Im Sudan werden regierungskritische Journalisten verhaftet

Mitten in der derzeitigen Wirtschaftskrise entschied das Regime von Präsident Omar Al-Bashir, die Benzinsubventionen abzubauen, wodurch sich die Preise verdoppelten. Seit dem 23. September protestieren die Bürger auf den Straßen und rund 700 Menschen...

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09 Oktober 2013, 8:24am


Dahlia Elroubi vor ihrer Verhaftung

Montag vor einer Woche übernachtete Abdel-Rahman El-Mahdi in seinem Auto vor dem Gelände des sudanesischen Geheim- und Sicherheitsdienstes. Seine Frau Dahlia Elroubi war von acht Sicherheitskräften in ihrem gemeinsamen Haus in der sudanesischen Hauptstadt Khartum verhaftet worden.

Als die Sicherheitskräfte hereinkamen, schickte er seine drei Kinder in ihre Zimmer, erzählte mir Abdel zwei Tage später am Telefon. „Ich fragte die Männer: ,Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl?‘ Sie sagten: ,Nein. Wir sind vom Sicherheitsdienst und brauchen keinen Durchsuchungsbefehl.‘ Dahlia wurde mitsamt ihrem Camcorder, ihrer Kamera, ihrem Kopierer und einem kleinen Drucker in einen Wagen geworfen.“ 

Als die Männer weggefahren waren, sprang Abdel in sein Auto und verfolgte sie. „Sie fuhren zum Palastgelände. Dort habe ich ihre Spur verloren“, erzählte er. Während seine Mutter auf die drei Kinder aufpasste, wartete Abdel den nächsten Tag über erschöpft vor den Toren. Die Behörden gaben Abdel nur wenig Auskunft darüber, warum seine Frau verhaftet worden war. 

Das ist kaum überraschend. Mitten in der derzeitigen Wirtschaftskrise entschied das Regime von Präsident Omar Al-Bashir, die Benzinsubventionen abzubauen, wodurch sich die Preise verdoppelten. Seit dem 23. September protestieren die Bürger auf den Straßen. In den letzten beiden Wochen wurden 700 Menschen festgenommen, die Medien erfuhren scharfe Repressionen durch die Regierung.  

„Ich glaube, sie wurde verhaftet, weil sie offen ihre Meinung gesagt hat“, sagte Abdel. „Sie fand, dass die Menschen, die bei den Protesten umkamen, zu Unrecht getötet worden sind. Es gab keinen Grund dafür, dass sie sterben mussten.“ 

„Die Leute werden von der Regierung zum Schweigen gebracht“, sagte er. „Meine Frau glaubte, dass man, der Zukunft unserer Kinder willen, nicht so weitermachen kann.“

Die Regierung reagierte aggressiver und übertriebener auf die Demonstranten, als viele erwartet hatten. Amnesty International berichtet, dass mehr als 200 Menschen bei den Protesten getötet wurden. Vor Ort vermuten allerdings viele, dass die Anzahl der Toten noch viel höher ist. 

„Dieses Vorgehen gegen alle möglichen Aktivisten war ein verzweifelter Einschüchterungsversuch, der die Unruhen unterdrücken soll—so wie die Morde in den ersten paar Tagen des Aufstandes“, sagte Yousif Khalid, ein Aktivist der uns aus Furcht vor Repressalien bat, seinen Namen zu ändern. 

Die Regierung bringt jedoch nicht nur einzelne Stimmen zum Schweigen. Verschiedene sudanesische Zeitungen wurden zur Schließung gezwungen. Andere wurden von der Regierung gezwungen, die Demonstranten als „Saboteure“ darzustellen. Vier Tage nach dem Beginn der Proteste schloss die Regierung den Sitz des TV-Nachrichtensenders al-Arabiya in Khartum. Nach Angaben der Associated Press haben mehrere Zeitungen ihre  Berichterstattung eingestellt, um dem Druck der Regierung zu entgehen. Der sudanesische Außenminister Ali Ahmed Karti verteidigte das rigorose Vorgehen. Letzten Sonntag teilte er al-Arabiya mit: „Revolutionen werden durch Medien gemacht. Wenn die Medien eine Revolution einleiten, müssen wir eingreifen.“ 

Dr. Harry Verhoeven, der afrikanische Politik an der Universität Oxford lehrt, sagte am Telefon, er hätte gehört, dass mehrere Chefredakteure zu einem Meeting berufen wurden, bei dem ihnen verboten wurde, über die Proteste zu berichten. 

