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the Earth Died Screaming Issue

Wir haben den Planeten so weit zerstört, dass ein neues Zeitalter angebrochen ist

Willkommen im Anthropozän, a.k.a das Menschenzeitalter, a.k.a. wir haben jetzt auf der Erde das Sagen und sollten uns besser um sie kümmern.

von Robert Eshelman
13 Juni 2015, 4:00am


Dieses Stück Acasta-Gneis ist eine Probe des ältesten bekannten Gesteins der Welt. Es wurde im Nordwesten Kanadas gefunden und ist etwa vier Milliarden Jahre alt—nur 500 Millionen Jahre jünger als das geschätzte Alter der Erde. Foto: SSPL/Getty Images

Wenn du und ich eine Bergkette betrachten, dann sehen wir eine Reihe majestätischer Gipfel. Wenn Kirk Johnson eine Bergkette betrachtet, sieht er Hunderte Millionen Jahre Geschichte. Anhand der Gesteinsschichten und Fossilien kann er die unendlich langsamen Prozesse der Evolution und Geologie verfolgen. Er kann die fünf Ereignisse identifizieren, die in den letzten 500 Millionen Jahren zu Massenaussterben führten, und die—jedes für sich—fast alles Leben auf dem Planeten auslöschten.

Johnson ist Paläobotaniker, Geologe und Direktor des National Museum of Natural History in Washington, D.C. Er erzählte mir von den langsamen Veränderungen unseres Planeten und seinem Interesse an Steinen, während wir an den Schaubildern und Dinosaurierskeletten vorbei spazierten, für die das Museum berühmt ist.

„In Museen bewahren wir die Beweise für Leben auf dem Planeten auf: Fossilien, Gestein, Proben", sagt er. „Das Museum ist der Ort, an dem unsere Kultur all die seltsamen Dinge festhält, die in den letzten 4,6 Milliarden Jahren Erdgeschichte passiert sind."

Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat die Wissenschaft beeindruckend genaue Methoden, das Aufkommen und Verschwinden von Spezies zu datieren, und sie hat fundierte Theorien zur Erdgeschichte entwickelt. Wir verstehen, wie die Erdteile und die jeweilige einheimische Flora und Fauna an Ort und Stelle gelangt sind. Die Radiokarbondatierung und die Kontinentaldrifttheorie gebe es seit den 1950ern, erzählte mir Johnson. Zu dieser Zeit wurden auch Methoden entwickelt, um zu ergründen, was hinter dem Aussterben von Arten in den letzten viereinhalb Millionen Jahren steckte. „All diese Werkzeuge sind gleichzeitig mit mir erwachsen geworden", sagte Johnson. „Und nun ist auch die Tatsache, dass Menschen den Planeten beeinflussen, in das kollektive Bewusstsein der Wissenschaft gedrungen."

Johnson bezog sich auf das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, ein Begriff, um den die vermutlich wichtigste aktuelle Debatte im Hinblick auf das Verhältnis des Menschen zur Natur geführt wird.

Der menschliche Einfluss auf die Umwelt ist so groß geworden, dass er, wie Johnson sowie Forscher Dutzender anderer Bereiche meinen, den Anbruch eines neuen Abschnitts der Erdgeschichte darstellt. Wir befinden uns nicht länger im Holozän, dem relativ warmen Zeitalter, das mit dem Rückgang der Gletscher vor etwa 12.000 Jahren begann. Seit dem Ende der letzten Eiszeit und der Ausbreitung der menschlichen Spezies auf allen Kontinenten haben unsere Landwirtschaft, Städte, Energieproduktion, Verkehrsnetze, Kunststoffe und Atomtests die biologische und chemische Zusammensetzung der Luft, des Bodens und des Wassers grundlegend geändert—und damit, wie viele meinen, dauerhafte geologische Veränderungen bewirkt. Die rasante Geschwindigkeit dieser Veränderungen könnte vielleicht sogar das sechste große Massenaussterben der Weltgeschichte auslösen.


