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Das 1x1 des internationalen Kokainhandels - Teil 1

Ronald Miehling importierte in den 80ern tonnenweise Kokain von Südamerika nach Europa. Vor einiger Zeit empfing er uns in einer stattlichen Villa in Hamburg-Fuhlsbüttel, um uns das 1x1 des internationalen Kokainhandels zu erklären.

von Julius Theis
19 August 2013, 4:30pm

Ronald Miehling ist einer von den wenigen guten Bösen. Zumindest hatte ich dieses Gefühl, als er mich vor einiger Zeit in einer stattlichen Villa in Hamburg-Fuhlsbüttel empfing, um mir das 1x1 des internationalen Kokainhandels zu erklären.
Seine dunkle Stimme und der Hamburger Schnack passten zu seinem ernsten Gesicht und den starren Augen, die mich aus engen Schlitzen musterten. In Hamburg ist er einer von der alten Schule, schätzt Loyalität und war zumindest bemüht, seinen Weg als Krimineller auf „korrekte Weise“ zu gehen. Seine schattenähnliche Entourage nennt ihn brüderlich „Blacky“. Die meisten Anderen, die sich auf ihn beziehen möchten, nennen ihn aber den Schneekönig und dichten fast märchenhaft Geschichten über ihn.

Diesen Spitznamen hat sich Blacky Ende der 80er eingeheimst, als er als Kleindealer Kontakte zu immer größeren Fischen fand, bis er ganz oben an der Nahrungskette mit den kolumbianischen Kartellen agierte und tonnenweise selbsterlesenes, astreines Kokain von Südamerika nach Europa schmuggelte. Damit machte er ein Vermögen, das er traditionell in (wahrscheinlich) fantastische Ausschweifungen mit Koks, Nutten, Knarren und schnellen Autos investierte.

Mich hat interessiert, wie man heute noch solch einen Ruhm und Reichtum im Dealer-Business erlangen kann. Die Sache scheint im Nachhinein eigentlich ganz einfach. Solange man die richtigen Leute kennt, macht man sogar dann noch Gewinn, wenn vier von fünf Kokainlieferungen einkassiert werden.

Die Problematik bei dieser Art von Arbeit ist allerdings, dass du gleich auf zwei Seiten kämpfen musst, wobei die Karriere häufig im Knast oder in einer matschigen Grube irgendwo im Amazonas endet. Denn eins ist sicher: Die Koksflocken in deiner Nase sind mit Blut vollgesogen. Aber vielleicht hattest du Glück und es war doch nur ein Gemisch aus Koffein, Mannit und Milchzucker. Hier ist das erste Teil des Interviews:


VICE: Nehmen wir mal an, ich wäre ein Kleindealer, der geringe Mengen Koks vertickt. Wie schaffe ich es, so groß zu werden, wie du mal warst?
Ronald Miehling: Da gibt es kein Rezept für. Das hängt immer damit zusammen: Du musst zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein und dann auch noch die richtigen Leute treffen und dann musst du noch der richtige Typ sein. Das sind die Voraussetzungen.

Haben die Wege, für die du dich entschieden hast, damit zu tun, dass dein Vater bei der Polizei war?
Weniger. Also, mein Vater, das ist ein ganz gerader Typ gewesen. Keine krummen Dinger, gar nichts, überhaupt nichts. Ich bin immer ein Abenteurer gewesen, eigentlich ein Adrenalinjunkie. Das heißt, ich brauche immer irgendeine Action, irgendeine Gefahr, irgendeinen Umstand, der mich anreizt. Ich sag das immer so: Wenn ich Bungee springe, wo andere zitternd oben stehen, herunterspringen und das ein tolles Erlebnis ist—bei sowas schlaf ich ein, bis ich unten bin. 

Wie ist das bei dir mit dem Drogenhandel abgelaufen?
Ich habe eigentlich angefangen mit Kleindealen und irgendwann habe ich mir gedacht: „Warum bei Schmidtchen kaufen, wenn du auch bei Schmidt kaufen kannst?“ So bin ich nach Holland gekommen, habe dort eingekauft. Das ging eine Zeit gut und irgendwann habe ich die richtigen Leute kennengelernt. Und ich bin ziemlich schnell daran gekommen.

