Was tun, wenn ein geliebter Mensch an einer Depression erkrankt?

Wir leiden nicht auf die gleiche Weise wie die Person, die die Depression hat. Aber wir leiden trotzdem.

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27 April 2015, 12:00am

Anfang des Jahres lagen meine Freundin und ich eines Abends im Bett und sprachen über ihre Depression. Sie steckte mitten in ihrer zweiten Episode, sechs Jahre nach der ersten. Sie beschrieb mir, wie sie sich fühlte und erwähnte, dass sie manchmal an Selbstmord dachte. Ich versuchte, den Knoten in meiner Magengrube aufzulösen und ruhig zu bleiben, und fragte sie, wie sie sich das vorstelle. Sie sagte, „Messer. Vor allem fantasiere ich über Messer."

Meine ersten Gedanken waren in etwa:

„Es ist gut, dass sie ehrlich zu mir ist. Das ist ein Fortschritt."

Unbedingt alle Messer in der Wohnung verstecken.

„Was soll ich mit dieser Information anfangen? Warum sagt sie mir das?"

Verstecke die Messer jetzt sofort.

„Was kann ich tun, um ihr zu helfen, dieses Problem zu lösen?"

Ja, aber die Messer...

„Warum sollte sie sich umbringen wollen? Liebt sie mich nicht genug? Warum bin ich nicht genug, um sie glücklich zu machen?"

Mein Ego bekam ordentlich eins auf's Maul. Ich fühlte mich komplett nutzlos. Ich verbrachte den Rest der Nacht damit, mir Sorgen über Messer, Liebe, Depressionen und meine Rolle in diesem ganzen leidigen Chaos zu machen. Am nächsten Morgen schrieb ich meiner Schwester Katie eine SMS: „Charlotte versackt wieder in einer Depression. Ich weiß nicht, was ich tun soll. Ich fühle mich total unfähig."

Katie, deren Mann auch unter Depressionen leidet, antwortete mir sofort: „Bruderherz, ich weiß genau, wie du dich fühlst. Ruf mich an, wann immer du willst."

Das reichte schon, um den Druck in meinem Kopf ein wenig zu mildern. Ich hatte noch niemandem davon erzählt, was los war. In meinem Kopf knallte ein Tennisball aus Anspannung im Minutentakt gegen die Innenwände meines Hirns.

Eine Depression ist niemandes Schuld. Es ist eine Krankheit, unter der in der westlichen Welt jeder fünfte Mensch irgendwann in seinem Leben leidet. Sie beeinträchtigt die Erkrankten auf vielfache Weise und es gibt kein vorgefertigtes Bild und keine fixe Kombination von Symptomen, die auf alle zutreffen. Eine Depression wirkt sich aber nicht nur auf die Person mit der Krankheit aus. Es liegt in ihrer Natur, auch die Leben derjenigen zu beeinflussen, die dieser nahe stehen—besonders Freunde, Familienangehörige und Partner.

Es ist völlig klar, dass wir nicht auf dieselbe Weise leiden, wie die Person, die die Depression hat. Aber wir können, wenn wir versuchen, die geliebte Person in ihrem Bemühen wieder auf die Beine zu kommen, zu unterstützen, dennoch ebenfalls leiden. Als die Person, die helfen will, bekommt man es mit Schuldgefühlen, Verzweiflung und Angst zu tun. Wir fühlen uns vielleicht, als würden wir permanent auf Eierschalen laufen und es ist wichtig, dass wir aufpassen, dass es uns selber dabei nicht schlechter und schlechter geht.

Das erste, was ich verspürte, nachdem Charlottes Depression begann, war wie mein Ego in sich zusammensackte. Meine Freundin Rachel, deren Freund und beste Freundin ebenfalls beide unter Depressionen leiden, stimmt mir zu. „Es tut weh, zu denken, dass du plötzlich nicht mehr in der Lage bist, sie glücklich zu machen," sagte sie mir.

Im tiefen Inneren wissen wir alle, dass wir nicht die einzige Quelle des Glücks unseres Partners sind, aber Rachel musste erst lernen, dass sie nicht allein die Antwort auf das Problem sein konnte. „Du kannst die Person mit der Depression nicht ‚retten' – du kannst lediglich für sie da sein," sagte sie. „Meistens erfahren wir für unsere Hilfe auch Dankbarkeit. Aber bei einer Depression muss man sich darauf einstellen, dass diese Dankbarkeit sich erst mit einiger Verzögerung einstellt."

