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Müssen die Redtube-Abmahner bald selbst vor Gericht?

Der Anwalt hinter der Abmahnwelle gegen Porno-Streamer gibt sich kämpferisch. Aber je mehr Details über ihre Methoden auftauchen, desto größer wird der Druck auf die „Abmahn-Mafia“.
17.12.13

Eines der Videos, deren Zuschauer jetzt abgemahnt werden. Nicht einmal der Titel lässt darauf schließen, dass es sich eigentlich um ein geschütztes Werk namens Glamour Show Girls handelt.

Die Aufregung um die Redtube-Abmahnwelle nimmt kein Ende, ganz im Gegenteil. Fast jeden Tag tauchen neue Details über die Methoden hinter der Flut aus mehr als 10.000 Abmahnschreiben auf, die vor einigen Tagen über deutsche Pornostreamer hereingebrochen ist. Je mehr über deren Vorgehensweise bekannt wird, desto wahrscheinlicher scheint es, dass die Leute von der „Abmahn-Mafia“ dieses Mal gleich ein paar Schritte zu weit gegangen sind.

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Hinter den Abmahnungen stecken zum Ersten die Anwälte Thomas Urmann aus Regensburg und Daniel Sebastian aus Berlin. Ihr Auftraggeber ist die Firma The Archive, die erst 2013 in der Schweiz vom Deutschen Philipp Wiik gegründet wurde. Geschäftspartner von The Archive ist Ralf Reichert, der mit Thomas Urmann schon öfter ähnliche Abmahngeschäfte aufgezogen hat. Gegen Wiik und Reichert ermittelt seit heute ein Schweizer Gericht wegen des Verdachts auf „bandenmäßige oder organisierte Kriminalität“.

„Ich gehe davon aus, dass sie auf die Schnauze fliegen“, erklärte mir der Anwalt Johannes von Rüden. „Ich denke auch, dass da irgendeiner noch kalte Füße bekommen wird, der zu viel weiß. Der Druck ist ja schon enorm.“ Von Rüden und sein Partner Nico Werdermann haben Strafanzeige gegen den Anwalt Thomas Urmann und zwei der Beteiligten erstellt, wegen Verstoßes gegen das Bundesdatenschutzgesetz.

Anwalt Johannes von Rüden

Offensichtlich hat die Gruppe um Anwalt Thomas Urmann die Sittenstrenge der Deutschen überschätzt, als sie darauf zählte, dass ihre Opfer lieber zahlen, als sich als Internet-Wichser zu outen. Jetzt haben sie es mit einem wütenden Schwarm aus Bloggern, Rechtsanwälten und sogar der Piratenpartei zu tun, der die Vorgehensweise der Bande rekonstruiert und dabei eine ganze Menge gefährlicher Ungereimtheiten zusammengetragen hat.

Dabei war die Aktion ziemlich gründlich vorbereitet worden. Zuerst hat die Urmann-Gruppe sich eine Reihe von Clips auf Redtube ausgesucht, deren Ursprungsfilme alle von einer Firma in Barcelona produziert worden waren. Im Juni kontaktierte dann ein unbekannter Anwalt die Produzenten in Spanien, um die Lizenzen an zehn dieser Filme für die Firma „Hausner Productions“ zu kaufen. Am Telefon erklärte mir die Produzentin aus Barcelona, pro Film zahlt man da ungefähr 15.000 Euro.

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„Hausner Productions“ sitzt laut Vertrag in der Danziger Str. 13 in Berlin. In dem Haus hatte noch nie jemand von der Firma gehört, auch die Hausverwaltung konnte mir nichts darüber sagen. Trotzdem überträgt Hausner Productions die Rechte einen Monat danach an The Archive AG. Und genau vier Tage später gehen auf Redtube die Zugriffe auf genau diese Clips plötzlich sprungartig nach oben.

Der angebliche Firmensitz der „Hausner Productions“

Wie das genau funktioniert hat, ist noch nicht klar. Eine plausible Variante wäre, dass Surfer einfach von anderen Seiten auf die Clips umgeleitet wurden—mit einem heimlichen Umweg über die ebenfalls im Juli anonym registrierte Domain retdube.net, die ihre IP-Adressen sammelte. Wenn das wahr ist, hätte The Archive die Urheberrechtsverletzungen also selbst verursacht—was die ganze Sache noch mehr nach Betrug aussehen lässt.

