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The True Crime Issue

Wer ist der Knochenjäger von West Mesa?

Ein zehn Jahre zurückliegendes Verbrechen zu untersuchen, bei dem die Polizei findet, dass die Opfer selbst schuld waren-nicht sehr reizvoll.
25.11.14

Arbeiter graben einen Tatort am Stadtrand von Albuquerque, New Mexico, aus, wo die Überreste von elf Leichen gefunden wurden. Foto von Sergio Salvador/AP

Die Story der West-Mesa-Morde beginnt auf einem Hochplateau in der Wüste, das sich bei Albuquerque, New Mexico, über dem Rio Grande erhebt. Verstreute Vororte und Trabantenstädte des sogenannten Sun Belt mit Namen wie Desert Spring Flower und Paradise Hill gehen in trockene Sandebenen und Trailerparks über, durch die einsame Steppenroller treiben. In diesem Teil West Mesas herrscht Ödnis. Es gibt einen städtischen Schießplatz, eine Rennstrecke und die Haftanstalt von Bernalillo County, das Metropolitan Detention Center.

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Und es gibt einen Tatort, an dem 2009 elf verweste Leichen in flachen Gräbern gefunden wurden.

Die Polizei Albuquerques brauchte Wochen, um alle Leichen zu finden, die auf einem 37 Hektar großen Stück Land, das einem Bauunternehmer gehörte, verstreut lagen—und fast ein Jahr, um alle Opfer zu identifizieren. Alle waren Frauen im Alter zwischen 15 und 32 Jahren und die meisten von ihnen Latinas. Die Frauen waren zwischen 2001 und 2005 verschwunden—lange bevor die Leichen entdeckt wurden. Zehn der elf Opfer waren erwiesenermaßen Prostituierte und Drogenabhängige, eine Tatsache, die die Polizei von Anfang an oft betonte. Eine der Frauen, die 22-jährige Michelle Valdez, war zum Zeitpunkt ihres Todes im vierten Monat schwanger. Das elfte Opfer, die 15-jährige Jamie Barela, war 2004 verschwunden. Sie war mit einer Cousine in den Park gegangen, wie ihre Mutter Reportern erzählte, und hatte das Haus verlassen, ohne ihren Ondulierstab auszustellen. Ihre Leiche wurde als letzte identifiziert. Ihre Cousine, die 27-jährige Evelyn Salazar, war zwei Monate zuvor identifiziert worden. Eine zweite 15-jährige, Syllania Edwards, eine Ausreißerin aus Lawton, Oklahoma, war das einzige afroamerikanische Opfer und das einzige mit Verbindungen über New Mexico hinaus.

Das Ganze war die grauenvollste Mordserie, die Albuquerque je erlebt hatte. Obwohl Serienmorde im Westen der USA keine Seltenheit sind, hatte man es in der größten Stadt New Mexicos noch nie zuvor mit etwas dieser Größenordnung zu tun. Die Polizei versprach den Familien der Opfer, dass die Aufklärung der Morde für sie oberste Priorität hatte, und zunächst schien dem auch so zu sein. Die Ermittlungsbehörden stellten ein Team aus Spitzendetektiven zusammen, zogen Fallanalytiker des FBI heran, und arbeiteten mit Strafverfolgungsbehörden im ganzen Staat zusammen, um herauszubekommen, wie die Gebeine der elf Frauen in der Wüste gelandet waren. In­zwischen sind fünf Jahre vergangen, seit die erste Leiche entdeckt wurde. Die Polizei hat immer noch keinen offiziellen Verdächtigen, und in Albuquerque erinnert man sich kaum noch an das, was einst als „das Verbrechen des Jahrhunderts" galt.

Fotos der elf West-Mesa-Opfer aus den Polizeiunterlagen.

„Die öffentliche Angst und Verunsicherung war weit weniger stark, als man hätte vermuten sollen. Es gab relativ wenige öffentliche Diskussionen", sagte Dirk Gibson, ein Professor an der University of New Mexico, der zwei Bücher über Serienmörder geschrieben hat. „Die Leute haben das Gefühl, dass es weit weg ist. Ein Gefühl der Distanz, sowohl im räumlichen wie im zeitlichen Sinne, hat dazu geführt, dass sich der Druck auf die Polizei in Grenzen hielt." Man muss aber auch zugeben, dass die Polizei sich nur auf sehr wenige Anhaltspunkte stützen konnte. Offiziell lautet die Todesursache aller elf Frauen „Körperverletzung mit Todesfolge", aber die Wahrheit ist, dass die medizinischen und forensischen Experten nicht mehr genau feststellen konnten, wie die Opfer zu Tode gekommen waren. Es fand sich kein einziger Zeuge, und es gab praktisch keine forensischen Fundstücke an den Grabstätten, was heißt, das es auch nichts gab, das die Opfer miteinander verband, außer ihrem gemeinsamen Grab und ihrem „riskanten Lebensstil".

