Ukrainer, Russen und kein Krieg: Ein Rave in Odessa

Bürgerkrieg hin oder her: Junge Ukrainer und Russen wollen lieber zusammen feiern als gegeneinander zu kämpfen.

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27 November 2015, 2:20pm

Fotos: Kristina Podobed

Meine Heimat, die Hafenstadt Odessa, steht im Ruf die schönste und wärmste Stadt der Ukraine zu sein. Doch momentan ist Winter und für diese Novembernacht wurde sogar eine Sturmwarnung herausgegeben—aber den Leuten, die zur Underground-Technoparty der Veranstaltungsreihe Systema kamen, war das ziemlich egal.

In einer 1896 ursprünglich für die Offiziere der Marine erbauten Galahalle, durch deren Fenster eisiger Ostwind pfiff, feierten beinahe 400 junge Leute ihre Existenz. Die meisten von ihnen legten dabei erstaunlich viel Wert auf „gute Musik". Es war also keines dieser Events, bei denen 48 Stunden zu dumpfen Technosamples auf dem Holzboden gestampft wurde. Dabei ist das entspannte Odessa eigentlich nicht für anspruchsvolle elektronische Musik bekannt. Wie so vieles scheint sich auch das langsam zu verändern.

Und ja—dann wäre da noch diese politische Sache. Die Organisatoren von Systema, die Künstler, sei es Buttechno oder Wulffius, und auch meine Wenigkeit sind im Grunde sehr apolitische Kreaturen. Aber der Zeitgeist verlangt es, darüber zu schreiben. Es wäre anmaßend die Veranstaltung ein „versöhnendes, musikalisches Event" zu nennen, aber vielleicht war sie das auf irgendeine Art und Weise. Denn heutzutage treffen sich junge Ukrainer, Russen und Bewohner der Krim kaum noch, um friedlich miteinander abzuhängen und zu lachen.

Auch diesmal war es nicht einfach, alle an einem Ort zu versammeln. Die Organisatoren mussten unter anderem notariell beglaubigte Einladungen für russische Musiker ausstellen—was keine Garantie für eine Einreise in die Ukraine bedeutet. Auch Leute, die von der Krim aus anreisten, mussten eine Grenze überqueren, die vor zwei Jahren noch gar nicht existierte. Und entgegen der allgemein herrschenden Feindseligkeit—die ohnehin größtenteils von den Medien proklamiert wird—hatte auf der Party niemand ein Problem mit Russen, Ukrainern oder dem internationalen Line-up. Nicht einmal meine ehemalige Klassenkameradin, die inzwischen eine bekannte pro-ukrainische Aktivistin ist.

Der DJ, der darauf besteht, Musiker genannt zu werden, lebte früher in der Ukraine. Heute in Russland—auf der Krim.

Das ist nicht etwa ein verwirrter Gast. Das ist der Barkeeper. Ein Glas Whiskey Cola schlägt mit zwei bis drei Euro zu Buche.

Das Denim-Trio war ein bisschen schüchtern. Vielleicht war es die erste Party ihres Lebens.

Hinter dem durstigen Kerl hängen noch die Porträts der sowjetischen Kriegsveteranen, die hier früher gefeiert haben.

„Nicht Rauchen!", steht da geschrieben. Von Küssen steht da nichts.