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Wir haben mit einem Experten über den spektakulären Bank-Heist von London gesprochen

Erste Frage: Warum hat bitte niemand gemerkt, dass ein 50cm tiefes Loch durch eine Betonwand in Londons Innenstadt gebohrt wurde.

von Joe Bish
24 April 2015, 12:14pm

Ein Foto vom Tatort. Die Diebe bohrten ein Loch durch diese Betonwand, um in den Tresorraum zu gelangen. Foto mit freundlicher Genehmigung der Metropolitan Police

Es ist eine dieser Geschichten wie aus einem Krimi: Anfang April, am Osterwochenende, brach eine Gruppe von Menschen in einen Tresorraum im Londoner Viertel Hatton Garden ein und leerte dort 72 Schließfächer.

Der Stadtteil ist bekannt als das Juwelenviertel der britischen Hauptstadt, was wiederum die Frage aufwirft, warum man gerade dort seinen Schmuck aufbewahrt? Würde ich Diamanten verstecken wollen, würde ich das bestimmt nicht an einem Ort tun, an dem Diamantendiebe als Erstes danach suchen. Ich würde sie in einer hübschen kleinen Truhe auf einem Friedhof verbuddeln—neben einem Grab von jemandem, dessen Name ich lustig finde. (Du kannst dich schon auf ein paar funkelnde Steinchen ganz in deiner Nähe freuen, Seymour Cox!)

Und dann war da auch noch diese andere Sache: Der Alarm ging los, während sich der Bohrer seinen Weg durch die dicke Wand bahnte, aber die Polizei rührte keinen Finger. Was war da bitte geschehen? Mich hatte die Neugierde gepackt und so rief ich den Leiter einer privaten Sicherheitsfirma namens Athena Intelligence an (er selber wollte anonym bleiben). Wir haben uns über die Dreistigkeit des Raubs, die mögliche Beute und darüber unterhalten, warum die Dinge nicht immer so schwarz-weiß sind, wie sie einem im ersten Moment vorkommen.

Einige der ausgeräumten Schließfächer. Foto mit freundlicher Genehmigung der Metropolitan Police

VICE: Hi, ist dir schon mal so ein Fall untergekommen?
Der Typ von Athena Intelligence: Um ehrlich zu sein, gehört das nicht wirklich zu meinem Aufgabenbereich—das ist eine Sache der Polizei. Private Sicherheitsfirmen haben eher mit der Prävention als mit Aufarbeitung solcher Geschichten zu tun—was in diesem Fall offensichtlich total schief gelaufen ist.

Es ist schon etwas komisch, dass die Täter mitten in London ein 50cm tiefes Loch durch eine Betonwand bohren konnte, ohne dass es jemand gemerkt hat.
Nun ja, dafür kann es eine Vielzahl von Gründen geben. Der naheliegendste ist der, dass sie sich innerhalb eines Gebäudes befanden, das über das Wochenende geschlossen war—und von dort kletterten sie dann einen Fahrstuhlschacht hinunter. Allerdings müssen es wohl drei oder vier Löcher gewesen sein, die sie in die Wand bohren mussten, damit da auch jemand durchpasste. Der Durchmesser des Bohrers war nicht groß genug, um eine Person durch das Loch zu bekommen, also mussten drei oder vier Kreise nebeneinander ausgeschnitten werden. Sie mussten also die gleiche Sache mehrere Male machen und das ist auch nicht gerade die leiseste Arbeit.

Wie schafft man so etwas, ohne die ganze Straße zu alarmieren?
Ich weiß nicht, wie laut oder geschäftig diese Straße war, und ich weiß auch nicht, wie gut die Schalldämmung in dem Tresorraum war. Unabhängig davon muss sich der Krach durch das ganze Gebäude gezogen haben. Wie man so etwas schafft, ohne die Sicherheitsleute im Gebäude zu alarmieren, bleibt mir ein Rätsel. Es ist gut möglich, dass sie jemanden im Gebäude hatten, der freiwillig oder vielleicht auch unfreiwillig bei der Durchführung half.

