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Sex

Ich bin schwul und habe vier Heteros von hinten genommen

Ich teile Männer in zwei Gruppen ein: diejenigen, die in den Arsch gefickt werden wollen, und diejenigen, die das nicht wollen. Egal, welcher sexuellen Orientierung.
21 August 2015, 7:55am
Ein junger Mann beißt in die Unterlippe seines Sexpartners
Foto: Matt Lambert

Es ist der Legende nach für viele Hetero-Typen das Horrorszenario schlechthin, aber vor allem ein uraltes Klischee mit meterlangem Bart: Sich unter der Dusche vor nackten Männern nach der Seife bücken müssen. Während meiner langjährigen sexuellen Laufbahn habe ich irgendwann begriffen, dass das antike Vorurteil „Schwule wollen es von hinten" und „Heteros haben Angst davor" unwahr ist. Gemäß meiner Erfahrungen teile ich Männer in zwei Gruppen: Diejenigen, die in den Arsch gefickt werden wollen, in der schwulen Welt „Bottom" genannt. Und diejenigen, die das nicht wollen, in der schwulen Welt „Top" genannt. Egal, welcher sexuellen Orientierung. Kein Scheiß: Innerhalb von zehn Jahren wurde ich von vier heterosexuellen Männern dazu auserkoren, ihre Hintertür zu entern.

Oft habe ich mich gefragt, warum mir das passiert ist. Ich halte mich nur für mittelattraktiv, und ich bin auch kein testosteronspeiender Supermacker, der offen signalisiert, dass er sein Geschlecht sofort in jedes verfügbare Loch stecken muss. Es lag wohl an den Bedürfnissen der Hetero-Männer, die sich mittels ihrer Motivationen grob kategorisieren lassen: Typ a) ist der „Heimliche". Er lässt sich am Autobahnparkplatz einen blasen, um danach zu Frau und Kind zu fahren. Jemand, der allein mit seinem Geheimnis lebt. Typ b) ist der „Enthemmte": Er lässt sich durch Alkohol und Drogen dazu hinreißen, ein schon lange in ihm schlummerndes Begehren in die Tat umzusetzen. Diesem Typ ist das, was er getan hat, im Nachhinein besonders peinlich. Typ c)—und das ist meine Lieblingskategorie—ist der „sexuell Fluide": Er hat seine traditionelle Rolle beim Sex transzendiert und steht völlig über den Dingen. Alle diese Typen müssen eine Voraussetzung erfüllen: Sie müssen diesen kleinen Vergnügungspark namens Prostata kennen.

Beim ersten Mal war ich etwa Mitte 20, im gröberen Umfeld meiner Feier-Freunde gab es einen Stefan. Ein Superficker, der mit mehreren mir bekannten Frauen Sexaffären hatte. Ich fand ihn total heiß, aber hätte mir nie die Spur einer Chance ausgemalt. Bis zu jener Nacht. Wir standen semibesoffen auf einer Party rum und ich sagte ihm, dass ich jetzt noch in die Schwulen-Disco gehe. Er wollte mit, ganz überraschend, und wir fuhren mit dem Taxi ins „Lulu", damals der angesagte Laden in Köln. Eine Großraumdisco mit großem Darkroom, in den mein Begleiter sofort verschwand. Ich wollte ihn aber lieber für mich alleine haben und zerrte ihn raus. Schließlich landeten wir auf seinem Wasserbett. Ich weiß noch, dass wir beide kotzen gehen mussten, während wir miteinander rummachten und dann kam er auf die Idee, die Beine breit zu machen. Ab dem nächsten Tag war unser Verhältnis verklemmt. Er ging mir zwar nicht aus dem Weg, aber wir hatten uns nicht viel zu sagen. Er hat sogar einigen Leuten von dem Vorfall erzählt, um meinem Klatschbedürfnis zuvorzukommen. Immerhin konnte ich so das erste Mal mit einer Frau über den Schwanz eines gemeinsamen Sexpartners reden. Was ihn dazu bewogen hat, kann ich nur vermuten. Vielleicht wollte er das Vergnügen, das ihm seine Prostata schenkt, mal mit einem realen Stück Fleisch ausprobieren.