Die Explosion der Rinderbevölkerung ist eine Ursache für den Anstieg der CO2-Werte und die globale Erwärmung. Foto: Patrick Zachmann/Magnum Photos

Die Erkenntnis, dass der Mensch die Umwelt negativ beeinflussen kann, ist keine neue. Im Jahr 1854 nannte der walisische Geologe und Theologe Thomas Jenkyn den bei stratigrafischen Aufzeichnungen auftretenden mutmaßlichen menschlichen Einfluss „anthropozoisch". Der Amerikaner George Perkins Marsh argumentierte in seinem Buch Man and Nature (1864), Menschen würden durch Waldrodung das ökologische Gleichgewicht stören und damit ihr Überleben erschweren. Der schwedische Chemiker Svante Arrhenius entdeckte 1895, dass ein Anstieg der CO2-Konzentration in der Atmosphäre zu einer höheren Erdoberflächentemperatur führt.

Anfang des 20. Jahrhunderts schlugen der ukrainische Geochemiker Wladimir Wernadski und die Franzosen Pierre Teilhard de Chardin und Édouard Le Roy die Bezeichnung „Noosphäre" für den wachsenden Einfluss menschlicher Technologie auf die Zukunft der Umwelt vor.

Im Jahr 2000 schrieben der niederländische Nobelpreisträger Paul Crutzen und sein Kollege Eugene Stoermer im Global Change Newsletter, der menschliche Einfluss auf die Welt sei so weit fortgeschritten, dass wir von einem neuen geologischen Zeitalter sprechen müssten.

Die menschliche Bevölkerung, so schrieben sie, sei im Laufe der letzten drei Jahrhunderte um das Zehnfache gewachsen. Damit einhergegangen sei auch ein Anstieg der Anzahl der Rinder auf weltweit fast 1,4 Milliarden. Die Verstädterung sei ebenfalls im 19. Jahrhundert um das Zehnfache angestiegen und dieses Wachstum werde die im Laufe mehrerer Hundert Millionen Jahre entstandenen fossilen Brennstoffvorräte erschöpfen. Sie schrieben, dass der Mensch mit Stickstoff versetzte Dünger eingeführt und, wie von Marsh bereits bemerkt, bis zu 50 Prozent der Landoberfläche kultiviert habe. Die Geschwindigkeit des Artensterbens habe sich mindestens vertausendfacht. Die Konzentration der Treibhausgase in der Atmosphäre sei erheblich gestiegen und andere Schadstoffe hätten ein Loch in die Ozonschicht gefressen. Es liest sich, als würden die Autoren den Schauplatz eines Verbrechens beschreiben. Doch diese Taten wurden nicht an einer Straßenecke verübt, sondern auf globaler Ebene, die die biologischen, chemischen und physischen Eigenschaften der Welt selbst beeinflusst.

„Angesichts dieser und vieler anderer großer menschlicher Einflüsse auf die Erde und ihre Atmosphäre, auf allen Ebenen inklusive der globalen", schrieben sie, „erscheint es uns mehr als angemessen, die zentrale Rolle der Menschheit in der Geologie und Ökologie zu betonen, indem wir die Bezeichnung ‚Anthropozän' für das aktuelle geologische Zeitalter vorschlagen."

Die zwei Forscher beschrieben nicht nur die Eigenschaften des Menschheitszeitalters, sie schlugen auch ein Datum für dessen Beginn vor: Das Jahr 1784 mit der für die Industrielle Revolution ausschlaggebenden Weiterentwicklung der Dampfmaschine durch James Watts.

Der menschliche Einfluss auf die Natur sei innerhalb sehr kurzer Zeit aufgekommen, schlossen sie, doch er würde vermutlich nie wieder verschwinden.

„Bei Ausbleiben größerer Katastrophen wie riesiger Vulkanausbrüche, einer unerwarteten Epidemie, eines Atomkriegs, einer Asteroidenkollision, einer neuen Eiszeit oder der fortgesetzten Ausbeutung natürlicher Ressourcen mithilfe von teils noch primitiver Technologie", schrieben sie, „wird die Menschheit noch viele Jahrtausende, vielleicht sogar Jahrmillionen, einer der großen Einflussnehmer auf die Erde bleiben."


Eine Rauchwolke nach einem Atomwaffentest auf dem Bikini-Atoll in den Marshallinseln, Juli 1946. Foto: Frank Scherschel/the Life Picture Collection/Getty Images

Für viele Wissenschaftler stellt sich inzwischen schon gar nicht mehr die Frage, ob es ein Anthropozän gibt, sondern nur noch, seit wann man von diesem sprechen kann. Hat es mit der Industriellen Revolution begonnen, wie von Crutzen und Stoermer vorgeschlagen?

