicher Fußtritte oft zu Kämpfen. Notlichter, die den Saal nachts erhellen sollten, hatten oft Kurzschlüsse und tauchten den Raum in völlige Dunkelheit, in der die Insassen Rechnungen beglichen, kopulierten oder einfach nur schrien, um Chaos zu verbreiten. Die Wärter waren in der Unterzahl und unzureichend ausgebildet, weshalb sie sich fernhielten und den Häftlingen indirekt einen Freifahrtschein für verbotene Aktivitäten gaben.

Fünf Tage, nachdem Blabbers die Tüte versteckt hatte, zog ein Insasse namens Danny Macias sie hervor. Er und ein paar andere tranken an jenem Abend das Gebräu. Während des Kontrollgangs der Wärter um 20:40 Uhr machten sie kurz Pause. „Ist mir ein Rätsel, wie sie das Zeug nicht bemerkt haben", sagte Macias später. „Es hat wie in einer Brauerei gerochen."

Höchstwahrscheinlich entschieden sich die Wärter, den Geruch zu ignorieren. Viele Wärter waren Highschool-Abbrecher, manche von ihnen noch Teenager, und oft gab es keinerlei Anleitung, bevor sie ihre Arbeit begannen. Zwischen 1970 und 1980 standen dem Gefängnis fünf verschiedene Direktoren vor, deren Ansätze sich stark unterschieden. Das führte zu Frust beim Personal. Doch ganz gleich, wer der Direktor war, die Wärter waren mit einem durchschnittlichen Jahresgehalt von 9.000 Dollar unterbezahlt. Die Fluktuationsrate lag bei 80 Prozent. Aus Angst, Verärgerung oder Nachlässigkeit schauten sie häufig einfach weg. Manche unterschrieben, dass alle Insassen anwesend waren, ohne ihre Runden zu gehen.

Als die Wärter fort waren, ließen sich die Schlafsaalinsassen zulaufen. Sie fingen an, davon zu sprechen, die Wärter zu überwältigen und die Kontrolle an sich zu reißen. Gegen 2 Uhr morgens, bei der letzten Zählung, stürzten sich Macias und die anderen Insassen auf die Wärter. Bald machte der gesamte Schlafsaal mit. Sie verprügelten die Wärter und brachen ins Kontrollzentrum ein. Innerhalb von nur 22 Minuten hatten die Insassen die gesamte Einrichtung übernommen.

Ein verlassener Zellentrakt

Häftlinge brachen in die Apotheke ein und nahmen Demerol, ein starkes Schmerzmittel. Sie fanden Farbverdünner in der Werkstatt. Andere brachen ins Büro des Direktors ein und zündeten die Häftlingsakten an. Jemand verteilte Benzin in der Turnhalle und steckte sie in Brand. Im rauchgeschwängerten Chaos bildeten sich Hinrichtungstrupps. Sie zogen sich Laken über, um sich unkenntlich zu machen. Ein Häftling schnitt ein Loch in eine US-Flagge und trug sie als Poncho. Die Henker brachen in die Baustelle des Zellentrakts 5 ein, um von Arbeitern zurückgelassene Schweißbrenner zu stehlen.

Bald richtete sich ihr Augenmerk auf Zellentrakt 4, wo die Schutzhäftlinge untergebracht waren: Spitzel, Kinder­vergewaltiger, in Ungnade Gefallene. Der größte Auslöser der Paranoia im PNM war das „Spitzel-Spiel". Dies war ein Kontrollmittel der Wärter und funktionierte wie folgt: Wenn ein Insasse sich weigerte, zum Spitzel zu werden, verbreitete ein Wärter im Zellentrakt, dass er sehr wohl einer sei. Genauso oft kam es vor, dass Wärter das einfach taten, weil sie einen Häftling nicht mochten. Die Insassen mussten im Alltag eine nervenaufreibende Gratwanderung bewältigen, bei der sie ihren Mitinsassen gegenüber loyal bleiben mussten, es sich aber auch mit den Wärtern nicht verscherzen durften. Als Verräter gebrandmarkt zu sein, kam einem Todesurteil gleich, weshalb viele Opfer um Schutzhaft baten.