Den zweiten analpassiven Hetero in meinem Leben lernte ich beim morgendlichen Ende einer Kölner Party kennen. Die Erinnerung an diesen Mann ist verblasst: Ich kannte ihn nur vom Sehen und wusste, dass er auf Frauen stand. Er ging mit zu mir und steckte mir sofort seinen Mittelfinger in meinen Arsch—wohl, um mir zunächst seine dominierende Rolle zu signalisieren. Irgendwann hat er sich auf den Bauch gelegt. Ins Gesicht sehen wollte er mir dabei nicht.

Oliver, eine Party-Bekanntschaft und mein dritter Hetero-Bottom, war einer von denen, die es lustig fanden, mir in den Schritt zu grapschen, wenn wir uns im Nachtleben begegneten. Ich fand diese Art von Humor platt und auch homophob. Heute weiß ich, eigentlich wollte er nur meinen Schwanz. Einmal ist er mit zu mir gegangen, weil ich was zum Kiffen daheim hatte. Er redete die ganze Zeit wie besessen über Sex unter Männern und sagte, er habe sich schon immer gefragt, wie das so sei, „genommen zu werden". Er hatte sehr eigenartige Vorstellungen von den Übertragungswegen von HIV und wollte sich deshalb keinen blasen lassen. Aber eben „genommen werden". Im Nachhinein denke ich, er wollte nur wissen, ob sein Hinterausgang auch ein Eingang ist. Oliver ist der einzige aus meiner Liste, zu dem ich heute noch, wenn auch nur selten, Kontakt habe. Nach dem Vorfall haben wir uns zunächst längere Zeit nicht gesehen. Ich denke, er ist mir einfach aus dem Weg gegangen. Inzwischen reden wir so miteinander, als wenn es das Ereignis nicht gegeben hätte.

Meine vierte Begegnung dieser Art war die krasseste von allen. Dieser Mann hatte einen Plan gefasst—nämlich gefickt zu werden, und zwar von meinem Schwanz. Boris war in den Nullern nach Berlin gegangen—und entwickelte sich dort vom Dauer-Partygast zum Familienvater. Er zog mit Frau und Kind nach Königs Wusterhausen in Brandenburg—eine offizielle Absage ans Nachtleben. Bei einem Hauptstadtbesuch verabredete ich mich mit diesem alten Ausgehkumpel auf ein Bier. Von Anfang an verlief dieses Treffen anders als erwartet, nämlich sehr exzessiv für einen zurückgezogen lebenden Familienvater.

Boris bestellte einen Schnaps nach dem anderen und schleppte mich in die damals noch existierende „Schoppenstunde", eine auf bizarre Weise piefige DDR-Schwulen-Bar. Das fand er lustig und ich auch, naiverweise ahnte ich seine Absichten nicht. Boris packte Koks aus, Boris schlug vor, in einen SM-Club zu gehen, Boris karrte mich sturztrunken in seinem Königs Wusterhausener BMW quer durch Berlin. In den frühen Morgenstunden saß er bei mir auf dem Sofa, ohne Jeans und ohne Unterhose und fand für diesen Zustand eine sehr eindeutige Erklärung: „So, jetzt bin ich mal die Frau." Er hatte Poppers dabei, aber kein Kondom. Ich hatte auch keines, und da ich kein Interesse an Infektionen habe, mache ich es auch nicht ohne. Er, der Familienvater, meinte aber, ich könnte ihn ruhig blank ficken. Am Ende hatte ich zwei oder drei Finger in seinem Arschloch, furchtbare Kopfschmerzen und das Gefühl, missbraucht worden zu sein. Wir haben uns danach nie wieder gesehen. Ich habe mich oft gefragt, warum er das so eingefädelt hatte. Die Aktion war einfach zu raffiniert durchdacht für jemanden, der nur schnelle Befriedigung sucht. Ich glaube aber eins seitdem: Es gibt Typen, die in den Arsch gefickt wollen. Und es gibt solche, die das nicht wollen. Egal, ob schwul oder hetero.

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