Amerikas beliebtester Kindersoldat

Warum „Kevin—Allein zu Haus" der mit Abstand politischste Film im ganzen Weihnachtsprogramm ist.

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20 Dezember 2014, 5:00am

Foto: Trond Viggo Hapnes | Flickr | CC BY-SA 2.0

Einer der großen Vorteile von Weihnachten ist die Vorhersehbarkeit der Ereignisse. Man kann sich einfach mal treiben lassen und muss nicht mehr selbst nachdenken. Man weiß ja, was auf einen zukommt. Jeder von uns kann sich also zurücklehnen und sich einfach willenlos von diesem Strudel mitreißen lassen, der sich zusammensetzt aus zu viel Fett und Alkohol, unangenehmen Smalltalk mit Verwandten, Geschenken und diesen wirklich peinlichen Partys, wo man alle Leute wiedersieht, mit denen man mal zur Schule gegangen ist. Auch das Fernsehprogramm ist wohltuend berechenbar. Stirb Langsam, Sleepy Hollow, Der Grinch, Drei Haselnüsse für Aschenbrödel—um nur ein paar zu nennen—flimmern jedes Jahr beruhigend zuverlässig über den Bildschirm, wenn eure Oma eingeschlafen ist und ihr endlich Helene Fischers Weihnachtskonzert wegzappen könnt.

Der unangefochtene Klassiker für jeden, der in den 90ern aufgewachsen ist, dürfte aber Kevin—Allein zu Haus sein. Warum in diesem Film aber weitaus mehr steckt, als die meisten von uns bisher dachten, hat Leon Dische Becker genial im Block Magazin analysiert. Kevin—Allein zu Haus ist nicht nur der wahre Grund für all die Kevins da draußen, sondern ein zutiefst grausames Dokument des Neoliberalismus. Macaulay Culkin ist das mit Abstand niedlichste Testimonial für das Stand Your Ground-Law, das sich konservative Amerikaner wünschen können. Um dem weihnachtlichen Stumpfsinn also zumindest mit ein wenig Gedankennahrung zu begegnen, veröffentlichten wir jetzt hier Leons Text:

Wie sein Hauptdarsteller ist der Film Kevin—Allein zu Haus schlecht gealtert. Zumindest kam es mir so vor, als ich ihn, 25 Jahre nach seinem Siegeszug, noch einmal ansah. Bei näherer Betrachtung ist dieser Meilenstein meiner Kindheit nicht viel mehr als ein brillant besetzter Scheißhaufen. Dieses Urteil bezieht sich nicht so sehr auf die ästhetische Qualität des Films, sondern eher auf seine politische Einstellung. Die Geschichte des blonden Millionärsbengels, der gegen das Lumpenproletariat antritt, findet man auf dem ideologischen Feld rechts außen—Ayn Rand für Kinder. Das war kein Zufall.

Produziert wurde das Meisterwerk 1990, kurz nach Ende des Kalten Krieges. Für einen überzeugten Republikaner und glühenden Reagan-Verehrer wie John Hughes, dem geistigen Vater des Films, müssen das herrliche Zeiten gewesen sein. Man hatte gewonnen. Die Republikaner in Hollywood waren allerdings schon lange in der Minderheit. Hughes war deshalb während seiner gesamten Karriere als Drehbuchautor und Regisseur recht behutsam vorgegangen.

Man kannte ihn vor allem als geschickten Verkäufer. In den späten 70er Jahren wechselte er von der Werbung zum Film. Schon Mitte der 80er beherrschte er mühelos das Genre des Teenie-Films. Time Magazine sah ihn „im gruseligen Einklang mit dem Narzissmus der Pubertät". In den frühen 90er Jahren wandte er sich ebenso erfolgreich dem Narzissmus von Kindern zu. Wie Michael Weiss vor ein paar Jahren in Slate bemerkte, findet man in Hughes' Teenie-Filmen nur subtile Spuren seiner politischen Haltung: eine zwanghafte Beschäftigung mit Klassenunterschieden, eine Vorliebe für Neureiche und die übliche Hymne auf die Individualität. Er vermied es, seine Meinung offen zu vertreten.