Die Forschungseinrichtung International Commission on Stratigraphy hat unter anderem die Aufgabe, genau diese Frage zu beantworten. Voraussichtlich wird ein Ausschuss der ICS irgendwann nächstes Jahr entscheiden, ob die Kommission das Anthropozän offiziell annehmen soll und wenn ja, wann es begonnen hat.

Jan Zalasiewicz ist Dozent für Paläobiologie an der Universität Leicester und Vorsitzender des ICS-Ausschusses, der sich mit dem Zeitalter des Menschen auseinandersetzt.

„Beim Anthropozän haben wir es mit dem Gesamtergebnis menschlichen Handelns zu tun", sagte er, „und Geologen sind nicht so gut darin, menschliches Handeln zu bewerten."

Was sie allerdings gut können, istSteine untersuchen.

Und im Gestein haben sie Spuren menschlichen Handelns gefunden, genauer gesagt Spuren der Strahlung von Atomtests. Das war laut Zalasiewicz ein historischer Wendepunkt. Er und weitere Mitglieder der Arbeitsgruppe schlugen in einer Fachzeitschrift den ersten Atomtest am 14. Juli 1945 als Datum für den Beginn des Anthropozäns vor. Das Atomzeitalter brachte eine neue Form der Energie mit sich—und eine neue Art Müll, der sich jahrtausendelang hält. Das Datum fiel mit vielen der von Crutzen und Stoermer beschriebenen Phänomene zusammen: ein explosionsartiger Anstieg der menschlichen Bevölkerung, die Konzentration von Treibhausgasen, das Artensterben sowie die Produktion von Beton, Kunststoff und Metallen—in der Gesamtheit oft als „Große Beschleunigung" bezeichnet.

Simon Lewis und Mark Maslin vom University College London schlugen in der Märzausgabe von Nature entweder 1610 oder 1964 als Datum für den Beginn des Anthropozäns vor. Für sie stellt der sogenannte Kolumbus-Effekt, der Austausch zwischen der Alten und der Neuen Welt ab 1492, die größte Umorganisation der Menschheit in den vergangenen 13.000 Jahren sowie einen noch nie zuvor dagewesenen Austausch von Pflanzen- und Tierarten dar. Pflanzen aus der Alten Welt wie Zuckerrohr und Weizen wurden in Amerika gesät und amerikanische Pflanzen wie Mais, Kartoffeln und Maniok wurden in Europa, Asien und Afrika angebaut. Maispollen tauchen in europäischen marinen Sedimentkernen zum ersten Mal um das Jahr 1600 auf.

In diese Zeit fällt auch ein massiver Rückgang der menschlichen Bevölkerung. Die Anzahl der Bewohner Nord-, Mittel- und Südamerikas ging zwischen 1492 und 1650 wegen Krankheit, Hunger, Versklavung und Krieg von geschätzten 61 Millionen auf etwa sechs Millionen zurück. Weniger Menschen bedeuteten weniger Landwirtschaft und weniger Waldrodung. Dadurch nahm laut Lewis und Maslin die Biomasse der amerikanischen Kontinente erheblich zu. Die vielen Bäume und Pflanzen zogen mehr Kohlenstoffdioxid aus der Luft und die atmosphärische CO2-Konzentration ging zwischen 1570 und 1620 tatsächlich ein wenig zurück.

Diese beiden Ereignisse—das Auftauchen von amerikanischen Pollen in Europa und das Sinken der CO2-Werte—deuten auf den Beginn des Anthropozäns hin, schreiben sie.

Wie auch Zalasiewicz sehen Lewis und Maslin die Zunahme der von Atomtests stammenden Radionukliden als eine mögliche plausible Trennlinie zwischen geologischen Zeitaltern. Allerdings schlagen sie nicht das Datum des ersten Tests (14. Juli 1945) für den Beginn des Anthropozäns vor, sondern 1964, das Jahr, in dem die radioaktiven CO2-Werte, die in Baumbohrkernen nachweisbar sind, einen Höhepunkt erreichen.

