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Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
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SeaWorld ist nicht nur eine Qual für die Tiere, sondern auch für die Besucher

Ich hatte Angst, dass ich darüber schreiben muss, wie toll alles ist—quasi kostenlose PR. Es stellte sich jedoch heraus (Achtung, Spoiler!), dass SeaWorld ein Riesenhaufen dampfender Scheiße ist. Glück gehabt!

von Jamie Lee Curtis Taete
11 September 2014, 3:47pm

Inzwischen sollten die meisten vom Dokumentarfilm Blackfish gehört, ihn vielleicht ja sogar gesehen haben. Auch ist es kein Geheimnis, dass SeaWorld in der Öffentlichkeit ziemlich in Ungnade gefallen ist.

Über ein Jahr nach der Veröffentlichung des Films sind die Leute immer noch sauer. In den letzten paar Wochen tauchte ein Artikel der Huffington Post mit der Überschrift „The End of SeaWorld“ mehrere Male in meinen Twitter- und Facebook-Feeds auf. Falls darin die Wahrheit steht, dann ist das Unternehmen SeaWorld „am Ende.“

Ich war noch nie in einem der SeaWorld-Parks. Deshalb wusste ich nicht genau, ob deren Ende ein wirklicher Verlust wäre—ich entschied mich dazu, einen Tag dort zu verbringen, um mir selbst ein Bild zu machen. 

Ich hatte Angst, dass man dort in Wirklichkeit richtig viel Spaß haben kann und ich darüber schreiben muss, wie toll alles ist—quasi kostenlose Werbung. Es stellte sich jedoch heraus (Achtung, Spoiler!), dass SeaWorld ein Riesenhaufen dampfender Scheiße ist. Glück gehabt!

Das Highlight des Parks ist ohne Zweifel der Spaziergang vom Parkplatz zum Eingang, weil man da noch nicht weiß, dass die Tickets unglaubliche 84 Dollar kosten. Danach geht es konsequent weiter bergab. 

Beim Betreten siehst du zunächst einmal eine Reihe kleiner Aquarien—die sollen wohl so etwas wie einen Streichelzoo darstellen, denn du kannst die darin schwimmenden Meerestiere anfassen. 

Anscheinend wird das Ganze aber oft so verstanden, dass man die Tiere ganz aus dem Becken nehmen und betatschen darf. Davon werden dann lieber Fotos gemacht, als die Kinder anzuweisen, die Meerestiere lieber ganz schnell wieder ins Wasser zu geben. Ein Beispiel hierfür ist der Seestern auf dem oberen Foto. 

Ab und an erinnert die mit der Aufsicht des Beckens beauftragte junge Frau jeden daran, die Tiere nicht aus dem Wasser zu nehmen, weil sie „das zum Atmen brauchen!“ Ihre Bitte stößt aber meistens auf taube Ohren.

Hinter den „Streichelaquarien“ befinden sich Gehege, in denen die Tiere nur angeschaut werden können—wie diese Schildkröte, die sich eine offene und blutige Wunde zugezogen hat. 

Als einer der Besucher fragte, was mit der Schildkröte los sei, redete die im Gehege positionierte Angestellte irgendetwas von Antibiotika und schob das Tier dann zurück ins Wasser, wo man es nicht mehr wirklich sehen konnte. 

Mir ist bewusst, dass sich die Leute nur deswegen um die Orcas sorgen, weil eine sehr bekannte Dokumentation veröffentlicht wurde, in der gesagt wird, dass die Tiere einem Leid tun sollten. Es besteht jedoch kein großer Unterschied zwischen diesen Tieren und den Pandas in einem normalen Zoo oder den Hühnern, die als Chicken McNuggets verkauft werden. Jedes ausgebeutete Tier gibt Anlass zur Traurigkeit. 

Abgesehen davon ist es wohl unmöglich, sich Blackfish anzuschauen und sich danach nicht total schlecht zu fühlen. Immerhin sieht man dabei zu, wie diese Meerestiere endlos im Kreis schwimmen und dabei nicht viel mehr sind als der Hintergrund für die Selfies der Besucher. 

Der größte Besuchermagnet von SeaWorld sind natürlich die Shows. 

Ich glaube, dass ich vor meinem Besuch in einem der Parks noch nie ernsthaft darüber nachgedacht habe, was bei einer SeaWorld-Show alles passiert. Bis dahin hatte ich auch nur diese fünfsekündigen Zusammenschnitte aus Reisedokus und der Werbung gekannt—aber ehrlich gesagt ließen die das Ganze als ziemlich aufregend erscheinen. 

Jedoch ist die Liste der Sachen, die ein Killerwal zur Unterhaltung der außerhalb des Beckens sitzenden Zuschauer machen kann, auf genau eine Sache beschränkt: Er kann aus dem Wasser springen und kurz danach wieder eintauchen. 

