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Popkultur

Wie es ist, mit einem Webcam-Nacktvideo erpresst zu werden

Wir haben mit einem jungen Mann geredet, dem seine Leichtgläubigkeit zum Verhängnis geworden ist.

von Allison Tierney
07 Februar 2016, 5:07am
Alle Screenshots bereitgestellt von Taylor Cooper

Es ist kein Geheimnis, dass nicht jeder Internet-Nutzer auch wirklich die Person ist, die er oder sie vorgibt zu sein. Immer mehr Männer werden Opfer einer Masche, bei der sie von unbekannten Facebook-Accounts erst geaddet und dann bei einer Nachrichtenkonversation davon überzeugt werden, bei einer Skype-Unterhaltung alle Hüllen fallen zu lassen. Taylor Cooper, ein 26 Jahre alte Pipeline-Konstrukteur aus der kanadischen Provinz British Columbia, fiel im August auf genau diese Masche herein.

Cooper zufolge wurde er von einer "normal aussehenden und etwas nerdig rüberkommenden jungen Frau" mit dem Namen Kelsey Smith bei Facebook geaddet. Sie war augenscheinlich Anfang 20 und die beiden hatten keine gemeinsamen Freunde. Als nächstes folgten einige private Nachrichten und schließlich konnte Cooper zu einem Skype-Gespräch überzeugt werden. Nachdem er sich vor seiner Webcam ausgezogen hatte, versuchte die Person, die sich hinter "Kelsey Smith" verbarg, ihn um über Tausend Kanadische Dollar zu erpressen—als Druckmittel fungierte dabei die Drohung, ein Video des Skype-Gesprächs bei YouTube hochzuladen und das Ganze an Coopers Familie zu schicken.

VICE: Wie ist es dazu gekommen, dass du mit dieser Person geskypt hast?
Taylor Cooper: Nun, sie hat mich bei Facebook geaddet, mir eine Woche später schließlich geschrieben und dann kam das einfach so. Die Nachrichtenkonversation, die ich dir bereits geschickt habe, sagt eigentlich schon alles. Nach nicht mal einer Stunde kam es zum Skype-Gespräch.

Was genau hast du bei diesem Skype-Gespräch gemacht?
Ich wachte nachts auf und war ein wenig verkatert. Das alles kam wirklich wie aus dem Nichts. Sie meinte, dass sie Single sei, und fragte mich, was ich gerade machen würde. Dann hieß es: "Adde mich doch bei Skype!" Da ich so etwas schon öfters gemacht habe und dabei keine Probleme auftraten, war ich natürlich sofort dabei. Als wir dann skypten, war da wirklich die junge Frau des Facebook-Profils zu sehen. Ich dachte mir die ganze Zeit, dass das eigentlich zu schön sei, um wahr zu sein.


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Was mir auch noch etwas komisch vorkam, war die Tatsache, dass sie ständig meinte, ihr Mikrofon sei kaputt und wir müssten deswegen weiterhin schreiben. Sie forderte mich dann mehrfach dazu auf, ihr meinen Penis zu zeigen und mein Shirt auszuziehen. Das habe ich irgendwann auch gemacht. Dann meinte sie noch, dass sie meinen Arsch ebenfalls sehen wollte, was ich erneut ziemlich komisch fand. Ich habe jedoch mitgemacht und irgendwann war sie auch drauf und dran, sich ihrem Oberteil zu entledigen.

Dann wurde ihre Webcam jedoch plötzlich dunkel und ich bekam einen YouTube-Link von einer Aufzeichnung des gerade Geschehenen zugeschickt. Sie meinte, dass ich genau aufpassen sollte, was sie nun zu sagen hätte. Danach folgte als Erstes eine lange Liste, die viele meiner Familienmitglieder beinhaltete—und zwar mit vollem Namen.

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Um welche Familienmitglieder handelte es sich dabei?
Wahrscheinlich konnte sie meine Freundesliste sehen und hat dann einfach alle Coopers aufgelistet, die sie darin vorfand. Das waren also viele Cousins, Tanten, Onkel und auch einige Familienmitglieder, mit denen ich schon jahrelang nicht mehr geredet habe. Anders kann ich mir das nicht erklären. Die Liste enthielt allerdings auch die Namen meiner Stiefmutter und meines Stiefvaters—und die haben ja einen anderen Nachnamen.