Du hast die Typen in Holland kennengelernt?
In Holland lernst du keine Großen kennen. In Holland lernst du eigentlich nur die kennen, die für Große arbeiten. Und so einen Supervisor habe ich kennengelernt, auf einer Party. Und der hat mich dann mal mitgenommen in die Karibik und da habe ich die Richtigen kennengelernt, wobei ich gar nicht wusste, dass die dealen—im großen Stil. Er hat sie mir als irgendwelche Freunde vorgestellt und die haben mich heimlich abgeleuchtet. Aber ich bin sehr sensitiv und habe schon gemerkt, die sind aus‘m Business, und habe dann alles, was ich gemacht hab, dreimal auf die Goldwaage gelegt und abgewogen, aber mich dabei völlig natürlich gegeben und dann haben die mich für gut befunden und eingeladen nach Kolumbien. So ist das gekommen.

Das war ein Punkt, als du gemerkt hast, dass du langsam Vertrauen aufgebaut hast?
Ja, die haben mit mir ein paar Tests gemacht. Das läuft eigentlich sehr simpel ab. Man kriegt da eigentlich gar nicht viel von mit. Das ist aber sehr viel später erst passiert, bei den kleinen Mengen testen sie gar nicht viel. Bei den kleinen Mengen—das heißt, bis zu ‘nem Kilo—ist alles uninteressant. Aber wenn du in größere Geschäfte reingehst, dann geht das los. Die schieben dir irgendwelche Bräute rein und das sind Monsterbräute und die schieben dir Drogen hin und wenn du dann zugreifst, wissen die, du bist nicht seriös. Und ich habe das immer so gemacht, ich habe gesagt: „Pass auf: Die Bräute, lass die sich in die Ecke setzen, wir machen das hier fertig und dann können wir feiern.“ Und weil ich so war, ist das Vertrauen praktisch gestiegen. Und das war ein entschiedener Punkt.

Und was waren das für Typen? Wie erkennt man einen Großdealer …
Vielleicht um das hier auf Deutschland zu beziehen—du siehst ‘n alten Opa da sitzen, der trinkt seinen Kaffee, redet über Fußball oder irgendwas. Das ist der Boss. Ringsum sitzen Leute, die in Action sind und nicht mit ihm reden. Er greift nur ab und zu mal ein, indem er einen an sich ranholt und sagt: „So nicht, abbrechen.“ Und dann wird abgebrochen. So läuft das. Ich habe mal einen getroffen. Das sind immer diese glücklichen Umstände. Das war in dieser Zeit, wo ich schon Kilos gemacht hab, so bis 10, 20, 30 Kilos, mehr nicht—ich sitze in einem Hotel auf dem Balkon und mich reißt eine Olle auf. Die saß unten im Pool, eine Latina, und ich habe mit der ein Verhältnis und habe über sie jemanden kennengelernt, der ist Professor an der Uni in Kolumbien gewesen. Die ganzen Kinder aus den Familien aus dem Kartell studieren alle—auf einmal war ich auf Partys eingeladen und dann war ich plötzlich ganz oben. Das ist durch eben diesen Professor gekommen, da wäre ich sonst nicht hingekommen.

Was war so ein Moment, wo du diesen Kick bekommen hast?
Es gab viele Situationen, aber ich werde die eine ganz einfach erzählen. Du fliegst in ein Land, wo du weißt, da ist ein Menschenleben null wert. Entführung sind an der Tagesordnung, man weiß, wie gefährlich Kolumbien ist. Ich flieg in dieses Land, vertraue da nur meinen Instinkten und fahre mit jemandem aufs Land. „Aufs Land fahren“ heißt eigentlich, du wirst schon direkt entführt und triffst da entsprechende Leute, und wir machen einen Deal. Wir machen so eine Partnership, ein Joint-Venture im Prinzip, wie man das nennt. Und er macht die Sache in Kolumbien und ich mach die Sache in Europa. Als dieses Geschäft geklappt hat, als alles abgesprochen war und ich wieder im Hotel war, da habe ich einen richtigen Adrenalinschub gehabt, weil ich praktisch was erlebt habe, was eigentlich nur Wenige überhaupt überleben.

