Drei Wochen mit Van der Bellen
Illustration: Nina Buchner

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Die längste Wahl der Welt

Drei Wochen mit Van der Bellen

Wie macht sich Van der Bellen medial und in der Öffentlichkeit? Und was macht so ein Wahlkampf mit ihm? Wir haben uns an seine Fersen geheftet.
22.4.16

Wenn da nicht U2 wäre, wäre das hier alles noch beeindruckender. Umringt von den Mitarbeitern seines Wahlvereins bahnt sich Alexander Van der Bellen zu den Klängen von „Beautiful Day" seinen Weg durch die anwesenden Journalisten und den Jubel der Grünen aus Bundes- und Landespartei von hinten bis zur Bühne. Es ist die Art von Inszenierung, die ursprünglich aus Amerika kommt und mittlerweile nach Europa herüber geschwappt ist.

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Die Sky Stage im Tech Gate, wo der Bundespräsidentschaftskandidat den offiziellen Auftakt zum dreiwöchigen Intensivwahlkampf einläutet, liegt hoch über den Toren von Wien. Und—Achtung, Wortspiel—hoch hinaus will auch Van der Bellen. Er hält eine gute, nicht überragende Rede, in der er seine persönliche Migrationsgeschichte mit der Neudefinition des Begriffs "Heimat" in Verbindung bringt, auf die Werte der Aufklärung verweist und betont, dass er Präsident werden will, kann und wird. So tritt niemand auf, der sich keine Chancen ausrechnet, in ein paar Monaten Österreichs Staatsoberhaupt zu sein.

Die Inszenierung täuscht ein wenig darüber hinweg, dass die Van-der-Bellen-Kampagne zu dem Zeitpunkt erste Nerven zeigt. Zumindest sagen das Leute, die mit ihr zusammenarbeiten. Van der Bellen hat sich in der ersten Elefantenrunde auf Puls 4 am Vortag nicht ideal verkauft und wird es auch bei der Wahlfahrt am darauf folgenden Tag nicht tun. FPÖ-Kandidat Hofer holt in den Umfragen auf. Dazu hat das Van-der-Bellen-Lager das Problem, dass man seinen Kandidaten unbedingt in die Favoritenrolle drängen will. Damit hadert nicht nur Van der Bellen selbst. Das ist vor allem eine Gefahr, weil der Spitzenreiter im frühen Stadium eines Wahlkampfs viel zu verlieren hat. Während der Elefantenrunde wurde der König der Umfragen nicht müde, sich als "Außenseiter" zu bezeichnen. Und auch sein Wahlkampfleiter Lothar Lockl wiederholt dieses Narrativ bei der Wahlkampferöffnung mehrfach.

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Die Parteien hatten sich im Vorfeld darauf geeinigt, dass der Intensivwahlkampf nur drei Wochen dauern sollte. Aber natürlich ging es auch schon vorher los. Als Van der Bellen im Tech Gate von seiner "schwierigen Entscheidung" redet, ist im Wahlkampf schon einiges an Wasser die Donau heruntergeflossen.

Van der Bellen hat ein Buch geschrieben—oder genauer: eine Sammlung von Gesprächen niederschreiben lassen—, das in seinem fast geschwätzigen Tonfall wenig konkrete Positionen, aber einen guten Überblick über seinen Werdegang liefert. Van der Bellen hat sich (wie immer) mit der Grünen Jugend angelegt. Van der Bellen hat zu dem seltsamen Gefecht zwischen der Kronen Zeitung und dem Grünen Europaparlamentarier Michel Reimon geschwiegen.

Auch wenn zu diesem Zeitpunkt noch vier Wochen folgen, war es jetzt schon ein verdammt langer Wahlkampf. Und ein seltsamer dazu. Jeder Wahlkampf hat seine Eigen- und Besonderheiten, die sich in den ersten Wochen zeigen. Gute Kampagnenchefs spüren das früh und stellen ihre Kandidaten darauf ein. In diesem Wahlkampf ging es sehr viel um hypothetische Szenarios und die Frage, wen man wann angeloben würde beziehungsweise nicht. Und es ging viel um Kompetenzen, Einstellungen und Meinungen, die realistischerweise nicht besonders viel mit den Kompetenzen eines österreichischen Bundespräsidenten zu tun haben.