Sofort nach der Machtübernahme wurden Wärter in Matratzenschränke gesteckt, um sie später bei den unausweichlichen Verhandlungen mit den Behörden als Druckmittel einzusetzen. Die nun schutzlosen Insassen von Zellentrakt 4 verbarrikadierten ihre Zellentüren mit Bettgestellen, doch das gewährte ihnen nur etwas Aufschub. Die Spitzel zitterten, während ihre Henker mit den Brennern die Gitter durchschweißten und ihren Opfern erzählten, was sie mit ihnen vorhatten.

Insassen wurden kastriert, mit Riechsalz bei Bewusstsein gehalten und gezwungen, ihre eigenen Genitalien zu essen. Einer wurde aus nächster Nähe mit einem Tränengaskanister erschossen, wodurch sein Schädel zerbarst. Ein Insasse der dritten Etage wurde erhängt, doch das Seil riss und er fiel in den Keller. Er lebte noch und eine Gruppe versammelte sich mit Rohren um ihn und schrie: „Du willst wohl nicht sterben? Stirb, verdammter Verräter!" Ein Häftling saß zwei Stunden lang in seiner Zelle und sang „Take It to the Limit" von den Eagles, während die Henker die Gitter durchtrennten. Sie drangen in die Zelle ein, schlugen ihn, zerrten ihn auf den Laufgang und zerschnitten ihn mit einem Brenner. Einem Informanten wurde ein Winkeleisen ins Ohr gebohrt.

Ein Schlafsaal am Südende wurde zur Vergewaltigungshölle. Ein Insasse sagte, 23 Männer hätten ihn vergewaltigt. Rohre brachen. Das Gefängnis stand in Flammen und war gleichzeitig überschwemmt. Panische Insassen fanden einen Weg nach draußen und rannten durch den Schnee, um die Polizei um Hilfe anzuflehen. Regierungsvertreter sahen zu. Der Gouverneur hatte den Befehl gegeben, das Gefängnis nicht zu stürmen, solange die Wärter am Leben gehalten wurden. Er sah die Gewalt, die Insassen ihren Mitinsassen antaten, als Kollateralschaden. Erst nach 36 Stunden wurde der Aufstand durch Verhandlungen beendet. 33 Insassen waren tot. 200 weitere und sieben Wärter mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden. Wer sich fragt, welchen Wert New Mexico seinen Häftlingen beimaß, muss nur auf die Worte hören, die C. B. Trujillo, der damalige Mehrheitsführer im Senat, in einer Fernsehsendung über den Umgang mit dem Aufstand sagte: „Die Tatsache, dass bei diesem großen Aufstand niemand getötet wurde, spricht definitiv für den Gouverneur."

Eine Schlinge hängt über dem Stellplatz des alten elektrischen Stuhls des Gefängnisses.

Bis die ersten Führungen zur Hundertjahrfeier im Februar 2012 stattfanden, hatten die Politiker des Bundesstaats eine realistischere Sicht auf die Ereignisse entwickelt. Die Führungen, die nur für geladene Gäste waren, zeigten Menschen, die eine Verbindung zu dem Aufstand oder Interesse an der Strafjustiz hatten, das verfallene Gebäude, in dem der Großteil der Einrichtung noch vorhanden ist. Trotz der unterschiedlichen Führer, die keinen genauen Vorgaben folgten, vermittelten die Führungen ein detailliertes Bild des Aufstands. Besucher wurden gebeten, bei Minusgraden Schnee und Eis zu trotzen, auf Toilettenbesuche, Essen und Wasser zu verzichten und keine Zellentüren zu schließen, da niemand Schlüssel hatte. Abgelöste Fliesen lagen im Korridor. Hier und da gab es eine tote Taube. Im Keller, in der Nähe der Gaskammer, war die Luft derart schlecht, dass viele Besucher husteten und tränende Augen bekamen.

Dennoch waren die Führungen ein großer Erfolg bei den insgesamt 2.000 Besuchern. Das Justizvollzugsministerium entschied, auch nach der Hundertjahrfeier damit weiterzumachen. Als das Ministerium die Tickets für Freitagsführungen für 15 Dollar im Internet anbot, waren sie innerhalb weniger Tage ausverkauft. Samstage wurden hinzugenommen, und auch diese Tickets waren innerhalb von Wochen ausverkauft. Die Behörden sahen viel Potenzial darin und engagierten im März 2013 Alex Tomlin, eine örtliche Fernsehjournalistin, als PR-Chefin. Unter der Überschrift „Respekt vor der Vergangenheit für eine bessere Zukunft" trugen sie ihr auf, die Unternehmung zu einem respektablen Museumserlebnis zu machen. Tomlin sollte ein auf dem Bericht des Generalstaatsanwalts basierendes Skript verfassen, dem die Gefängnisführer folgen konnten. Der Justizvollzugsminister Gregg Marcantel hatte ebenfalls Ideen: einen Gefängnisfriseurladen und einen Speisesaal in dem aktuelle Häftlinge arbeiteten.