Muss man einen gewissen Status erreichen, um zu diesen Plantagen zu kommen, um sich den Stoff direkt dort anzusehen?
Da muss man wieder das Vertrauen haben. Du musst jemanden haben, der dir vertraut und der das mit dir macht.

Erzähl mal von dem ersten Mal, als du zu so einer Plantage gefahren bist. 
Da hatte ich erstmal schön die Hosen voll. Wir sind erst runter an so einen Fluss, wo ein Kanu mit einem Benzinfass und einem Ersatzmotor stand. Mit so einem sind wir dann schätzungsweise einen Tag lang durch den Dschungel gefahren. Und dann fuhren die plötzlich langsamer. An den Seiten habe ich gesehen, dass dort Guerillas standen—zum Schutz für die Küche. Wenn da jetzt irgendwelche Einsatztruppen kommen von irgendwelchen Amis oder Kolumbianern, dann wird da gefeuert. Also, die lassen sich das nicht einfach wegnehmen. Und da haben die mich in die Küche gebracht. Da gibt's ganz verrückte Sachen, zum Beispiel, das Erste, was die dort machen, ist, einen Eber zu schießen—einen Urwald-Eber. Von dem wird das Fell abgezogen und derjenige, der Wache hält, muss sich das Fell umbinden. Das hat folgenden Grund: Es gibt Jaguare. Jaguare sind eigentlich Affenfresser, greifen aber auch Menschen an. Und durch diesen Eberpelz und dessen Geruch bleibt der Tiger weg, weil er Respekt vorm Eber hat. Die Köche heißen deswegen Köche, weil sie die Chemikalien mit dem Finger abschmecken. Als oberstes Gesetz gilt allerdings: Wer nascht, wird direkt erschossen. Also, da nimmt sich keiner was.

Wie arbeiten die mit Europäern zusammen? Wird man oft über den Tisch gezogen?
Ja, obwohl die Europäer weniger als die Amis. Amis sind Gringos für die, da haben die so ‘ne Aversion gegen. Als Deutscher hat man einen Vorteil, weil viele Deutsche das Geschäft in Kolumbien mitbestimmen. Das glaubt keiner, aber der Markt wird zur Hälfte von Deutschen gemacht.

Immer noch?
Immer noch. Weil viele Deutsche damals ausgewandert sind. Den einzigen, den sie mal erwischt haben, ist der Carlos Lehder gewesen. Der ist eigentlich der Gründer der Kartelle gewesen. Ich glaub, der sitzt auch gerade in den USA. Der ist Deutschstämmiger gewesen und hat diese Kartelle damals alle aus Norman's Cay zusammengebracht.

Und wie arbeiten die dort? Haben die sozusagen einen Firmensitz oder wie sind die aufgestellt?
Na ja, du kommst da hin und dann wirst du irgendwo hingebracht. Die haben ja mehrere Häuser und Restaurants da. Was die immer machen, ist, die bringen immer einen Anwalt mit [lacht]. Das hat mehrere Vorteile. Wenn ein Anwalt dabei ist, kann das ein Mandantengespräch sein, also darf das keiner aufzeichnen, beziehungsweise verwenden. Außerdem kann dich der Anwalt beraten—eigentlich ist er nur ein Mitläufer, aber die nutzen das. Du wirst kaum ein Gespräch haben, wo kein Anwalt dabei ist.

Und so laufen auch die Deals letztlich ab? Man trifft sich, man bespricht …
Bei Kaffee und Kuchen, ja. Oder beim netten Essen. Wenn ich hier Filme sehe, dann sehe ich immer einen Geldkoffer und Maschinenpistolen. Ich sitze dann da und lach mich immer kaputt. Ich kenne das anders. Man wird abgeholt, in ein Restaurant gebracht und zum Schluss bei Kaffee und Kuchen wurden dann die Geschäfte besprochen.

