Eigentlich dachte ich, ich schreibe für den ‚Spiegel‘

Wir haben den syrischen Schriftsteller Aboud Saeed gebeten, uns ein Kolumne zu schreiben. Dann hat er uns das hier geschickt.

|
19 November 2015, 9:00am

Foto: Privat

Im Frühjahr 2011 begann der Aufstand in Syrien, der sich schnell zu einem brutalen Bürgerkrieg entwickeln sollte. Ungefähr zur selben Zeit fing der Schmied Aboud Saeed an, auf Facebook sein Leben in der Stadt Manbidsch zu dokumentieren. Seine kurzen Einträge, die vor schwarzem Humor nur so strotzen, gefielen irgendwann so vielen Leuten, dass der deutsche Verlag mikrotext schließlich ein Ebook mit dem Namen „Der klügste Mensch im Facebook" daraus machte (das später auch als Taschenbuch erschien). Anfang 2014 beantragte Saeed Asyl in Deutschland, seitdem lebt er in Berlin. Wir würden Aboud nie als die Stimme der syrischen Flüchtlinge in Deutschland bezeichnen (vor allem, weil er uns verprügeln würde), aber weil wir seine Texte großartig finden, haben wir ihn gefragt, ob er eine Kolumne für uns schreiben will. Darauf hat er uns das hier geschickt.

*

Beim Checken meiner Facebook-Inbox fand ich eine Nachricht von meiner Verlegerin Nikola Richter: „Aboud! Ich habe gute Neuigkeiten für dich. Eine berühmte, wichtige Zeitschrift will, dass du jede Woche einen Text für sie schreibst. Ich muss jetzt schnell zu meiner Mutter. Später schreibe ich dir Genaueres."

Stunde um Stunde wartete ich ungeduldig darauf, dass Nikola mir den Rest erzählen würde.

Sie aber ließ sich fast zwei ganze Tage lang nicht blicken. Unterdessen versäumte ich keine Gelegenheit, jedem einzelnen Menschen, der mir auch nur „Hi, wie geht's?" schrieb, sofort zu unterbreiten, dass ich ab jetzt jede Woche für eine berühmte deutsche Zeitschrift schreiben werde.

Meinen Eltern, die in der Türkei leben, erzählte ich, ich hätte einen Vertrag mit der allergrößten Zeitschrift Deutschlands unterschrieben. „Wie heißt denn diese Zeitschrift?", wollten sie wissen. Schnell ging ich auf Facebook, um nachzusehen, ob mir Nikola vielleicht inzwischen den Namen geschrieben hatte. Immer noch nichts. Also sagte ich meinen Eltern: „Der Spiegel." Augenblicklich erfüllten Freudenschreie und -jauchzer das ganze Haus. Sie gratulierten mir und sagten: „Der Spiegel! Das ist, was dir wirklich gebührt!"

Ich rief schnell meine Freundin an, mit der ich in Berlin zusammenwohne: „Hey, gratuliere mir! Ab jetzt werde ich für eine große deutsche Zeitschrift schreiben!" Als sie mich nach dem Namen fragte, sagte ich wieder: „Der Spiegel." Bald erhielt Nachrichten von meinen in den Nachbarländern lebenden Freunden, beispielsweise aus Schweden und Holland: „Herzlichen Glückwunsch! Wow, Der Spiegel!"

Wieder suchte ich in meiner Facebook-Inbox nach Neuigkeiten von Nikola. Verflixt. Nikola war wohl noch immer bei ihrer Mutter. Also setzte ich mich hin und beschloss, Nägel mit Köpfen zu machen.

Ich erstellte eine neue Word-Datei auf dem Desktop meines Laptops und nannte sie „Der Spiegel". Dann notierte ich mir schon einmal die Themen, die ich für den Spiegel schreiben würde. Zufrieden sagte zu mir selbst: „Jetzt ist es soweit. Jetzt habe ich meine Freifläche gefunden. Hier werde ich den Wurm freilassen, der in meinem Kopf herumwühlt. Hier werde ich meine Freiheit kreuz und quer ausleben. Ich werde ihnen vom Muslim im Joyclub erzählen. Und von meinem Freund Mohammad, der in meinem Posteingang auf Facebook ums Leben gekommen ist. Von der Grenze, die ich überquert habe, während ich meinen Laptop und die Pussy meiner Freundin fest an mich presste. Über meinen Nachbarn David, den der erste Buchstabe des Worts „Freedom" 750 Euro und 22 Tage Gefängnis gekostet hat. Hier werde ich mich entladen. Wörterdurchfall. Hier, im Spiegel, werde ich meine Freiheit auskosten und die Leser mit Kartoffeln und meinen albernen Texten bewerfen."

Noch immer war kein Update von Nikola in meiner Inbox. Ich war aber inzwischen schon soweit, zu denken: „Sollte ich eines Tages Vater werden, werde ich mein Kind Der Spiegel nennen."

Später, am Abend, ging ich in eine Bar und lernte ein Mädchen kennen. Ich war es, der sie als Erstes fragte: „Und, was arbeitest du?"—Nicht etwa, weil ich mich für ihre Arbeit interessierte, sondern lediglich, damit sie mich im Anschluss fragen würde: „Und du?", worauf ich ihr sagen würde: „Ich schreibe für den Spiegel."

Das Mädchen trank mit mir drei Flaschen Bier, auf meine Rechnung. Dann tanzte sie ein wenig mit mir, erlaubte mir jedoch nicht, meinen Arm unter dem Vorwand des Tanzens um ihre Hüfte zu legen, und schließlich ging sie weg. Es war mir nicht geglückt, sie zu verführen, trotz Spiegel.

Enttäuscht ging ich nach Hause. Ich öffnete meine Inbox, und siehe da, eine Nachricht von Nikola: „Aboud! Die Zeitschrift heißt VICE Magazine."

Aus dem Arabischen von Sandra Hetzl.

Syronics ist eine legendäre syrische Elektronik-Firma der Achtziger, die unter anderem Fernseher herstellte. Ab jetzt wird Aboud Seed hier jeden Donnerstag über sein Leben, seine Gedanken und seine Mutter schreiben.

Mehr VICE
VICE-Kanäle