Es ist völlig klar, dass wir nicht auf dieselbe Weise leiden, wie die Person, die die Depression hat. Aber wir können, wenn wir versuchen, die geliebte Person in ihrem Bemühen wieder auf die Beine zu kommen, zu unterstützen, dennoch ebenfalls leiden.

Emer O'Neill, die CEO des Netzwerks Depression Alliance, hat mir gesagt, dass die beste Art zu helfen ist, seinen Partner zu bewegen sich ärztliche oder professionelle Hilfe zu suchen. „Es gibt grundsätzlich nicht sehr viel," sagt sie, „das man selber tun kann." Sie riet mir, mein „eigenes Wissen über das Wesen einer Depression zu vertiefen, so dass man nicht aus Versehen verletzende oder unpassende Dinge sagt." Wenn man mehr versteht, fühlt man sich „besser vorbereitet damit umzugehen."

Zunächst ist es essentiell, die Trägheit zu verstehen, die eine Depression in einer Person auslösen kann. Wenn es dich frustriert, sie ständig zu überreden zu versuchen aufzustehen, kannst du dir fast sicher sein, dass sie denselben Frust in einer exponentiell stärkeren Dimension selbst verspürt. Es ist schwer, sagt O'Neil, aber wenn man die Geduld verliert, können Situationen entstehen, die wenig hilfreich sind. „Ein Partner sagt vielleicht, ‚Ach komm schon, ich hab alles richtig gemacht – ich bin mit dir rausgegangen, ich habe für dich gekocht, aber ich kapier es immer noch nicht,' und daran können Beziehungen zerbrechen." Man sollte sich „so viel Wissen wie möglich über die Krankheit und Genesung aneignen," sagte sie, und zwar sowohl um sich selbst zu schützen als auch um die Person zu verstehen, die man liebt.

Anders gesagt, man muss lernen sein Ego außen vor zu lassen. Es ist nicht leicht, und es gelingt einem oft nicht, aber es hilft schon, es zu versuchen. Eine andere Möglichkeit sich dabei zu helfen, ist mit anderen Leuten zu sprechen, die Ähnliches durchmachen. Nachdem ich mich mit Freunden über Charlottes Depression unterhalten hatte, wurde mir klar, dass viele von ihnen ähnliche Erfahrungen gemacht haben—jemanden zu unterstützen, der unter einer Depression leidet—wir uns aber nie zuvor darüber ausgetauscht hatten.

Es ist ganz natürlich, einer geliebten Person helfen zu wollen, auch wenn man die Dinge nicht allein lösen kann. Ich persönlich versuche in meinen Vorstellungen davon, was ich erreichen kann, realistisch zu bleiben, aber gleichzeitig möchte ich, wenn es Dinge gibt, die ich tun kann, um mich besser zu fühlen, diese auch tun. Emily Reynolds, die einen exzellenten Artikel über die kleinen Dinge geschrieben hat, die man tun kann, um einer depressiven Person zu helfen, hat erklärt, dass das Entscheidende „eine Mischung daraus ist, zu zeigen, dass man eine Person liebt und sich um sie sorgt, und praktisch zu helfen. Es gibt aber auch die Art einfachen praktischen Ansatzes a là ‚Dann mach ich dir mal einen Tee,' der in seiner gut gemeinten praktischen Art, die ihm eigentlich zu Grunde liegende Zärtlichkeit und Sorge in den Hintergrund stellt."

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Es gibt offensichtliche Situationen, in denen kleine Gesten nicht ausreichend sind. Nachdem ich ihr über das Gespräch über die Messer berichtet hatte, sagte O'Neill: „Wenn jemand mit dir über Selbstmord spricht, dann liegt es in deiner Verantwortung zu handeln. Das ist zu viel, als das du es allein auszuhalten solltest, es ist etwas, das niemand für sich behalten sollte. In der Medizin spricht man oft von leichten, mittelschweren und schweren Depressionen, aber das ist eine Klassifizierung, die in die Irre führt."

Warum?

„Weil auch Menschen mit einer leichten Depression Suizidgedanken haben können. Nach all den Jahren meiner Ausbildung, und egal ob ich jemanden besser kenne oder nicht—wenn mir eine Person von ihren Selbstmordgedanken erzählt, muss ich jemanden anrufen, einen Arzt oder eine Hilfseinrichtung, und muss denen sagen, ‚Hören Sie, ich muss das jemanden mitteilen.'"

