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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
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Mit Online-Poker habe ich im Bademantel mein Leben finanziert

Wenn du mit Online-Poker Geld verdienen willst, lässt du dich auf einen Teufelstanz zwischen finanzieller Unabhängigkeit und der Gefahr, verrückt zu werden, ein.

von Adrian Aranyos
14 Oktober 2014, 8:54am

Foto: kozumel | Flickr | CC BY-ND 2.0

Seitdem ich 21 bin, pokere ich (in Österreich) im Internet um Geld. Also um ganz echtes, reales Geld. Das alles hat irgendwann 2005 angefangen, als DSF zum ersten Mal Pokerturniere (neben den berühmten Sexy Sport Clips) im Fernsehen ausgestrahlt hat, einige meiner Magic-spielenden Freunde zu Poker wechselten und plötzlich mit Gewinnen im vierstelligen Bereich protzen konnten. Dazu kamen noch zahlreiche Angebote von Pokerplattformen und Pokerschulen, die dir ein kleines Startguthaben (das wohl 95 Prozent aller User binnen weniger Stunden verballern) zur Verfügung stellen, und schon war ich mittendrin in der Welt des Onlinepokers. Dabei ist der Anfang eigentlich ziemlich simpel.

Poker ist wie die meisten Kartenspiele ein Spiel mit klaren Regeln. Wer dem Rat diverser Bücher oder der Online-Pokerschulen folgt und konservativ nach dem Motto "Kleinvieh macht auch Mist" spielt, kann mit ein bisschen Geduld seine Bankroll (also seine verfügbare Kohle) vervielfachen. Aber Poker ist eben in erster Linie auch einfach ein Spiel, und wer wie ich mit Video-, Karten- und Brettspielen aufgewachsen ist, wird kein Problem haben, sich in der Welt des Internetpokers zurechtzufinden—ganz abgesehen davon, dass die Aussicht, mit einem "Videospiel" Geld zu machen, für einen Stubenhocker und Nerd wie mich wie der absolute Lebenstraum geklungen hat.

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Gesagt, getan, und nach ein paar Wochen ausgiebigen Stubenhockens und Reinsteigerei hatte ich also Geld. Ich war wie ein großer Teil der zirka 5-7 Millionen österreichischen und deutschen Internetpokerspieler zwar nie reich, hatte aber wesentlich mehr Zaster zur Verfügung als jemals zuvor. Das klingt jetzt erstmal ziemlich toll—wer Poker spielt, lässt sich jedoch auf einen Tanz mit dem Teufel ein, der einen und seine Gewohnheiten mit Sicherheit ziemlich über den Haufen werfen wird. Wer sich mit dem Teufel einlässt, … ihr wisst schon.

DIE ABGEFUCKTE ONLINE-WELT

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Ein (fast) normales Poker-Setup: Zwei Monitore und ein wenig Unordnung sind Standard. Foto: CubanRefugee | Flickr | CC BY 2.0

Ich hatte gerade mein letztes Schuljahr wiederholt und danach zu studieren begonnen, als ich durch Poker ein halbwegs vernünftiges Einkommen hatte. Plötzlich konnte ich mir kaufen, was ich wollte, jeden Tag in der Woche feiern gehen und mir jede Menge Krempel, den ich eigentlich überhaupt nicht gebraucht habe, im Internet bestellen. Und arbeiten musste ich natürlich auch nicht. Stattdessen habe ich im Bademantel vor dem Computer gesessen und fleißig die Pokerdollar erwirtschaftet, während sich andere bei den bekannten Bäckereiketten unter dem Codenamen "Studentenjob" schinden ließen. Doch wer ständig alleine ist, wird irgendwann verrückt. Deswegen fängst du an, dich in Poker-Foren anzumelden, die teilweise so groß sind, dass von den normalen Themen wie Freizeit, Film & TV, Sport und News bis hin zu Anus-Bleaching, Lieblings-Gonzo-Pornostars und dem Erfahrungsaustausch von Hobby-Imkern alles dabei ist und du irgendwo immer Gleichgesinnte finden wirst und dir eine schöne Blase von Pseudo-Socializing schaffen kannst.


