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Popkultur

Was wir vom neuen ‚Human Centipede’-Trailer lernen können

Der neueste Teil des Rektalreigens ist etwas für jugendliche Soziopathen. Wir haben den Trailer trotzdem auf tiefgründige Lebensweisheiten untersucht.
14.4.15

Es ist wieder so weit. Als seien wir im kosmischen Zyklus eines Fäkal- Ouroboros gefangen, gibt es schon wieder einen Human Centipede-Film. Das Horror-Franchise von Tom Six, das mehr oder weniger die soziopathischen Gelüste von Teenagerjungs bedient, die auf Enthauptungsvideos und Pseudo-Snuff-Videos stehen, bringt nun den dritten verstörenden Rektalreigen auf die Leinwand.

Aber wir können genau so gut hinsehen, oder? Wenn Herr Six sich schon die Mühe gemacht hat, einen neuen Human Centipede zu drehen, dann können wir ihm doch wenigstens unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken und den Trailer nach besonderen Momenten und Motiven durchsieben. Ich kann mir zwar kaum vorstellen, dass es viele Motive gibt außer „Arsch-zu-Mund-Beatmung", aber man weiß ja nie. Vielleicht sollte das Ganze von Anfang an eine Metapher für den War on Terror sein? Vielleicht sind wir alle menschliche Tausendfüßler, die durchs Leben krabbeln und versuchen, es zu verstehen und dabei so wenig Scheiße wie möglich von der Person vor uns zu schlucken?

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Lasst uns einen Blick auf den Trailer werfen und ihn auf pathostriefende Lebenslektionen prüfen. Achtung, könnte zu plötzlicher Erleuchtung führen!

Tom Six will, dass wir von Anfang an wissen, was uns erwartet. Er will dich verstören. Du bist in Gefahr. Man hat dich gewarnt. Und dabei ist das erst der Trailer. Wenn du schon vor dem Trailer gewarnt werden musst, kannst du dir dann vorstellen, wie fertig der eigentliche Film ist? Verdammt, Tom Six, was ist nur los mit dir?

Ha. Du machst auch noch Wortspielchen, Thomas. Du willst, dass wir denken, du würdest dich auf die reichhaltige Geschichte des Horrorfilms beziehen, indem du das Wort „Annalen" verwendest, aber was bei uns Zuschauern ankommt, ist „Anal-Horror". In seiner Anspielung sowohl auf die Rolle, die Human Centipede im Horrorgenre spielt, als auch auf Menschen, die sich gegenseitig in ihre blutenden Münder scheißen, will Tom Six bestimmte Fragen aufwerfen. Doch wer weiß, wie diese Fragen lauten?

Hier sehen wir, wie unsere Protagonisten zum ersten Mal mit dem menschlichen Tausendfüßler konfrontiert werden. Sie sind völlig angewidert, doch sie haben nur nicht verstanden, dass das hier kein Mann ist, der einer Frau auf die Zähne kackt, sondern das wahre Leben. Was sie da sehen ist eine Metapher, und manchmal können Metaphern schrecklich real und unbequem sein.

Dieser Mann ist von Kummer zerfressen. Er denkt an die Sommer seiner Jugend, an Farben und Düfte, die er nicht länger sehen und riechen kann. Er ist eingesperrt, gefangen, als ob man den Mund seines Lebens chirurgisch mit dem Darmausgang des industriellen Gefängniskomplexes verbunden hätte.

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Der wachsfigurenartige deutsche Schauspieler Dieter Laser beehrt uns in diesem Teil von HumCent nicht als seine ursprüngliche Figur Dr. Joseph Heiter, sondern als Gefängniswärter Bill Boss. Dass er der Gefängniswärter ist, erkennt man an seinem großen weißen Cowboyhut, der gelbgetönten Pilotensonnenbrille und der Art, wie er das Wohlergehen seiner Insassen mit Füßen tritt. Vielleicht ist Lasers Rückkehr Tom Six' Art, uns zu sagen, dass niemand sich jemals wirklich ändert. OK, wir sehen vielleicht anders aus, leben in einer anderen Stadt und haben einen anderen Namen, aber tief im Inneren sind wir immer noch der durchgedrehte bayerische Chirurg, der Nadeln durch die Lippen eines Japaners bohrt, um sie an den faltigen After eines anderen Lebewesens zu nähen. C'est la vie.

Tom Hardy gönnt sich eine Pause von Blockbustern mit ausgezeichneten Kritiken, um Teil einer künstlerischen Vision zu sein.

Langsam beschleicht mich der Eindruck, dass es gar keinen tieferen Sinn hinter dem dritten Teil von Human Centipede gibt und dass es sich dabei einfach nur um einen Film über eine Exkrementschlange handelt, die sich durch die verbundenen Verdauungstrakte mehrerer Menschen windet.

Hmm.

Wahrscheinlich hätte ich niemals einem Mann namens „Tom Six" trauen sollen.

Ich frage mich, wie es wohl ist, ein „Freak"-Schauspieler zu sein? Ein Schauspieler, dessen einzige Aufgabe es ist, seltsam und unheimlich auszusehen. Dieser Mann wird niemals die Titelrolle in einem Remake von Citizen Kane spielen oder in Rom-Coms über Hasen ohne Ohren Liebesglück finden. Er sieht aus, als könnte er Voldemort in einer Pornoparodie von Harry Potter verkörpern.

Yep. In diesem Film geht es wirklich nur darum, Gesichter an Ärsche zu nähen.

Und hier ist die wahre Botschaft dieses Trailers und gleichzeitig eine Erinnerung daran, an wen sich dieser Film richtet. Er ist für Leute, die über rassistische Beleidigungen Dinge wie „Wieso kann ich das nicht sagen, wenn die es selber sagen?" von sich geben. Leute, die sich wundern, warum Witze über tote Babys bei der ersten Begegnung kein gutes Thema sind. Die Geschmacklosen, die Bauerntrottel, die Schock-Geilen, die Sickipedia-Moderatoren. Der letzte Teil der Human Centipede-Trilogie versucht wohl, sich in einen kitschigen Splatter-Horror im B-Movie-Look zu verwandeln, was man an der vollbusigen Gefängniswärterin und dem lustigen kleinen Pummelmann erkennt. Doch die Reihe entkommt damit nicht ihrer Vergangenheit als ultrakranke Horrorfantasie für jugendliche Typen, die sich zum Spaß im Internet ansehen, wie Frauen unter den Rädern von Geländewagen zerquetscht werden.