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(Halb-)Legale Räusche: Scharfe Gewürze

Früher habe ich mit einem Freund so viel Hot-Sauce-Pulver gegessen, dass Kirchtürme bunt leuchteten.

von Benjamin von Wyl
05 Dezember 2014, 8:00am

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben viele von uns in ihren rauschverliebten Jugendtagen das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs" aus—also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Heute haben wir scharfe Gewürze für euch. Ihr solltet das auf keinen Fall selber ausprobieren. Aber das merkt ihr schon, wenn ihr den Text lest.

Einer meiner ältesten Freunde ist ein vehementer Abstinenzler. Er führt seine Abneigung gegen jede Form klassischer Suchtmittel darauf zurück, dass er mal mit 12 Jahren nach einer ausgeuferten Silvester-Feier seinen Magen auspumpen lassen musste. Und deshalb versuchte er, seine ganzen Teenie-Jahre lang zu beweisen, wie gemütlich man seine Samstagabende auch mit einer Flasche Holunder-Wasser zwischen einem Pulk aus trinkenden Jazz-Jammern verbringen kann.

Aber komplette Abstinenz wäre komplette Bedürfnislosigkeit. Und mein Freund ist nicht bedürfnislos. Er liebt die Selbstverausgabung: Uns verbinden exzessive Joggingrouten, selbstmörderische, brachiale Bergabfahrten und „scharfe" Gewürze.

Foto: Gustavo da Cunha Pimenta | Flickr | CC BY 2.0

Eigentlich mag ich es nicht besonders scharf. „Echte" Thai-Gerichte haben mich schon zum Weinen gebracht. (Ein genussvolles Weinen.) Dabei ist jedes Gewürz, das üblicherweise dort drin landet zehn bis hundert Mal schwächer als das, was mein „vehementer Abstinenzler" und ich uns früher zugeführt haben.

Mehrere Jahre lang war er immer ausstaffiert mit mindestens einem Pülverchen, das er sich aus kleinen Kräuterläden zusammengesammelt hat. Meistens mit einer Schärfe zwischen 500.000 und 1.000.000 Scoville (mein gegenüber naturwissenschaftlichen Ordnungsprinzipien ignorantes Ich hat das meist zu „1.000 Mal schärfer als Tabasco" gemacht).

Wir haben das Pulver überall und zu allen möglichen Anlässen mitgenommen. Manchmal stand die Mutprobe im Vordergrund. Manchmal war es jugendliche Sucht nach Schmerz. Manchmal sollte uns das Pulver wecken. Manchmal sollte es Konversationen in Gang bringen. Manchmal sollte es Frauen mit Quiek-Stimmen vom Reden abhalten.

Foto: John Kim | Flickr | CC BY 2.0

Immer dabei war das Pulver an unseren Freitagabenden auf dem Kirchplatz in unserem Kaff. Und mehr als einmal begann der weiße Kirchturm zu fluoreszieren. Grün. Purpur. Grün. Purpur. Wie das Komplementärfarben-Spiel im Schulunterricht.

Natürlich kann das eigentlich kein echter psychoaktiver Effekt gewesen sein. Wir hatten wohl einfach zu viel Milligramm Scoville-TNT erwischt und das war die Art, wie unser Körper mit dem Schmerz umgegangen ist. Unser Verstand wollte uns sagen: „Hey, ich kann den Schmerzregler nicht noch weiter hochfahren. Aber du machst etwas, das deinem Körper nicht gut tut." Schon, aber so weit ist das Ganze auch nicht entfernt von all den Substanzwirkungen vom Nikotin-Flash bis zum Aga-Kröten lecken.

Gefährlich mit den scharfen Gewürzen wurde es ein einziges Mal: Vierzig Leute bei mir zu Hause. Mehr Scherben von Weingläsern als Dünger zwischen den Salatköpfen meiner Mutter. Ein Amokspurt von zwei Wahnsinnigen riss eine Schneise durch das Maisfeld hinter dem Haus meiner Mutter.

Der Motor vom Cocktailmixer war schon ausgestiegen. Und „Mola" (der sich schon in meinem Kratom-Rausch daneben benommen hatte) führte einem Betrunkenen ein Pulver mit 1.000.000 Scoville löffelweise zum Mund. Der wand sich erst vor Schmerzen, weinte und blieb dann liegen. Das fand niemand mehr lustig.

Dass diese Gewürze real gefährlich werden könnten, wurde mir ein paar Wochen später bei der Abschlussparty meines liebsten Abstinenzlers klar: Ich deponierte eine Pulverprise für vielleicht fünf Minuten auf meiner Handfläche. Am nächsten Morgen war die Stelle rot und entzündet. An diesem Abend war ein Mädchen da, das einen ganzen Teelöffel von dem Zeug ohne Schmerzen im Gaumen und Hals gegessen hatte. Am nächsten Morgen war ich in sie verliebt.


Titelbild: Quadell | Wikimedia Commons | CC BY 2.0

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