Man hat den Kandidaten vorgeworfen, sie würden das Amt überschätzen, aber das muss gar nicht der Fall sein. Viel realistischer ist, dass sich innerhalb von ein paar Tagen eine seltsame Gemenge-Lage aus Themen gebildet hat, wo am Ende Journalisten Fragen nach bestimmten Themen stellen, weil die Politiker sich mit diesen positionieren; und Politiker sich mit diesen positionieren, weil Journalisten danach fragen. Bis niemand mehr so richtig sagen kann, wer eigentlich angefangen hat.

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Van der Bellen hat sich dabei alles andere als fehlerlos gezeigt. Am Anfang der Kampagne versteift er sich zu sehr auf die Ablehnung der FPÖ, und zeigte dabei auch noch Schwächen, wenn es in Sachen Verfassungsrecht in medias res ging. Dafür schaffte er den durchaus nicht einfachen Spagat, im dominierenden Flüchtlingsthema "Anstand" zu bewahren, ohne dabei naiv zu wirken. Wobei das sicher mehr mit seinen Sekundärtugenden (der Person Van der Bellen werden quer über die Parteigrenzen hinweg Eigenschaften wie "Besonnenheit" zugeschrieben) zu tun hat als mit konkreten Inhalten. Gegen Ende lernte er dazu. Man kann sich heute ein relativ gutes Bild davon machen, wie ein Bundespräsident Van der Bellen das Amt anlegen würde.

Mittlerweile gibt es so viele "Medienlogiken", wie es Medien gibt.

Ein paar Tage später steht eine kleine Gruppe von Menschen vor dem Plan Bio in Mödling und wartet. Wenn man nicht der Kandidat ist, besteht der Wahlkampf oft aus Warten. Eingerahmt vom Bahnhof, von wo die Züge nach Wien abfahren, und dem SPAR bietet Plan Bio alles, was das lokal und biologisch angehauchte Herz begehrt. Von der Plattform vor dem Supermarkt, wo sich die Geschäftsführung, lokale Grüne und ein paar Schaulustige aufgestellt haben, bietet sich ein guter Blick auf ein Panorama von Einrichtungen wie der Piercing City und der NÖ Wohngruppe. Man könnte das jetzt noch endlos süffisant weiter beschreiben. Aber eigentlich zeigt die Tatsache, dass sich an so einem Ort ein Vorzeige-Bio-Supermarkt halten kann, dass das Land vielleicht wirklich bereit sein könnte für einen Bundespräsidenten, der früher mal Chef der Grünen war.

Van der Bellen kommt direkt von einem Termin in St. Pölten und hat Verspätung. Die Leute vertreiben sich die Zeit, machen ihre Jacken auf und wieder zu, je nachdem, ob sich die Sonne gerade zeigt oder nicht. Endlich biegt der Wahlkampf-Kleinbus auf den Parkplatz und Van der Bellen steigt mit seinen zwei ständigen Begleitern aus.

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Rasch bildet sich etwas, das man vermutlich bei jedem Politikerauftritt der Welt beobachten kann: die konzentrischen Kreise des Interesses. Die wichtigsten lokalen Grünen und die Geschäftsführung von Plan Bio bilden mit Van der Bellen das Bullseye. Drumherum stehen Journalisten, rund um diese die weniger wichtigen lokalen Grünen und einige mutige Außenstehenden. Und mit einem gehörigen Respektabstand schauen Schaulustige zu, die wenig mit Van der Bellen am Hut haben, aber froh sind, dass etwas passiert.

