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In Australien ist Magic-Mushroom-Saison

Und deshalb bin ich mit einem Experten auf Pilzsuche gegangen.
15.6.15

Es war ein kühler Morgen, als ich mich mit Alf zur Pilzsuche traf. Er meinte, dass die Voraussetzungen perfekt seien, da die Pilze nur einmal im Jahr wachsen und sie dafür eine ganz bestimmte Luftfeuchtigkeit sowie ein spezielle Temperatur brauchen. Da ich mich in Sachen pflanzliche Drogen noch nicht wirklich auskannte, wollte Alf mir eine kleine Einführung geben.

Magic Mushrooms enthalten das Halluzinogen Psilocybin, das nach dem Konsum die Gehirnaktivität im präfrontalen Cortex herunterfährt—also in dem Teil des Gehirns, in dem unser Ich-Bewusstsein liegen soll. 2011 entdeckte der britische Forscher Robin Carhart-Harris diese Wirkung und die dazugehörige Studie wird auch heute noch als führend angesehen. Carhart-Harris kam zu folgendem Schluss: Wenn die Fähigkeit des Gehirns zur Auswertung des eigenen sensorischen Inputs vermindert wird, dann ist das Bewusstsein dazu in der Lage, Informationen aufzunehmen, die sonst unbeachtet bleiben würden. Carhart-Harris sagte 2012 gegenüber dem Time-Magazin, dass Psilocybin „solche Grübeleien verhindert und den Verstand dadurch freier funktionieren lässt."

Ich mit einem schönen Exemplar

Diese Verminderung der Hirnaktivität kann bis zu sechs Stunden andauern. Falls das genau dein Ding sein sollte, dann hast du in Australien die Auswahl zwischen mindestens 30 verschiedenen Arten an Psilocybin-Pilzen (deren Anbau, Besitz und Konsum allerdings strengstens verboten ist).

Wenn man mit Magic Mushrooms erwischt wird, droht eine hohe Geld- oder mit viel Pech sogar eine Haftstrafe. Letzteres kommt allerdings nur ganz selten vor. Der aktuellste australische Fall stammt aus dem Jahr 2013: Ein brasilianischer Koch wurde damals zu 15 Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt, weil bei ihm 630 Gramm Magic Mushrooms gefunden wurden. Er baute das Zeug an, bis ihn ein Bekannter bei der Polizei verpfiff und er daraufhin wegen der Herstellung einer kommerziellen Menge einer verbotenen Droge angeklagt wurde.

Munchies: So schmecken Magic Mushrooms richtig gut

Trotz alledem kündigt die australische Polizei normalerweise an, dass sie sich in der Pilz-Saison auf bestimmte bekannte Gegenden konzentrieren wird. Alf versicherte mir jedoch, dass er hier noch nie irgendwelche Polizisten gesehen hätte.

Nur zehn Minuten von meinem Haus entfernt machten wir am Waldrand Halt und Alf begann mit der Suche. „Der von den Behörden verstreute Pinienmulch ist für uns hier von großem Vorteil", meinte er, „denn er liefert den Kohlenstoff, der wiederum das Myzel zu Pilzen erblühen lässt. Darum wachsen Magic Mushrooms auch in öffentlichen Parks." Danach zeigte er triumphierend auf eine Ansammlung von braunen Kappen. „Schau mal, Düngerlinge."

Alf ging in die Knie, schnitt die Pilze an der Wurzel aus dem Boden und zeigte mir die Erkennungsmerkmale. Düngerlinge haben grau-braune, kuppelförmige Kappen sowie dünne Stiele, die bei Druck eine hellblaue Farbe annehmen. Laut Alf sind diese blauen Druckstellen das eindeutigste Merkmal. Er verstaute seinen Fund in einem Papierbeutel und machte sich wieder auf die Suche. Jogger und Fahrradfahrer kamen vorbei und einer rief schließlich „Mushies!" in unsere Richtung. Da zogen wir schließlich weiter.

