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Wir haben mit einem Tatortreiniger über seine Arbeit gesprochen

Schweineblut, geplatzte Herzschlagadern und was passiert, wenn sich jemand selbst das Gesicht operiert.

von Lisa Wölfl und Diana Köhler
01 März 2016, 12:00pm

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Daniel Hodzic

Daniel Hodzic putzt Orte, an denen Menschen verstorben sind. Er räumt Messie-Wohnungen auf, trainiert mit Schweineblut und hat auch kein Problem damit, Leichen zu beseitigen, die zum Teil mehrere Monate vor sich hin verwest sind. Kurz, er tut das, was sonst niemand tun will und wofür ihm deshalb alle (inklusive uns) sehr dankbar sind.

Tatsächlich gibt es den Beruf des Tatortreinigers in Österreich—anders als beispielsweise in den USA—offiziell gar nicht gibt. Als Daniel Hodzic mit 16 in die Reinigungsfirma seines Vaters einstieg und nach einer Marktlücke suchte, kam ihm das sehr entgegen. Anfangs waren es nur drei bis vier Tatorte pro Jahr—heute sind es über 300. Er und sein Team waren unter anderem auch diejenigen, die den Lastwagen gereinigt haben, in dem im Oktober 2015 auf der A4 71 Flüchtlinge erstickt sind.

Trotz allem liebt Daniel seinen Job. Stolz breitet er alle Zeitungsartikel, die von ihm handeln, vor uns auf dem Tisch aus—fein säuberlich ausgeschnitten aus Woman Oberösterreich und einigen Regionalzeitungen. Sein Büro befindet sich zwar am Stadtrand von Linz, für seine Aufträge reist er aber durch ganz Österreich.

An den Wänden des Büros hängen mehrere Urkunden von Workshops in Deutschland. „Bei uns gibt's das ja leider noch nicht", so Daniel. Da trainiert man mit Schweinblut, weil das ähnlich rieche wie menschliches. Daniel zeigt uns sein Equipment. Masken, Anzüge, Putzmittel. Welche Mittel er genau verwendet, möchte er nicht verraten, das wäre ein Betriebsgeheimnis. Sonst gäbe es laut Daniel bald zu viele Tatortreiniger in Österreich. Wir haben mit ihm über den Tod, das Wochenende und Operationen am eigenen Gesicht gesprochen.

VICE: Wie war dein erster Tatort?
Daniel Hodzic: Das war mit 16—und gleich ein ziemlich heftiger Fall. In einem Hotel in Linz ist jemandem die Halsschlagader geplatzt. Daraufhin hat er extrem viel Blut erbrochen. Er hatte wohl irgendeine Krankheit, aber ich weiß leider nicht mehr genau, welche.

Klingt heftig. Wie war das für dich?
Ich komm aus der Reinigungsbranche und ich kann sagen: Es ist dir keiner so dankbar wie bei einer Tatortreinigung. Das allein hat mich so motiviert, dass ich weitergemacht habe. Natürlich ist so ein Erlebnis nicht sehr schön, aber die Dankbarkeit dafür umso mehr—so was als Hotelpersonal selber sauber machen zu müssen, stell ich mir nicht schön vor.

Welche Erlebnisse haben dich besonders geprägt?
Da gibt es zwei. Das Schlimmste war ein Mann, der sich mit einer Flex selbst hingerichtet hat. Sonst sind alle großen Kaliber etwa gleich schlimm. Da kann es schon passieren, dass wir beispielsweise größere Stücke Gehirn finden. Eine andere ziemlich schlimme Geschichte war die von einem Manga-Fan. Er wollte unbedingt wie ein Manga-Charakter aussehen und hat sich dafür Skizzen gezeichnet und auch einige Operationen machen lassen. Irgendwann ging es dann chirurgisch nicht mehr weiter—da hat er selbst versucht, sein Gesicht zu verändern. Das hat er nicht überlebt.

Und wie gehen du und deine anderen Mitarbeiter damit um?
Ich gehe ganz gut damit um. Ich hab damit überhaupt keine Probleme. Mein ganzes Team ist gut geschult, denen tut das ebenfalls nichts.

Wie schaffst du es, dich so davon zu distanzieren?
Es gibt Menschen, die können gewisse Dinge sehr gut und andere weniger gut. In dieser Sache bin ich einfach sehr gut. Ich habe keine Albträume. Sonst könnte ich den Job gar nicht machen. Da muss man einfach stabil sein.

Wie gehst du mit den Angehörigen um?
Das Reden ist für die Leute da ganz wichtig. Das gehört auch für mich dazu; sich einfach erzählen lassen, was eben passiert ist. Manche weinen auch. Vielleicht bin ich nebenher auch ein bisschen Psychologe für sie.

Was für Schutzkleidung trägst du während der Tatortreinigung?
Da sind die Masken, die vor allem vor Geruchsbelästigung schützen. Ein Körper fängt nach 24 Stunden an zu verwesen. Im Sommer ist es ganz schlimm, weil sich die Gerüche viel schneller entwickeln. Vermutlich ist es auch nicht sonderlich gesund, einen Raum zu betreten, in dem zwei Monate lang ein toter Mensch gelegen ist, aber dazu gibt es noch keine konkreten Daten. Wir könnten auch ohne Schutzkleidung reinigen, weil ja gesetzlich nichts vorgeschrieben ist. Immerhin ist Tatortreinigung noch kein geschütztes Gewerbe.

Wie reagieren Menschen, wenn du von deinem Beruf erzählst?
Begeistert und erschrocken. Je nachdem. Am Anfang ist es interessant, aber nach einiger Zeit ist es Alltag. Man bekommt immer dieselben Fragen: Wie kannst du das? Warum machst du das? Und so weiter.

Hast du vor deinem eigenen Tod Angst?
Nein, man darf vor gar nichts Angst [Lacht]

Und hat sich durch deinen Beruf deine Einstellung zum Tod verändert?
Ich denke ehrlich gesagt nicht viel an den Tod. Es ist mir auch egal, was danach passiert. Man sollte lieber an was anderes denken. Schöne Sachen. Was man am Wochenende macht, zum Beispiel.

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