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Wie die Kirche entscheidet, was ein Wunder ist

Wir haben uns mit einem Mitglied der medizinischen Kommission unterhalten, die im Vatikan dafür verantwortlich ist, die Sünder von den Heiligen zu unterscheiden.

von Demented Burrocacao
28 April 2016, 4:00am

Das Gemälde "Letztes Wunder und Tod des heiligen Zenobius" von Sandro Botticelli | Wikimedia Commons | Gemeinfrei

In Rom ist 2016 ein sogenanntes Jubeljahr, was bedeutet, dass der Vatikan sich unzählige Initiativen ausdenkt, um die italienische Bevölkerung mehr für die katholische Kirche zu begeistern. Zu diesen Bemühungen gehört auch die Ankündigung, Mutter Teresa von Kalkutta werde diesen September als Heilige kanonisiert.

Eine unumstößliche Voraussetzung für den Heiligenstatus ist die Wundertätigkeit des Kandidaten oder der Kandidatin. In Mutter Teresas Fall war das Wunder die Heilung eines Mannes, der "an einer viralen Hirninfektion litt, die mehrere Abszesse und einen Hydrozephalus zur Folge gehabt hatte", so Vertreter der Vatikans.

Ob eine Handlung ein wissenschaftlich unerklärbares Wunder darstellt, ist eine Frage, die von der medizinischen Kommission der Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse geprüft wird. Ich habe mich mit einem Mitglied dieser Kommission in Verbindung gesetzt und nachgefragt, wie die Sünder von den Heiligen unterschieden werden. Er ist Arzt und möchte gern anonym bleiben.

VICE: Was sind wissenschaftlich unerklärliche Wunder?
Arzt: Die Wunder, die wir studieren, haben immer mit Kranken bzw. einer Krankheit mit einem bestimmten Verlauf zu tun. Wir versuchen aus einer wissenschaftlichen Sicht heraus zu bewerten, ob der Verlauf der Krankheit anormal ist. In anderen Worten: Wir achten darauf, ob die Entwicklung der Krankheit sich völlig von dem unterscheidet, was klinische Berichte und die Beobachtungen der behandelnden Mediziner erwarten ließen.

Der Prozess beginnt, wenn Priester oder Nonnen, die zu Lebzeiten Wunder vollbracht haben—also Leute, die bereits seliggesprochen wurden oder bei denen der Vorgang der Seligsprechung schon angefangen hat—für die Heiligsprechung vorgeschlagen werden. Doch jedes Jahr erkennt die Römische Kurie nur eine Handvoll der Wunder an, die für potentielle Heilige angemeldet werden. Wenn sie akzeptiert werden, verkündet es der Papst beim Hochamt [einer feierlichen Form der heiligen Messe] auf dem Petersplatz.

Wo ist der Unterschied zwischen einer Seligsprechung und einer Heiligsprechung?
Seligsprechung ist eine Stufe niedriger als Heiligsprechung. Es wird angenommen, dass die selige Person ein Wunder vollbracht hat, aber das ist nur eine Vermutung. Das Thema wird immer skeptisch angegangen und die Kirchenvertreter sind sehr kritisch: Der Vorgang ist so streng, weil sie falsche oder voreilige Heiligsprechungen vermeiden müssen. Es wird also angenommen, dass die seliggesprochene Person ein Wunder vollbracht hat—wenn hingegen belegt wäre, dass sie Hunderte vollbracht hat, sähe die Situation ganz anders aus. Aber selbst in so einem Fall setzt die Kirche den Prozess der Heiligsprechung nicht fort, wenn es nicht auch von der wissenschaftlichen Kommission grünes Licht gibt.

Bei der Heiligsprechung sind wissenschaftliche Beweise also genauso wichtig wie der Glaube.
Ganz genau. Bei jedem Vorgang muss eine wissenschaftliche Analyse sowie eine Bewertung dieser Ergebnisse vorliegen. Allerdings ist auch das religiöse Motiv wichtig, das zeigt, dass das Phänomen der Heilung damit verbunden war, dass die kranke Person den Kandidaten oder die Kandidatin angerufen hat. Das analysieren wir.

Wann kommt die wissenschaftliche Kommission genau ins Spiel?
Wenn Kirchenvertreter eine Person vorschlagen, schicken sie die medizinischen Dokumente des Wunderfalls zusammen mit Berichten möglicher Zeugen, die belegen können, dass es sich um ein Wunder gehandelt hat. Die Römische Kurie analysiert diese Dokumente, und wenn sie sie akzeptiert, wird die medizinische Kommission eingeschaltet.