Dr. Verhoeven erklärte: „Die Pressefreiheit breitet sich im Sudan aus und schrumpft zugleich. Es gibt lebendigen und guten Journalismus. Manchmal ist man erstaunt, was die Leute schreiben oder sagen können. Trotzdem ist es sehr gefährlich, zu nah an die rote Linien zu kommen oder in Zeiten der Krise den falschen Ton zu treffen.“ 

„Das Regime zieht es vor, nicht zu töten oder zu foltern. Veröffentlichungen zeitweilig zu verbieten oder dafür zu sorgen, dass Werbekunden den Zeitungen kein Geld überweisen,  ist ebenso effektiv, aber weitaus billiger“, sagte er. „Außerdem hat die Zensur, die vor der Veröffentlichung stattfindet, eine lange Tradition. Die Agenten des Sicherheitsdienstes kommen am Abend vor der Veröffentlichung bei der Zeitung vorbei und kucken alles durch. Offiziell wurde damit vor weniger als einem Jahr aufgehört, doch die Bedrohung—und gelegentlich auch die Praxis—bleibt bestehen und fördert dadurch die Selbstzensur.“ 

In den letzten Wochen haben Journalisten diese Methoden in Frage gestellt. „Warum beharren Sie auf Ihren Lügen?“, fragte der Journalist Burham Abdel-Moneim in einer Pressekonferenz, nachdem der Innenminister Ibrahim Mahmoud Hamed behauptet hatte, dass Fotos von ermordeten studentischen Demonstranten, die in sozialen Netzwerken kursierten, gefälscht seien und in Wirklichkeit Proteste in Ägypten, nicht im Sudan, darstellen würden. Burhan wurde sofort nach der Konferenz verhaftet. Der Washington Post zufolge konnte man hören, wie der Informationsminister Ahmed Belal Osman murmelte: „... wird Maßnahmen gegen Sie ergreifen.“

Eine Facebook-Seite für die Befreiung von Burham bekam in weniger als zwei Stunden über 5.000 Likes. Burham war wenige Stunden später wieder auf freiem Fuß. Bisher hat er jedoch nicht über seine Verhaftung gesprochen. Bei einem Interview, das er später am Abend gab, wirkte er erschüttert. Selbst der Moderator fragte nach, ob es ihm gut gehe. Yousif sagte: „So kühn war er dann doch nicht. Sogar der Moderator fragte ihn, was los sei. Ich glaube, sie haben ihn mit seiner Familie unter Druck gesetzt. Natürlich hat er behauptet, dass alles in Ordnung sei. Das Interview wurde kurz gehalten.“ 

Ein anderer Journalist aus dem Sudan, der verständlicherweise anonym bleiben möchte, schickte mir eine E-Mail, in der er schrieb: „Ich habe zur Zeit Angst, Artikel zu veröffentlichen, weil die Sicherheitskräfte Aktivisten und Journalisten verfolgen. Sie haben meine Zeitung vor zwei Jahren dichtgemacht und mich und andere Journalisten daran gehindert, für andere Zeitungen zu schreiben. Aber sie beobachten uns die ganze Zeit. Als die Proteste begannen, habe ich zwei Artikel darüber veröffentlicht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie etwas davon mitbekommen.“ 

Ein weiterer erschütternder Bericht stammt von Rania Mamoun, einer preisgekrönten Schriftstellerin. Auf einem sudanesischen Blog beschreibt sie, wie sie am 24. September zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwester verhaftet wurde.

„Ich wurde von einer Menge Soldaten geschlagen, die mich wie Fliegen umkreisten. Es waren heftige Schläge, die mich verletzen sollten. Sie benutzten Stangen und ich verlor das Bewusstsein. Auf meinem Körper kann ich die Folgen sehen, es gibt viele Spuren. Sie zerrten mich auf den Boden, beleidigten mich auf alle möglichen Weisen und drohten mit einer Gruppenvergewaltigung. Von einem von ihnen wurde ich tatsächlich sexuell belästigt. 