Manchmal fand diese Selbstzensur erst im Schneideraum statt, wie zum Beispiel bei dem Monolog, den Hughes aus Ferris macht blau entfernte („Sei vorsichtig, wenn du mit alten Hippies zu tun hast; sie können sehr empfindlich sein"). Soviel Klartext wäre unpassend gewesen, Jugendliche sind schließlich Relativisten.

Bei Kindern hingegen muss man nicht so vorsichtig vorgehen. Sie neigen dazu, ziemlich konservativ zu sein. Sie haben Angst vor dem Unbekannten, wollen nicht gegängelt werden,

träumen von Autarkie, identifizieren sich mit Geschlechterstereotypen, lieben ihre Waffen, halten an ihrem Aberglauben fest und hassen nichts mehr, als ihren Stück vom Kuchen mit anderen zu teilen. In unserer Kindergeneration kam Hughes' Neoliberalismus besonders gut an, war unsere Erziehung doch von einer Mischung aus Vernachlässigung und Besänftigungsmaßnahmen geprägt. Statistisch gesehen hieß das: Wir verbrachten mehr Zeit alleine zu Hause vor dem Fernseher als jede Generation vor uns.

So wurden wir—kein Wunder—zur anspruchsvollsten Generation kleiner Konsumenten seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte—hyperaktiv, ungezogen und produkterfahren. Angesichts eines solchen Publikums ist es nicht überraschend, dass Hughes sich entschloss, sein bislang ideologischstes Werk zu produzieren.

Der Film beginnt mit einer Rebellion gegen die Überregulierung. Kevin, das Nesthäkchen der Familie, hat die Hänseleien seiner Geschwister und die Nörgelei seiner Mutter satt und beschließt, sich zu wehren. Vor den Augen der gesamten Familie bekommt er einen Wutanfall. Auf den Dachboden der heimischen Villa verbannt, wünscht er sich, sie alle mögen über Nacht verschwinden. Und sein Wunsch erfüllt sich. Als die Eltern ihr Versäumnis bemerken, ist ihr Jüngster daheim schon auf der Suche nach dem größtmöglichen Vergnügen. Wir sehen, wie er auf dem Bett seiner Eltern herumhüpft und sich Popcorn in den Mund stopft, wie er sich gewalttätige Filme reinzieht und dabei fast in Süßigkeiten und Eis ersäuft, wie er die Schreckschusspistole seines Bruders ausprobiert und die Treppenstufen herunterschlittert. Er tut all das, was er bisher nicht durfte. Am Anfang des Films ist Kevin abhängig von der Fürsorge seiner Eltern. Erst mit der Beseitigung des Sozialstaatesentfaltet er sein volles kreatives Potential.

Nach den anfänglichen Exzessen beschließt Kevin, wie ein verantwortungsbewusster Hauseigentümer zu leben. Er macht die Wäsche und kauft ein, aber im Gegensatz zu den Erwachsenen macht es ihm Spaß. Seine Imitation des Erwachsenseins ist, wie es scheint, um einiges besser als das Original. Er erledigt die Hausarbeit seiner Mutter mit der Selbstständigkeit eines Junggesellen. Diese Selbstständigkeit ist eine fragile Angelegenheit, schließlich ist er erst acht und die Erwachsenen mischen sich ein, wo sie nur können. Ein Polizist versucht, ihn für einen versehentlichen Diebstahl einzusperren; eine aufdringliche Kassiererin erkundigt sich nach seinen familiären Umständen. Kevin entwischt allen. Von der Anfangsszene bis zum Ende überlistet er jeden Erwachsenen, der ihm begegnet.

Die Rechtschaffenheit und Überlegenheit unseres Helden wird hervorgehoben, wo es nur geht. Das begründet eine enorme Selbstgerechtigkeit. Von allen Figuren im Film ist er der Schlauste, Freigeistigste, und, ganz entscheidend, der Sauberste. Eine berühmte Szene aus Kevin—Allein zu Haus zeigt ihn, wie er einer fast schon zwangsneurotischen Waschroutine folgt. Anders die Einbrecher, die ein ganzes Auto voll teurer Gegenstände haben, aber sich nicht mal die Zeit nehmen, den Schmutz unter ihren Fingernägeln zu entfernen, geschweige denn ihre Hände zu waschen. Es ist aufschlussreich, die Rasierwasser-Szene in Kevin—Allein zu Haus (in der Kevin feststellt, dass Rasierwasser brennt) mit der berühmtesten Szene aus Hughes nächstem Film, Curly Sue (1991), zu vergleichen. Während sich Kevin selbst zu helfen weiß, wird Sue, ein Straßenkind, als Teil eines fortschreitenden Zivilisationsprozesses, von ihrer Adoptivmutter eingeseift und shampooniert.