Van der Bellens Termin beginnt mit einem sehr klassischen Fototermin, bei dem sich der Kandidat und seine Mitarbeiter für ein völlig realitätsfremdes Foto der Länge nach an einem Einkaufswagen aufstellen, damit die Lokalzeitungen schon einmal das Wichtigste für ihren morgigen Artikel haben. Danach dürfen sich Bürger und Bürgerinnen zwischen Zucchini und Zwiebeln für ein Selfie und einen kurzen Plausch anstellen, während Leute aus dem Wahlkampf-Team auf einer Meta-Ebene herumhüpfen und Fotos von den Menschen machen, die Fotos mit Van der Bellen machen.

Das ist alles genauso absurd wie durchdacht. Man liest ja gelegentlich noch den Begriff "Medienlogik", aber eigentlich ist das schon sehr veraltet. Heute existieren mehrere Medien und Öffentlichkeiten nebeneinander, die alle ihre eigene Logik haben und auf unterschiedliche Weise bedient werden wollen. Die mittlerweile sehr professionelle Kommunikationsabteilung der Grünen weiß, wie man so einen "breiten" Wahlkampf führt. Erst das Foto für die Printzeitungen. Dann die Selfies, die von den aufgeregten Schülern sofort auf Instagram und Snapchat geteilt werden. Und dann die Fotos für Van der Bellens Social Media-Kanäle.

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Die Konsequenz, mit der Van der Bellen fotografisch begleitet wird, ist in Österreich bislang beispiellos und zweifellos beeindruckend. "Die Van-der-Bellen-Kampagne bemüht sich um Ansätze einer eigenen Kampagnenfotografie", erklärt Petra Bernhardt, Politikwissenschaftlerin und Expertin für Bildpolitik. "Die Fotos zeichnen sich durch eine einheitliche und wiedererkennbare Farbgebung aus, die für die Tonalität der Kampagne relevant ist." Mit diesem wiedererkennbaren Kampagnendesign würde man sich an großen US-amerikanischen Vorbildern wie der Obama-Kampagne orientieren. Und das keinesfalls nur ironisch.

Man kriegt den Professor aus der Universität, aber nicht umgekehrt.

In Mödling hat der Wahlkampfauftritt mittlerweile die Phase erreicht, in der Van der Bellen sich kurz die Sorgen, Wünsche und Glückwünsche der Menschen anhört. Oder anhören muss. Ehemalige Klassenkameraden, das österreichische Jugend-Rotkreuz, alle wollen ein Stück von ihm. Und alle bekommen ein bisschen "VdB", nur nie so viel, wie sie vielleicht gerne hätten. Es ist die Krux des Wahlkämpfers: Es muss einen immer alles interessieren, aber nichts zu sehr. Immer, wenn Van der Bellen zu lange braucht, steht plötzlich die für die Uhr verantwortliche Mitarbeiterin neben ihm und kratzt sich auffällig am Kinn.

Kann Van der Bellen mit Menschen? Ja und nein. Man kann den Professor aus der Uni kriegen, aber nicht umgekehrt. Das ist sein Fluch und Segen zugleich. Gege Ende des Auftritts in Mödling gibt es eine Szene, die den Charakter, die Chancen, aber auch die Probleme von Van der Bellen ziemlich exakt illustriert:

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Ein etwa 15-jähriger Bursche, der sich bis dahin hinter seinem Block versteckt hatte, pirscht sich an ihn ran. Er hat sich offenbar fein gemacht, trägt Krawatte, ein etwas zu großes Sakko und seinen ersten Oberlippenbart. Er stellt Van der Bellen eine verschachtelte Frage, die eigentlich vor allem die Message hat, dass er das Amt des Bundespräsidenten für überholt hält. Er ist offenbar hier, um ihn herauszufordern. Der Präsidentschaftskandidat schaut ihn an und macht eine seiner berühmten langen Denkpausen, während sich die Mitarbeiterin neben ihm noch energischer am Kinn kratzt.

