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Popkultur

Ist Ex-Big-Brother-Kandidat Jürgen der neue Lutz Bachmann?

Jürgen Milski hetzt mit rechten Parolen gegen Ausländer und wird von Tausenden gefeiert. Brauchen wir ein Facebook-Verbot für ehemalige Reality-Show-Teilnehmer?

von Lisa Ludwig
03 November 2015, 2:50pm

Foto: imago | Future Image

Manchmal, wenn man diese ganzen tumben Stammtischparolen gegen Flüchtlinge, Ausländer, Muslime und was dem besorgten deutschen „Volk" sonst noch so Angst machen soll, liest, fragt man sich: Wer glaubt das eigentlich? Diese Gruselgeschichten von den bösen, schwarzen Männern, die unsere Kinder (vor allem blonde Mädchen!) schänden, nachdem sie uns alle wahlweise unsere Jobs weggenommen oder sich auf unsere Kosten ein schönes Leben gemacht haben? Auf diese Frage gibt es nun endlich eine Antwort: Jürgen Milski, seines Zeichens Big Brother-Kandidat der allerersten Stunde, ehemaliger 9Live-Moderator und jetzt vor allem Schlagersänger. Scheinbar mit eher überschaubarem Erfolg, sonst hätten wir die Namen seine Hits der letzten Jahre („Heute fährt die 18 bis zum Aprés Ski", „Wir haben Mallorca überlebt", „Zwanzigvierzehn") nicht auf Wikipedia nachschlagen müssen.

Fast hätten wir vergessen, dass der gute Jürgen überhaupt noch Teil des öffentlichen Diskurses ist, hätte er am Wochenende nicht einen Facebook-Post verfasst, der neben konsequenter Großschreibung (die wir aus Lesbarkeitsgründen nicht übernehmen) vor allem durch eines beeindruckt: ausgesprochene Dümmlichkeit. Und damit meinen wir nicht seine offenkundige Ablehnung gegen Kommata.

„Ich könnte grade kotzen !!" heißt es auf seiner Seite, über die rund 33.000 Fans das Leben des Schlagerbarden verfolgen. „Wenn ich in Köln bin fahre ich fast jeden Tag am Rhein entlang zum Sport ... Seit vielen Jahren beobachte ich wie Menschen die hier bei uns in Deutschland Gastrecht genießen wie sie unter der Hohenzollernbrücke Drogen verkaufen ... !!!!" Die Ausrufezeichen legen es nah: Da ist jemand wirklich sehr wütend. Weil „NICHTS!!!!" dagegen unternommen wird. „Dieses Dealer Pack bezieht Sozialhilfe von unseren Steuergeldern und verkauft an unsere Kinder Drogen!!!"

An dieser Stelle hält man als ebenso irritierter wie interessierter Leser kurz inne: Woher weiß Jürgen das alles? Dass die Dealer „Gastrecht genießen" und nicht—ich weiß, verrückte Idee—im Besitz einer permanenten Aufenthaltsgenehmigung oder sogar der deutschen Staatsbürgerschaft sind? Nimmt er das automatisch an, weil sich in rechten Kreisen gerade sowieso so gerne über „Asylbetrüger" aufgeregt wird? Oder behauptet er das, weil Flüchtlinge ein Thema sind, mit dem man sehr viel Aufmerksamkeit generieren kann (auch wenn man nur ein semi-erfolgreicher Schlagersänger ist)? Das mit der „Sozialhilfe von Steuergeldern" passt da natürlich auch ganz gut ins rechtspopulistisch propagierte Bild des bösen Ausländers, der die guten Deutschen nach Strich und Faden verarscht. Und wenn er wirklich so oft und offenkundig auch sehr langsam an der Hohenzollernbrücke vorbeifährt und dabei regelmäßig beobachtet, wie Kriminelle illegale Substanzen an „unsere Kinder" verkaufen—warum ruft er dann nicht verdammt nochmal die Polizei? Ist er dann nicht genau die Art von Person, die er anprangert, weil sie „NICHTS!!!!" unternimmt?

„Was wollen wir uns eigentlich noch alles gefallen lassen???", fragt Jürgen dann bewusst rhetorisch und liefert direkt die Antwort mit: natürlich nichts. In seinen Augen ist es Zeit, etwas zu tun. „Gemeinsam sind wir stark ... !! Fahrt hin ...Schaut es euch an und schreibt mir was ihr davon haltet!!" Ein Schelm, wer böses dabei denkt und dem armen Jürgen unterstellt, dass er den hysterischen Internetmob erst aufwiegelt, um ihn anschließend zur Selbstjustiz aufzurufen, weil ja sonst niemand was tut—oder? Tatsächlich ist es aber genau das, was der Großteil der 20.000 Leute, die den Post geliket, und die 8000, die in geteilt haben, wahrscheinlich verstehen wollen. Eine Legitimation dazu, mit den besten Kumpels, denen es auch reicht und die sich nichts mehr „gefallen lassen" wollen, loszuziehen und ein bisschen auf kriminelle Asylanten einzuprügeln, die sich von unseren Steuergeldern Drogen besorgen, um sie anschließend an Minderjährige zu verkaufen. Oder zumindest sagen zu können: Guckt mal, der Jürgen, der ist im Fernsehen, und der findet das auch nicht richtig, dass wir die alle in unser Land lassen.

„Und nun können mich diese verblödeten Gutmenschen mich wieder als Nazi betiteln!!", schreibt der Moderator zum Schluss, bevor er die Nationalitäten seiner ausländischen Freunde, die sich über solche Vorwürfe „kaputt" lachen würden, aufzählt (interessanterweise der einzige Teil des Posts, der nicht in Großbuchstaben verfasst ist).

Noisey: Rechtsradikale versuchen, Deutschrap für sich zu vereinnahmen

Lieber Jürgen: Diesen Gefallen tun wir dir nicht. Das wäre zu einfach. Allein deine folgenden Posts, in denen du dich als „Löwe" stilisierst, den es nicht interessiert, „was Schafe über ihn denken", oder in denen du dich fragst, was in den Köpfen der vereinzelten „Geisteskranken", die dich „in die rechte Schublade" stecken wollen, vorgeht, implizieren nämlich: Dir geht es einzig und alleine um Aufmerksamkeit. Du kokettierst mit rechtem Gedankengut und nutzt rechte Rhetorik, um Sympathie bei der Art von deutschtümelnden Herdentieren zu schüren, die vielleicht auch bereit sind, Geld für Platten namens „Deutschland ist der geilste Club der Welt" oder „Wir fahren bis nach Polen" auszugeben. Oder, und das wäre ähnlich traurig: Du bist nicht clever genug, um zu verstehen, was du da eigentlich in die Welt hinausbrüllst. Trotz all den Jahren in der Öffentlichkeit und sicherlich einem Grundverständnis dafür, was man mit solchen Aussagen anrichten kann.

Was Lisa sonst noch fragwürdig findet, erfahrt ihr auf Twitter.


Titelfoto: imago | Future Image