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Doch beim Pokern selbst kann man bekanntlich nicht nur Geld gewinnen, sondern auch verlieren. Eine Erfahrung, mit der man erst einmal umgehen lernen muss. Wenn ich am Vorabend größere Summen in den Wind geschossen habe, war ich am nächsten Tag meistens ziemlich angepisst und habe Leute grundlos angefaucht. Also, wenn ich überhaupt unter Leute gegangen bin. Meistens bin ich nach größeren Losing Sessions nämlich einfach sitzen geblieben, und habe solange weitergespielt, bis ich wieder bei plus/minus null war. Ob das eine Stunde dauerte oder zwölf, war dabei ganz egal.

Man bildet sich außerdem ein, sowieso besser als all die anderen zu sein (im Idealfall stimmt das natürlich) und einfach nur Pech gehabt zu haben, und Pech kann schließlich nicht ewig anhalten. Wenn du dann trotzdem noch im Minus bist, holst du dir einfach einen runter, damit du nicht depressiv wirst, und legst dich mit einem seltsamen Gefühl der Leere ins Bett, mit dem du vermutlich auch wieder aufwachen wirst. Alternativ spielst du auch einfach ein paar Tage lang DOTA 2 oder schichtest in Skyrim die Köpfe deiner Opfer in den Küchenschrank. Von einem Spiel zum nächsten—das ganze Leben ist ein Spiel. Aber der nächste Gewinn steht schon vor der Tür, du bist wieder happy und gibst im Club Drinks aus. In besagte Clubs gehst du vorwiegend unter der Woche, weil du am Wochenende lieber zu Hause sitzt und betrunkene Spielsüchtige ausnimmst.

LIVE-POKER IM CASINO

Irgendwann verschlägt es einen dann natürlich in ein ECHTES Casino, wo man sich ein ziemlich genaues Bild der Pokerlandschaft machen kann: Hier sitzen fettleibige Wirtshausgeher, die schon seit 20 Jahren Karten spielen und deswegen irgendwie glauben, sie können das auch. Neben Taxifahrern, die ihr Trinkgeld an den Spieltischen verpulvern, und der typischen Prollo-Klientel gibt es natürlich auch die Spieler, die "aus dem Internet kommen" und wahrscheinlich ähnlich wie man selbst gemerkt haben, wie unfassbar schlecht ein Großteil der Casinospieler denn wirklich ist und dass hier jeder einfach easy Money wittert.

Man sitzt also mit diesen Menschen am Pokertisch, lässt sich ins Gesicht rauchen und kann sich dann noch anhören, dass man als junger Spieler von den Wirtshaus-Schaumschlägern auch "noch was lernen kann"—immerhin spielen sie schon, seit sie 15 sind, Canasta. Egal, am Ende des Tages hast du gewonnen und kaufst dir erstmal ein gutes Pfeffersteak und fährst mit dem Taxi nach Hause. Durch den Glücksfaktor im Poker kann eben auch jede Pfeife inklusive Boris Becker und Elton von TV Total mal was reißen. Das ist auch der Grund, warum sich hier (und auch online) regelmäßig so viele traurige Existenzen versammeln: Du kannst auch gegen die Besten der Besten mal gewinnen, der nächste Gewinn ist zum Greifen nahe—irgendwann muss es schließlich wieder soweit sein—und hätte man doch seine Straße getroffen, könnte man jetzt auch ein Steak essen.

Das ganze erinnert mich trotz der Tatsache, dass Poker ein Geschicklichkeitsspiel ist, sehr stark an die Leute, die ihre Euros in Einarmige Banditen stecken, und hat mich dazu gebracht, einen großen Bogen um Poker-Casinos zu machen. Zu Hause zu sitzen und Geld zu machen, während man bei weniger, abgestandener Luft Erdnussbutter löffelt und seinen eigenen YouTube-Playlists lauscht, ist auch einfach ein wenig attraktiver, auch wenn die Klientel, deren Gesicht im Internet durch Bilder von Elefanten, Fischen und Pandabären ersetzt wird, vermutlich aus dem gleichen maroden Holz geschnitzt ist.