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Hier wäre jetzt eigentlich keine Zeit mehr für sowas. Wenn Van Der Bellen klug wäre, könnte er den jungen, vermutlich nicht mal wahlberechtigten Mann jetzt mit einem freundlichen Statement abkanzeln. Aber Van der Bellen kann das jetzt nicht liegen lassen. Er beendet seine Denkpause, lässt das Kinn seiner Mitarbeiterin Kinn sein und setzt zu einem längeren Vortrag an, der sich um Heinz Fischers Weigerung, eine Novelle zur Gewerbeordnung zu unterschreiben und die Frage, wer außer Klestil im Jahr 2000 die pro-europäische Präambel des schwarz-blauen Koalitionsvertrags hätte sicherstellen können, dreht. Der Junge mit dem Oberlippenbart, der zu dem Zeitpunkt noch nicht geboren war, nickt brav, sein Sakko wird mit jedem Halbsatz von Van der Bellen größer. Ob gewollt oder nicht: Der Professor macht ihm gerade deutlich, dass er sich nicht ordentlich vorbereitet hat.

Es sind aber trotzdem gerade solche Szenen, die Van der Bellen unter Journalisten beliebt machen. Er spricht mit seiner professoralen, intellektuellen Art, seiner gemütlichen, anständigen Bürgerlichkeit exakt das Milieu an, in dem sich die meisten Journalisten bewegen. Man muss allerdings vorsichtig sein. Die meisten Journalisten wünschen sich so sehr mehr Intelligenz in der Politik, dass sie in manche Figuren ihre eigenen Erwartungen reinprojizieren. Und so wird aus jeder Denkpause gerne mal ein intellektuelle Meisterleistung.

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Auf der anderen Seite wirft man solchen Kandidaten den vielleicht manchmal notwendigen Griff zum Populismus mehr vor als anderen. Als Van der Bellen seinen Schwenk in Sachen TTIP in der Kronen Zeitung ankündigt („Nichts da! Hände weg von unseren Bergbauern!") und für den Fotografen beherzt in eine rote Paprika beißt, stößt das sogar Journalisten sauer auf, die dem Freihandelsabkommen kritisch gegenüberstehen. Auch du, Sascha? Menschen, von denen man glauben will, dass sie Prinzipien haben, wirft man den Bruch derselben eher vor als ihren Inhalt.

Im Wahlkampf ist man überall, aber nirgendwo so ganz.

Ein paar Tage später stehen sich ein paar mittelalte Leute von den Grünen am Siebensternplatz in Wien-Neubau die Beine in den Bauch. Es ist einer dieser Frühlingstage, wo sich Sonne und Wolken im Minutentakt abwechseln. Bezirksvorsteher Thomas Blimlinger hat aus Schutz vor der immer noch frischen Frühlingsluft die Arme vor der Brust verschränkt, während alle auf die Uhr schauen und warten. Wenn man nicht der Kandidat ist, besteht der Wahlkampf oft aus Warten. Viele Schüler stehen mit Respektabstand auf dem Platz im Herzen des grünen Bezirks herum und halten ihre Handys bereit.

Van der Bellen wird nach seiner Ankunft sofort von den anwesenden Mitarbeitern seiner Kampagne eingewiesen, was zu tun ist. Kampagnen-Hochphase heißt ja, jeden Tag an mehreren Stellen sein. Studio, Kaffeehaus, Bürgertermin, danach wieder Studio. Immer jeweils eine Stunde, mit kurzen Verschnaufpausen im Wahlkampfbus. Da kann kein Kandidat den Überblick behalten. Man übergibt sich völlig der Verantwortung seines Wahlkampf-Teams.

