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Heimat

Sex im Saarland

Das Prostitutionsgesetz hat Deutschlands Grenzen zu Huren-Hotspots gemacht. Wir haben uns angesehen, was Frauen, Zuhälter, das LKA, die Stadt Saarbrücken von dessen letzte Woche beschlossener Novelle haben—und was das über Menschenhandel in Europa sagt.

von Christian Vonscheidt, Manuel Freundt, und Sebastian Weis
23 Juni 2015, 4:00am

Mit einem der liberalsten Prostitutionsgesetze Europas wollte Deutschland 2002 alles besser machen und vor allem die rechtliche und soziale Stellung der Frauen verbessern. Weil Deutschland aber keine einsame Insel mit meterhohen Grenzzäunen ist, haben die gut gemeinten Unterschiede zu den restriktiven Gesetzen unserer EU-Nachbarn die Grenzregionen nicht einfach nur zum Paradies für Freier aus Dänemark, Luxemburg und Frankreich gemacht. Mit der De-facto-Stärkung des Prostitutionsstandortes Deutschland haben wir die Importquote für Armuts- und Zwangsprostitution, Zuhälterei und Menschenhandel erhöht—zusätzlich zu den Herausforderungen, vor die das Gewerbe jede anständige Gesellschaft ohnehin stellt, und genau das Gegenteil von dem, was man erreichen wollte.

Wir haben uns im Saarland angesehen, wie die deutschen Grenzen zu Prostitutions-Hotspots geworden sind, weil man bei der Gesetzgebung Europa vergessen hat.

Wir haben in Bordellen, Clubs, Apartments und auf der Straße mit Frauen gesprochen, für die Arbeitnehmerfreizügigkeit Preiskampf und Verdrängungswettbewerb bedeutet und das LKA und die Stadt Saarbrücken darüber streiten lassen, wie viele Prostituierte jetzt wirklich auf hundert Einwohner kommen. Wir haben Mädchen gefunden, die ihren Körper eindeutig nicht freiwillig verkaufen, und uns zeigen lassen, was Freier aus Frankreich für 30 und was für 300 Euro wollen. Wir haben uns angesehen, welche Brennpunkte man schafft, wenn man den Strich sichtlich planlos, aber dafür so unsichtbar wie möglich in Sperrbezirken konzentriert und das Tagesgeschäft der Frauen per Ausgangssperre in Privatwohnungen verlagert. Und wir haben Bordellbetreiberinnen und Zuhälter gefragt, warum ein verurteilter Menschenhändler nach der Haft einfach einen neuen Club aufmachen kann und die geplante Gesetzesnovelle mit Kondompflicht, Gesundheitskontrollen und Zuverlässigkeitsprüfung die miesesten unter den Zuhältern, die schutzbedürftigsten unter den Frauen und die Hilfsverbände gleichzeitig die Wände hochtreibt.