Was ist dann passiert? Hast du auch darüber nachgedacht, das geforderte Geld zu bezahlen?
Nein, das kam mir nie in den Sinn. Am Anfang wollten die Betrüger noch 1500 Kanadische Dollar [975 Euro] und ich meinte die ganze Zeit, dass ich pleite sei. Immer und immer wieder. Ich wollte sie irgendwie hinhalten. Dann wurde das Video allerdings in meiner Timeline gepostet und "Taylor Cooper ist ein Pädophiler" dazugeschrieben. Da habe ich richtig Panik bekommen, weil sie ja eigentlich meinte, 20 zu sein. Wahrscheinlich steckte hinter dem Ganzen aber nicht mal eine Frau. Zum Glück war es irgendwie halb fünf oder fünf Uhr morgens und ich habe das Video ganz schnell wieder gelöscht. Meine Panik ging aber nicht weg. Ich fing dann auch an, alle Freunde zu löschen, und mein Mitbewohner, der in der Zwischenzeit aufgewacht war, wusste auch nicht so recht, was er zu der ganzen Sache sagen sollte.

Wie bereits gesagt schrieb ich immer und immer wieder, dass ich pleite sei, und die geforderte Summe änderte sich daraufhin ständig. Irgendwann waren es nur noch 500 Kanadische Dollar [325 Euro] und am Ende hieß es dann: "OK, schick uns einfach sofort 90 Kanadische Dollar [knapp 60 Euro] zu." Eigentlich ging es so die ganze Zeit hin und her. Ich bat diese Leute im Grunde inständig darum, einfach nichts zu machen.

Wie ging das Ganze schließlich zu Ende?
Ich schrieb dann zum Schluss, dass in ein paar Tagen mein Gehalt überwiesen wird und ich das Geld dann gleich losschicke. Daraufhin erhielt ich einen Western-Union-Account als Empfänger, der in der Elfenbeinküste angelegt worden war. Ich rief meinen besten Freund an und der meinte: "Rede einfach mit deiner Familie und sag ihnen, dass sie keine Videos öffnen sollen, die ihnen zugeschickt werden."

Letztendlich ist dann gar nichts passiert—also niemand hat irgendeinen Link gesendet bekommen. Ich habe jedoch meinen Vater angerufen und ihn sowie meinen Onkel angewiesen, nichts zu öffnen. Rückblickend hätte ich das vielleicht nicht machen sollen, aber ich hatte halt doch irgendwie Panik. Mein Onkel, mein Vater und meine Stiefmutter wussten also Bescheid und sie zeigten auch irgendwie Verständnis. Bei Familientreffen wird dieses Thema gar nicht erst angesprochen, weil sie wissen, wie peinlich mir die ganze Sache ist.

Ich gehe davon aus, dass die Betrüger irgendwann einfach Schiss bekommen haben. Letztendlich wurden alle Nachrichten gelöscht und nichts ist passiert. Ich weiß nicht, ob ich einfach nur Glück hatte oder ob sie mich irgendwie bemitleideten, weil ich die ganze Zeit auf pleite gemacht habe.

Bist du wegen dieser Sache jemals zur Polizei gegangen?
Nein, weil ich wusste, dass die sowieso nichts machen können, wenn sich die Beschuldigten im Ausland befinden. Als ich deinen vorherigen Artikel zu diesem Thema gelesen habe, fand ich es jedoch richtig gut, dass andere Leute das Ganze zur Anzeige gebracht haben und dass ich nicht der einzige Mensch bin, dem so etwas widerfahren ist—ich habe mich nämlich schon ziemlich dumm gefühlt. Ich könnte mir auch vorstellen, dass zum Beispiel verheiratete Männer oder Väter die verlangte Summer sofort zahlen würden.

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Kennst du jemanden, dem schon mal das Gleiche passiert ist?
Ja, einem Freund aus British Columbia ist tatsächlich genau das Gleiche passiert. Er hat dann einfach seinen Facebook-Account gelöscht und die ganze Sache ist im Sand verlaufen.

Wie fühlst du dich jetzt, nachdem einige Zeit vergangen ist und sich auch andere Opfer zu diesem Thema geäußert haben?
Das war einfach eine total verrückte Sache. Ich hatte wirklich eine Scheißangst. Wenn man mal darüber nachdenkt, dann lässt sich das doch eigentlich mit dem Fischen vergleichen: Diese Typen sitzen einfach den ganzen Tag vorm Computer und adden wahllos Leute—irgendwann wird schon mal einer anbeißen. Aber die Täuschung ist inzwischen auch richtig fortschrittlich, also in Bezug auf die ganzen Videos von den jungen Frauen, die sich ihr Oberteil ausziehen und so weiter.

Ich finde es auch nicht schlimm, wenn in diesem Artikel mein richtiger Name genannt wird, denn wenn sich irgendjemand in meiner Situation wiederfinden sollte und darüber reden will, dann stehe ich dafür gerne zur Verfügung. Damit habe ich überhaupt kein Problem.

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