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Antisemitische Attacke in der Kärntner Straße

Am Rande der Proteste soll es zu einem antisemitischen Übergriff gekommen sein. Ob die Attacke in Zusammenhang mit dem Ball steht, ist noch offen.
31 Januar 2015, 3:50pm

Julian Pöschl, Filmemacher, freier Fotograf und Journalist, von dem auch das Foto stammt, sowie Jan Hestmann, Radiomacher bei Radio Orange und Autor bei The Gaphaben uns heute Vormittag einen Text geschickt, in dem sie schildern, wie sie am Heimweg von der Demonstration gegen den Wiener Akademikerball zufällig auf zwei Personen getroffen sind, die unmittelbar davor Opfer einer antisemitischen Attacke wurden. Ihre Tweets zu dem Vorfall wurden bereits über 20 Mal geretweetet, aber wir sind der Meinung, dass selbst 20.000 Retweets zu wenig wären, wenn sich die Vorfälle tatsächlich so zugetragen haben und haben uns entschlossen, den Bericht hier zu veröffentlichen. Auf Nachfrage konnte uns Kontrollinspektor Patrick Maierhofer den Vorfall nicht bestätigen, da die Aufarbeitung aller Fälle rund um den Akademikerball noch in vollem Gange ist. Auch der Samariterbund konnte uns keine Auskunft erteilen.

UPDATE: 1.2., 12:34 Uhr, Kontrollinspektor Patrick Maierhofer von der Polizeidirektion Wien bestätigt, dass es Freitag Nacht um 23:40 Uhr einen polizeilichen Einsatz bezüglich Körperverletzung in der Kärtnerstrasse gegeben hat. Laut Protokoll haben vier Männer zwei Personen mit Pfefferspray attackiert. Ob ein antisemitischer oder politisch motivierter Hintergrund besteht, konnte nicht bestätigt werden.

Unsere gesamte Berichterstattung zum Akademikerball 2015 findet ihr hier.

23:50 Uhr. Am Heimweg von den bereits seit einigen Stunden stattfindenden Protesten gegen den Wiener Akademikerball. Leicht erfroren die fast leere Kärntner Straße hinunterschlendernd, im Gedanken schon Zuhause mit einer heißen Tasse Tee. Da fällt eine kleine Gruppe von Menschen auf. Ein Polizist. Ihm gegenüber ein sichtlich aufgeregter Mann und zu seiner Rechten, das Gesicht in den Handflächen vergraben und stöhnend, ein zweiter. Daneben stehen zwei Passanten, die den Vorfall zwar nicht beobachtet haben, aber den Attackierten bis zum Eintreffen der Polizei zur Seite standen.

Als wir bei der Szenerie zu stehen kommen, nehmen wir folgendes Gespräch wahr:

Mann: „Das kann ja nicht sein, haben wir jetzt wieder 1935?"
Polizist (in gedämpftem Tonfall): „Okay a Frage, sind Sie Juden?"
Mann: „Zufälligerweise ja."
Polizist: „Wie haben die das erkannt?"
Mann: „Das frag ich mich auch. Komplett zufällig wahrscheinlich. Wir sind zufällig Juden..."

Im Gespräch erzählt er uns, dass die beiden Männer am Weg zur Albertinapassage von einer Gruppe von fünf Leuten Mitte Zwanzig auf offener Straße verbal attackiert wurden. Nicht mit irgendwelchen Worten, sondern mit: „Scheiß Juden!", „Judensau!", „Dreckssau!".

Wie der Aufrechtstehende der beiden Opfer schildert, hätten sie sich dadurch attackiert gefühlt, dass sie tatsächlich Juden seien und verlangten eine Rechtfertigung für die feindlichen Aussagen. Darauf wurden sie von den Angreifern zunächst angespuckt, nach einem Beschwichtigungsversuch und einer Entschuldigung wollten sie es dabei belassen, woraufhin sie plötzlich von einem der Männer mit Pfefferspray attackiert werden. Einen der beiden konnte sein Gesicht nicht rechtzeitig verdecken und wurde im Gesicht getroffen. Als sie die Polizei rufen, können die Angreifer unerkannt fliehen. Der Sitzende von den beiden, der sichtlich Probleme hat seine Augen zu öffnen, wird kurz darauf zur medizinischen Behandlung in einen Krankenwagen gebracht. Dem zweiten, der draußen stehen bleibt und dem Polizisten noch seine Daten übermittelt, schließt uns gegenüber seine Schilderung mit folgenden Worten ab: „So etwas darf es nicht geben."

Das alles passierte nur einige hundert Meter entfernt von den groß angelegten Protestaktionen gegen den Wiener Akademikerball, welche sich alljährlich dezidiert gegen rechtes Gedankengut aussprechen. Ob es nun in irgendeiner Weise einen Zusammenhang zwischen Ball, Protesten und diesem Vorfall geben könnte—darüber kann man nur mutmaßen. Aktionen wie diese kräftigen aber den Willen, ständig vor dem Vergessen der Geschichte warnen zu müssen – wie es zum Beispiel auch das Bündnis „Jetzt Zeichen setzen!" jedes Jahr am Abend des Wiener Akademikerballs am Heldenplatz tut und auch dieses Jahr wieder Holocaust-Überlebende vor Tausenden deren Geschichten erzählen ließ.

Dazu passend auch ein Reply auf Twitter:

— Simmering129 (@karlmalden129)January 31, 2015