FYI.

This story is over 5 years old.

Ein Interview mit Andreas Kronthaler

Bei all dem Gerede um seine wilde Ehe mit Vivienne Westwood könnte man schnell vergessen, was für ein genialer Designer Kronthaler ist.
8.5.14

Fotos von Lukas Gansterer

Andreas Kronthaler ist in einem kleinen Dorf im Zillertal aufgewachsen. Ob seine Kindheit so glücklich war, weiß er heute gar nicht mehr. Seine Eltern haben ihn immer einfach machen lassen – nur zum Abendessen musste er wieder zu Hause sein. Sie haben ihm vertraut, auch als er mit fünfzehn Jahren zuerst nach Graz und dann später nach Wien gegangen ist, um Mode zu studieren. Seine Lehrerin dort war zum Glück nicht irgendjemand, sondern Vivienne Westwood auf dem Höhepunkt ihrer Karriere: Von der „Mother of Punk“ war sie zu einer der wichtigsten Designerinnen geworden. Sie hat sein Leben von Grund auf verändert und er ihres. Die beiden haben sich ineinander verliebt und bald darauf geheiratet. Wie sie ihre Ehe führen, scheint bei der Öffentlichkeit auf großes Interesse zu stoßen und es kursieren die wildesten Gerüchte. Bei all dem Gerede könnte man schnell vergessen, dass Kronthaler ein genialer Designer ist, der in dem Unternehmen schon längst einen festen Platz eingenommen hat und sich um die Männerkollektion kümmert.

Westwood selbst ist neben ihren busenfreundlichen Korsagen für ihre kritischen Bemerkungen und ihre Sorge um den Klimawandel bekannt. Denn obwohl sie im Epizentrum des Modewahnsinns sitzt, umgeben von verschwenderischem Luxus, hat sie sich, wie auch Kronthaler, ein erstaunlich vernünftiges Weltbild bewahrt. Er konnte sie zwar aus ihrer kleinen Sozialwohnung in ein größeres Haus locken, aber sie fahren nach wie vor mit dem Rad zur Arbeit. Was seine Familie von seinem Leben hält? Sie sind stolz auf ihn und sein Vater sammelt alle Zeitungsausschnitte, die er dann in seinem Haus in Tirol an die Garagentür klebt.

VICE: Wie empfindest du die Modeszene aktuell? Bist du zufrieden?
Andreas Kronthaler: Wie ich die empfinde? Schon ganz interessant, soweit ich das beurteilen kann. Ich lebe in London und gerade in letzter Zeit habe ich wieder zu mir gefunden. Ich mag jetzt nicht zu sehr ausschweifen, aber ich habe gerade eine Krise gehabt. Nun schaue ich mir wieder wahnsinnig viel an: Ausstellungen, Archive und ich gehe auch abends manchmal weg. In den letzten Jahren hab ich relativ zurückgezogen gelebt. Aber ich finde die heutige Mode schon interessant. Es tut sich viel und eine ganz neue Generation kommt nach. Ob die Jungen eine Chance haben, ist eine andere Frage. Wir leben in einer Welt der Modeschauen und großen Namen. Diesen Hang zum Luxus finde ich eine Konfusion. Da gibt es Leute, die kaufen sich Krokotaschen um tausende Pfund und tragen das dann zu Jeans und Sweatshirt. Dabei bleibt eine Tasche wirklich einfach nur eine Tasche. Es ist das Begleitstück eines Kostüms und soll irgendwie dazu passen. Weißt du, das hat so keinen Sinn.

Der Trend geht in eine andere Richtung. Der drittreichste Mensch der Welt ist der Zara-Gründer. Diese großen Ketten verdienen ihr Geld damit, dass immer mehr Leute am Luxus teilhaben wollen. Sie beherrschen den Markt und feuern nonstop Neues raus.
Das ist leider die Wegwerfgesellschaft, in der wir leben, das blinde Konsumieren. Ich verstehe das nicht. Wenn sich jemand etwas kauft, sollte er darüber nachdenken, ob er das braucht und auch ob er das Teil gerne hat—also den Bezug zu etwas herstellen. Das hat man früher viel mehr gemacht. Ich habe nichts gegen Dinge, die viel kosten. Mir geht es eher um die Einstellung, wie man die Dinge konsumiert. Man braucht nicht sechs Pullover, wenn es eigentlich einer tut.

Lebst du so? Passt du auf deine Sachen auf?
Ich pflege meine Dinge extrem! Ich habe Stücke, die sind 20 Jahre alt, die mag ich immer noch gerne und trage sie auch. Die Vivienne ist da noch extremer und so sparsam. Das ist ein bisschen englisch. Ich habe dort auch gelernt, dass man Dinge trägt, bis sie einem im wahrsten Sinne des Wortes vom Leib fallen—wobei das mit arm oder reich nichts zu tun hat. Ich habe Aristokraten gesehen, die hatten Mottenlöcher in ihren Sakkos.