Sie waren auch schon Mitglied dieser Kommission, richtig?
Ja, mehrmals. Der Sekretär der Kongregation für Heiligsprechung versammelt sechs oder sieben Experten aus verschiedenen Fachrichtungen sowie Prälaten, die die Römische Kurie vertreten—der Sekretär, der Untersekretär und jemand, der Protokoll führt. In der Mitte des Raums stehen ein Anwalt, der die Kurie vertritt, ein Notar sowie noch ein Sekretär, der eine finale Erklärung schreibt, die alle Anwesenden unterzeichnen müssen.

Danach beginnt das Tribunal mit dem ersten Referenten—einem Experten für den Fall. Dieser Experte hat alle angeblichen Wunder studiert und einen Bericht über jedes verfasst. Wir sprechen hier von ein paar Tausend Seiten pro Bericht. Der Experte hat die medizinischen Unterlagen gelesen und den Krankheitsverlauf genau studiert.

Wie viele Fälle, die Sie mitbewertet haben, waren am Ende Wunder?
Ich war bisher etwa zehnmal dabei, und es gab dabei nur einen Fall, bei dem ich zu dem Schluss kam, dass es keine wissenschaftliche Erklärung gab. Die anderen neun habe ich infrage gestellt, wobei meine Argumente jeweils vom Kardinal und vom Erzbischof der Römischen Kurie akzeptiert wurden. Natürlich stellen alle anwesenden Fachleute ihre eigenen Schlussfolgerungen vor. Ich habe schon mit anderen Experten hitzige Debatten gehabt, bei denen wir einander vorgeworfen haben, entweder zu leichtgläubig oder zu kritisch zu sein.

Welche Kriterien verwenden Sie, um diese Fälle einzuschätzen?
Ich versuche, alle Aspekte der Krankheit objektiv zu bewerten—die Symptomatik, Muster, Untersuchungsergebnisse, angewendete Therapien und die Wirkung des angeblichen Wunders. Danach sehe ich mir an, inwiefern das angebliche Wunder sich auf lange Zeit entwickelt hat. Oft werden uns die Fälle nicht einen Monat nach dem Ereignis vorgelegt, sondern fünf, sechs oder sogar zehn Jahre, nachdem das erste Mal von ihnen berichtet wurde. Wir müssen also auch darauf achten, wie sich die Dinge seit dem Wunder entwickelt haben.

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Welche Krankheiten werden am häufigsten durch Wunder geheilt?
Nun, natürlich gibt es da einmal Unfälle: Menschen ertrinken, werden angeschossen, kriegen Stromstöße oder werden vom Blitz getroffen—aber überleben. Dann gibt es Krankheiten, an denen Menschen leiden, die normalerweise selbst bei der besten Pflege immer schlimmer werden. Und plötzlich ist die Person wieder gesund. Es geht nicht nur darum, dass ein Leben gerettet wurde, denn wenn jemand gerettet wird, und dann querschnittsgelähmt im Rollstuhl sitzt, dann sprechen wir nicht von einem Wunder.

Werden die bisher bestätigten Wunder auch irgendwann geupdatet? Ein Wunder, das sich im 15. Jahrhundert zugetragen hat, lässt sich mit den heutigen wissenschaftlichen Kenntnissen vermutlich erklären.
Wir kümmern uns lediglich um die Fälle, die seit Beginn des 20. Jahrhunderts festgehalten wurden. Alles davor ist schlicht mündliche Überlieferung. Die Menschen wurden Zeugen eines Ereignisses und sagten, sie hätten es mit eigenen Augen gesehen. Damit können wir nicht arbeiten.

Glauben Sie an Wunder?
Ich habe eingestehen müssen, dass es sie gibt. Es hat ein paar seltene Fälle gegeben, denen Skepsis, Kritik und Zynismus einfach nicht gewachsen sind. Es gibt selbst heute, im Jahr 2016, Fälle, die aus medizinischer Sicht hundertprozentig unerklärlich sind. Bei vielen dieser Fälle geht es um innere Organe: Etwas passiert damit, doch am nächsten Tag ist wieder alles wie vorher—keine heilenden Skalpellschnitte, keine Nähte, nichts. Wie ist das möglich? Wissenschaftlich betrachtet ist es das einfach nicht.

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