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Die Frau, die den öffentlichen Dreier hatte, der viral gegangen ist, will sich nicht schämen

Wenn Frauen beim Sex im Internet präsentiert werden, dann wird leider immer noch schnell der moralische Zeigefinger erhoben und die verbale Keule ausgepackt.

von Sarah Ratchford
16 Juli 2015, 2:06pm

Foto: bereitgestellt von Maryjane Peters

Alexis Frulling (Foto: bereitgestellt von Maryjane Peters)

Alexis Frulling entfernt die Plastikfolie einer Salatgurke und steckt sich das eine Ende des Gemüses in den Mund. Dann beißt sie einmal herzhaft hinein, kaut und schluckt.

Diese Szene ist in einem YouTube-Video zu sehen, das Frulling aufgrund der Nachwirkungen ihres öffentlichen Dreiers vor gut einer Woche hochgeladen hat. Dieser Dreier wurde gefilmt und dann ohne ihr Wissen und Einverständnis ins Internet gestellt. Dass normaler Sex zu dritt überhaupt irgendwelche Folgen für die Beteiligten hat, liegt wohl daran, dass Frauen immer noch als dreckige Schlampen gelten, wenn sie mit ihren Körpern das machen, was ihnen gefällt. Für die involvierten Männer ist das Ganze natürlich vollkommen in Ordnung—man rechnet sogar fast damit.

Der zu erwartende Aufschrei und die Beschimpfungen fingen an, nachdem das Dreier-Video online gegangen war. Frullings eigenes Video richtet sich sowohl an ihre Unterstützer als auch an alle Hater und sie lässt sich darin über den Sex aus. Das Ganze trägt den Titel „Trampede (the original)" und wurde bereits über eine Million mal angesehen. Frulling hat sich bei dem Video offensichtlich viel Mühe gegeben (selbst ein Lied ist enthalten): Sie sitzt auf einer Veranda, im Vordergrund ist ein Glas Wein zu sehen und es werden Witze über die ganze Situation gerissen.

„Ich bin natürlich nicht gerade stolz darauf", meint sie in Bezug auf den Dreier in die Kamera. „Aber ich schäme mich jetzt auch nicht."

Frulling nimmt das Heft so gesehen selbst in die Hand. Sie hat ihr Facebook-Profil zu einer öffentlichen Fan-Seite mit inzwischen 14.000 Likes gemacht. Sie legte einen YouTube-Kanal an und ein Twitter-Account sollte ebenfalls folgen (auch hier mit einer beachtlichen Zahl an Followern). Allerdings stellt sich hier die Frage, welche Wahl sie in einer Gesellschaft überhaupt hat, in der Frauen für sexuelle Handlungen an den Pranger gestellt werden, aber dann gleichzeitig auch von ihnen erwartet wird, Männer sexuell zu befriedigen. Sie muss ihre Geschichte quasi selbst erzählen, weil sonst das Internet diese Aufgabe übernimmt. Die involvierten Männer leben ihr Leben inzwischen wahrscheinlich ganz normal weiter und verspüren definitiv nicht den gleichen Druck, sich für ihre Handlung zu rechtfertigen. Nur Frulling muss sich auf diese Art und Weise zu ihren Taten äußern, weil sie die Einzige ist, die dafür bloßgestellt wird.

Am Telefon erzählte mir Frulling, dass sie den Dreier mit zwei Freunden hatte, mit denen sie auch schon vorher intim geworden war. Sie waren auf dem Weg zum Wiz-Khalifa-Konzert, das im Zug der Stampede stattfand, und rissen dabei versaute Witze. Dann fanden sie die Idee eines Dreiers plötzlich ziemlich ansprechend. Am Anfang zögerte Frulling noch, aber dann entschied sie sich dazu, einfach das zu machen, auf was sie Lust hatte. Das Trio zog sich in eine stille Seitengasse zwischen zwei Industriegebäuden der Innenstadt zurück. Leider fiel ihnen dabei nicht auf, dass ein Anwohner von seinem Balkon im ersten Stock aus alles beobachten konnte und den Akt filmte—und das Ganze anschließend auf Reddit postete.

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Laut Frulling ermittelt die Polizei immer noch. Außerdem ist es möglich, dass besagter Anwohner angeklagt wird. Intime Bilder einer anderen Person ohne deren Einwilligung zu veröffentlichen, ist in Kanada eine Straftat—und das ist in Zeiten von Cyber-Mobbing-Fällen wie dem von Amanda Todd auch gut so. Bei Frulling ist es allerdings unklar, welche Rolle es spielt, dass der Akt in der Öffentlichkeit stattfand. Zwar ist öffentlicher Sex in Kanada ebenfalls verboten, aber die junge Frau und die zwei beteiligten Männer müssen trotzdem keine Konsequenzen fürchten.

