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Mode

Das wohl größte Skinhead-Archiv der Welt

Rassismus, Homosexualität, Musik, Prügeleien, Dogmen und Authentizität. Toby Motts Bildband bildet eine umfassende Übersicht über die Skinhead-Szene ab.

von Amelia Abraham
05 Januar 2015, 11:50am

Man versteht schnell, wieso der Künstler und Sammler Toby Mott so begeistert von der Skinhead-Kultur ist. Sie existiert bereits seit mehreren Jahrzehnten, durchlebte schon verschiedene Blütezeiten und ist—im Großen und Ganzen betrachtet—geprägt von einigen verwirrenden Gegensätzen.

Hier einige Beispiele: Wenn jamaikanische Rude-Boys und Rocksteady-Musik die frühen Skinheads beeinflusst haben, wieso wurden die späteren Skinheads dann vor allem durch ihre rassistische Propaganda definiert? Wenn Skinheads mit Rechtsextremismus in Verbindung gebracht wurden, wieso haben dann große Teile der Homosexuellen-Community ihren Look übernommen? Wenn es bei Skinheads vornehmlich um Arbeiterklassen-Authentizität und Männlichkeit geht, wieso ist die Bewegung dann so pingelig, wenn es um Mode und Ästhetik geht?

Diese Themen werden alle in einem neuen Buch namens Skinhead - An Archive angesprochen. Hierbei handelt es sich um eine Zusammenstellung von Skinhead-Ephemera—von Toby über die Jahre hinweg gesammelt, von Ditto Press liebevoll aufbereitet und von Jamie Reid entworfen. Das Buch konzentriert sich vor allem auf die vom Punk beeinflussten Skinhead-Revivals der späten 70er und 80er Jahre, aber auch die Wurzeln im England der 60er werden nicht außer Acht gelassen. Mit unzähligen Fanzines, Postern, Fotos und Flyern handelt es sich hierbei wohl um das umfassendste Skinhead-Archiv, das man kaufen kann. Wir haben mit Toby über die Entstehung von Skinhead - An Archive gesprochen.

VICE: Hey Toby! Wie bist du mit der Skinhead-Szene in Berührung gekommen?
Toby Mott: Nun ja, in den 70er Jahren war ich einer dieser Mittelschicht-Künstler-Punks. Damals war das Tolle an Punk, dass das Ganze ein Schmelztiegel war, in dem deine Herkunft und deine Hautfarbe keine Rolle spielten. Die meisten involvierten Jugendlichen rebellierten gegen etwas oder hatten irgendwelche Probleme—in Punk fanden wir einfach ein Zuhause. Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre teilte sich die Punk-Szene in die linken Kunststudenten-Punks und die Skinhead-Kultur. Beide Szenen waren Subkulturen, die von Margaret Thatcher verteufelt wurden, aber ich würde sagen, dass sich die Skinheads allgemein gesprochen eher im politisch rechten Spektrum einordneten.

In der Punk-Szene gab es mehr kreativen Freiraum, während sich die Skinheads einer viel strengeren Identität zuordneten. Angeblich wurden sie von den originalen Arbeiterklasse-Skinheads der 60er Jahre inspiriert, aber das Ganze wurde viel mehr fetischisiert. Wenn du das Buch liest, dann wird dir auffallen, dass es bei den Skinheads der späten 60er und frühen 70er Jahre viel mehr Interpretationsspielraum gab. Als das Ganze in den 80ern ein Comeback feierte, war alles genau festgelegt—von der Breite der Hosenträger über den Hosenaufschlag bis hin zur Löcheranzahl deiner Doc Martens.

Was hat dich dann an diesen Menschen fasziniert, wenn du nicht wirklich einer von ihnen warst?
Wenn du dich im Großbritannien der 80er Jahre als Skinhead bezeichnen wolltest, musstest du dir erstmal die richtige Kleidung kaufen und dich an ein sehr strenges Regelwerk halten. Egal ob du nun links, rechts, homosexuell oder was auch immer warst—die strikte Auslegung dieser gewählten Identität war immer die gleiche. Das Wort „Authentizität" fasst das alles sehr gut zusammen. Ihr gemeinsames Ziel war das Dasein als authentischer Skinhead und dieses Streben machte mich so neugierig.