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Van der Bellen wird in der Mitte des Platzes abgestellt und wieder sofort von einer Menge umringt. Der Kameramann vom ORF drängelt sich nach vorne, schlägt beim Schwenken einer Frau die Kamera ins Gesicht und klärt sie danach freundlicherweise darüber auf, dass es gefährlich ist, ihm im Weg zu stehen. Van der Bellen bleibt ruhig, er ist das mittlerweile alles gewohnt. Selfies machen („Schauen'S mal deppat"), für Fotos mit Schülergruppen aufstellen („Seid ihr eh schon wahlberechtigt?"), Bücher signieren.

"Was mir an Wahlkämpfen sehr viel Freude macht, sind die vielen Begegnungen und Gespräche mit jungen Menschen in ganz Österreich", wird Van der Bellen ein paar Tage später gegenüber VICE sagen. Und auch die Grünen finden es relativ glaubhaft, dass ihm der Kontakt mit den jungen Wählern trotz aller Knurrigkeit wirklich Spaß macht. Weil sie Fragen auch noch mit genuinem Interesse stellen, während die älteren Semester eigentlich immer eher etwas loswerden wollen. Manchmal Gutes. Aber nicht so oft. Ein Kandidat muss sich vieles anhören, jeweils 30 Sekunden lang, und danach einen Spagat hinkriegen: dem Bürger höflich und kompetent antworten, selbst wenn dieser überhaupt nicht höflich war. Dabei so klar und durchdacht, dass die anwesenden Journalisten das mitschreiben können, ohne ihm daraus einen Strick zu drehen. Und authentisch soll er bitte auch noch wirken.

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Hier am Siebensternplatz ist das kein so großes Problem, in Neubau hat Van der Bellen Heimspiel. Die Leute hier wählen ihn eh. Hier geht es um schöne Fotos für Social Media, nicht darum, Leute zu überzeugen. Die Schüler freuen sich über das ausgeteilte Merchandise. Die Sonne geht und kommt wieder. Alexander Van der Bellen steigt in seinen Bus.

Lothar Lockl war früher Bundesparteisekretär für die Grünen, hat dann ein paar Jahre eine Agentur geleitet. Jetzt ist er gerade Chef des Vereins "Team Alexander Van der Bellen" und ein sehr beschäftigter Mann. Irgendwann hat es der Autor dieses Textes dann doch geschafft, einen Termin zu bekommen, er musste nur warten. Wenn man mit viel beschäftigten Leuten aus der Kampagne reden will, besteht der Wahlkampf oft aus Warten.

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Lockl erzählt vom Sommer, als er sich oft mit dem jetzigen Kandidaten Van der Bellen getroffen hat. "Er hat immer gesagt: Wenn ich antrete, will ich das gewinnen. Er wollte kein Zählkandidat sein." Man habe dann strategische Überlegungen über mögliche Themen und Positionierungen angestellt. Lockl bringt dafür eine einfache Rechnung aufs Parkett: Ein guter Nationalratswahlkampf der Grünen bringt 500.000 Stimmen. Um eine etwaige Stichwahl zu gewinnen, braucht man—je nach Wahlbeteiligung—ungefähr 2,5 Millionen.

Dafür müsse man auch Wählerschichten ansprechen, die wahrscheinlich noch nie Grün gewählt haben. "Es gibt in einem Bundespräsidentenwahlkampf eigentlich keine Zielgruppe. Die Zielgruppe ist die österreichische Gesamtbevölkerung. Das macht ihn so besonders." Van der Bellen fischt mit seinen Anspielungen auf Kreisky geschickt im Lager der SPÖ, spricht mit seiner Heimatverbundenheit auch bürgerliche ÖVPler an. Das ist alles sehr durchdacht und nötigt Respekt an.

Van der Bellen hat die professionellste Kampagne aller Kandidaten.

Van der Bellen hat viel Kritik für seine "Pseudo-Unabhängigkeit" einstecken müssen. Aber sein Team zieht das relativ strikt durch. Van der Bellen macht keine Parteiveranstaltungen, zeigt sich selten mit prominenten Grünen, achtet auf eine ausgewogene Zusammensetzung des Personenkomitees. Die Van-der-Bellen-Kampagne hat auch eine eigene CI. Formal gibt es keine Verbindung zwischen den Grünen und dem Wahlverein. Er sitzt allerdings im selben Gebäude und wird zu weiten Teilen von ihnen finanziert. Die Grünen sind in dieser Wahl so etwas wie der Super-PAC von Van der Bellen.