Old Main liegt nur einen kurzen Fußmarsch von dem aktuellen Penitentiary of New Mexico entfernt. Jeden Tag werden Häftlinge im Morgengrauen geweckt, um den Schauplatz des Aufstands für Touristen zu wischen. Die neuen Führungen enden in einem Souvenirladen, wo die Besucher von aktuellen Häftlingen gefertigte Waren erstehen können. Der zentrale Hof wurde in einen Meditationsgarten verwandelt, nachdem die Häftlinge Unkraut und Schutt entfernt hatten. Sie sind billige Arbeitskräfte in einer Attraktion, die manche als Themenpark im Anfangsstadium sehen.

Tatsächlich wurde es nicht von allen Seiten begrüßt, dass Old Main nun Besuchern offensteht. Warum sollten Fremde den Schauplatz von Massenmord und Bürgerrechtsverletzungen begaffen und fotografieren dürfen? Um Skeptiker zu beschwichtigen, hielt die Justizvollzugsbehörde im Oktober 2013 eine besondere „Survivors' Tour" für ehemalige Insassen und Wärter ab. „Ich war erstaunt, welch einen Unterschied das gemacht hat", sagte Tomlin. „Seither hat es keine einzige Forderung nach Abriss gegeben." Gary Nelson, der in der Nacht des Aufstands in Old Main saß, war einer der Ex-Insassen, die bei der Führung dabei waren. „Auf gewisse Weise hat es mir schon Erleichterung verschafft", sagte er hinterher der New York Times. „Es ist vorbei und ich gehe nie wieder dorthin zurück."

Doch nicht alle, die mit den Ereignissen von 1980 zu tun hatten, waren von dieser Geste beschwichtigt. Die ehemalige Justizvollzugsbeamtin Marcella Armijo hat kritisiert, wie New Mexico nach dem Aufstand mit den Rechten der Häftlinge und Wärter umgegangen ist. Sie lehnte die Einladung zur Survivors' Tour ab, und als die Gefängnisbehörde ihr eine Ehrenmedaille für ihren Dienst während des Aufstands verleihen wollte, lehnte sie ebenfalls ab. „Eine Medaille so groß wie eine Münze? Nein, danke. Scheiß' auf die", sagte sie. Armijo ist eine der ersten Frauen, die in einem US-Gefängnis für Männer gearbeitet hat. 1985 wurde sie im PNM zum Captain ernannt, zehn Jahre später erhielt sie den Trailblazer Award der New Mexico Commission on the Status of Women. Sie hätte in der Nacht des Aufstands arbeiten sollen, doch sie war am Abend zuvor mit Freunden aus gewesen und hatte zu viel getrunken. Ihre Mutter weckte sie am folgenden Morgen um 5 Uhr. Die Lokalnachrichten zeigten das brennende Gefängnis. Armijo machte sich sofort auf den Weg dorthin und verbrachte den Rest der Belagerung damit, den Schreien aus dem Gebäude zu lauschen. Sie sah zu, wie Freunde auf Bahren herausgetragen wurden.

Die Gaskammer

„Es ist schwer zu akzeptieren, was das Gefängnis heute tut. Vielleicht bin ich sehr negativ. Marcantel und all diesen Typen würden mich bestimmt für eine Besserwisserin halten", sagte mir Armijo. „Ich will einfach nicht, dass sie Sachen machen, die nichts bringen." Nach ihrer Pensionierung 1998 entglitt Armijo die Kontrolle über ihr Leben. Sie trank viel und legte sich mit Freunden an. Erst später wurde bei ihr eine posttraumatische Belastungsstörung festgestellt. Sie sieht die Führungen zum Teil als Hochglanzwerbung für das Justizvollzugsministerium, ein Mittel, um die Inkompetenz zu übertünchen, die noch immer in New Mexicos Gefängnissen herrscht.