Einige Skinheads hatten eine doch ziemlich rechtsradikale Einstellung, während Punks wie du dem linken Spektrum zuzuordnen waren. Gab es da nicht ein gewisses Konfliktpotenzial?
Ja. Punks waren immer dem Risiko ausgesetzt, von Soul-Boys, Teddy-Boys oder schließlich von Skinheads angegriffen zu werden. Letztgenannte waren dabei für ihre Gewalt und Aggressivität berüchtigt. Die Skinheads der 80er Jahre hatten ihre Wurzeln zwar im Punk und es gab auch einige Bands wie Sham 69, die Elemente aus der Punk- und der Skinhead-Szene verwendeten, aber letztendlich wurden wir doch zu Feinden.

Im Buch findest du auch ein Essay, in dem ich darüber schreibe, wie ich Opfer von Skinhead-Gewalt wurde. Rückblickend habe ich dazu jedoch nur noch eins zu sagen: Es ging zwar schon sehr brutal zu, aber gestorben ist niemand. Mit 16 Jahren bin ich viel gerannt und musste aus fahrenden Bussen flüchten. Damals waren ganze Gruppen Jugendlicher am Wegrennen, es war wirklich komisch.

Wie bist du bei dem ganzen Wegrennen dazu gekommen, Skinhead-Ephemera zu sammeln?
Als Teenager bin ich auf Konzerte von Bands wie Ruts DC oder Adam and The Ants gegangen und das Publikum bestand nur aus 15- oder 16-jährigen Kids. Dort wurde auch selbstgedrucktes Zeug verteilt. Ich meine, ich habe im Grunde Papier gesammelt. Zwar gab es auch ab und an mal eine Schallplatte und so weiter, aber letztendlich ging es vor allem um die Leute, die etwas druckten und das Ganze dann in einer Zeit vor dem Internet unter die Leute brachten.

Welche Dinge haben dich dabei besonders interessiert?
Ich habe gleichzeitig linke und rechte Drucksachen gesammelt. Wir waren politisch sehr engagiert, auch wenn wir vielleicht ziemlich primitive Ansichten hatten. Ich war zwar links, aber dort, wo ich abhing, wurden auch Flugblätter der Partei British Movement verteilt. Das Ganze war eigentlich total sinnlos, weil wir ja noch nicht mal wählen durften. Die Skinheads haben trotzdem so Sachen wie Bulldog unter die Leute gebracht—ich weiß nicht, ob man das überhaupt als Zeitschrift bezeichnen kann, es war auf jeden Fall eine Veröffentlichung der National Front, die auf Schüler abzielte. Ich habe den ganzen Kram behalten, weil mich das immer fasziniert hat—also die Dinge an sich, nicht die Überzeugungen dahinter.

Was waren neben den politischen Ansichten weitere Unterschiede zwischen Punk- und Skinhead-Ephemera?
Nun ja, es gab einfach viel weniger Skinhead-Zeug, weil sie sich visuell gesehen nicht so gut ausdrücken konnten. Ihre Sachen waren viel einfacher gehalten, weil diese Kunstschuleneinstellung des Punks gefehlt hat. Beim Punk war ein bestimmter Grad an Wissen vorhanden und man bezog sich auf John Heartfield- oder Dada-Collagen. So etwas gab es bei den Skinheads nicht wirklich, weil sie authentische Mitglieder der Arbeiterklasse waren und dazu so etwas wie das Streben nach einer künstlerischen Karriere und so weiter ablehnten.