Die Bundespartei hat das "Team Van der Bellen" mit etwas über 2 Millionen Euro an Geld- und Sachleistungen unterstützt; je nach Spendenaufkommen wird das Budget bis zu 2,5 Millionen Euro betragen. Das ist nicht so viel, weil es auch teilweise noch für die Stichwahl zurückgehalten werden muss. Angeblich soll er zwar das höchste Wahlkampf-Budget aller Kandidaten haben, an diesen Zahlen kamen aber schnell Zweifel auf. Lockl nennt sie "absurd". Aufgrund der Knappheit an Budget und Zeit führt Van der Bellen eher einen reinen Medienwahlkampf.

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Lockl räumt durchaus ein, dass es am Anfang des Wahlkampfs ein paar suboptimale Auftritte gab. "Wir mussten da alle erstmal reinkommen—auch er." Aber es sei besser so rum, als wenn der Kampagne am Ende die Luft ausgehen würde. Vor welchem Stichwahl-Gegner man intern am meisten Angst habe, will Lockl nicht sagen. Van der Bellen vs. Hofer würde aber sicher eine sehr große Polarisierung mit sich bringen. "Wir haben uns aber ohnehin entschlossen, einen Positivwahlkampf zu führen, keine Angriffe auf die anderen Kandidaten zu fahren. Mal schauen, ob man das damit gewinnen kann."

Das stimmt. Van der Bellen hält sich sehr zurück, alles anderes würde auch der positiven Zukunftserzählung der Kampagne („Lassen Sie uns eine Zukunft schaffen …") widersprechen. Die Grünen als Ganzes sind da schon weniger diskret. Das überrascht beim Kandidaten Hofer weniger, allerdings schießen die Angriffe gegen Griss gelegentlich übers Ziel hinaus.

Dass Lockl die Gesamtkampagne lobt ist klar, es ist immerhin sein Job. Aber seine Einschätzung wird auch an anderer Stelle geteilt. "Die Kampagne von Van der Bellen ist ohne Zweifel die professionellste aller Kandidaten", meint Rudi Fußi, Kommunikationsberater, Twitter-Tausendsassa und Chef der Agentur Mindworker. "Das liegt zu einem guten Teil daran, dass Martin Radjaby, früher Kommunikationschef der Grünen, jetzt Geschäftsführer von Jung von Matt, zu den besten Kampagnenköpfen im deutschsprachigen Raum zählt. Die Positionierung ist breit genug, um die notwendige Anzahl an WählerInnen ansprechen zu können". Ebenso sieht es Stefan Sengl von der Agentur The Skills Group. Die Grünen hätten "ihre Hausaufgaben gemacht. Buch, Heirat, Positionierung: Van der Bellen gibt (inzwischen) ein Bild ab, das sich stark an dem orientiert, was die Österreicherinnen und Österreicher mit dem Amt in der Hofburg verbinden beziehungsweise davon erwarten."

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Auch die Plakatkampagne findet viel Lob. "Mit Stadt und Landschaft greift die Kampagne zwei Bildtraditionen auf, die in Kampagnenbildsprachen der Zweiten Republik fest verankert sind und traditionell mit den Lagern von SPÖ und ÖVP assoziiert werden", analysiert Bernhardt. "Van der Bellen versucht eine subtile Zielgruppenansprache, die weit über die KernwählerInnenschicht der Grünen hinaus reicht." Viel diskutiert wurde der Versuch, das belastete Wort "Heimat" durch ein neue Definition in einen positiven, inklusiven Begriff umzudeuten. Das funktioniert bei Van der Bellen aber auch deshalb so gut, weil seine persönliche Migrationsgeschichte in die Kampagnenerzählung eingewebt wurde.