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Es gab natürlich ein paar Hinweise. Anfang 2010 gab die Polizei Fotos von sieben Frauen heraus, von denen sie vermutete, dass sie mit den West-Mesa-Morden in Verbindung standen. Zwei dieser Frauen lebten noch, wie sich später herausstellte, und eine war anscheinend eines natürlichen Todes gestorben. Die Polizei hat sich nie dazu geäußert, woher die Fotos stamm­ten und ob die Spur zu irgendwelchen Erkenntnissen geführt hat. Später im selben Jahr begann George Walker, ein privater Ermittler, kryptische und höhnische Anrufe und Mails zu erhalten, in denen jemand behauptete, Informationen über den Killer zu haben. Aber auch diese Spur führte bislang zu nichts. Über die Jahre sind andere Namen in den Ermittlungen aufgetaucht, vor allem die örtlicher Zuhälter und bekannter gewalttätiger Ehemänner, von denen einige im Knast oder bereits tot sind—aber nichts hat sich als tragfähig erwiesen.

„Es kann gut sein, dass der Mörder herkam und wieder verschwunden ist. Serienmörder ziehen oft um; das ist der Grund, warum man sie oft nicht erwischt", sagte Walker. „Wenn er nicht in einem anderen Zusammenhang verhaftet worden ist, bin ich mir sicher, dass es irgendwo noch mehr Opfer gibt. Er könnte nach wie vor in New Mexico oder einem anderen Staat aktiv sein."

Die Ermittlungen haben die dunkle Seite Albuquerques enthüllt, einer verschlafenen Stadt im Südwesten der USA mit einer halben Million Einwohner, in der die Rate der Gewaltverbrechen doppelt so hoch ist wie im landesweiten Durchschnitt und in der Frauen mit einem „lockeren Lebenswandel" sich in Luft auflösen können, ohne dass es irgendein Schwein interessiert. 2007, zwei Jahre, bevor das Verbrechen entdeckt wurde, stellte ein Reporter aus Albuquerque bei Nachforschungen fest, dass der einzige für Vermisste verantwortliche Detektiv der Stadt die Namen von 16 Prostituierten zusammengetragen hatte, die hier zwischen 2001 und 2006 verschwunden waren—ein erstes Anzeichen eines Serienmordes. Aber für die Polizei war das anscheinend nicht mehr als eine Liste verschwundener Huren. Später wurden neun dieser Frauen in den Grabstätten in West Mesa entdeckt. Die Aufenthalts­orte der restlichen sieben sind nach wie vor unbekannt, was die Frage offen lässt, ob der Mörder noch an anderen Stellen Leichen vergraben hat—und ob er vielleicht noch immer unterwegs ist und Morde begeht. „Es scheint naheliegend, dass es mehr als eine Begräbnisstätte geben kann", sagte Gibson.

So schockierend die Serienmorde von West Mesa auch sein mögen, sind sie doch keineswegs ein Einzelfall. Obwohl die Anzahl der Serienmorde in den USA in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen ist, haben die, die dennoch stattfinden, überdurchschnittlich oft Frauen zum Opfer. Laut vom FBI 2011 veröffentlichten Statistiken sind 70 Prozent der Opfer von Serienmördern seit 1985 Frauen gewesen, die meisten von ihnen zwischen 20 und 30 Jahre alt. „Die Mehrzahl der Opfer von Mordserien sind für die Öffentlichkeit in gewisser Weise ‚weniger tot'—ihr Schicksal ist weniger interessant, weil sie Randgruppen der Bevölkerung angehören-in diesem Fall Drogenabhängige und Prostituierte", sagt Steven Egger, der an der University of Houston-Clear Lake in Texas Kriminologie unterrichtet und als Berater für das FBI gearbeitet hat.

Die Polizei in Albuquerque sagt, dass die Untersuchungen der West-Mesa-Serienmorde, die offiziell als die „118th Street Homicides" geführt werden, noch laufen. Die Detektive haben sich in den letzten Jahren nur extrem selten zum Stand der Untersuchungen geäußert und die Polizei­sprecherin der Stadt ist unserer Bitte um einen Kommentar für unseren Artikel nicht nachgekommen. In Ermangelung offizieller Details oder neuer Informationen haben alle ihre eigenen Theorien über den Knochenjäger von Albuquerque—die von korrupten Cops bis zu Drogengangs reichen.

Egal, wie die wahre Antwort lautet, es scheint klar, dass der oder die Mörder—und die Stadt Albuquerque selbst—in­zwischen mit anderen Dingen beschäftigt sind. „Die Bewohner der Stadt verspüren keine Verbindung zu den Opfern; sie halten sie nur für ein paar Drogenabhängige und Prostituierte", sagt Gibson. „Die finanzielle Lage der Polizei ist außerdem alles andere als rosig. Es gibt also wenig Geld und unendlich viele Verbrechen. Ein zehn Jahre zurückliegendes Verbrechen zu untersuchen, bei dem die Polizei findet, dass die Opfer selbst schuld waren-dafür besteht einfach kein Anreiz."