Ich finde es interessant, dass die Skinhead-Bewegung immer dem rechten Spektrum zugeordnet wird, der dazugehörige Look aber in bestimmten Kreisen der Homosexuellen-Community recht schnell übernommen wurde. Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür?
Über dieses Thema wird sogar auf akademischer Ebene diskutiert, aber schau dir doch mal diesen Teil der Schwulen-Kultur an, also die ledertragenden Männer und The Village People: Meiner Meinung nach ist der starke, maskuline Mann für diese Schwulen eine Art Idealbild. In den 70er Jahren gab es auf der ganzen Welt einen bestimmten Typ Homosexuellen, den sogenannten „Castro Clone": Zu diesem Look gehörte ein Schnurrbart, eine Ledermütze, ein weißes T-Shirt, eine schwarze Lederjacke, eine schwarze Lederhose und dazu noch Stiefel. Die jungen Schwulen des Vereinigten Königreichs konnten sich damit jedoch nicht wirklich identifizieren. Sie hörten vermutlich ihre eigene Musik, zum Beispiel Bronski Beat, und wollten sich dabei wie Skinheads anziehen—genauso wie Bronski Beats-Sänger Jimmy Somerville, der ebenfalls schwul ist.

Das ist schon richtig außergewöhnlich: Das Outfit des Gegners wird übernommen und zweckentfremdet. Skinheads waren also zuerst Leute, vor denen Homosexuelle Angst haben mussten, und zwei Jahre später hingen in London plötzlich Hunderte Skinheads herum, die alle schwul waren.

Ziemlich clever.
Ja, das stimmt. Und dann hatte noch Nicky Crane—verurteilter Rassist, wichtiger Mann bei British Movement und der berüchtigste Skinhead aller Zeiten—sein Coming-Out. Das war total bizarr, weil eben einige der schwulen Skinheads eigentlich auch rechts waren.

Selbst die Skinheads, die sich nicht öffentlich zu ihrer Homosexualität bekannten, hatten irgendwie etwas ziemlich Schwules an sich. Sie nannten es Arbeiterklassen-Eitelkeit, weil die meisten eitlen Typen auch ziemlich weltmännisch sind und einige Skinheads eben sehr viel Wert auf ihre Kleidung legten. In den Fanzines wird ein sehr strenger Dress-Code vorgegeben. Zuvor waren Männer noch nicht so sehr an Klamotten interessiert gewesen.

Wie kam es nach dieser ganzen Zeit zur Entstehung des Buches?
Ich besitze 3750 Teile an Punk- und Skinhead-Werken. Das Meiste davon stammt aus der Zeit von 1976 bis 1980. Es hat 18 Monate gedauert, das ganze Material durchzugehen—keine leichte Aufgabe, denn wir wollten wirklich alle Seiten der Bewegung darstellen. Weißt du, wir haben alles mit einbezogen: die frühesten, zögerlichen Anfänge, die Revivals, die Frauen, die internationale Bewegung, die Antirassisten und die Gegenseite. Unser Ziel war es, wirklich jeden Aspekt zu beleuchten.

Meiner Meinung nach haben wir etwas erschaffen, das diese Geschichte auf eine objektive und neutrale Art und Weise erzählt. Natürlich sind auch Dinge enthalten, die man schon als verwerflich bezeichnen kann und wir teilen solche Ansichten und Meinungen auf keinen Fall. Wir wollen hier niemandem vor den Kopf stoßen, wir wollen einfach nur unsere gesammelten Sachen präsentieren.

Hierbei handelt es sich um das erste Buch dieser Art. Es gibt viele Fotobücher über Skinheads, weil man sich als angehender Fotograf oft in irgendeine Subkultur stürzt, egal ob nun Weltenbummler, Raver oder eben Skinheads. Nick Knight hat sich damals Letztgenannte ausgesucht und eine Art Vorlage geschaffen. Viele Fotobücher sollten dem folgen. Bei unserem Werk handelt es sich jedoch um ein Buch über die von Skinheads geschaffenen Ephemera. Die Geschichte dieser Szene wird von den Anhängern selbst erzählt, und nicht von irgendeinem Außenstehenden.

‚Skinhead - An Archive' kann bei Ditto Press bestellt werden. Hier folgen jetzt noch weitere Stücke aus Tobys Sammlung.