Also eh alles entschieden und super? Ganz so einfach ist es nicht. In Umfragen liegt Van der Bellen zwar regelmäßig vorne, ist aber gemeinsam mit Hofer der Kandidat, den knapp ein Viertel der Österreicher explizit NICHT im Amt sehen wollen. Auch das Flüchtlingsthema schwebt noch ein wenig wie ein Damoklesschwert über dem Kandidaten. Die Österreicher sehen die Politik, die Van der Bellen unterstützt, mehrheitlich recht kritisch. Sollte das Thema wieder mehr in die Schlagzeilen rücken, dürfte ihm das schaden.

Eine Kampagne ist wie ein langer Feldzug. Das muss man durchhalten.

Es ist Montag, und in einem Nebenraum der Nationalbibliothek haben gerade einige Mitarbeiter von ATV provisorisch den Geburtstag ihrer Pressesprecherin gefeiert. Später wird hier die letzte Folge der aktuellen Staffel Klartext gedreht werden, dem viel gelobten Diskussionsformat, das ATV mit Recht gerne als Aushängeschild verwendet. Moderator Martin Thür ist bereits wieder bei den Kameras im Prunksaal, alle schauen auf ihre Handys und warten. Wenn man mit Politikern dreht, besteht der Wahlkampf oft aus Warten.

Van der Bellen schaut müde aus. Der Begriff Kampagne leitet sich aus dem römischen campus ab—dem Zeitraum, in dem eine Armee auf Feldzug war. Und Van der Bellen ist schon etwas länger auf Feldzug. Der Kandidat grüßt leise, legt ab und setzt sich in die Maske, während sein Pressesprecher und seine Wahlkampfbegleiterin mit den ATV-Mitarbeitern scherzen. Der Kandidat sitzt still da, stellt der Maskenbildnerin nur zwei gezielte Nachfragen. Er ist das mittlerweile gewohnt. Es ist bereits der sechste oder siebte Auftritt von Van der Bellen im bundesweiten Fernsehen in den letzten beiden Wochen.

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Während der knapp 45-minütigen Aufzeichnung wird das Gespräch live in den Nebenraum übertragen. Van der Bellens Pressesprecher Reinhard Pickl-Herk schaut dabei sehr entspannt aus. Der Medienmarathon hat neben vielen Nachteilen einen Vorteil: Eine Woche vor der Wahl ist eigentlich jede Frage schon mehrfach gestellt worden. Bomben, die einen Kandidaten zu Fall bringen könnten, sind nicht mehr zu erwarten. Das bestätigt sich. Thür stellt kritische Fragen zu TTIP und der Unabhängigkeit, lockt zwei, drei gute Sager aus ihm heraus. Aber so richtig zu packen kriegt er Van der Bellen—anders als andere Kandidaten, die durch Enthüllungen aus dem Archiv in der Sendung ordentlich ins Schwitzen kamen—an diesem Montag nicht.

Das ist jetzt nicht wirklich eine Überraschung. Van der Bellen macht sich in ruhigen Zweierkonstellationen, wo er Zeit zum Nachdenken hat und dem Fragesteller auch mal ein „Jetzt mal langsam" entgegenwerfen kann, sehr gut. Als er nach der Aufzeichnung seine Jacke einpackt, um zum nächsten Termin zu fahren, ist ihm noch nicht klar, dass am Ende dieses langen Tages eine größere Herausforderung auf ihn warten wird.

Anders als Klartext am Morgen ist der abendliche „Eignungstest" auf Puls 4 live. Van der Bellen macht sich auch hier nicht so schlecht. Bis auf drei gefühlt ewig lange Minuten, in denen Puls 4 die Sendung ein wenig außer Kontrolle gerät. Van der Bellen und Khol müssen jeweils 90 Sekunden eine spontane Rede vor einer Gruppe von Menschen "aus dem richtigen Leben" halten. Was als netter Test auf Bürgernähe gedacht ist, nimmt hier eine ganz andere Wendung.

