Syronics on Speed

Was ich als Muslim auf meiner ersten Bauernhof-Sexparty erlebt habe

Ich hätte nie gedacht, dass ich meine fehlenden Deutschkenntnisse mal so bereuen würde.

von Aboud Saeed
06 Januar 2016, 11:30am

William Hogarth, „Die Orgie“. Gemeinfrei

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen Der klügste Mensch im Facebook daraus machte, das später sogar als Taschenbuch erschien. Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Als wir ihn gefragt haben, ob er eine Kolumne für uns schreiben will, dachte er ursprünglich, wir seien der Spiegel. Er hat sich aber auch nach Aufklärung des Missverständnisses bereit erklärt, hier einmal in der Woche für uns zu schreiben—über sein Leben in Berlin und das, was er in Syrien zurückgelassen hat.

Mein Schriftstellername ist Aboud Saeed, obwohl ich eigentlich, laut dem begrenzten deutschen Aufenthaltstitel in meiner Hosentasche, Almohammad Aboud Saeed heiße. Aber auf joyclub.de bin ich „Joker 5".

Schon lange versuche ich, über Joyclub.de ein Date zu ergattern—bisher jedoch ohne Erfolg, denn da werden generell Paare bevorzugt. Vor Kurzem ist es mir aber gelungen, mich für eine Joyclub-Party anzumelden, die auf dem Bauernhof eines der Joyclub-Pärchen stattfinden sollte.

Ich packte mir Handtuch, Shampoo und mehrere Paar Unterhosen ein, fuhr zur angegebenen Adresse und klingelte. Man machte mir auf und ich sagte auf Englisch: „Mein Name ist Joker 5 und ich komme über Joyclub.de." Sie hießen mich willkommen, wir stellten uns einander vor und schließlich setzten wir uns an einen großen, langen Tisch.

Es wurde gegessen, getrunken und man unterhielt sich. Es waren über zehn Paare, nur ich war alleine gekommen. Ich sah ihnen zu, wie sie sich in Dreier- und Vierergrüppchen unterhielten, während ich die ganze Zeit zustimmend nickte, ohne in Wirklichkeit auch nur ein einziges Wort zu verstehen.

Das Problem lag natürlich nicht bei ihnen. Mir ist schon klar, dass ich längst die Sprache des Landes, in dem ich lebe, gelernt haben sollte. Ich tu ja auch mein Bestes, aber „weißt du, Bruder, es ist schwer, richtig schwer, verstehst du?" Ich strenge mich ja schon an. Aber jetzt, genau jetzt, muss ich es irgendwie schaffen, mich in diese Runde zu integrieren.

Ich sehe den beiden, die mir gegenübersitzen, in die Gesichter und lächele: „Hey, how are you?"

Sie schauen zurück, lächeln, sagen: „Hi!" und setzen ihre Unterhaltung auf Deutsch fort.

Also wende ich mich an den Mann, der neben mir sitzt. Er ist schon etwas älter, bestimmt über 50. Neben ihm sitzt seine Frau, auch in etwa so alt wie er. Ich schaue ihn an, lächele und sagte:

„Hey, how are you?"

Darauf er: „Hey, wie geht's? Ist das dein erstes Mal hier?" Verzweifelt kratze ich mich am Kopf. Shit. Der kann gar kein Englisch. Was hab ich mir hier nur wieder eingebrockt. Ich lächele ihn an und sage: „Danke!"

Ich gucke in die andere Richtung. Da sitzt eine junge Frau, um die 40. Ich versuche, dem Mann, der ihr gerade etwas auf Deutsch erzählt, den Eindruck zu vermitteln, ich sei ein guter Zuhörer. Jedes Mal wenn sie „Genau!" dazwischen wirft, nicke ich zustimmend mit dem Kopf. Und immer, wenn sie redet, blicke ich sie ernst und aufmerksam an. Trotzdem schaffe ich es irgendwie nicht, mich ins Gespräch einzuklinken.

Ich entdecke eine Gruppe von Leuten, die gerade grillen. Das ist meine Chance. Vielleicht gelingt es mir, übers Grillen mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Ich könnte mir zum Beispiel den Blasebalg schnappen und das Fleisch anblasen. Oder sie erstmal nach den Fleischsorten fragen und dann sagen, ich sei sehr hungrig, dann einfach anfangen, direkt vom Grill zu essen, und „Hmm, wie lecker!" rufen, um sie in ein Gespräch zu verwickeln. Und dann würden wir vorübergehend Freunde, und würde ich den Rest der Partygäste kennenlernen. So könnte ich es vielleicht noch hinkriegen, mich zu integrieren, bevor diese Sexparty beginnt.

Ich schwöre, wenn diese Party nur einigermaßen glatt über die Runden geht, werde ich ab morgen brav in die Schule gehen und Deutsch lernen, ich schwöre es! Ich gebe ja zu: Es ist alles meine Schuld!

Mit eiserner Entschlossenheit und hochmotiviert gehe ich zur Gruppe um den Grill. Wenige Meter bevor ich ankomme, legt einer von ihnen die gegrillten Fleischstücke auf einen Teller, dann machen sich alle geschlossen auf den Weg zu jenem langen Tisch, von dem ich gerade aufgestanden war. Lächelnd gehen sie an mir vorbei. Ich lächele zurück, lasse mir nichts anmerken und gehe geradewegs zur rauchenden Glut, um dann alleine neben dem Grill herumzustehen. Ich zünde mir eine Zigarette an.

Ich rauche sie zu Ende, gehe ich in die Küche und schenke mir ein Glas Sekt ein. Dann gehe ich zurück an den Tisch. Einer fragt mich: „Do you want to eat?" Ich antworte ihm mit einem freudigen „YES!" und lege los. Dann fragt mich eine Frau:

- „What's your name?"

- „I am the Joker 5."

- „No, I mean, what's your real name?"

Ich sage ihr: „Mein Name ist Aboud Saeed."

Plötzlich blicken alle aufmerksam zu mir herüber.

Ich spreche weiter auf Englisch:

„Aber eigentlich heiße ich Almohammad Aboud Saeed. Ich lebe seit drei Jahren in Berlin und trinke gerne Espresso. Ich liebe U-Bahn-Schaffner und die Supermarktkette Kaisers. Ich halte mich an die Verkehrsregeln und überquere Straßen nie bei Rot. Ich liebe Techno und es ist mein Traum, einmal etwas mit einer Barfrau zu haben. Ich reise zwar nicht gern, aber ich liebe die Webseite Mitfahrgelegenheit.de und bin jedes Mal wieder von den Umgangsformen auf der Seite fasziniert. Ich kann zwar kein Deutsch, aber ich verspreche euch hiermit, dass ich es lernen werde. Und das hier ist mein erstes Mal bei einer Joyclub-Party."

Einer ruft im Scherz: „Wow! Ein Muslim im Joyclub?" Und ich antworte: „Ja, das bin ich!"

Alle lachen.

Am Ende verbrachten wir einen supernetten Abend miteinander. Und wir wurden Freunde, sogar jenseits von joyclub.de.

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.