Auf diese oder ähnliche Weise wurden innerhalb weniger Tage mehrere zehntausend IP-Adressen gesammelt. Um diese den echten Anschriften der Surfer zuzuordnen, reichte der Anwalt Sebastian über neunzig Eilanträge beim Landgericht Köln ein.

„Der Antrag wird so gestellt, als ginge es um Filesharing“, erklärte mir von Rüdens Partner Werdermann. „Das Landgericht Köln hat 600 solcher Anträge im Monat, und dazwischen tauchen dann die auf.“ Sebastian formulierte die Anträge derart vage, dass sie bei flüchtigem Lesen genau wie Filesharing-Anträge klingen mussten—obwohl es sich bei Redtube um eine Streaming-Seite handelt, die Rechtslage also völlig anders sein sollte.

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Die Rechnung ging auf, der Großteil der Richter übersah den Unterschied in der Eile, was auch erklärt, warum in den Urteilsbegründungen stets von „Tauschbörsen“ die Rede ist. Trotzdem hat sich Sebastian hier ziemlich weit aus dem Fenster gelehnt: In den Anträgen behauptet der Anwalt, die IP-Adressen seien mittels einer Software namens „GladeII 1.1.3“ ermittelt worden. Diese Behauptung wird durch ein Gutachten einer Münchner Patentkanzlei und eine eidesstattliche Erklärung eines Ingolstädters namens Andreas R. bestättigt, der die Software getestet haben will.

Das Problem: In beiden Dokumenten werden Funktionen der Software beschrieben, die technisch überhaupt nicht machbar sind. Allein schon, weil Redtube als eine der meistbesuchten Seiten der Welt ein „Traffic-Volumen, das nicht mal die NSA zwischenspeichern könnte“ hat, wie es ein Blogger formuliert. Das würde heißen, dass das Gericht getäuscht wurde.

Kurz darauf flatterten bei mehr als 10.000 Telekom-Kunden die Abmahnungen ins Haus, was in nicht wenigen Fällen für Stress gesorgt haben muss. Uns haben Nils und Kevin kontaktiert, zwei ziemlich verzweifelte Schüler, die kurz vor Weihnachten plötzlich ihren Müttern erklären mussten, warum sie sich im Internet Pornos anschauen, und wie sie dabei von einem Regensburger Anwalt erwischt wurden. Man kann sich gut vorstellen, dass auch der ein oder andere Ehemann es vorzieht, einfach die verlangten 250 Euro stillschweigend zu bezahlen. In Interviews gibt sich Urmann deshalb immer noch großspurig und kündigt weitere Abmahnungen an. Aber eine überraschend große Zahl Betroffener will sich das nicht mehr gefallen lassen.

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Was bedeutet das für den fleißigen Briefekleber Urmann und seinen Geschäftspartner? Zuerst einmal könnte ihnen das Leben schwer gemacht werden, wenn immer mehr Leute nicht nur die Abmahnung nicht zahlen, sondern auch rechtlich zurückschießen (hier gibt es eine gute Anleitung dazu).

Eine der Abmahnungen für Glamour Show Girls

Von Rüden und Werdermann hoffen aber auf mehr. Ihre Strafanzeige gegen Urmann, Sebastian und R. gibt der Staatsanwaltschaft einen Grund, sich die Methoden der Mahner genauer anzusehen. Wenn sich herausstellt, dass das Landgericht Köln willentlich getäuscht wurde, kann das zu einer Haftstrafe führen. Wenn dann noch herauskommt, dass man die IP-Adressen tatsächlich illegal bekommen hat, dann bekommen die Anwälte langsam echte Probleme.

Solltest du selbst so einen Brief zugeschickt bekommen, kannst du dir entweder einen Anwalt suchen oder hier ein Musterschreiben herunterladen, mit dem du dir die Forderungen vom Hals halten kannst.

Ob die Anwälte und ihre Hintermänner bei The Archive ernsthafte Probleme bekommen, ist noch lange nicht sicher. Immerhin kannst du dich jetzt aber entspannt zurücklehnen und zuschauen, wie die Abmahnakrobaten immer mehr ins Schwitzen kommen. Und falls dir dabei langweilig wird, kannst du ja mal auf Redtube vorbeischauen. Der Schüler Nils jedenfalls will sich den Spaß nicht verderben lassen. Auf die Frage, ob er sich in Zukunft von solchen Seiten fernhalten würde, gibt es ein beherztes: „Oh nein!“ Es braucht wohl mehr als Thomas Urmann, um die deutsche Jugend einzuschüchtern.