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In Indonesien werden viele geistig Kranke von Angehörigen angekettet

Weil psychische Störungen oft als Besessenheit interpretiert werden, leben geschätzte 18.000 Menschen in Indonesien in Schuppen und Hinterzimmern gefangen.
18.4.16

Eine 24-jährige Frau liegt mit angekettetem Handgelenk und Knöchel auf einer Liege im Heilungszentrum Bina Lestari in der Provinz Jawa Tengah. Nachdem ihr Mann sie und die gemeinsame 5-jährige Tochter verließ, um eine andere Frau zu heiraten, entwickelte sie Depressionen | Fotos von Andrea Star Reese

Psychische Störungen werden leider in vielen Teilen von Indonesien noch immer falsch verstanden. Schizophrenie wird zum Beispiel häufig auf abergläubische Art interpretiert, man glaubt also an Besessenheit oder einen Fluch. Aus diesem Grund verschmähen Familien oft kranke Angehörige und ketten sie jahrelang in Schuppen oder Gärten an. Diese Praktik ist als Pasung bekannt, und laut einem gerade veröffentlichten, 74-seitigen Bericht von Human Rights Watch müssen geschätzte 18.000 Personen in ganz Indonesien diese Behandlung über sich ergehen lassen.

VICE hat sich mit der Autorin des Berichts, Kriti Sharma, über einige der Fälle unterhalten, die sie gesehen hat. Außerdem haben wir sie gefragt, welche Aussichten aus dem Pasung Befreite auf soziale Wiedereingliederung haben und wie man der Praktik in Indonesien endgültig ein Ende setzen kann.

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Anm.: Der Bericht bezeichnet geistige Krankheit als „psychosoziale Behinderung". Wir haben diese Bezeichnung hier übernommen.

Eine Frau ist in einem Zimmer hinter dem Haus ihrer Familie in Ponorogo, Jawa Timur, angekettet. Sie isst, schläft und defäkiert am selben Fleck

VICE: Kannst du mir etwas mehr darüber sagen, welche kulturellen Überzeugungen hier eine Rolle spielen?
Kriti Sharma: Ich muss als Erstes sagen, dass sich das nicht auf ländliche Gegenden beschränkt. Selbst in der Hauptstadt Jakarta gibt es noch jede Menge Aberglauben. Dort habe ich einen Mann kennengelernt, der für seine Tochter 27 Wunderheiler aufgesucht hatte, bevor er überhaupt zu einem Arzt ging. Wir sprechen hier nicht nur von Leuten mit einem geringen Bildungsstand. Es geht auch um Menschen mit Uniabschlüssen. Die Leute glauben immer noch, psychosoziale Krankheit seien das Ergebnis einer Besessenheit durch böse Geister. Allerdings kommt das Anketten hauptsächlich in Gegenden vor, wo es keinen Zugang zu psychiatrischer Hilfe gibt.

Du hast ganz Indonesien bereist, um den Bericht zu schreiben. Kannst du mir noch von ein paar Fallbeispielen erzählen?
Der schlimmste Fall, den ich gesehen habe, war eine Frau, die schon 15 Jahre lang eingesperrt war. Sie musste im selben Zimmer defäkieren, urinieren, essen und schlafen. Anfangs hatte man sie eingesperrt, weil sie an die Ernte der Nachbarn gegangen war. Als der Vater es satt hatte, Entschädigungen zu zahlen, und die traditionellen Heiler ihren Zustand nicht bessern konnten, beschloss er, sie in einem Zimmer im Haus einzusperren. Die Fenster waren auch teils mit Brettern zugenagelt, also konnte ich im Dunkeln nicht gleich alles erkennen. Aber dann sah ich diese Frau, die komplett nackt und umgeben von Müll auf dem Boden kauerte.

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Sie wollte so verzweifelt freikommen, dass sie die Steine, die Nachbarskinder auf sie geworfen hatten, benutzt hatte, um den Zementboden abzutragen—sie hatte versucht, sie einen Weg nach draußen zu graben. Als der Vater das herausfand, fesselte er ihr die Hände hinter dem Rücken. Deswegen musste sie sich vorbeugen, bis ihr Kopf den Boden berührte, um etwas zu essen. Ihre Beine konnte sie auch nicht mehr benutzen. Sie musste auf dem Boden kriechen und kauern. Worte können den Zustand, in dem ich sie vorfand, gar nicht beschreiben. Sie wurde schlimmer behandelt als ein Tier. Der Gedanke, dass jemand 15 Jahre lang völlig isoliert mit den eigenen Fäkalien in ein Zimmer gesperrt leben musste, ohne dass sich jemand auch nur im Geringsten um sie gekümmert hätte, ist einfach grauenhaft. Sie ist inzwischen frei.