Im Publikum sitzen drei ehemalige Zielpunkt-Kassiererinnen und ein junger Elektriker, die keinen Job kriegen. Van der Bellen ist mit der Situation sichtlich überfordert, redet ein paar relativ allgemeine, wenig angreifbare Sätze. Einer der ehemaligen Kassiererinnen platzt daraufhin vor laufenden Kameras der Kragen, und sie fängt an zu schimpfen, dass sie sich dafür auch nichts kaufen kann. Professor Van der Bellen wirkt sprachlos, es dauert ein wenig, bis er sich wieder fängt.

Die Situation passt für ihn sichtlich nicht. Er weiß, dass er als Bundespräsident nicht die individuellen, tragischen Probleme der Österreicher lösen kann. Er weiß auch, dass Puls 4 das weiß. Und wenn, dann finden solche Treffen in der Ruhe der Hofburg statt, nicht vor Fernsehkameras. Seine Augen schauen auf einmal noch müder aus als vorher. Nein, sowas kostet ihn nicht die Wahl. Aber man sieht an solchen Momenten auch, dass Van der Bellen nicht das ist, was man gemeinhin einen "geborenen Politiker" nennt. Er kann sich aus solchen Situationen nicht herauswieseln. Ob man das gut oder schlecht findet, liegt im Auge des Betrachters.

Van der Bellen ist Favorit. Aber es wird nicht leichter für ihn.

Mit der Elefantenrunde am Donnerstag, die Van der Bellen glanz-, aber auch fehlerlos hinter sich bringt, sind die großen Wahlkampfschlachten geschlagen. Wagen wir einen Blick in die Zukunft. Es ist Montag, Van der Bellen ist in der Stichwahl. Wie geht es dann weiter? Einig sind sich die Experten, dass es für Van der Bellen nicht unbedingt leichter wird.

"Als Favorit hat Van der Bellen das Problem, dass er kein Überraschungsmoment mehr auf seiner Seite hat, wenn er in die Stichwahl kommt. Hier wird die Favoritenrolle zu einer gewissen Bürde", analysiert Sengl. "Sein Herausforderer oder seine Herausforderin darf jedenfalls mit mehr Aufmerksamkeit rechnen. Insofern wird der zweite Wahlgang für Van der Bellen kein Spaziergang."

Rudi Fußi fasst zusammen, was die meisten Politikberater über den zweiten Wahlgang meinen: „Gegen Hofer würde Van der Bellen gewinnen, dieses Land will keinen blauen Bundespräsidenten. Gegen Griss könnte es knapp werden, die große Politikverdrossenheit könnte Griss nützen. Es gibt in Österreich eine strukturell rechte Mehrheit, die relativ stabil ist." Das führt zu der komischen Situation, dass der Grüne Van der Bellen eigentlich hoffen müsste, dass der Blaue Hofer im ersten Wahlgang gut abschneidet.

Man muss kein Van-der-Bellen-Fan sein, um zu glauben, dass er dieses seltsame Amt zwischen moralischem Gewissen, Staatsnotar und aktivem Trainer gut ausüben würde. Das gilt auch für (fast) alle anderen Kandidaten. Am Sonntag—beziehungsweise eventuell erst später, wenn die Wahlkarten ausgezählt sind—wissen wir mehr. Und der Wahlkreislauf, der im Jänner seinen Anfang nahm, geht dann noch bis zum 22. Mai weiter. Ein bisschen absurd ist das schon. Aber Van der Bellen scheint vorbereitet. Auch auf das Warten.

Der Autor hat im Rahmen seiner Tätigkeit für eine Agentur vor Jahren Projekte für die Grünen umgesetzt. Er glaubt nicht, dass das seine Urteilskraft beeinflusst, denkt aber, dass die Leser das wissen sollten.

Jonas ist auf Twitter: @L4ndvogt