Große Konzerne fördern aber den maßlosen Konsum und verschwenderischen Umgang mit Ressourcen. Ist das ein Grund, warum ihr die Kollaboration mit H&M abgelehnt habt?
Das war jetzt nicht unbedingt ein Grund. Es fühlte sich einfach nicht gut an damals. Würden die jetzt wieder fragen, wär das vielleicht etwas anderes. Wenn man dem Ganzen einen Sinn geben könnte …

Bist du stolz darauf, dass ihr nicht Teil einer großen Marke seid?
Total! Das ist so eine Freiheit. Man ist sein eigener Herr und für sich selbst verantwortlich. Das ist ein anderer Ausgangspunkt. Ich finde, das ist auch zu wenig vorhanden da draußen. Mehr und mehr Designer sind ja praktisch angestellt.

Ihr hättet dann wohl auch Schwierigkeiten, weiterhin so eine kritische Stimme im Mode-Business zu sein.
Das wäre vollkommen unmöglich. Man würde eine derartige Kritik einfach nicht akzeptieren. Sogar für uns ist dieser Gegensatz manchmal schwierig. Meine Frau Vivienne sagt oft etwas sehr naiv heraus, aber dadurch hat das Ganze auch so eine Kraft. Und ich finde genau das eigentlich recht gut.

Ist das nicht Wasser predigen und Wein trinken? Wenn man im Luxussegment arbeitet und gleichzeitig für ein bewuss- teres Konsumverhalten eintritt, wie es ja deine Frau immer wieder propagiert?
Sie ist sich dessen bewusst, aber für sie war Mode immer eine Plattform oder eine Ausdrucksform, ihre Meinung zu äußern. Das hat sie vor 30 Jahren gemacht und das macht sie nach wie vor. Man kann nicht einfach nur die Augen zumachen. Es sind zu wenig Menschen da, die in eine solche Position kommen oder so eine Wichtigkeit haben und wirklich ihre Meinung sagen. Aber sie ist eine davon.

In diesem Zusammenhang finde ich die „Climate Revolution“- Kollektion interessant, weil sie kommerziell schwer verwertbar scheint. Ich kann mir kaum einen Käufer vorstellen, der etwas für Klimaschutz übrig hat.
Naja, das stimmt gar nicht. Die Kollektion läuft immer besser und besser. Man hat das anfangs sogar intern in der Firma belächelt, aber Vivienne hat es wirklich eigenständig verfolgt und es wächst immer mehr. Zwei Mädchen sind derzeit bei uns konstant nur mit Klimafragen beschäftigt.

Ist dir das so wichtig wie ihr?
Nein, mir ist es nicht so wichtig, aber ich unterstütze das, wo ich kann, denn es liegt ihr wirklich am Herzen. Sie ist so eine Weltverbesserin und riskiert ihren Hals dafür. Das ist ihr Typ, ihr Charakter. Ich weiß es nicht, vielleicht bin ich zu blöd oder zu gescheit dafür, eines von den beiden.

Ich finde es auch mutig, dass heutzutage jemandem noch ein Thema außerhalb der Glitzerwelt wichtig ist.
Das ist eben so eine Welt, die einen einnimmt, und dann haben andere Themen oft einfach nicht so viel Platz, weil der ganze Tag damit verbracht wird, sich dem Schönen hinzugeben. Ich kritisiere das auch überhaupt nicht, ich finde das in Ordnung.

Ihr punktet immer wieder mit außergewöhnlichen Kampagnen, wie kürzlich der von Jürgen Teller mit deiner Frau, der splitterfasernackten, 70-jährigen Vivienne Westwood. Wie war das für dich?
Das war eine Idee vom Jürgen, aber er hat mich im Vorfeld ge- fragt. Der hat das schon clever gemacht, denn er wollte damals, dass ich vorfühle. Und mit der Nacktheit habe ich überhaupt kein Problem. Er ist ein super Fotograf und man kennt sich. Das war auch ein total schöner Tag. Ich glaube, das war zu Weihnachten, am zweiten Weihnachtstag. Er ist einfach mit seiner Familie auf einen Drink gekommen und da sind wir zusammengesessen, Jürgen mit seinen Kindern und seiner Frau. Und dann haben sie Aktfotos gemacht.

Also es stört dich gar nicht, dass er deine Frau nackt fotografiert und in aller Öffentlichkeit präsentiert?
Es gehört einfach dazu und ist ein Dokument. Ich stelle das gar nicht in Frage und finde es schön. Sie ist eine Frau, die für etwas steht. Sie ist auch nicht operiert. Das ist unretuschierte Schönheit, auch wenn das vielleicht naiv klingt.

