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Wenn das Wort Nein im BDSM nicht mehr ausreicht

In der Fetisch-Szene ist Einwilligung eigentlich die Grundlage für jegliche Handlung. Wenn man Missbrauchstäter zur Rechenschaft ziehen will, schlagen einem jedoch oft Hass und Ablehnung entgegen.

von Trudie Carter-Pavelin
17 Dezember 2015, 10:25am

Illustration: Eleanor Doughty

Dieser Artikel ist zuerst bei Broadly erschienen.

Miss Jackie* sitzt im hinteren Teil eines schmuddeligen Cafés in Leeds, nippt an ihrem Tee und redet mit eindringlicher Stimme. Sie beschreibt sich selbst als „T-Girl" (also als Transgender-Frau) und ist schon seit über 20 Jahren in der BDSM-Szene unterwegs. Nur kurz nach der Jahrtausendwende legte sie eine siebenjährige Pause ein.

Als sie 2010 in die Szene zurückkehrte, war diese kaum wiederzuerkennen. Jackie zog in eine neue Stadt und ging zum örtlichen Munch, einem zwanglosen Treffen der BDSM-Szene zum Kennenlernen und „Beschnuppern". „Am Anfang ging dort alles noch sehr zahm zu und die Anwesenden schlugen sich kaum. Etwas später tauchte dann jedoch dieses Pärchen von einem anderen Treff in der Gegend auf und schien das Ruder an sich zu reißen", erzählt Jackie. „Die Frau verletzte mich dabei am Fuß und schlug mir auf den Hinterkopf, was ein absolutes No-Go darstellt. Sie knickte mit ihren High-Heels auch noch ständig um, denn sie war betrunken. Trotzdem ernannte sie sich mehr oder weniger zur Aufpasserin."

Dieses Verhalten fiel den anderen, unerfahrenen Anwesenden, deren BDSM-Wissen sich zum Großteil auf Internet-Pornos beschränkte, allerdings nicht auf. Jackie schüttelt es richtig, wenn sie sich an das Pärchen erinnert. „Sie haben schlicht und ergreifend Grenzen überschritten." Der Mann hat nach einem Zwischenfall, bei dem eine Frau gefesselt und ohne Einverständnis berührt wurde, in mehreren britischen Clubs inzwischen Hausverbot.

Miss Jackie fiel schnell auf, dass sich die Szene während ihrer Pause stark verändert hatte. „Ich dominierte eine befreundete Prostituierte und sie schien überrascht davon zu sein, dass ich sie danach wieder nett behandelte", erzählt sie in einem leicht ironischen Ton. „Ihr war nicht klar, dass das eigentlich der Normalzustand sein sollte. In London wurde sie zum Beispiel dazu gezwungen, Ketamin zu nehmen, und wurde dann tagelang gegen ihren Willen festgehalten."

In der BDSM-Community wird man schnell zum Außenseiter, wenn man Fetisch-Missbrauchstäter outen will. Als sich Jackie hilfesuchend an wichtige Personen der Szene wandte, brachte man ihr offene Feindseligkeit entgegen. In einem Mail-Verkehr, den wir einsehen durften, meinte einer der wichtigsten Munch-Vorsteher Großbritanniens, dass jeglicher „wahrgenommener Missbrauch" wohl nur Teil einer normalen Herren/Sklaven-Interaktion mit fließenden Machtverhältnissen sei. „Ein ordentlicher Herr wird kein Interesse daran haben, seinem Besitz auf irgendeine Art und Weise Schaden zuzufügen", schrieb er zu Jackies Entsetzen.

„Seitdem ich diesen Satz gelesen habe, sehe ich alles mit anderen Augen", meint sie. „Wenn ein Dom ein Gesetz bricht, wird dieses Gesetz einfach als zu soft abgestempelt, und niemand gibt zu, dass hier ein Verbrechen geschehen ist."

Das Bloßstellen von Opfern ist inzwischen zur schmerzhaften Realität der BDSM-Kultur geworden. 2011 schrieb die Autorin und Porno-Darstellerin Kitty Stryker einen Essay namens I Never Called it Rape, in dem sie bildhaft beschreibt, wie sie missbraucht wurde. Ihre Peiniger ignorierten dabei ihr Safeword und penetrierten sie mit Sexspielzeug. Dieser Handlung hatte sie vorher klar und deutlich nicht zugestimmt. Strykers Ziel war es, auf das Tabu aufmerksam zu machen, das Opfer beschämt und nichts sagen lässt.

„Leider bietet die BDSM-Szene derzeit nur Lippenbekenntnisse, wenn es darum geht, das Thema der Einwilligung auf den Tisch zu bringen", erklärt uns die Autorin. „Wenn jemand das entgegengebrachte Vertrauen missbraucht oder des Missbrauchs beschuldigt wird, unternehmen wir nicht genug, um die Opfer zu unterstützen oder um die Situation wieder in Ordnung zu bringen. Das ist vor allem der Fall, wenn es sich bei der beschuldigten Person um eine bekannte Figur der örtlichen Community handelt."