All das klingt vielleicht sehr akademisch. Welchen Unterschied macht es schon, ob der menschliche Einfluss auf die Umwelt vor 12.000, 500 oder 50 Jahren angefangen hat? Lewis und Maslin sind der Meinung, die genaue Bestimmung könnte unsere Einschätzung der treibenden Kräfte hinter den globalen Veränderungen beeinflussen.

„Das [Sinken der CO2-Werte] deutet da­rauf hin, dass Kolonialismus, globalisierter Handel und Kohle das Anthropozän eingeläutet haben", schreiben sie. „Der atomare Höchststand als Anfangsdatum erzählt die Geschichte einer elitär vorangetriebenen technischen Entwicklung, die das Leben auf dem gesamten Planeten auslöschen könnte."


Ein Besucher des American Museum of Natural History in New York fotografiert ein Diorama des Grant-Karibus. Foto: Sam Youkilis

Auch Johnson im Naturkundemuseum macht sich Gedanken darüber, welche Geschichten sich die Leute erzählen—immerhin hat das Museum jährlich Millionen Besucher. Wie Johnson und seine Mitarbeiter die 4,6 Milliarden Jahre lange Erdgeschichte kuratieren und darstellen, beeinflusst die Wahrnehmung junger und alter Menschen, von Schülern und Studenten, die täglich an ­privaten und politischen Diskussionen über Arten­sterben, Klimawandel und die Zukunft der Zivilisation teilnehmen, ob aktiv oder passiv.

„Die Geschwindigkeit des Artensterbens ist wirklich unfassbar. Sie kann mit den fünf großen Ereignissen des Massenaussterbens mithalten, aber unglaublicherweise sind diesmal wir Menschen dafür verantwortlich, und zwar ohne jeden Zweifel", sagte Johnson, als wir vor einem großen Wandbild aus den 1970ern stehen blieben.

Die spärlich beleuchtete Szene zeige Alaska vor 15.000 Jahren, sagte er. Mammuts und Mastodons, ein Riesenhirsch, amerikanische Löwen, Kurznasenbären und Moschusochsen zogen über eine grünbraune Tundra mit vereinzelten Flecken Schnee. Johnson sagte, es sei eine Darstellung des frühen Holozäns, als die letzte Eiszeit endete und die Menschheit anfing, sich über die Kontinente auszubreiten.

Johnson zeigte auf die obere rechte Ecke des Wandbilds, wo vier zottelige Männer mit Speeren ein Riesenfaultier umzingelten. „Nordamerika wurde vor etwa 13.000 Jahren von Menschen besiedelt", sagte er, „und bald darauf findet man Überreste von Mammuts, in denen Speerspitzen ste­cken. Und wenig später findet man keine Mammuts mehr."

„Bald werden wir den Elefanten, das nördliche Breitmaulnashorn und den Tiger ausgerottet haben. Wir sind dabei, viele große Arten auszulöschen", sagte er. „Doch wir töten auch viele kleine. Im letzten Jahrhundert haben wir den Beutelwolf und gewisse Antilopenarten verloren. Es summiert sich, und ein Jahrhundert ist aus geologischer Sicht eine kurze Zeit—die tatsächliche Rate des Artensterbens kann also durchaus mit den anderen großen Ereignissen des Massenaussterbens mithalten."

Und diese Veränderungen, sagte er, würden direkt durch menschliches Handeln ausgelöst: Entwaldung, Wilderei, die mangelnde Beute für Raubtiere. Dazu kommen indirekte Faktoren, wie die Luft- und Meeresverschmutzung.

„Es gibt heute doppelt so viele Menschen auf der Erde wie im Jahr meiner Geburt, und ob du Tiere wilderst, einen Hamburger isst oder im Stau sitzt, das gehört alles zum Anthropozän", sagte er.
Gibt es einen angeborenen menschlichen Drang zu töten, ist es das Ergebnis der kapitalistischen Gesellschaftsordnung oder liegt es einfach am Bevölkerungszuwachs unter den Menschen und Rindern? Darauf gab er keine Antwort.

„Wir als Menschen können die Welt nicht nur auf einen negativen, sondern auch auf einen positiven Kurs bringen", sagte er. „Die letzten 50 Jahre haben bewiesen, dass wir den Planeten verändern können. Jetzt müssen wir uns nur noch dazu entscheiden, gute statt schlechte Veränderungen her­beizuführen."