Die erste deutsche Rabbinerin und die Beschneidung

Wir haben Dr. Antje Yael Deusel, ihres Zeichens erste deutsche Rabbinerin nach dem Holocaust, über ihre Meinung zur Beschneidungsdebatte befragt.

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20 Juli 2012, 3:51pm

Es scheint, als wolle sich Deutschland mal wieder so richtig von seiner hässlichen Seite zeigen. Als wären die vom Bürgertum beklatschten Hasstiraden Sarrazins vor zwei Jahren nicht genug gewesen, kam vor wenigen Wochen noch das Urteil des Kölner Landesgerichtes, das religiöse Beschneidung per se als Körperverletzung eingestuft hat. Die Welt schmunzelte über uns. Angela Merkel befürchtete, Deutschland könne deshalb international als „Komiker-Nation“ dastehen. Die Religionsfreiheit muslimischer und jüdischer Mitbürger in Deutschland war dadurch, oder ist vielleicht noch, in Gefahr. Die Frage, ob und wie religiöse Beschneidung stattfinden soll, ist in Deutschland bislang ungeklärt. Doch die Beschneidung gehört für Viele zum täglichen Leben dazu. Gestern beschloss der Bundestag in einer Sondersitzung, die religiöse Beschneidung nicht zu verbieten, sondern gesetzlich zu regeln. Dennoch hinterlässt das Urteil Spuren bei den Betroffenen.
Wir haben uns deshalb heute mit der Bamberger Rabbinerin, Klinikärztin und Buchautorin (Mein Bund, den ihr bewahren sollt) Dr. Antje Yael Deusel, ihres Zeichens erste deutsche Rabbinerin nach dem Holocaust, darüber unterhalten, wie Juden sich in Deutschland im Moment fühlen und wie zusammen mit der muslimischen Gemeinde gegen die Vorurteile vorgegangen werden kann.

VICE: Durch die Resolution des Bundestages wird religiöse Beschneidung in Deutschland nicht als Körperverletzung gelten können—entgegen Aussagen von Politikern der CSU oder der Linken. Glauben Sie, dass sich die Lage nun beruhigt?
Antje Yael Deusel: Nein, die Sache ist noch lange nicht vom Tisch. Die Ursachen für die Vorurteile liegen, glaube ich, darin, wie die symbolische Handlung der religiösen Beschneidung in der Gesellschaft wahrgenommen werden.

Wie fühlt sich das gerade für Juden in Deutschland an? Wie nehmen Sie das in ihrer Gemeinde wahr?
Für uns Juden ist das ein Schlag ins Gesicht, weil es unser Selbstverständnis verletzt. Es hat uns irritiert. Die Beschneidung ist ein wichtiges Symbol, mit dem ein junger Mann in das Volk Israels eingeführt wird. Wenn uns das verboten werden würde, wären jüdische Gemeinden in Deutschland kaum noch denkbar.

Was ja ziemlich an die schäbige Seite unserer Vergangenheit erinnert. Kam dieses Urteil aus Köln für Sie überraschend?
Nein. Das Thema Beschneidung ist immer ein hitziges Diskussionsthema, aber es wird in der Medienöffentlichkeit nicht immer so laut kommuniziert. Es gibt seit Jahren eine Agenda gegen die Beschneidung. Nun kam es eben mit einem Paukenschlag an die breite Öffentlichkeit.

Es war oft zu lesen, dass das Urteil aus Köln im Dienst der Aufklärung geschah. Was halten Sie von so einer Aussage?
Es handelt sich dabei vermutlich um eine Polemik eines selbsternannten Atheisten. Ich sehe darin ein grundsätzliches Missverständnis von Religion, das immer weitere Kreise zieht und gerade für Juden und Muslime zur Gefahr werden kann. Ein weiteres Problem ist, dass die Genitalverstümmelung von Mädchen mit der Beschneidung von Jungen verwechselt wird. Das eine hat aber mit dem anderen nichts zu tun.

Im Sommer 2010 war es Sarrazin mit Deutschland schafft sich ab und 2012 das Kölner Urteil, das auf viel Zuspruch stieß. Ich frage mich, ob Deutschland sich insgesamt nach rechts bewegt, aber das selbst für die neue Mitte hält.
Ich bekomme regelmäßig Drohbriefe oder Briefe mit antisemitischem Inhalt. Und das nicht ausschließlich anonym von Neonazis, sondern auch von Bürgern aus der deutschen Mittelschicht. Sehr häufig, wenn die Briefe nicht anonym sind, steht dort im Briefkopf ein Doktortitel. Oder ich erkenne an der Sprache, dass es sich um einen gebildeten Bürger der Mittelschicht handeln muss. Erst vor Kurzem erhielt ich einen Brief von einem Sarrazin-Befürworter, in dem stand, dass wir Juden mit unserer Befürwortung der Beschneidung es überhaupt erst den Muslimen ermöglichten, in Deutschland einzudringen und die deutsche Kultur zu infiltrieren. Ich sammle seit Kurzem alle Briefe und wenn mal wieder ein Reifen an meinem Auto durchgestochen wird oder ein Fenster eingeschmissen, dann schaue ich erst einmal in dem Briefstapel nach ...

Wird also tatsächlich wieder offen Richtung rechts gedacht und vielleicht auch gehandelt?
Ich kann es nicht einschätzen. Aber ich wage es nicht zu denken! Das wäre ein sehr ernsthaftes Problem, wenn Sie an die Geschichte denken. Wir Juden fragen uns schon—zwar noch mit rhetorischem Unterton—, ob man uns denn hier loshaben will.

Glauben Sie, dass es durch die momentane Diskussion eine engere Zusammenarbeit zwischen Muslimen und Juden in Deutschland geben kann?
Ich denke schon. Und ich denke, das Wichtigste ist es, Aufklärungsarbeit zu leisten, was denn Beschneidung wirklich ist. Nicht nur als Akt, sondern den symbolischen Wert. Die Beschneidung ist Eintrittspunkt in unseren Glauben. Trotzdem kann ja jeder später immer noch austreten.

Gibt es schon konkret Zusammenarbeit zwischen jüdischer und muslimischer Gemeinde?
Bei uns Bamberg sind wir in gutem Kontakt mit den Muslimen. Nicht erst seit Köln und nicht nur deshalb. Auf höherer Ebene wird es eine weitere und engere Zusammenarbeit geben. Denn ein solches Urteil diskriminiert sowohl Moslems als auch Juden. In meinem Buch erkläre ich die Bedeutung der Beschneidung, beleuchte aber auch die medizinischen Aspekte aus meinen persönlichen Erfahrungen aus 25 Jahren als Ärztin am Klinikum.

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