Hughes war ein Meister der plumpen Symbolik. Die Klassenzugehörigkeit seiner Figuren zeigt sich in ihrer Hygiene. Angehörige des Mittelstands, so wie Kevins Onkel Frank, sehen leicht unordentlich aus und tragen verstaubte Pullover. Die Armen sind einfach nur dreckig. Hughes hatte eine Schwäche für Reagans Geldadel, was vermutlich der Grund ist, warum unser Titelheld aus neureichem Hause stammt. Das erfahren wir in einer besonders ausgeklügelten Szene: Kevins Vater fliegt erster Klasse nach Paris und erinnert sich an die einzigen Reisen seiner Kindheit, wenn die ganze Familie mit ihrem Dodge den Großvater in irgendeinem verschlafenen Nest besuchte. Onkel Frank und seine Frau sitzen eine Reihe vor ihm, beschweren sich und klauen Salzstreuer, während ihre gemeinsame Kinderschar in der Touristenklasse sitzt. Kevins Vater zahlt für alle.

In der Fortsetzung lernen wir, folgerichtig, den großherzigen Besitzer eines riesigen Spielzeugladens kennen. In dieser Welt ersetzt Philanthropie den Sozialstaat. Edle Menschen aus der Unterschicht, der alte Schneeschipper in Kevin—Allein zu Haus und die Taubenfrau in der Fortsetzung, sind zufrieden damit, nichts zu haben und ernähren sich von Religion und klassischer Musik. Die Einbrecher stehlen, weil sie prinzipienlose Dummköpfe sind. Die Gesellschaft, die in Kevin—Allein zu Haus dargestellt wird, erlebt das Gegenteil von Klassenkampf. Alle bekommen, was sie verdienen.

Der logische Höhepunkt dieser Allegorie wird erreicht, als die „feuchten Banditen" ihren Sozialneid an der Villa der McAllisters auslassen. Kevin lädt die Schrotflinte: „Das ist mein Haus und ich werde es beschützen." Die Einbrecher sind mit simplen Brecheisen unterwegs. Kevin dagegen hat eine Vielzahl von hinterhältigen Fallen aufgestellt, die anscheinend eher dazu dienen sollen, die Einbrecher zu verletzen und zu erniedrigen, als sie außer Gefecht zu setzen.

Es fängt mit Schüssen aus einem Luftdruckgewehr an, ins Gesicht und in den Schritt; vereiste Treppenstufen, Schädel knallen auf dem Boden; ein glühender Türgriff, die M-Initiale der Familie brennt sich in Harrys Hand ein; ein Bügeleisen stürzt auf ein Gesicht; Marv tritt barfuß in Sekundenkleber, dann auf einen zehn Zentimeter langen Nagel, dann auf Christbaumkugeln; Harry wird geteert und gefedert; ein Eisenrohr schlägt einen Goldzahn aus. Als Kevin vor den zwei Verrückten flieht, tut er etwas sehr Seltsames, seltsam vor allem aufgrund des Zeitpunkts, an dem er es tut: Er ruft die Polizei. Die ganze Prozedur war unnötig.

Außer einem Kritiker bei Entertainment Weekly – „Ein sadistisches Fest!"– schien diese unnötige Brutalität niemanden zu stören. Viele Kritiker beschrieben sie als „überzeichnet". In diesem Kontext ist die Definition von überzeichnet: kein Blut, kein Realismus und ein Element von Humor—nicht erschreckender also als die Gewalt, die wir aus Trickfilmen kennen. Man fragt sich, ob das nur ein Urteil über die Art der Gewalt ist oder auch über die Leute, die ihr ausgesetzt sind. Wenn Kevins Mutter barfuß auf eine Christbaumkugel getreten wäre, die Gewalt wäre wohl kaum als überzeichnet aufgefasst worden.