Der Alarm ging los, aber die Polizei reagierte nicht. Woran kann das liegen?
Das ist auch eine komische Sache. Der Alarm wird von der Alarmfirma überwacht. Diese kontaktiert dann planmäßig die Polizei, falls der Alarm ausgelöst wird. Die Polizei wiederum reagiert dann auf die Einschätzung und Empfehlung der Alarmfirma. Wenn also der Alarm ausgelöst und die Firma sagt: „Da sind nur irgendwelche Arbeiten in dem Gebäude, also macht euch keine Sorgen. Wir hatten schon die letzten paar Wochen immer wieder Probleme mit dem blöden Teil", dann wird ihm eine niedrige Priorität zugewiesen und bei knappen Ressourcen würde man sich dann dagegen entscheiden, jemanden vorbeizuschicken.

Der Raub hat schon was von einem Hollywoodfilm.
Ja, es ist ein unglaublich faszinierendes Verbrechen—die Art von Geschichte, aus der man gut einen Film machen könnte. Es wurde wirklich phänomenal durchgeführt. Ich plane Einsätze auf der ganzen Welt und man muss schon sehr gut im Vorfeld informiert sein, damit man auch genau das richtige Werkzeug mitnimmt. Das war also eine unglaublich gut durchgeplante Unternehmung. Die andere Sache, die man bedenken muss, ist die, dass in der britischen Unterwelt kaum darüber gesprochen wird. In der Regel können die Leute hier ihren Mund nicht halten und die Tatsache, dass in den britischen Verbrechernetzwerken nicht geredet wird, weist darauf hin, dass es sich um eine ausländische Aktion handelt—wahrscheinlich aus einem Nicht-EU-Land.

Warum schätzt du, haben die sich genau diesen Ort ausgesucht?
Ich habe mir da schon ein paar Gedanken drüber gemacht. Zuerst einmal wurde es schon zweimal zuvor gemacht. Ich weiß jetzt nicht, wie lange das genau her ist, aber dadurch stellt sich mir natürlich die Frage, warum überhaupt noch irgendjemand seine Sachen bei denen lässt. Außerdem: In dem Raum gibt es fast 1000 Schließfächer und sie öffneten während ihres Aufenthalts nur 72 davon. Sobald du einmal in dem Raum bist, bekommst du die Fächer recht einfach auf. Warum sie dann aber nur 70 aufgemacht haben, bleibt mir ein Rätsel. Ich frage mich, ob diese Gang es aus irgendeinem Grund nur auf ein bestimmtes Fach abgesehen hatte. Dienten die anderen Fächer nur zur Ablenkung? Suchten sie bestimmte Fächer, anstatt einfach zufällig alle zu öffnen, die sie in der kurzen Zeit aufmachen konnten? Ich frage mich, ob sich auch die Ermittler darüber Gedanken machen und ob dem nachgegangen wird. Hätte ich mir die ganze Mühe gemacht, darein zu kommen, hätte ich bestimmt mehr als 70 Schließfächer geleert.

Der beschädigte Eingang zum Tresorraum. Foto mit freundlicher Genehmigung der Metropolitan Police

Je nachdem wie viel Zeit man hat, können 70 Fächer doch schon eine Menge sein.
Das kommt darauf an, wie gut sie die Situation unter Kontrolle hatten. Von wem wir immer noch nichts gesehen oder gehört haben, sind die Opfer. Bislang haben sich noch nicht viele Menschen zu Wort gemeldet. Ich frage mich einfach nur, was in den ganzen Fächern war.