Es ist zwar schon ziemlich beeindruckend, dass die Trainer den Tieren beibringen können, das Ganze auf Kommando zu machen, aber ein für eine Sekunde aus dem Wasser springender Orca wird auch ziemlich schnell langweilig. Wenn es dir so geht wie mir, dann passiert das sogar ganz schnell. 

Dessen scheint sich SeaWorld jedoch bewusst zu sein, denn sie machen echt viel, um den Shows etwas Glanz zu verleihen. Sie schmücken das Aus-dem-Wasser-Springen der Wale mit allem möglichen Schnickschnack aus und schaffen es so, die ganze Scheiße in einen 20-minütigen Auftritt zu verwandeln. 

Die Show begann, als ein SeaWorld-Trainer auf die Bühne kam und „aktuelle und ehemalige Mitglieder der US-Army und deren Verbündete aus der ganzen Welt“ dazu aufforderte, aufzustehen. Wir, also die anderen Zuschauer, wurden dann gebeten zu applaudieren. Dabei ertönte patriotische Musik und der Trainer erklärte, dass „SeaWorld sich nicht nur den Männern und Frauen in Uniform verpflichtet fühlt, sondern unserer ganzen Welt.“

Das war das Kitschigste, das ich bis dahin in meinem ganzen Leben gesehen hatte. 

Man kann nur schwer in Worte fassen, wie unglaublich banal und einfallslos die Musik war, die danach gespielt wurde. Ich würde sie ungefähr so beschreiben: eine christliches Neuauflage von Glee, für die eine König der Löwen-Broadway-Episode gedreht wurde, bei der ein kastrierter Donny Osmond singt. 

Der Rest der Show bestand aus SeaWorld-Trainern, die herumtanzten und Botschaften über die Wichtigkeit des Umweltschutzes verbreiteten. Ihr falsches Grinsen war dabei so extrem, dass sie kaum reden konnten. Das war genau das Kinderentertainment, das sich Menschen ausdenken, die nichts mit Kindern zu tun haben. 

Ich sah mir noch die Delfinshow an, aber die war im Grunde das Gleiche. Noch mehr Tiere sprangen aus dem Wasser und noch mehr Idioten tanzten am Beckenrand zu zuckersüßem Gedudel.

Dieses Mal gab es sogar eine Art Handlung, aber ich bin mir nicht ganz sicher, was genau da abging. Irgendwie drehte sich alles um ein Mädchen, das aus seinem Schlafzimmerfenster springt und sich dann mit einem als Papagei verkleideten Etwas anfreundet, um die Umwelt zu schützen. Alles klar ... 

Ich kann mir vorstellen, dass das alles bei der Parkeröffnung in den 60ern die Leute in wahre Begeisterungsstürme versetzt hat, aber im Jahr 2014 haut so etwas niemanden mehr vom Hocker. Die anwesenden Kids sind mit dem Internet, mit 3D-Fernsehern und mit hosentaschengroßen Geräten aufgewachsen, auf denen sie sich jeden Film der Welt anschauen können. Du musst ihnen schon mehr bieten als Tiere, die immer wieder zu einer Musik aus dem Wasser springen, die auch eine von den South Park-Machern geschriebene Parodie auf Christen sein könnte. 

Ich gehe mal davon aus, dass SeaWorld mit der ganzen Nummer richtig viel Geld macht, aber man muss sich auch fragen, ob man deswegen die Tiere ausbeuten und psychisch zerstören und den Hass der ganzen Welt auf sich ziehen muss. 

Neben den Shows gibt es noch ein paar Fahrgeschäfte, nämlich eine Achterbahn, eine Gondelfahrt und einige Wasserattraktionen. Kurz gesagt: nichts wirklich Besonderes. 

Trotz des Standorts in Südkalifornien haben die Parkdesigner nicht daran gedacht, in den Wartebereichen für ausreichend Schatten zu sorgen. Ich war an einem eher ruhigen Tag im Park und musste nie länger als 20 Minuten anstehen. Trotzdem fühlte ich mich beim Einsteigen in die Fahrgeschäfte wie nach einem Marathon. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie das Ganze erst an einem heißeren und geschäftigeren Tag ist. 

Das war so ziemlich mein ganzer Tag bei SeaWorld: zwei Shows, zwei Fahrgeschäfte und ein paar Stunden, die ich mit dem Beobachten von traurig aussehenden Tieren verbrachte. Ich weiß jetzt nicht genau, was das Gegenteil von „Empfehlung“ ist, aber das würde ich dann einem Besuch von SeaWorld aussprechen. 

Wenn man schon Tiere zu Unterhaltungszwecken ausbeutet, dann sollte das Ganze meiner Meinung nach auch wirklich unterhaltsam sein. Ich will damit nicht sagen, dass das SeaWorld auch nur im Entferntesten akzeptabel machen würde, aber so wären zumindest die horrenden Eintrittspreise etwas leichter zu verschmerzen. 

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