Auch Pamela Anderson steht für etwas. Ihr habt ja mit ihr zusammengearbeitet. Erzähl mal!
Pamela ist mittlerweile sogar eine gute Freundin geworden. Ganz tolle Person. Sie setzt sich zum Beispiel wahnsinnig für die Umwelt und den Tierschutz ein und ist auch eine tolle Mutter. Sie war damals auf einer Modenschau und ich habe sie einfach nur gefragt, ob sie mit uns zusammenarbeiten will. Sie hat ja gesagt und wir sind dann nach Los Angeles. Das war irgendwie billiger, als wenn sie nach London gekommen wäre. Sie hat damals noch in so einem Trailer gewohnt, „Paradise Cove“ hieß das und befand sich in einer gated community in Malibu. Das war das erste Mal, dass ich sie wirklich gesehen habe.

Wir sind angekommen und haben geläutet und sie hat gesagt: „Ich hole euch ab!“ Dann ist sie diesen Berg runter im weißen Buggy, nur in einem Männerunterhemd und sonst nichts an, barfuß, die Haare offen, irrsinnig schön geschminkt. Ich habe noch nie so etwas Tolles gesehen! Ich war da mit Vivienne und Jürgen und sie hat uns in ihr Wohnmobil eingeladen und da haben wir halt fotografiert—zwei Tage lang.

Sie hat auch viel Busen und eine superschmale Taille. Das scheint ja ein großes Thema in eurer Frauenmode zu sein. Ja, das sind nun mal Gegebenheiten, aus denen soll man was machen. Das ist etwas, das ich bei Vivienne gleich von Anfang an mitbekommen und auch sehr an ihr geschätzt habe. Sie ist eine Frau, die für eine Frau designt. Die Weiblichkeit hat mich auch an ihr angezogen, vom ersten Moment an. Ich habe mich darin total gefunden—wie bei einer Erleuchtung. Es passiert manchmal im Leben, dass man jemanden trifft, der einem aus der Seele spricht. Da stimmt alles, das spürt man auch sofort und dem muss man nachgeben.

Auch Viviennes Mutter war eine wichtige Bezugsperson für dich.
Die habe ich irrsinnig gerne gemocht. Sie hat vorher am Land Luxus finde ich eine Konfusion.” gewohnt und ist dann erst mit 80 Jahren—sie ist 94 geworden— nach London gezogen, damit sie näher bei ihren drei Kindern sein kann. Dadurch habe ich sie richtig kennengelernt. Die war eine ganz coole Person. Am Abend bin ich oft hin zu ihr, eigentlich regelmäßig einmal in der Woche, immer freitags ins Pub. Zum Schluss habe ich mir extra ein Auto gekauft, ein großes, altes. Dann sind wir die 200 Meter zum Pub gefahren und haben ein Bier getrunken. Das hat ihr irrsinnig viel Spaß gemacht. Wir ha- ben immer geredet.

Sie war extrem unkonventionell. Da kommt die Vivienne auch nach ihrer Mutter. Die war auch immer toll angezogen. Sie ist zu Tanzkursen gegangen und hat eigentlich bis ins hohe Alter immer einen Freund gehabt. Sie hat einfach das Leben genossen wie Vivienne. Wenn ich ihr was erzählt habe, hatte sie immer gute Ratschläge. Die Art und Weise, wie sie auf Probleme reagiert hat, war wie Balsam. Ich weiß nicht, ob das etwas mit der Weisheit des Alters zu tun hatte oder ob es an ihrem Charakter lag.

Du wirkst in den Interviews immer so ruhig und zurückhaltend und das steht im Gegensatz zu dem, wie du dich anziehst oder wie ich dich auf Fotos wahrnehme. Empfindest du dich selbst als wild, ausgefallen, unkonventionell?
Ich habe eine ganz andere Seite und die ist sehr temperamentvoll.

Die lässt du in Interviews offensichtlich nicht raus.
Nein, aber wenn es nicht so läuft, wie ich mir das vorstelle, kann ich schon ein schwieriger Mensch sein—in allen Bereichen. Alles muss immer nach meinem Kopf passieren. Ja, ich mache es mir sogar oft zu schwierig. Aber auf der anderen Seite machen es sich viele Menschen auch zu leicht. Ich merke das oft bei den Jungen: „Das gefällt mir/das gefällt mir nicht.“ Das akzeptiere ich nicht. Mach dir doch ein bisschen Gedanken darüber, be- schäftige dich damit, glaub nicht immer alles! Alle sind nur im Computer drinnen und das ist halt auch eine Realität. Meistens sind sie dann extrem enttäuscht, wenn das wirkliche Ding vor ihnen ist, dieses Kleidungsstück oder sonst was. Sieht halt anders aus da drin. Man muss schon daran arbeiten.