Dieser Mann lebte neun Jahre lang an einen Balken gefesselt in einem Hinterzimmer des Hauses seiner Familie in Cianjur, Jawa Barat

Was passiert mit den Leuten, wenn sie wieder frei sind? Können sie jemals wieder rehabilitiert werden?
Ich habe schon Menschen kennengelernt, die viele Jahre lang angekettet waren. Oft können sie nicht sprechen und leiden an Muskelschwund, weil sie nicht herumlaufen und sich bewegen können. Allerdings bessert sich ihr Zustand mit der richtigen Unterstützung und Pflege sehr schnell und sie können produktive Leben führen. Ich habe eine 29-jährige Frau mit einer psychosozialen Behinderung kennengelernt, die von ihrem Vater 4 Jahre lang in einem Ziegenstall eingesperrt worden war. Als sie frei war und Zugang zu psychiatrischer Pflege hatte, konnte sie ein normales Leben führen. Sie hat sogar ein eigenes Geschäft eröffnet: Sie verkauft fermentierten Sojabohnenkuchen an einem Stand am Straßenrand.

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Wie gehst du mit Familien um, die Menschen so behandeln? Wie reagieren die Familien auf dich?
Es ist wichtig zu verstehen, dass diese Familien das Anketten als letzten Ausweg sehen. Es ist sehr schwierig für Eltern oder Geschwister, die Entscheidung zu treffen, Angehörige anzuketten. Fast alle Familien, mit denen ich gesprochen habe, haben angegeben, dass sie es gemacht haben, weil sie keine andere Wahl gesehen haben. Deswegen muss die Regierung sich mehr bemühen, humane Alternativen, Zugang zu psychiatrischer Versorgung und andere Formen der Unterstützung zu bieten.

Du meinst also, dass reine Empathie nicht ausreicht, um die Praktik des Pasung auszumerzen?
Nein, hier geht es nicht um Empathie. Wir kommen nicht dagegen an, indem wir Mitleid haben. Es geht darum sicherzustellen, dass ihre Menschenrechte geachtet werden. In Indonesien haben diese Leute gesetzlich nicht dieselben Rechte wie andere. Ihre Angehörigen entscheiden für sie.

Vor seinem Tod lebte dieser Mann an eine Holzliege gekettet im traditionellen Heilungszentrum Kyai Syamsul in Brebes, Jawa Tengah

Aber zu diesen Schritten können wir doch sicherlich auch durch Empathie motiviert werden, oder?
Natürlich, und deswegen haben wir auch viel Zeit auf Multimedia verwendet. Fotos und Videos sollen die Realität des Ankettens zeigen, denn die meisten Leute haben so etwas noch nicht mit eigenen Augen gesehen. Die eigenen Nachbarn wissen oft nicht, was nebenan vor sich geht.

Und wie lässt sich deiner Meinung nach der Aberglaube eindämmen, der teilweise hinter dem Problem steckt?
Eine Möglichkeit ist es, von positiven Beispielen zu erzählen—Menschen, die einmal angekettet waren und die sich heute wieder in die Gemeinschaft integriert haben, unabhängig leben und einem Job nachgehen.

Du hast gesagt, dass diese Forschungsarbeit eine der schwersten war, die du jemals in Angriff genommen hast. Kannst du dazu noch etwas sagen?
Bevor ich nach Indonesien kam, hatte ich Fotos und Filme von angeketteten Leuten in Einrichtungen und Privathäusern gesehen. Aber nichts kann einen darauf vorbereiten, wie grauenvoll es ist, einen Menschen vor sich zu haben, der seit 15 Jahren unter so schrecklichen Bedingungen angekettet ist. Viele haben mir gesagt, ihr Leben sei wie die Hölle. Ich weiß nicht, wie ich es sonst beschreiben soll. Es ist wirklich ein Leben in der Hölle.