Es mag sich wie ein Vertrauensbruch oder eine Indiskretion anfühlen, sich auf diese Weise Hilfe zu holen, aber glaubt mir, das Hirn kann auf wilde Gedanken kommen, wenn du nicht mit einer Notrufstelle, einem Profi oder einem Freund darüber sprichst. Charlotte hat ihre Worte nie in Taten umgesetzt, aber ich bin nicht sicher, dass ich das Risiko noch mal eingehen wollen würde. Zum Teil, weil es für mich selbst extrem anstrengend war, ihre Selbstmordgedanken für mich zu behalten, aber auch weil es, wenn tatsächlich etwas passiert wäre, wohl schwer gewesen wäre, mir selbst, wie irrational es auch sein mag, einen Teil der Schuld aufzubürden.

Eines der Dinge, die mir mit Charlotte am schwersten gefallen waren, war sie überhaupt erst einmal zu überzeugen, dass etwas nicht stimmte. Auch das hing sehr von meiner Fähigkeit ab, die Anzeichen deuten zu können—das können zu viel oder zu wenig Schlaf, veränderte Essgewohnheiten, Hypersensibilität oder unerklärliche physische Symptome, die länger als zwei Wochen anhalten, sein. O'Neill betont immer wieder, wie wichtig es ist, diese Informationen parat zu haben. „Man kann mit einem Arzt darüber sprechen, man kann Bücher oder Zeitungsartikel dazu lesen," sagt sie. „Recherchiert online nach Informationen, die ihr eurem Partner zeigen könnt und sagt, ‚Schau mal, hier sind ein paar der Symptome, meinst du, dass du gerade etwas ähnliches durchlebst?' Aber seid, wenn ihr das weitergebt, so behutsam wie möglich." Informationen findet man natürlich auch online, zum Beispiel bei Freunde für's Leben oder der Deutschen Depressionshilfe.

Meine Tante Eleanor hatte sowohl einen Ehemann als auch eine Tochter, die unter Depressionen litten. Im Fall ihrer Tochter war es eine postnatale Depression. Die Verlockung, sich, vor allem als Mutter, als die Lösung zu sehen, ist stark. Aber da sie schon über ihren Mann eine Depression miterlebt hatte, beschloss Eleanor, dass die beste Art damit umzugehen war, praktische Hilfe anzubieten. Eleanor sagt aber auch: „Es war schwer, Rebecca zu fragen, was sie wollte. Die meiste Zeit wusste sie es nicht. Ich hatte wenig Lust ihre Dinge vorzuschreiben— sie war eine 30-jährige Erwachsene. An manchen Tagen haben wir aber auch das Kommando übernommen, ohne all zu lange darüber nachzudenken, vor allem, weil es dabei auch um zwei kleine Kinder ging." Sie sagte mir, dass es sie runtergezogen und traurig gemacht, sie aber nicht versucht hat, Rebecca zu therapieren—betonte also noch einmal, wie wichtig es war, nicht zu versuchen, die Dinge alleine zu lösen. Denn wenn wir das versuchen, bürden wir uns selbst am Ende vielleicht zu viel auf. Wenn wir uns in Gefahr bringen, selbst zusammenzubrechen, ist niemandem geholfen.

Eine Depression geht immer vorüber. Ausnahmslos. Selbst wenn es aussieht, als würde es nie enden wollen, wird es das am Ende doch und du wirst gemeinsam mit der Person aus ihr heraustreten und dich besser und erleichtert fühlen. Dieser Moment, wo man eigentlich wieder loslegen will, ist ironischerweise der Punkt, an dem es am meisten Sinn macht, sich über die verschiedenen Behandlungsoptionen Gedanken zu machen, auf die man beim nächsten Mal zurückgreifen kann. „Selbst wenn ihr es hinter euch gebracht habt und mit dem Kapitel abschließen wollt, ist es gut, noch einmal zum Arzt zu gehen und über andere Optionen zu sprechen, auf die man hätte zurückgreifen können," sagt O'Neill.

Eine andere Freundin von mir, Natalie, deren Verlobter Darran vor ein paar Jahren einen größeren Zusammenbruch erlitten hat, erzählte mir, wie es weitergehen kann. Sie haben als Paar sehr hart daran gearbeitet, Darran gesund zu halten. „Es ist lustig," sagte sie, „Ich erinnere mich daran, dass es die Hölle für mich war, aber es ist so lang her, dass es sich anfühlt, als wäre es jemand anderes gewesen."

Wie auch immer deine Situation als Unterstützer einer kranken Person aussehen mag, vergiss nicht, dass du nicht alleine bist— auch wenn es sich vielleicht so anfühlt. Der einzige „richtige" Weg, Menschen mit einer Depression zu helfen, ist, sich zu informieren, was sie in diesen Phasen fühlen oder denken. Mit diesem Wissen kann man schon einiges erreichen.

@KitCaless