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Wie Blogs und Unzensuriert.at das Anti-Flüchtlings-Märchen vom „Kot am Busfenster“ verbreitet haben

Ein polnischer Reality-Star behauptet, Flüchtlinge hätten einen Reisebus an der österreichischen Grenze mit Scheiße beschmiert—Netzplanet und Co. übernehmen seine Geschichte.
25.9.15

Ein Bus ganz ohne Kot-Beschmierung. Genau wie der Bus in dieser erfundenen Geschichte. Foto: von High Contrast | Wikimedia | CC BY 3.0 Germany

Ich verbringe einen nicht unbeträchtlichen Teil meiner Zeit in meiner elterlichen Heimat Polen und, aus denselben Gründen, auch im polnisch-sprachigen Bereich des Internets. Oft werde ich dort schneller mit neuen Produkten, Marken oder Trends konfrontiert als hier in Österreich.

Aus irgendeinem Grund sind Polen offenbar die größeren Early-Adopter. Das einzige, was dabei normalerweise auf der Strecke bleibt, sind natürlich Storys mit Schauplatz in oder um Österreich. Umso spannender war es für mich, als meine Tante auf Facebook einen Post von Kamil Bulonis geteilt hat, in dem es um einen Vorfall ging, den hierzulande noch niemand gehört oder über die noch niemand berichtet hat.

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In Österreich weiß mit hoher Wahrscheinlichkeit niemand, wer Kamil Bulonis ist, aber in Polen hat er zirka den Promi-Status von Leuten, die auf SAT1, PRO7 oder VOX auftauchen und irgendwann mal füreinander kochen.

Die bisherige Karrierespitze von Herrn Bulonis war, soweit ich das einschätzen kann, der vierte Platz in der fünften Staffel der Reality-TV-Show Bar. In diesem ursprünglich schwedischen Sendungsformat geht es darum, möglichst viel Alkohol an den Gast zu bringen. In einer Bar.

Die Show ist genauso belanglos und unpolitisch wie sie klingt—und hat mich deshalb auch nicht wirklich darauf vorbereitet, was Kamil Bulonis aus heiterem Himmel vor kurzem auf Facebook schreibt, hier meine Übersetzung:

„Vor eineinhalb Stunden, an der Grenze zwischen Italien und Österreich, sah ich mit eigenen Augen eine riesige Schar Flüchtlinge … Bei aller Solidarität mit Menschen in schwierigen Lebensumständen muss ich sagen, dass das, was ich gesehen habe, den Horror erweckt ………"

Dieser Anfang hat es schon mal ziemlich in sich. Er schreibt weiter:

„Diese riesige Masse von Menschen—es tut mir leid, dass ich das so beschreibe— kamen mir vor wie Wilde … vulgäres Verhalten, warfen mit Flaschen, laute Rufe: ,Wir wollen nach Deutschland'—ist Deutschland derzeit irgendein Paradies?
Ich sah, wie ein Auto, in der eine ältere Italienerin saß, von ihnen eingekreist wurde und wie sie die Frau an den Haaren aus dem Auto gezerrt haben. Einige wollten mit dem Auto wegfahren.
Den Reisebus, in dem ich mit einer Gruppe unterwegs war, versuchten sie außerdem, zum Schaukeln zu bringen. Sie haben Scheiße auf uns geworfen, schlugen an die Tür, damit wir sie öffnen, spuckten auf die Fensterscheibe … Ich frage mich, zu welchem Zweck? Wie sollen sich diese Wilden in Deutschland assimilieren? Ich fühlte mich für einen Moment wie im Krieg …"

Die Szene klingt ziemlich unglaublich und wirft wohl mehr als nur eine Frage auf. Kamil Bulonis schreibt außerdem, wie verwirrt er von der Situation sei, wie viel Mitleid er mit den Flüchtlingen gehabt habe, aber auch, wie sehr er jetzt—nachdem er die Hilflosigkeit der anwesenden italienischen Polizei und die Verschmutzung des Busses gesehen habe—einfach nur mehr Angst habe.

Die Flüchtlinge hätten den Bus nicht nur beschmutzt, sondern auch beschädigt und wären geradezu räuberisch über den Gepäckraum eines anderen Buses hergefallen, den sie angeblich geplündert hätten.

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Seine Angst wäre daher nicht nur eine rein private. Er habe auch Angst um Polen. Polen sei kulturell und finanziell nicht gewappnet und, am allerschlimmste, die Flüchtlinge würden keine europäische Sprache beherrschen.

Im Abschlusssatz fasst Kamil Bulonis zusammen, dass es sich nicht um jeden Preis lohnen würde, zu helfen. Die Kommentare unter dem Posting und unter den Shares der zirka 30.000 Facebook-Nutzer, die Kamils Beitrag ebenfalls geteilt haben, reichen von „Sind wir diesen Wilden komplett ausgeliefert?" über „Wann müssen wir die Armee einschalten?" bis zu „Wir müssen den Ausnahmezustand ausrufen und die Grenzen dicht machen!"

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Der Bericht verbreitete sich rasch auch über die Grenzen von Facebook hinaus und wurde tagelang auf den unterschiedlichen internationalen und polnischen Plattformen zitiert. Nur in Österreich nicht.

