Anzeige
Kultur

Der Reiz von 140 km/h im Stadtverkehr: Gürtelracer

Unser Autor hat viele nervöse Stunden mit Menschen verbracht, die gerne lebensgefährliche Rennen am Wiener Gürtel fahren.

von Jakob Steiner
08 März 2016, 5:00am

Vor einigen Jahren wurde ich Zeuge, wie ein paar BMWs ziemlich waghalsig durch den nächtlichen Autoverkehr am Wiener Gürtel preschten. Sie schlugen Haken durch die zäh fließenden Autokolonnen und waren locker 30 km/h über dem Tempolimit unterwegs.

Vor ein paar Monaten saß ich dann selber in so einem Auto, bei circa 140 km/h und zwar nicht auf der Autobahn, sondern zwischen Margaretengürtel und Westbahnhof. Dann und wann während der circa 12 Kilometer langen Strecke, wo nur bei den stationären Radarfallen abrupt abgebremst wurde, klingelte das Handy des Fahrers. Ein Familienfoto mit seinen zwei Kindern blinkte auf dem Display.

Im Spätsommer 2015 hatte ich Kontakt zu einem Typen bekommen, der in der Tuning- und Rennszene von Wien aktiv war. Nennen wir ihn Tarik. Nach einigem Hin und Her, als ob es um ein Date ginge, habe ich Tarik und seine Gleichgesinnten getroffen; durchwegs Typen, denen man sein Kind anvertrauen würde, ohne sich Sorgen zu machen. Vernünftige Typen, sehr höflich auftretend, die es sich einfach zum Hobby gemacht hatten, an ihren Autos rumzuschrauben und danach auszutesten, wer das meiste aus den Motoren rausholen konnte.

Tarik und seine Wiener Türken-Freunde treffen sich dazu regelmäßig in Garagen und Werkstätten und geben dafür auch ziemlich viel Geld aus. Im Gegensatz zu den Wienern mit Fixie-Fahrrädern und wehenden Wollschals besitzen diese Jungs jedoch ein Auto und meistens auch eine eigene Familie. Insofern haftet ihnen auch kein Revoluzzer-Image und keine „Scheiß auf alles"-Attitüde an.

Ihre Treffen in Tiefgaragen oder unter Hebebühnen wirken vielmehr wie die Zusammenkünfte eines passionierten Modell-Eisenbahn-Vereins. Damit meine ich einerseits die Begeisterung für ein nerdiges Thema, aber andererseits auch die Zusammensetzung, die einen ziemlich deutlichen männlichen Überhang hat.

Dort, wo es sie dann mal gibt, werden die weiblichen Autocracks durchwegs als gleichwertig empfunden und bekommen großen Respekt; sie sind aber eben auch eine extreme Randerscheinung. Im Rahmen unserer Recherche waren wir sehr bemüht, auch die unterbeleuchtete weibliche Seite der Szene zu zeigen; leider waren in diesem Fall aber keine weiblichen Fahrer bereit, auch vor die Kamera zu treten.

MOTHERBOARD: Echte Autorennen mit Virtual Reality-Brillen

Das wirklich Eigenartige bei dieser Gruppe ist, dass sie ein Hobby pflegen, das ein extrem hohes Risiko mit sich bringt—und zwar ohne das Gefühl, dass sich die Leute hier sonderlich anders mit ihrer Leidenschaft beschäftigen würden als jeder andere. Trotzdem bleibt die Gefahr.

Laut einer persönlichen Schätzung von Chefinspektor Wassermann von der Verkehrsabteilung der Wiener Polizei könne man mit rund zwei Toten pro Jahr rechnen, die auf illegale Rennen in der Stadt zurückzuführen seien. Zuletzt starb ein 20-Jähriger im November 2015, als er während eines Rennens in einen parkenden LKW raste. Er erlag seinen Verletzungen noch am Unfallort.

Offizielle Statistiken sind in diesem Milieu eher schwierig, da die Rennen spontan in Garagen oder auf Tankstellen vereinbart werden und die Polizei meist nur ein Autowrack alleine findet. Nur durch eventuelle Zeugenaussagen wie beim Unfalltod im vergangen Jahr ist es überhaupt möglich, darauf zu schließen, dass es sich um ein Rennen handelte. Der Gegner aus dem Rennen, das letztes Jahr mit einem Toten endete, konnte übrigens noch nicht ermittelt werden.

Gürtelracer sind mit Managern oder Künstlern vergleichbar—wäre da nicht die Sache mit den illegalen, hochgefährlichen Rennen.

Wie in jedem Verein oder jeder Gruppe ist es auch hier einfach plump, alle über einen Kamm zu scheren. Die Wenigsten fahren wirklich lebensgefährliche Rennen—obwohl ich einmal beim Videodreh sehr nah dran war. Und selbst diese Fahrer—beziehungsweise Roadrunner, wie sie die Polizei nennt—werden mit der Zeit nachdenklicher und versuchen, die Jüngeren in diese Richtung zu beeinflussen. Wieder andere in der Szene wollen einfach nur an Motoren herumbasteln und ihre Autos tunen. Manchmal verleihen sie ihr Auto auch an befreundete Fahrer, wenn diese Lust haben, damit Rennen zu fahren.

In vielen Punkten unterscheidet sich die Haltung nicht von der irgendwelcher Manager, die „an ihre Grenzen gehen" wollen; in anderen Aspekten ist sie für mich mit der Künstler-Szene vergleichbar, nur dass man sich eben nicht in Galerien trifft, sondern auf Tankstellen und ein genauso sinnloses Vergnügen als Selbstzweck kultiviert, um dem Alltag damit einen gewissen Sinn zu geben. Überhaupt sind die Gürtelracer mit vielem vergleichbar—wäre da nicht die Sache mit den illegalen, hochgefährlichen Rennen und der Umstand, dass man den Anruf seiner Familie auf dem Display ignorieren können muss, während man durch die Stadt rast.