Sind solche Diebstähle heutzutage schwieriger durchzuführen als in der Vergangenheit?
Das würde ich schon sagen. Durch den heutigen Stand der Technologie, die Forensik und all die präventiven Gerätschaften ist es ziemlich schwer geworden, so etwas durchzuführen und auch noch damit wegzukommen. Wenn man so etwas macht, dann muss man extrem gut informiert und ausgebildet sein—mir fällt da gerade leider kein anderes Wort für ein. Und du brauchst natürlich auch einen Plan, wie du das Geld dann loswirst. Du kannst nicht einfach mit einem Haufen Kohle an der Côte d'Azur auftauchen, ohne dort alle Alarmglocken auszulösen. Sie müssen also möglichst diskret wieder loswerden, was auch immer sie dort entwendet haben. Deswegen bin ich mir auch nicht sicher, ob die da wirklich blindlings rein sind und einfach alle Fächer aufgebrochen haben, die sie in die Finger bekommen haben. In einigen davon befinden sich bestimmt nur Hypothekenpapiere oder andere Sachen, die nur für bestimmte Personen interessant sind. Die werden nicht alle voll mit Diamanten, Bargeld, Drogen oder was auch immer gewesen sein. Wenn sie es dann wirklich auf ein bestimmtes Fach aus einem bestimmten Grund abgesehen hatten, dann hätte das natürlich noch mal besonderes Vorwissen gebraucht. Wenn man sich anschaut, wie sie vorgegangen sind, scheint mir das aber nicht ganz abwegig.

Glaubst du, dass du mit deiner Expertise auch so eine Stunt hinbekommen würdest?
[Lacht] Zuerst einmal möchte ich festhalten, dass das nichts ist, mit dem ich in irgendeiner Weise zu tun habe oder zu tun haben möchte—wir arbeiten ausschließlich auf der richtigen Seite des britischen Gesetzes. Diese Form der Planung ist aber fast schon militärisch—es ist unglaublich präzise. Sie hatten viel Vorwissen, das es ihnen erlaubte, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein—mit der richtigen Logistik und dem richtigen Bohrer obendrein. Mit dem entsprechenden Vorwissen könnte eine derartige Aktion wahrscheinlich von vielen Menschen durchgeführt werden—dafür braucht es aber, wie gesagt, erstklassige Informationen und erstklassige Arbeiter vor Ort.

Noch mehr legendäre Juwelendiebe:

Findest du nicht auch, dass die Wahl ihres Fluchtwagens, ein weißer Van, etwas sehr klischeehaft ist?
Es muss ja nicht heißen, dass sie ihn auch behalten haben. Es kann auch ein Täuschungsmanöver gewesen sein. Ich wäre schon sehr verwundert, wenn sie das Auto behalten und nicht irgendwo in der Nähe des Tatortes gewechselt haben.

Was schätzt du, was die Täter jetzt gerade machen?
Die werden sich wahrscheinlich getrennt haben. Wenn sie auch nur halbwegs schlau sind, dann sind sie getrennte Wege gegangen, ohne den anderen zu sagen wohin—natürlich mit der Möglichkeit, relativ problemlos in naher Zukunft wieder zusammentreffen zu können. Sie sind jetzt wahrscheinlich damit beschäftigt zu waschen, was auch immer sie geklaut haben—und das ist vielleicht kein Bargeld, sind vielleicht keine Steine oder was auch immer; es könnte alles sein, wir wissen es nicht—ohne dabei zu viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und von den Gewinnen zu überleben. Die Hauptannahme ist natürlich, dass dies ein Diebstahl von Wertsachen war, aber das war vielleicht gar nicht der Fall.

Worauf könnten sie es denn sonst abgesehen haben?
Es können Papiere, Dokumente oder Festplatten gewesen sein, die irgendwer unbedingt haben wollte—und um zu vertuschen, dass der Diebstahl nur auf eine bestimmte Sache abgesehen war, haben sie auch aus den ganzen anderen Fächern gestohlen, die mit der Unternehmung nichts zu tun hatten. Vielleicht war es auch die Operation eines ausländischen Geheimdienstes?

Ganz schön unheimlich. Danke für das Gespräch.

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