„Eigentlich sollten nur wir und unsere Freunde von der ganzen Sache Bescheid wissen, aber dann kam alles ganz anders", erklärte mir Frulling. Irgendjemand outete sie schließlich, als ihr Instagram-Account mit einem Screenshot aus dem Video verknüpft wurde. Am Anfang versuchte sie noch, alle Beweise löschen zu lassen, aber schließlich entschied sie sich dazu, die Sache selbst in die Hand zu nehmen.

„Ich dachte mir nur: ‚Das ist so verdammt bescheuert. Ich werde es nicht zulassen, dass diese ganzen Idioten jetzt über mich herziehen.' Also habe ich mich gestellt. Vor mir haben schon so viele andere Leute genau das Gleiche gemacht—sie wurden dabei halt bloß nicht erwischt. Das ist nicht fair. Ich sehe nicht ein, warum ich jetzt alles abbekomme, während die Jungs nicht ein Mal erwähnt werden."

Starten wir doch mal eine kleine Umfrage: Wer von uns hat noch nie a) mit einem Freund oder einer Freundin geschlafen, b) Sex im Freien gehabt oder c) in irgendeiner Form an einer Orgie mit mehreren Leuten teilgenommen? Nur weil Frulling all das gleichzeitig gemacht hat und dabei „in flagranti" erwischt wurde, heißt das noch lange nicht, dass uns das auch irgendetwas angeht. Das ist einzig und allein Frullings Angelegenheit und es ist auch ihr Körper—und genau das bestätigt sie uns jetzt.

Dieser Typ meint zum Beispiel auch, dass spontane Dreier „nun eben mal bei der Stampede passieren. Die ganze Veranstaltung ist einfach nur eine zügellose, zehntägige Party."

Und trotzdem sagen die Leute, dass Frulling nicht klug sei und eigentlich doch hätte wissen müssen, dass das Video irgendwie im Internet landen würde.

Nein. Sie hätte zwar schon erwarten können, dass sie vielleicht gesehen wird, aber nicht, dass man sie dann auch gleich filmt und das Ganze dann online stellt—im Wissen, dass man sie damit entweder total bloßstellt oder eine Lawine des Online-Mobbings und des Slut-Shamings lostritt.

Außerdem ist ein Dreier doch etwas, an dem viele von uns mit Freuden teilnehmen oder zumindest davon träumen. Einige Leute behaupten sogar, dass Dreier immer beliebter werden. Warum also der ganze Hass? Die Wahrheit ist doch, dass die Leute, die hier ihre Klappe am weitesten aufreißen, im Grunde einfach nur wegen ihrer traurigen und sexlosen Leben wütend sind.

Rebecca Sullivan, die Leiterin der Abteilung für Frauenforschung an der University of Calgary, sagte in einem Interview zu der ganzen Sache:

„Wir sollten nicht darüber diskutieren, ob man so etwas tun sollte oder nicht, sondern eher darüber reden, warum es OK ist, so ausfällig zu werden. An alle Menschen, die schlecht über diesen Zwischenfall sowie die junge Frau reden: Was habt ihr davon? Was bringt euch das? Warum fühlt ihr euch in der Rolle als Schmäher wohl?"

Zum Glück haben einige andere Frauen (zum Beispiel Belle Knox oder Kim Kardashian) schon mal ähnliche sexuelle „Outings" erfahren müssen. Sie haben sich das Ganze dann zu Nutze gemacht und durch diese Zwischenfälle ein für sich passendes Image aufgebaut. Frulling hat zwar Angst, dass das Video für ihre Suche nach dem „richtigen" Job nicht förderlich sein wird, aber sie will sich davon trotzdem nicht unterkriegen lassen. Sie plant, im PR- und Event-Management-Bereich anzufangen, und könnte sich dazu auch vorstellen, Online-Sex-Tutorials zu produzieren. Nicht schlecht—ich meine, wer hat denn noch nie das Pech gehabt und mit einer Person geschlafen, die ein solches Tutorial dringend nötig hätte?

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Frulling ist uns nichts schuldig—weder irgendwelche Weisheiten noch Entscheidungen, mit denen wir gut leben können. Sie ist eine 20-jährige Frau, die einfach nur das macht, was ihr gefällt. Wir müssen einfach damit klarkommen, wie Frauen heutzutage ihre sexuellen Triebe ausleben. Sexualisiertes Anprangern und Internet-Mobbing haben schon zu viele Frauen auf dem Gewissen und wir sollten uns dieser Gefahren inzwischen schon mehr als bewusst sein.

„Viele junge Frauen haben zu viel Angst, um für sich selbst einzustehen und zu sagen: ‚Scheiß auf diese Doppelmoral!'", meint Frulling. „Männer können doch auch machen, was sie wollen. Wir sind alles Menschen und treffen unsere eigenen Entscheidungen."

Frulling wird sich nicht den Mund verbieten lassen. Sie will ihre Geschichte selbst erzählen und sie wird nicht klein beigeben.