„Gegen Ende der 90er Jahre hat man zum ersten Mal vom ‚Machtverhältnis' geredet. Für mich war das der falsche Ansatz", erzählt Jackie. Sie erkannte Missbrauch sofort und ihre Instinkte sagten ihr, dass der Begriff der Zustimmung schwammig werden würde, wenn solche Grenzen verschwimmen. „Wenn wirklich dominante Personen das Kommando übernehmen, werden persönliche Limits ignoriert. Inzwischen gebraucht man Ausdrücke wie ‚implizierte Einwilligung' oder ‚teilweise zustimmend'. Und genau da liegt der Fehler."

Stryker zufolge sind die Täter normalerweise erfahrene Doms, die es eigentlich besser wissen sollten. Da BDSM jedoch immer mehr im Mainstream ankommt, kann es auch zum anderen Extrem kommen, wenn zu viele „Touristen" auftauchen, die die Dynamik zwischen Dom und Sub nicht richtig verstehen. „Auf großen Veranstaltungen tummeln sich viele Leute, die einfach nur dabei sein wollen, weil das Ganze so alternativ ist und eine Art ‚Fick dich!' in Richtung Konformität darstellt", erklärt Rachel*, ein festes Mitglied der Londoner BDSM-Club-Szene. „Diese Leute kommen an und denken, dass sie sofort Doms oder Masochisten sein können. Dabei haben sie gar keine wirkliche Ahnung, was sie da eigentlich machen, und gehen viel zu schnell zu heftig ans Werk."

Die sichersten Clubs sind die, die für die Basis der BDSM-Bewegung immer noch interessant sind. „Bei uns gibt es viele Aufpasser, Herren sowie Herrinnen und hier hat auch noch nie jemand behauptet, dass etwas aus dem Ruder gelaufen wäre", berichtet uns der Besitzer des Londoner Clubs Decadence. Diese Meinung ist in der BDSM-Szene der englischen Hauptstadt vorherrschend und viele der Mitglieder organisieren ihre Treffen mithilfe anonymer Internet-Foren wie etwa Fetlife (auch als „Fetisch-Facebook" bezeichnet).

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„Im Decadence finden die besten Play-Partys statt, bei denen auch alles sicher zugeht. Vielleicht machen manche Aktionen einen sehr extremen Eindruck, aber alles läuft im beidseitigen Einverständnis ab und jeder der Anwesenden kann damit umgehen, wenn eine Aufforderung oder Einladung abgelehnt wird", schreibt einer der User.

Dennoch ist Fetlife in Bezug auf die Beträge der User ziemlich streng—deshalb sollten manche Kommentare auch eher mit Vorsicht genossen werden. „Ganz ehrlich: Das Decadence war mal gut, aber die ganzen Stammgäste gehen inzwischen nicht mehr hin. Eigentlich ist es dort nur spaßig, wenn man eine Begleitung dabei hat", schreibt ein User in einer privaten Nachricht, nachdem er im eigentlichen Thread noch von dem Club geschwärmt hat. Ein anderer meint, dass das Decadence „seit Kurzem ziemlich nachlässt", fügt dann aber noch schnell hinzu: „Ich will hier allerdings auch nichts Schlechtes sagen, um nicht gesperrt zu werden!"

Eine solche Selbstzensur ist auf Fetlife häufig zu beobachten. Die Seite geriet auch wegen einer Vorschrift in die Kritik, die besagt, dass sich User nicht zu etwaigen Missbrauchstätern äußern und auch keine Mitglieder der Community beschämen dürfen. Jegliche Posts in diese Richtung werden automatisch gelöscht und die vielen Versuche, diese Vorschrift anzufechten, wurden stillschweigend ignoriert. Das alles ist Teil von John Bakus' (der Gründer von Fetlife) Verweigerung, mal ein bisschen Staub aufzuwirbeln.

„Auf der Seite ist es nicht erlaubt, andere Leute verbal anzugreifen. Unsere Community ist sehr klein und deshalb könnte man so alle seine Freunde verlieren", meinte er gegenüber Salon. „Wir leben in einer Gesellschaft, in der man unschuldig ist, bis die Schuld tatsächlich bewiesen wurde." Also steht das eigene gegen das Wort des Missbrauchstäters und im Fetlife-Forum wird über dieses Thema eifrig diskutiert.