UND WAS HAT MAN DAVON?

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Ein ehemaliger Schulkollege spielt gegen Phil Ivey, einen der besten Pokerspieler der Welt, Omaha Heads-Up. Im Pot liegt mehr Zaster, als ich jemals besessen habe.

Irgendwann geht, wie die meinige, jede Pokerkarriere zu Ende, meistens weil man entweder keine Lust mehr hat, jeden Tag vor dem PC zu hocken, während sich andere die Sonne auf den Pelz brennen lassen, moralische Bedenken hat, Idioten Geld wegzunehmen, oder schlicht und einfach sein letztes Geld in einem fanatischen Risiko-Gamble verzockt hat. Und nun? Nach vielen Jahren des Internetpokers habe ich erstmal ein großes Loch in meinem Lebenslauf (der mir sowieso egal ist).

Die Leute halten dich zwar für den König der Welt, wenn du ihnen erzählst, dass du an einem Tag mehr Geld gemacht hat als sie im ganzen Monat—und denken dabei natürlich nicht an die Schattenseiten. Trotzdem wird dich das in keinem gewöhnlichen Job weiterbringen und du lässt dir lieber schleunigst etwas einfallen, um dieses Lebenslauf-Loch zu stopfen. Zum Beispiel kannst du ja so tun, als hättest du mit Öl verschmutze Vögel für Greenpeace gesäubert oder bist um den Globus gereist, um deinen Horizont zu erweitern. Ich war zwar halbwegs gut, aber besondere Kontakte oder Möglichkeiten, irgendwo zu arbeiten, habe ich trotzdem nicht.

Wenn man ein seriöser, gut planender und ehrgeiziger Mensch ist, kann man mit Poker echt was reißen. Viele Studenten in meinem Alter halten sich so über Wasser oder können sich ein nettes Leben finanzieren. Dabei sind vor allem Disziplin und Selbstmanagement wichtig, Talent kommt da ziemlich weit hinten auf der Liste. Pokerspieler findet man in allen Sparten des Lebens, manche gewinnen bei Jauch und manche fischt man tot aus dem Wasser. Wenn man bescheiden ist, kann man trotzdem gut durchs Leben kommen und in seiner Studentenzeit jede Menge Spaß haben, ohne sich zum Krüppel arbeiten zu müssen. Trotzdem sollte man sich nicht auf Pokergewinne verlassen und die Schattenseiten der Online-Zockerei nicht aus den Augen verlieren. Außerdem gewinnt in erster Linie immer das Casino (oder der Online-Pokerraum) und auch Millionäre haut es irgendwann böse auf die Fresse. Abgesehen davon, dass die richtig guten Pokerspieler meist nicht wegen dem Geld spielen, sondern meistens einfach wegen des Wettkampfes.

Nach 8 Jahren Online-Poker hat mich die Lust endgültig verlassen, ich konnte mir meine Wohnung nicht mehr leisten, bin zurück in meine alte Bruchbude im Gemeindebau gezogen und auf der Suche nach neuen Ufern (und einer Möglichkeit, zu überleben) als Praktikant in der VICE-Redaktion gelandet. Ich habe als krassen Gegensatz zu vorher in meinem Arbeitsumfeld—das eben bis jetzt aus Zuhausesitzen bestanden hat—sehr viele neue Leute kennengelernt, habe so gut wie kein Geld, esse Jagdwurst aus der Dose und bin glücklicher, als ich während meiner Online-Pokerzeit jemals war. Immerhin musste ich lange Zeit nicht arbeiten und außerdem habe ich ja noch meinen Alfredo-Pizzaofen. Es war also nicht alles umsonst und auf eine gewisse Art und Weise lernt man ja aus allem was.

Achtung: Es ist in Deutschland illegal, online im Netz um Geld zu spielen.

Esst mit Adrian Jagdwurst aus der Dose: @doktorSanchez

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