Gott sei Dank sind Harry und Marv die Art von Menschen, die man bedenkenlos foltern kann. Sie sind eine Subspezies. Man kann sich kaum vorstellen,dass sie elementare Aufgaben des Homo Sapiens bewältigen können: Kinder aufziehen, oder gar Jagen und Sammeln. In der Summe sind ihre Intelligenzquotienten ungefähr so hoch wie Kevins. Sie sind Großstadtprolls, mit jüdischem bzw. italienischem Hintergrund. Kevin hingegen gehört zur Elite des Mittleren Westens und ist weiß wie heiliges Licht. Harry und Marv folgen Kevin mit ihrem Auto. Erst als er in eine Kirche geht, geben sie die Verfolgung auf. „Ich geh da nicht rein"–„Ich auch nicht". Hughes bediente sich mehr oder weniger der gleichen Bösewichte für seine nächsten Produktionen (Beethoven, Juniors freier Tag, Dennis) und ließ sie ähnliche Demütigungen erleiden.

Er lernte aus seinem Erfolg. Das brutale Crescendo und die niedliche Selbstgerechtigkeit waren Kevins Hauptattraktionen. Der Film war außerdem eine innovative Reaktion auf ein Ungleichgewicht in Nachfrage und Angebot. Wir Kinder der 90er Jahre hatten eine Menge Gewalt im Fernsehen gesehen, viel mehr als uns das Kino gestattete. So ein Satansbraten versuchte schon ein Jahr zuvor, diese Marktlücke zu füllen—aber ohne den Glanz von Kevin—Allein zu Haus. Dieser Glanz war ausschlaggebend. Er lenkte von all der Hässlichkeit ab.

„Die Kinder spielen den Film unermüdlich nach. Sie können sich damit identifizieren. Der Junge, der die Hauptrolle spielt, der ist niedlich" sagt Patricia Kelly, eine Post-Angestellte aus Braintree.
•Boston Globe, 26.11.92

Und welches Kind hat noch nicht versucht, Macaulay Culkins berühmten Schrei aus dem Film Kevin—Allein zu Haus nachzumachen?
•Roanoke Times, 01.10. 93

Als die Polizei in das Haus eindrang, in dem der Junge nur mit seiner Großmutter lebte, mussten sie zehn Zentimeter langen Nägeln, herumliegenden Scheren und einem Trog voll Beton ausweichen ... Türklinken waren mit Schmalz und Glassplittern versehen ... Die Treppenstufen waren eingeseift, eingefettet oder mit Nägeln bestückt.
•Press Courier, 15. 11.92

Während seiner Zeit in der Werbebranche arbeitete Hughes für die Tabakindustrie. Er wusste, wie man kontroverse Produkte vermarktet. Kevin—Allein zu Haus war sein Meisterwerk in dieser Hinsicht. Der Film war aufregend genug für Kinder und beruhigte gleichzeitig die Erwachsenen. Das Kalkül das bei jedem Blockbuster angestellt wird, ging auf: Er sprach die Sinne der Massen an, ohne ihr sittliches Empfinden zu verletzen.

In einer Zeit, in der die Auswirkungen der Rap-Musik auf die Jugend zu heftigen Debatten führte, sah man in Kevin—Allein zu Haus einen Film für die ganze Familie, wobei man wissen muss das der Familienfilm kein Genre, sondern ein Zertifikat für gesellschaftliches Einvernehmen darstellt. Damit vollbrachte Hughes eine bemerkenswerte Leistung. Er schrieb einen Film, der so amerikanisch ist wie Apple Pie, aber eben auch so amerikanisch wie ein Schützenverein für Kinder.

Aus dem Englischen von Theresia Enzensberger

Ursprünglich erschienen im Block Magazin Nr. 1. Das Block Magazin ist ein crowd-finanziertes Printmagazin, mit dem sich Herausgeberin Theresia Enzensberger dem „Relevanzgehechel" der deutschen Medien entziehen will und erfolgreich zeigt, dass Print alles andere als tot ist. Hier gibt es mehr Infos und bestellen solltet ihr das ganze natürlich sowieso: http://www.block-magazin.de/

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