„Außerhalb von Fetlife besteht das Recht auf freie Meinungsäußerung. Es gibt nichts, was die Opfer davon abhält, die Namen der Täter bei Munch-Treffen zu nennen oder sie laut in die Welt hinauszuposaunen", schreibt ein User ganz aufgebracht in einem Diskussions-Thread. Ein anderer behauptet: „Jeder muss als unschuldig angesehen werden, bis er oder sie von einem Gericht schuldig gesprochen wird—und nicht von einem wütenden Fetisch-Mob! Wenn das jemals zum Normalzustand werden sollte, dann bin ich raus. Nicht, weil ich mich irgendwie schuldig fühle, sondern weil ich mich schämen würde, Teil einer solchen Lynch-Gesellschaft zu sein."

Aber wie einfach ist es überhaupt, einen Fetisch-Missbrauchstäter vor Gericht zu bringen? In den USA sind in beidseitigem Einverständnis durchgeführte BDSM-Praktiken nicht explizit verboten, aber in einigen US-Bundesstaaten darf man bestimmte sadomasochistische Dinge nicht durchführen. Im Vereinigten Königreich erkennen Gerichte nicht an, das Körperverletzung einvernehmlich vonstatten gehen kann—deshalb kann dort nicht unterschieden werden, was nun schon Missbrauch darstellt und was noch zum eigentlichen Akt gehört. Und in Deutschland ist es so, dass mit gegenseitigem Einverständnis ausgeübte BDSM-Praktiken im Regelfall nicht strafbar sind.

Der Fetisch-Aktivist und Anwalt Thomas McAlauy Miller betont, dass Opfer vor allem in England und Wales oftmals stigmatisiert werden oder gar selbst vor Gericht landen können, wenn sie den Missbrauch bei der Polizei zur Anzeige bringen. „Es werden nur Fälle weiter untersucht, bei denen fotografische oder videografische Beweise vorliegen. Außerdem muss die körperliche Handlung so schlimm sein, dass die Geschworenen nicht mehr davon ausgehen können, dass das Ganze einvernehmlich geschehen ist", erklärt er.

Miller sorgt jedoch auch selbst für Gerechtigkeit und bringt die Namen von Fetisch-Missbrauchstäter mithilfe seines Blogs Yes Means Yes an die Öffentlichkeit. Er ist davon überzeugt, dass das derzeitige Rechtssystem für Anliegen dieser Art nicht wirklich geeignet ist. „Wie in aller Welt können wir davon ausgehen, dass unser System auch bei einer als Frau geborenen genderqueeren Person greift, die zwar damit einverstanden ist, angepisst und geschlagen zu werden, eine Penetration des vorderen Lochs aber ganz klar verweigert? Glaubt wirklich irgendjemand, dass ein Staatsanwalt, ein Richter und dazu noch Geschworene einen solchen Fall wirklich ernst nehmen würden? Würde wirklich jemand festlegen wollen, was genau vereinbart wurde und ob man diese Vereinbarung auch eingehalten hat?"

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Könnte die Szene in Zukunft einen Paradigmenwechsel durchmachen? „Absolut. Die Veränderung wird jedoch nicht die Form einer direkten Verbesserung haben", meint Miller. „Erst haben die Leute das Problem ignoriert, jetzt reden sie zumindest schon darüber. Das ist auf jeden Fall ein—wenn auch leider ein eher frustrierender und unangenehmer—Fortschritt." Währenddessen wurde Miss Jackie aufgrund des Brechens ihres Schweigens fast aus der Community geworfen. Von ihrem Kurs will sie deswegen jedoch nicht abweichen.

„Es gibt auch andere Leute, die dagegen ankämpfen", erzählt sie mir. „Eine Munch-Organisatorin unternimmt zum Beispiel schon seit zwei oder drei Jahren etwas gegen Fetisch-Missbrauchstäter. Das Ganze mutet jedoch eher wie ein Guerilla-Krieg an! Sie veranstaltet einen anderen Munch und die Community macht ihn wieder kaputt. Also geht sie in die nächste Stadt." Besagte Munch-Organisatorin, die lieber anonym bleiben will, wird jetzt von einigen Club- und Barbesitzern unterstützt, die ihre Veranstaltungen finanzieren.

Derzeit versucht die Community, sich so gut wie möglich selbst zu kontrollieren. Consent Counts ist ein Netzwerk von Fetisch-Aktivisten, die es sich zum Ziel gesetzt haben, für Recht und Ordnung zu sorgen, einen Dialog zu starten und in der Szene ein ethisches System der Sorgsamkeit einzuführen. „Die BDSM-Subkultur braucht ethische Grundlagen, die besagen, dass wir auf uns und auf andere Mitglieder der Community achtgeben. Das können wir nur mit gemeinsamen Bemühungen und einem Unterstützer-Netzwerk erreichen", erklärt ein Sprecher. „Das wirkt zum einen abschreckend und zum anderen wird potenziellen Missbrauchstätern so gezeigt, dass ihr Verhalten nicht einfach so unter den Teppich gekehrt und vergessen wird. Eine kollektive Stimme ist viel mächtiger als die einer einzelnen Person."

*Namen geändert