Armijo ist seit Jahrzehnten in einen Rechtsstreit mit dem Staat verwickelt, da sie behauptet, sie und 179 Wärterkollegen seien nie vollständig bezahlt worden. Sie verwies auch auf eine Klage, die diesen Februar von fünf Justizvollzugsbeamtinnen wegen sexueller Belästigung und Verletzung ihrer Bürgerrechte eingereicht wurde. „Der Staat hat uns nie geholfen", sagte sie. „Es hat meine ganze Familie belastet. Ich bin durch die Hölle gegangen."

Sie ist nicht alleine. Der Vater von Dwight Duran jr. war bis zwölf Tage vor dem Aufstand ein Insasse von Old Main. Duran senior schrieb 1977 in seiner Isolationszelle eine Klage wegen der Zustände in der Einrichtung und ließ sie nach draußen schmuggeln. Das Dokument führte zu dem, was heute als der Duran Consent Decree bekannt ist, eine Sammlung bahnbrechender Reformen hinsichtlich der Lebensbedingungen und der psychiatrischen Versorgung in Gefängnissen in New Mexico. Nicht lange nach seiner Umsetzung wurden ähnliche Verordnungen in vielen anderen Bundesstaaten verabschiedet. Duran junior sagte, Marcantel und das Justizvollzugsministerium hätten ihn gefragt, ob einige der Dokumente seines Vaters in Old Main ausgestellt werden könnten. Er lehnte ab. „Ich sage nicht, dass mein Vater einen Nobelpreis verdient hat, aber er hat viel getan", sagte er mir. „Sie wollten nicht besonders viel über seine Verdienste sagen, also hatte ich kein Interesse daran, ihnen zu helfen."

Es wäre schön, wenn man behaupten könnte, der Aufstand habe sich für die Behandlung von Häftlingen in New Mexico als positiv erwiesen, doch die Gewalt ging weiter. In dem Jahrzehnt nach dem Aufstand wurden 14 weitere Häftlinge und zwei Wärter in Old Main getötet sowie Hunderte Häftlinge und Mitarbeiter angegriffen. Es gab 38 Ausbruchsversuche, von denen viele sehr ausgeklügelt waren. Als Old Main 1998 geschlossen wurde, hob ein Richter die Menschenrechtsvorgaben des Duran Consent Decree auf.

Eine Tafel, die von den Wärtern verwendet wurde, um den Überblick über die Insassen zu bewahren

An einem ungewöhnlich heißen Julimorgen betrat ich die zugige Lobby von Old Main, um die zweistündige Führung mitzumachen. Unter den zehn anderen Besuchern waren ein Student, der an einem Aufsatz arbeitete, und zwei Frauen aus Colorado mit identischen Designer-Handtaschen. Die zwei wussten nicht viel über den Aufstand, doch sie hatten in einer Broschüre in ihrem Hotel von der Führung gelesen und sich dafür interessiert. Wir wurden zu einem durch Glas geschützten Schalter gebracht, an dem uns eine Häftlingsnummer zugeteilt wurde, dann ging es weiter zu einer Messlatte, vor der ein „Polizeifoto" von uns gemacht wurde. Ein Mitarbeiter im Polohemd versuchte eine ältere Frau zu beruhigen, die besonders entsetzt wirkte. „Es ist nur zum Spaß", sagte er.

Die meisten Leute, die als Gefängnisführer eingestellt werden, sind ehemalige Wärter. Unser Führer Cory hatte diesen Job vier Jahre lang gemacht, bevor er zu einer Bandenbekämpfungseinheit wechselte. Er lief rückwärts, als er uns den Hauptkorridor entlang zum alten Kontrollzentrum führte. „Ich kehre in einer Anstalt niemandem den Rücken zu", sagte er, „nicht einmal Zivilisten." Im Kontrollzentrum steht eine Plastikuhr permanent auf 2:02 Uhr, der Zeit, als sie von den meuternden Insassen zerstört wurde. Die Führung war nicht gerade linear aufgebaut, was wohl ein Ergebnis der Architektur von Old Main und des Zutrittsverbots in einigen Bereichen war. In gewissen Flügeln dürfen Besucher keine Fotos machen. Zu diesen Bereichen gehört Zellentrakt 4, wo die Umrisse eines verbrannten Mannes noch sichtbar sind und der Betonboden Narben trägt, wo einem anderen Insassen in den Hals gehackt wurde. Zwar wurden die Führer dazu ermutigt, nicht die bürokratischen Fehler zu verschweigen, die zu dem Aufstand führten, doch wer sich mit den Ereignissen nicht schon auskennt, hat nach der ziellosen Route durch das Gefängnis möglicherweise mehr Fragen als vorher.

