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Mit Crystal Meth überleben ostdeutsche Köche in der Schweiz

Unter den Saisonköchen in den Alpen und Voralpen wird Crystal Meth als Arbeitsdurchhalte-Droge immer beliebter.

von Felix Saible
12 Dezember 2014, 2:33pm

Foto von Felix Saible

​Auch Nicht-Esoteriker wissen spätestens durch Wannabe-Sophisticated-Movies wie L.A. Crash, die an Pärchenabenden gerne diskutiert werden, dass menschliche Schicksale miteinander verwoben und auf unterschiedlichste Weise miteinander verknüpft sind.

Vor ein paar Monaten half ich einer Freundin aus ihrer Beziehungskrise, was in ihrem Fall bedeutete, sie von ihrem damaligen Freund loszubekommen und von einem Singleleben zu überzeugen, das ich selbst gar nicht führe. Inmitten einer Afterwork-Party bekomme ich dann zu hören, dass ​Crystal ​Meth das neue Ding unter ostdeutschen Saisonarbeitern—vornehmlich Köchen—sein soll, und zwei große Augen fragen mich nach meiner Einschätzung. 

Wie ich weiter erfahre, haben offizielle Stellen die Gefahr eines Überschwappens aus dem deutschen Nachbarland ​bereits auf dem Radar.


Foto von Felix Saible​

Später am Abend gebe ich die Frage an einen Gelegenheitsdealer weiter, der ebenfalls als Koch angefangen hat und mir versichert, dass seinerzeit nur Koks und Amphetamine, hauptsächlich Speed, in der Küche angesagt waren. 

Spezielle Offerten des Souschefs: Koksbuffets in Kellerräumen zur konzentrierten Abrechnung und Hoteldirektoren, die mit einem „szenetypischen Päckchen" morgens zur Arbeit erschienen, seien in seiner Lehrzeit am Engelberg an der Tagesordnung gewesen. Als Exildeutscher bekomme ich jetzt zum ersten Mal eine Vorstellung davon, welche Auswirkungen johlende und skifahrende Touristenmassen mit sich bringen, und ich empfehle meinen Landsmännern seitdem, Pausenbrote auf die Piste mitzunehmen—der lieben Küchenmitarbeiter wegen.


Foto: ​Psychonaut | ​Wikimedia Commons | ​Public Domain​

Zu guter Letzt bestätigt er jedoch, dass auch ​ihm der K​onsum von Crystal seit geraumer Zeit bekannt ist—ebenfalls vornehmlich unter Ostdeutschen und speziell unter Ostberlinern, was in Relation ​zu deren Auswanderungsanteil im Vergleich zu anderen „Ostlern" ja auch Sinn macht. Statistics never lie! 

Spontan erinnert er sich an einen alten Kollegen, ich nenne ihn Arnold, der „etwas außerhalb" eine Wohnung besitze und wohl immer gut ausgestattet gewesen sei. Zum Abschied fragt er mich nach meiner Wohnsituation und bietet mir an, auf seine Kosten eine Indoorplantage in meinem Wohnzimmer einzurichten („Dachgeschosswohnungen eignen sich am besten, weißt du?") und mich an den Einnahmen zu beteiligen, was ich dankend ablehne.

Da Altes bekanntlich zerbricht und woanders gleichzeitig Neues entsteht, ergeben sich just zur selben Zeit neue Konstellationen im Liebesleben eines WG-Mitglieds: Das neue „Gspändli" hört mir bei Ausführung meiner These—ostdeutsche Köche und ihre Rolle als Crystal-„Influentials"—aufmerksam zu und hat mir beim übernächsten Mal „eine Kleinigkeit mitgebracht". 

Crystal sei OK im Gastrobetrieb, doch müsse man eben immer wieder nachziehen. Rauchen als Konsumform sei indes weniger verbreitet, da die Wirkung dann nicht so lange anhalte („Und weil du in einer Küche einfach schlecht rauchen kannst!").


Foto von Felix Saible​

Er zieht Nikotin stattdessen Amphetaminpaste vor und zeigt mir zur Demonstration ein kleines Stück Knetmasse, das einen stechenden Geruch entfaltet: „Der Vorteil besteht darin, dass du analog zum Abdruckmachen beim Zahnarzt nur draufbeißen musst und die Masse bleibt zwischen deinen Zähnen und zergeht mit der Zeit." Die Wirkungsdauer lasse sich dementsprechend hinauszögern.

Wo die Liebe hinfällt, denke ich mir und frage ihn nach Arnold, der ihm ein Begriff ist, den er aber schon länger nicht mehr gesehen hat. Beim Hinausgehen werde ich von ihm angehauen, mir zu überlegen, ob ich zusammen mit ihm nicht eine Pilzzucht in unserem leerstehenden Wohnzimmer aufziehen wolle—Crystal bleibe für ihn weiterhin ein Randprodukt. Ich lehne abermals dankend ab und gehe ins Bett.


Foto: ​Andre Charland | ​Flickr | ​CC BY 2.0​

Am nächsten Wochenende spreche ich mit einem Kollegen über meine Erlebnisse, ebenfalls ein Koch ostdeutscher Herkunft. Auch er kennt Arnold. Kurze Zeit später stehen wir in der Küche eines stadtbekannten Restaurants und ich bestaune den Vorrat einiger Mitarbeiter, die ihre Ware in einem alten Tiefkühlfach bereithalten.


Foto von Felix Saible​

Das könne er verstehen, bekomme ich zu hören, es gebe eben teilweise eine enorme Arbeitsbelastung. Zudem werde es mittlerweile längst lokal angeboten. In meinem Kopf verdeutlichen sich nochmals die sozialen und gesundheitlichen Effekte des modernen Massentourismus, die ich aber in diesem Moment nicht laut ausdiskutieren möchte. Von Crystal Meth und seiner Verbreitung habe ich vorerst genug gehört.

Arnold habe ich in dieser Zeit nie getroffen, aber ich kann mich vage daran erinnern, dass wir uns beim Feiern bereits letztes Jahr über den Weg gelaufen sind und er mich am nächsten Morgen in seine Wohnung im Grünen eingeladen hat.

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