Die Schläge gingen so lange weiter, dass ich irgendwann keinen Schmerz mehr spürte. Durch Taubheit, Erstarrung oder die Tatsache, dass mein Körper nachgab und zu einem Sack Baumwolle wurde, stumpfte ich ab oder wurde bewusstlos. Bewusstlos geschlagen zu werden, ist die höchste Stufe des Schmerzes und der Folter.“

Auch Ranias Bruder wurde von den Beamten geschlagen. Sie brachen sein Schlüsselbein und ließen ihn blutend auf dem Gefängnisboden liegen, bis er sein Bewusstsein verlor. 

Um dieses brutale Vorgehen effizient durchzusetzen, schuf der Sicherheitsdienst ein unheimlich dichtes Netzwerk von Informanten in Hotels, Taxen, Tankstellen, Ministerien und Treffpunkten von Jugendlichen. Er besorgte sich außerdem sehr fortschrittliche ICT-Systeme für die Überwachung von Telefon- und Internetaktivitäten. Viele Aktivisten glauben, dass diese Systeme von den nationalen Telefonanbietern unterstützt werden. „Kein Telefonanbieter wird sich weigern, den Sicherheitsdiensten die verlangten Informationen zu liefern“, sagte Yousif. „Für Apps wie Whatsapp, die im Sudan sehr beliebt sind, musst du deine Telefonnummer angeben, um einen Account zu bekommen. Verstehst du, worauf ich hinauswill?“ 

Die Proteste im Sudan verliefen im Sande, weil es dem Sicherheitsdienst gelungen ist, Demonstranten in verschiedener Weise zu tyrannisieren: durch Verhaftungen, Verwahrungen, Bedrohungen und Informationen, an die der Sicherheitsdienst durch neue Technologien kam. Damit waren die sudanesischen Sicherheitskräfte Dr. Verhoeven zufolge erfolgreicher darin, die Aufstände zu unterdrücken, als ihre „Kollegen in Nordafrika“. 

Dr. Verhoeven blieb skeptisch, ob diese Proteste einen politischen Wandel bewirken können. „Auch wenn viele meiner Freunde im Sudan sagen, dass es diesmal anders ist, dass die Strategien diesmal wirklich aufeinander abgestimmt sind und sie das Regime diesmal wirklich satt haben, bin ich noch nicht davon überzeugt“, sagte er. Er habe schon oft beobachtet, wie ähnliche Aktionen im Sande verliefen. Dennoch möchte er noch kein Urteil fällen, denn diesmal sind mehr Menschen als in früheren Protesten getötet worden. 

Viele halten Dr. Verhoevens Skepsis jedoch für unberechtigt. Als Yousif sah, dass auch Nicht-Aktivisten auf die Straße gingen, hielt er die Unzufriedenheit für so verbreitet und tiefsitzend, dass er glaubte, die Proteste seien durch Einschüchterungen von Seiten der Regierung nicht mehr aufzuhalten.

Wenn Abdel an die Verhaftung seiner Frau denkt, kommt es ihm vor, als ob er viel Glück gehabt hätte. Er sagte: „Ich bekomme eine Menge Unterstützung, von meiner Familie, von außenstehenden Menschen wie dir, durch Telefonate mit Amnesty. Es gibt viele Leute, die verzweifeln und keine Ahnung haben, was sie machen sollen. Ich habe Glück und Möglichkeiten, meine Frau aus dem Gefängnis zu holen. Ich hoffe, dass ich damit auch Anderen weiterhelfen kann.“ Obwohl er seit Tagen nichts von seiner Frau gehört hat, postet er weiterhin Beiträge in sozialen Netzwerken und organisiert mit anderen Familien Demos vor dem Hauptquartier des Sicherheitsdienstes.  

Ranias Essay endet mit einer trotzigen Stellungnahme, die mich wiederum an Abdels Ansicht erinnert: „Ich habe keine Angst vor euren Schlägen und eurer Folter, und ihr werdet mich nicht damit kleinkriegen. Ihr werdet mich nicht dazu bringen nachzugeben. Stattdessen stärkt ihr mich und spornt mich weiter an. Ihr fragt mich: Hast du denn keine Angst? Ich sage: Nein, ich bin stärker geworden.“ 

Während Abdel auf Neuigkeiten von seiner Frau wartet, wird seine Stärke weiterhin auf die Probe gestellt. 

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