Wie konnte so etwas Schockierendes nicht bei uns aufschlagen? Wir haben in Österreich einen sehr hohen Informationsumsatz, wenn es um die Flüchtlingsthematik geht und trotzdem fand sich kein traditionelles oder soziales Medium, das die Geschichte aufgreifen wollte. War die Story zu schlimm? War Österreich zu sehr in den Händen der Lügenpresse? Oder war die Geschichte vom Kot am Busfenster vielleicht doch nicht ganz so, wie Kamil Bulonis sie geschildert hatte?

Aber es wäre nicht Österreich, wenn sich nicht zumindest im rechten Eck doch ein Abnehmer für die Erzählung von den zuwandernden Wilden finden würde. Mehrere Tage nach dem Erscheinen des Posts von Bulonis tauchte sein Bericht auf der FPÖ-nahen Seite Unzensuriert.at auf.

Screenshot vom Autor

Mit „Kamila Bulonisa" wird der Autor zwar fast richtig genannt, aber kurzerhand zur Frau umgewandelt. Natürlich muss nicht jeder wissen, welche polnischen Namensendungen auf welches Geschlecht hinweisen, aber andererseits wäre die Antwort auch nur zwei Klicks entfernt gewesen—ein Recherche-Aufwand, der für ein Netzmedium, das sich im Impressum selbst gern als „ansehnliche Internet-Zeitung" bezeichnet, vertretbar sein sollte.

Umgekehrt schaffte es Unzensuriert erstaunlicherweise sehr wohl, zu recherchieren, dass „die Autorin" angeblich ein „linksgesonnener, homosexueller Mensch" ist—zwei Eigenschaften, die nur mit wesentlich mehr Aufwand herauszufinden sind.

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Was Unzensuriert.at in ihrem Abschlussabsatz auch nicht stutzig zu machen scheint, ist, dass die Polizei in Italien von all dem nichts wusste. Ein anderer Indikator dafür, dass mit dieser Geschichte etwas nicht stimmt, ist außerdem, dass nicht mal Heinz-Christian Strache sie auf seiner Facebook-Seite gepostet hat—obwohl es durchaus schon andere wenig ernstzunehmende Inhalte dorthin geschafft haben.

Kamil Bulonis selbst war bisher für keine Stellungnahme erreichbar und legt seit einiger Zeit einen medialen Tauchgang auf allen Ebenen der sozialen Netzwerke hin. Wer jedoch sehr wohl für eine Auskunft zu erreichen war, sind die italienischen Behörden, die Bulonis' Erzählung als frivolen Witz beschreiben und auch rechtliche Schritte gegen den Urheber erwogen haben. Nachdem einige polnische Zeitungen die Angaben geprüft haben, stellten sich diese eindeutig als unwahr heraus.

Der darauffolgende Shitstorm gegen Bulonis erklärt auch, warum der Autor des Viral-Postings vorübergehend nicht mehr im sozialen Netz anzutreffen ist. In Polen wurde die Geschichte leider trotzdem stark von Rechts instrumentalisiert.

Der Fall zeigt einmal mehr, wie wichtig Quellenkritik im Internet ist—und welche Verantwortung sowohl Medien als auch Nutzer hier haben. Soziale Netzwerke umgehen die Gatekeeper-Funktion, die traditionelle Nachrichtenhäuser früher eingenommen haben: Während früher die Journalisten die Vorauswahl getroffen haben, sind es heute unsere Freunde und die Algorithmen von Facebook. Das ist auf der einen Seite gut, heißt auf der anderen Seite aber auch, dass es umso mehr Sorgfalt von allen anderen Beteiligten am Informationszyklus braucht.

Rechte Blogs wie The Muslim Issue, Alternative News und The New Observer und nicht zuletzt auch Seiten wie Unzensuriert.at tragen den Mythos vom fäkalienbeschmierten Bus und den unzivilisierten Refugees über unsere sozialen Kanäle in die Welt hinaus. Dass die Erzählung ein Märchen ist, ändert leider nicht viel an der Kraft, die solche Mythen haben.

Wer den Inhalt kritisiert, unterstützt damit oft ein gewisses Selbstbild der Rechten als Verlierer der Berichterstattung: „Pole sagt Wahrheit—und erhält dafür Drohungen", wie etwa die Seite Alternative News schreibt. Und selbst, wenn die Kritiker recht haben und ein solcher Mythos faktisch widerlegt werden kann, führt das noch lange nicht zu einem Umdenken: „Gut, dann ist vielleicht diese Geschichte unwahr, aber genau solche Dinge passieren ja ständig".

Leider sind Fakten nicht immer die Basis von Geschichten, erst recht nicht, wenn ohne sie mehr Sensation rauszuholen ist. Unzensuriert.at—das den Beitrag übrigens auch nach Aufdeckung des Fakes noch online hatte—reiht sich damit in eine lange Schlange an Schnellschuss-Postern ein, die eher die eigene Meinung bestätigen als die Wahrheit befördern wollen. Darauf weist auch ein anderes Detail hin: Unzensuriert.at brachte die Geschichte sogar erstmalig, nachdem sie bereits als falsch deklariert war.

Karol auf Twitter: @karolstudzinski