Strick und Leichensack: Italienische Tatortfotos von vor 100 Jahren

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Strick und Leichensack: Italienische Tatortfotos von vor 100 Jahren

In den 1980ern wurde in Genua ein herrenloser Koffer voll mit Tatortfotos gefunden. Jetzt wurden die Bilder des Forensikers Luigi Tomellini ausgestellt.
7.4.16

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Stefano Amoretti | Clue: Cold

WARNUNG: Manche der Bilder weiter unten sind verstörend

Anfang des 20. Jahrhunderts arbeitete Luigi Tomellini als forensischer Fotograf in Genua. Seine Fotoplatten gehörten damals zu einem wichtigen Ermittlungswerkzeug der lokalen Polizei, verschwanden allerdings aus ungeklärten Gründen nach seinem Tod und tauchten erst in den 1980ern wieder auf. Die Bilder sind unglaublich beeindruckend, makaber und ein wertvolles Artefakt alter Techniken der forensischen Fotografie.

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„Diese Platten haben eine lange und aufregende Geschichte durchgemacht", sagt Stefano Amoretti, ein Student für Cultural und Creative Industries an der City University London. „Riccardo Sezzi hat sie in den 1980ern in einem herrenlosen Koffer in Genua entdeckt. Es war ein komplettes Portfolio, voll mit Menschen, die 70 Jahre zuvor umgebracht worden waren. Er wusste nicht, was er damit machen sollte, also behielt er sie einfach bis 2013 zu Hause. Da haben wir die Platten dann zum ersten Mal zusammen entwickelt—in einer Dunkelkammer, die wir in seinem Badezimmer eingerichtet hatten."

Stefano, Riccardo und Fotograf Mino Tristovskij haben unter dem Namen Clue: Cold nun eine ganze Ausstellung mit diesen historischen Bildern zusammengestellt. Diese ist bereits durch verschiedene europäische Städte gereist und letzte Woche wurde dann auch ein dazugehöriger Katalog mit den Bildern veröffentlicht.

Suizid, wahrscheinlich durch Erhängen | Scan von Originalplatte, 18x13 cm, 1910er

„Die Fotos verfügen über eine unglaubliche Dramatik", so Stefano zu mir. „Das eine mit dem Mann auf dem Schachbrettboden zum Beispiel; die Position der Leiche; wie minutiös die Perspektive von Wand und Boden diktiert wird; der Mann in der diagonalen Position; das ungemachte Bett—es sieht aus wie eine Szene aus einem Film."

Nach der Entdeckung des Portfolios war erst mal lange unklar, wer der Fotograf war. „Aber dann schaffte es Aldo Padovano, ein Historiker und Schriftsteller aus Genua, eine bestimmte Platte mit einem Zeitungsartikel in Verbindung zu bringen, in dem stand, dass Professor Dr. Tomellini den Ort des Verbrechens besucht habe, um einige Fotos zu machen. Danach fügte sich alles fast wie von selbst zusammen: Tomellini war zu seiner Zeit ein wichtiger Akademiker und Professor an der Universität von Genua gewesen. Er war wahrscheinlich der Erste, der so innovative Erkennungstechniken wie Fingerabdrücke in Italien einführte."

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Leiche auf einem Tisch im Leichenschauhaus | Scan von Originalplatte, 18x13 cm, 1910er

Jedes Bild erzählt eine andere Geschichte, was auch eine wichtige Rolle beim Kuratieren der Ausstellung gespielt hat. „Es gibt ein Bild, auf dem man ein Poster von der Premiere von La Bohème sehen kann, die am 27. Januar 1912 in Genua stattfand. Dieses Bild war wichtig, um den historischen Kontext einzugrenzen. Auf anderen Platten stehen Namen und wieder andere sind vor allem aus technischer Sicht interessant. Es gibt aber auch einige extrem faszinierende Platten, die über keinerlei Kontext verfügen. Die Messer oder Kugeln zum Beispiel: Das sind die gleichen Motive, wie sie später in der Popart groß geworden sind."

Suizid durch Erhängen | Scan von Originalplatte, 21x16 cm, 1910er

Klappmesser | Scan von Originalplatte, 12x9 cm, 1910er

Kugeln für die ballistische Analyse eines Suizids | Scans von Originalplatte, 12x9 cm, 1910er

Suizid mit Pistole | Scan von Originalplatte, 21x16 cm, 1910er

Fingerabdrücke | Scans von Originalplatte, 12x9 cm, 1910er