Und wie funktioniert die Transaktion? Wo passieren Geld- und Warenübergabe?
Du sprichst mit dem Boss der Truppe oder eben demjenigen, der das macht. Du willst eine Lieferung von 100 Kilo haben. 100 Kilo ist eine kleine Lieferung, aber egal. Dann werden die ganzen Konditionen ausgehandelt, meistens ist das so: Die kaufen die Ware in Kolumbien selber ein und bringen das praktisch bis aufs Schiff oder wohin auch immer du willst. Das kommt dann hier drüben an und du holst es ab. In diesem Augenblick, wo du das hier irgendwo gesichert im Lager stehen hast, bist du verantwortlich. Wird das auf dem Schiff erwischt, ist das egal, das sind Spesen. Wenn du das hier im Lager hast, dann musst du das für die verkaufen. Und wenn du es verkaufst, musst du ihnen einen bestimmten Preis geben für die Hälfte der Ware, die andere Hälfte gehört dir. Das ist eine Konstruktion, es gibt viele andere.

Wie hast du die Lieferungen damals nach Deutschland gebracht?
Ich habe hauptsächlich zwei Konstruktionen gehabt. Bei der einen war ich im Dschungel, habe das alles selber eingekauft. Ich war mit in der Küche und habe mir die besten Pakete rausgesucht. Nicht alle Pakete sind gleich. Wenn die hundert Kilo herstellen, kann es sein, dass davon nur 20 Kilo super sind. Das andere ist zwar gut, für den deutschen oder europäischen Markt wäre es spitze, aber es gibt besondere Sorten. Die habe ich rausgesucht, immer. Drüben hatte ich eine Gruppe, die die Lieferung organisiert hat. Die haben es dann irgendwo auf einem Schiff, auf einem Container, oder wie auch immer, transportiert. Ich habe diesen Schritt eigentlich nie gesehen, aber danach waren die Geldscheine da.

Waren das irgendwelche Container?
Es gibt verschiedene. Es gibt Container, es gibt Bananenschiffe, alles mögliche. Da ist der Fantasie kein Rahmen gesetzt.

U-Boote?
Mit U-Booten hatte ich nichts zu tun. Das ist mehr für die USA, weil das näher ist und wenn sie in die USA transportieren, müssen sie durch dieses seichte Gebiet durch. Dieses Lagunengebiet, was vor Mittelamerika liegt. Und da ist natürlich ein U-Boot gut. Aber nach Europa gibt's keine U-Boote.

Was sind das für Kosten und was für Verluste, wenn die Ware einkassiert wird?
Das sind Bestechungsgelder, Transportgelder … Wenn der Container hier ist, bezahlst du 5000 für 1 Kilo. Hier ist der Marktwert locker ohne Probleme 30.000. Das heißt, du hast sechs Transporte, fünf gehen verloren, einer geht durch. Dann bist du immer noch in der Gewinnzone. Die müssen also von den sechs Transporten, die du hast, fünf abfangen. Wenn man realistisch ist: Wann siehst du mal, dass ein großer Transport abgefangen wird? Da lacht man sich tot drüber. Ich habe früher auch gelacht. Du kannst sowas nicht stoppen. Nicht bei diesen Gewinnspannen.

Ist es dir oft passiert, dass dir etwas weggeschnappt worden ist?
Damals nicht, da habe ich eigentlich nichts verloren, außer als wir von Polen beklaut wurden. Das Schlimme ist aber immer viel Bewegung, weil das Aufmerksamkeit bedeutet. Die Polizei ist nicht dumm, das darf man nicht denken. Die hatte mich schon seit zwei Jahren beschattet. Aber die Sachen fliegen nicht auf, weil sie so besonders gut ermitteln. Die fliegen auf wegen Kommissar Zufall und weil Verräter da sind. Aber es fliegt kaum was auf. Ich denke mal, von allem, was hier nach Europa kommt, erwischen sie 2-4%.

Den zweiten Teil des Interviews mit „Blacky" über internationalen Kokainhandel findet ihr hier.

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