Während unserer Suche kamen wir auch auf Horror- Trips zu sprechen und Alf erzählte mir von einer Freundin. „Sie wurde quasi zum Tier", sagte er. „Sie wiederholte acht Stunden lang ständig nur die Worte ‚Die Mutter, die Tochter, der Vater, die Schwester, die Mutter, die Tochter, der Vater, die Schwester'. Es war schrecklich."

Alf erwähnte auch, dass er schon dabei zugesehen hätte, wie sich Freunde auf Pilzen in die Hose machten: „Das passiert relativ häufig und lässt die Leute immer richtig ausflippen. Sie denken sich dann nämlich: ‚Mann, ich weiß doch eigentlich, wie man eine Toilette benutzt, und habe mich gerade trotzdem eingepisst.'"

Abgesehen von der Gefahr eines schlechten Trips besteht natürlich immer auch das Risiko, giftige Pilze zu sammeln, deren Konsum dann zu Leber- oder Nierenversagen führen kann—und das ist eine besonders langsame und unangenehme Art und Weise, den Löffel abzugeben. Im Januar 2012 starben in Canberra zwei Chinesen, nachdem sie bei einer Silvesterparty Pilze gegessen hatten. Die Story wurde zwar im Zusammenhang mit eindringlichen medizinischen Warnhinweisen weit verbreitet, aber trotzdem enden jedes Jahr immer mehr Leute im Krankenhaus.

Diesen Februar berichtete die Zeitung Illawara Mercury davon, dass im australischen Bundesstaat New South Wales zehn Leute ins Krankenhaus gebracht werden mussten, als für diese Jahreszeit untypische Regenfälle die Pilz-Saison schon sehr früh einläuteten. In dem Artikel ist zwar auch davon die Rede, dass die Leute vielleicht gar nicht die Absicht hatten, high zu werden, aber warum sollte man denn sonst blaue Pilze essen? „Wenn Zweifel bestehen, dann sollte man das Zeug einfach nicht verdrücken", meinte Alf schulterzuckend. „Man bezeichnet das auch als schönen Selbstmord", erzählte er anschließend, „denn zuerst schickt dich das Zeug auf einen Trip und anschließend bringt es dich um."

Motherboard: Hirnforscher zeigen, wie Magic Mushrooms dein Bewusstsein erweitern

Der Wald war übersät mit Pilzen, die sich vor allem unter Büschen und heruntergefallenen Blättern versteckten. Schon bald wusste ich genau, wonach ich Ausschau halten musste. Neben den Düngerlingen fanden wir auch noch ein Dutzend anderer Pilze, die bereits entwurzelt und wieder weggeworfen worden waren. „Hier ist schon jemand auf der Suche gewesen", sagte Alf. „Die Pilze wurden nur gepflückt, um zu schauen, ob es sich dabei um Düngerlinge handelt."

Dann erklärte er mir noch, dass in den Städten manche Grünflächen schon um 10 Uhr morgens komplett leergepflückt sind. So etwas führt natürlich zu abstrusen Sammel-„Regeln" und die Leute machen dann ein Geheimnis aus ihren erprobten und ergiebigen Pilzsammelstellen. Einige entwickeln laut Alf sogar ein richtiges Konkurrenzdenken und verjagen andere Pilzsammler aus „ihrem" Gebiet.

Es dauerte nicht lange und Alf war mit unserer Ausbeute zufrieden. Auf dem Heimweg fragte ich ihn noch, was genau ihm an den Magic-Mushrooms-Trips so gefallen würde. „Einige wollen so der Realität entfliehen, andere wiederum wollen so eher etwas ‚Größeres' erleben", antwortete er. „Für mich haben die Trips auf jeden Fall ein gewisses unbekanntes spirituelles Element an sich. Mir ist bewusst, dass dem menschlichen Bewusstsein Grenzen gesetzt sind—und der Konsum von psychoaktiven Drogen sprengt diese Grenzen ein wenig. Ich sehe das Ganze als eine Art Befreiung an. Und dazu ist es noch richtig interessant zu sehen, zu was der eigene Verstand fähig ist."