FYI.

This story is over 5 years old.

Das CKSTER-Festival führte uns analogital ein

Analog und digital vermischen, wenn man den Sound aus Pariser Métrotickets ausliest oder als Tarnkappen-Yeti durch Bern wandert.
13.6.14

P { margin-bottom: 0.21cm; }A:link { }

Vom 5. bis 7. Juni fand in Bern das CKSTER-Festival statt. Es wurde organisiert vom Berner RAST-Kollektiv, das schon die Zwischennutzer-App entwickelt hat. Das Festivalprogramm—gestaltet mit einem selbst entwickelten „Hipsterfilter"—versprach einen bunten Mix aus Bildschirmarbeit, Elektrotechnik und analogem Hacking.

Hacking ist eben nicht nur Programmier- und Binärsprache oder der Film WarGames, sondern jede Anders-Nutzung eines Systems in unserer „analogitalen" (Verena Kuni) Lebenswelt. Hacker-Idole sind darum neben den Club Mate-süchtigen Pickelboys mit Rosschwanz, auch etwa die steril-rasierten Yes Men.

Diese haben als McDonald's-Vertreter schon Big Macs aus angeblichem Kloinhalt an amerikanische Studenten verfüttert oder als Dow Chemical-Sprecher live auf BBC zwölf Milliarden für die Opfer vom Bhopal-Chemieskandal versprochen.

Hacking muss laut Adrian Demleitner vom RAST-Kollektiv aber nicht immer zielgerichtet sein: „Verwirrung stiften ist völlig in Ordnung, aber eben nicht nur. Für uns ginge dem Idealhack eine Vertiefung ins Thema voraus. Dann kann ein Hack durchaus unerwartete Ergebnisse liefern." Menschliche Störsender können auch bloss ihre eigene Umgebung reflektieren oder Stofftiere ausweiden.

Hacks. From A to D and Back again!
Den ersten Vortrag des Festivals hielt Verena Kuni, Professorin für visuelle Kultur in Frankfurt und mein Gott: Alleine ihr Titel klingt so nach übertheoretischem Geisteswissenschaftler-Klischee, dass ich skeptisch war.

Aber das explodierende Footballfeld am Yale Game Hack '82, die Bilder von Künstler Aram Bartholl mit Bastelbögen für World of Warcraft-Äxte und die pausenlosen Klammerbemerkungen zur NSA-Überwachung schweissten uns zum Widerständler-Kollektiv. Die Berner Dampfzentrale wurde für uns zum Berliner Weltenretter/Weltzerstörer-Hinterzimmer der frühen 90er-Jahre. (Vielleicht wären es in den 90ern halt Ultima 7- statt WoW-Bögen gewesen.)

Wurstopia

Nach diesem ersten Trip in die permanente Systemrevolution brauchten wir eine Stärkung. Die Internationale Gastronautische Gesellschaft leitete das Verwursten an. Die Därme durften wir mit allem, was denkbar ist, füllen: Katzenfutter, Gummibananen und M&M's oder traditioneller mit Peperoncini und Cashew-Nüssen. Jeder durfte zwei Teile Fleisch mit einem Teil Selbstverwirklichung kombinieren.

Nach einem sehr ernsthaften und workshop-intensivem Freitag (Wir haben ihn komplett verpasst!) ging es am Samstag spielerisch weiter. Kuscheltierfans rissen den eigenen Stofftieren die Innereien raus und machten sie zu Cyborgs.

Nebenan brachten Arduino-Starter rote Lämpchen zum Leuchten. Vielleicht hatten am Ende des Workshops auch alle etwas mehr gelernt und ihren eigenen USB-Protonenbeschleuniger, aber da war ich schon ein MacGhillie.

MacGhillies
Philipp Meier von Watson führte den MacGhillie-Anzug als eine Art Do It Yourself-Performance ein. MacGhillies sind Tarnanzüge, in denen sonst Scharfschützen rumstolpern. (Ich würde über jede scheiss Wurzel fallen.) MacGhillie-Gruppen wischten schon als Ganzkörperbürsten Bankfilialen, aber Philipp Meier schätzt den MacGhillie als Ruhepol. Es reiche, sich auf eine Parkbank zu setzen.

Im Selbstversuch schwitzte ich als gesichtsloser Yeti durch Bern und fühlte mich der Sprache unfähig. On the bright side: Leute wollten sich mit mir fotografieren lassen. Das kannte ich vorher nicht, denn mein normaler Phänotyp ist eher langweilig.

Trinkende Männerrunden wollten mich adoptieren, hielten mich aber für arrogant, weil ich nicht auf ihre Fragen antwortete. Dabei lag das nicht an ihnen! Der MacGhillie treibt eine Schneise zwischen mich und ihr Weissbier. Als wäre ich ein von Mobbing in der Primarschule traumatisiertes Yak ohne Gesicht.

Eine Viertelstunde lang lief ich den Kleiderläden entlang und blieb jeweils für etwa 30 Sekunden im Eingang stehen. „Nein, auch bei H&M gibt es nichts in meinem Wuschel-Style." Zuletzt versuche ich noch, das Rezeptionsglöckchen vom Kulturbüro zu klauen.

Le Son du Métro

Dann werde ich just in time für den Vortrag „Le son du métro" von Flo Kaufmann wieder ich. Flo Kaufmann interessiert sich auf experimentell-wissenschaftliche Art dafür, wie man in der Grosstadt mit nichts (also ohne alles) überleben kann.

Darum ging er in Paris an die illegalen Flohmärkte neben den legalen Flohmärkten und sammelte dort ein was am Schluss liegengeblieben war: Kaputte Stofftiere, kaputte Elektroware, Tintenstrahldrucker... eine ganze Palette von Dingen mit dem Attribut „kaputt".

Aus New York kannte Flo grob gestanzte Jetons als gefälschte Subway-Tickets. In Paris hat noch niemand versucht, die Métro zu überlisten. Nach Monaten des Rumprobierens (und ein paar tausend Métrotickets!) konnte Flo mit einem Tonkopf und aus Druckern ausgebauter Mechanik den Soundunterschied zwischen entwerteten und neuen Tickets auslesen.

Dass die Automaten auf Tickets mit gefaktem Originalsound reinfallen, hat er bewiesen. Natürlich nur theoretisch, versteht sich. Nächstes Jahr kommt dann auch die aus Métroticket-Sounds gemixte CD raus.

Bevor ich gehe, nehme ich Mitorganisator Adrian noch das Versprechen ab, dass sie das Thema weiterführen. Nach so viel Querdenken verabschiede ich mich vor dem CKSTER-Ende zu den lustigen Gradaus-Bolzern an der Onkelznacht. Auch eine Form von Social Hacking?

Hier findest du mehr Bilder von Daniel Drognitz