Es wirkte jedoch nicht so, als würden die Besucher von Old Main Antworten suchen. Als die Gefängnisbehörde beschloss, die Einrichtung Besuchern zu öffnen, gehörte das zu einem grundlegenden Wandel im Wesen des Tourismus, der in den letzten Jahrzehnten stattgefunden hat. Sonne, Strand und Palmen sind nicht länger das Nonplusultra. Stattdessen wollen viele im Urlaub einen Blick hinter die Kulissen von Leid und Tod werfen, was oft als „dunkler Tourismus" bezeichnet wird. Die Anthropologin Erika Robb Larkins teilt die Ziele des dunklen Tourismus in zwei Kategorien ein. Die erste Sorte bezieht sich im Kontext auf die Ereignisse, wie etwa Museen und andere Orte, an denen Schilder und Erläuterungen über die Gewalt der Vergangenheit informieren. Die andere Variante zeigt die Schauplätze von Gewalttaten ohne jegliche Erklärung oder Struktur, sodass sie für sich selbst sprechen. Sie sind Attraktionen, weil sie noch da sind.

Von aktuellen Häftlingen hergestellte Waren im Souvenirladen von Old Main

Mit ihrem vagen Verständnis der Geschichte des tödlichen Aufstands und seiner Konsequenzen tendieren die Führungen durch Old Main mehr zur zweiten Kategorie. Es ist kein Museum, sondern ein Ort, der die Schwere seiner Geschichte vermittelt. Besucher befriedigen ihre Neugier über die fantastische Gewalt, die dort stattgefunden hat, und schwelgen darin. Doch Old Main ist nicht einfach als Schauplatz einer bestimmten Gräueltat eine Attraktion, so wie Auschwitz oder der Ground Zero. Die Anziehungskraft rührt auch daher, dass die Führung den anhaltenden Albtraum des kollektiven amerikanischen Bewusstseins erfahren lässt: das Gefängnis. Von der neckischen Begrüßung mit Häftlingsnummer und -foto bis hin zu den Plänen für Friseurladen und Speisesaal findet sich die Dunkelheit dieses Tourismus darin, dass Besucher so tun, als würden sie in der höllischen Parallelgesellschaft eines US-Gefängnisses leben. Wir genießen für den Preis einer Mahlzeit die Erfahrung der Brutalität, bevor wir uns in der Hotelbar eine Margarita gönnen.

Als wir uns den Korridor entlang auf Zellentrakt 4 zu bewegten, forderte man uns auf, unsere Kameras wegzupacken. Die Sonne schien durch die Fenster der Nordseite. Mit etwas Anstrengung konnte man draußen Santa Fe erkennen. Am Vortag war ein seltener Sturm über die Sangre de Cristo Mountains gekommen und hatte sich über den Ebenen entladen, weshalb im Keller des Zellentrakts Regenwasser stand. Nachdem uns Cory die Brandspuren, die Beilnarben und die Stellen, an denen Insassen von der obersten Etage des Laufgangs geworfen worden waren, gezeigt hatte, führte er uns in den Souvenirladen, wo es von Häftlingen hergestellte Nudelhölzer und Kaffeetassen mit eingebautem Schnapsglas gab. Ich kaufte mir ein Old-Main-T-Shirt. Darauf ist ein Latino in Ray-Bans zu sehen, der ein gefängnistypisches Jeanshemd öffnet, wobei nicht seine Brust, sondern das Gefängnis zum Vorschein kommt. Als ich zahlte, hörte ich, wie eine der Frauen aus Colorado Cory fragte, ob das Museum denn noch renoviert werde. „Das hier ist kein Museum", verbesserte Cory mit einem verschmitzten Lächeln. „Wenn es ein Museum wäre, müsste sich alles ändern."

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Jahrgang 11 Ausgabe 10