Wir sind mit Wikileaks-Informant Rudolf Elmer spazieren gegangen

Der ehemalige Topbanker und Whistleblower hat uns vom Pink Ladys Club auf den Cayman Islands, der NPD, inszenierten Pressekonferenzen und leeren Steuerdaten-CDs berichtet.

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09 April 2015, 9:36am

Foto von Claude Hurni

Wüsste man nicht, dass es wirklich so geschehen ist, würde man die Geschichte für den Plot eines mittelmässigen Polit- oder Justizthrillers halten. Tote hat es zwar keine gegeben, dafür aber Verleumdungen, Morddrohungen, Gerichtsprozesse, sogar eine Verfolgungsjagd. Locations sind die Cayman Islands, London, Mauritius und Zürich. Es geht um Steuerhinterziehung und die Macht des Geldes an sich.

Die Hauptfigur: Rudolf Elmer, bis 2002 Banker, dann Whistleblower, dann Angeklagter, seither Aktivist. Und jetzt Kandidat der Alternativen Liste für die Zürcher Kantonsratswahlen am kommenden Sonntag. Ein früherer Kadermann der Privatbank Julius Bär bei den Linken? Das ist für sich schon absurd genug. Doch was treibt einen Menschen, der in den letzten 10 Jahren als Verräter beschimpft und von Medien als Narzisst pathologisiert wurde, an, wieder und wieder in die Öffentlichkeit zu treten?

Foto von Claude Hurni

Um das zu erfahren, reisten wir nicht mit dem Flugzeug in die Karibik, sondern mit dem öffentlichen Nahverkehr in den Schweizer Bezirk Bülach, wo wir von Elmer und seinem mauritischen Hund Angel abgeholt wurden. „Besser als jede Alarmanlage", erklärte er, als wir ein paar Minuten später in der Küche des Mehrfamilienhaus standen, in welchem Elmer mit seiner Familie wohnt.

VICE: Sie haben auf den Cayman Islands und in Mauritius gearbeitet. Vermissen Sie hier im Zürcher Umland nicht die Sonne und das Leben dort?
Rudolf Elmer:
Natürlich! Die Schweiz ist meine Heimat, aber wenn ich die Zürcher Bahnhofsstraße runterlaufe, dann komm ich mir vor wie bei einer Beerdigung. Alles schwarz und grau und dazu diese Gesichter. Orte wie Mauritius sind bunter, die Leute offener.

Die Caymans sind wirklich das Paradies, wo Banker mit dem Schirmchendrink in der Hand mit Millionen handeln?
Natürlich gibt es dort Leute, die alles etwas lockerer nehmen. Das war aber nicht meine Art. Auf den Cayman Islands waren 12-Stundentage im Büro für mich die Regel. Wir haben auch nicht in einer Villa gelebt, sondern in einer 3,5-Zimmerwohnung in einer schönen Überbauung, was gut war, da meine Frau, die auf den Caymans nicht arbeiten durfte, so leicht Kontakt zu anderen fand. Wir hatten da nämlich schon Frauen von Bankern, die morgens um 10 aus dem Pink Ladys Club alkoholisiert anriefen. Auch einige Banker hatten eine ordentliche Schnapsnase.

Vor zehn Jahren haben Sie die Schweiz und die restliche Bankenwelt in Aufruf versetzt, indem Sie Medien und später Wikileaks Kundendaten ihrer alten Arbeitgeberin, der Privatbank Julius Bär, zugespielt haben. Nun kandidieren Sie für das Parlament genau jenes Kantons, in dem das Herz dieser Finanzindustrie schlägt. Warum?
Ich bin ja schon länger mit der Alternativen Liste verbunden. Die AL war die einzige politische Kraft, die mich, als ich angeklagt wurde, öffentlich unterstützt hat und sich für die Stärkung der Grundrechte einsetzt. So begann ich, mich für die AL zu interessieren, und habe weitere Übereinstimmungen gefunden. Ich bin in Zürich in den Kreisen 4 und 5, wo die AL stark ist, aufgewachsen. Gegen die Gentrifizierung und Verdrängung, die dort stattfindet, muss etwas unternommen werden. Gerade für Familien wird es immer schwieriger, in der Stadt zu leben, was wiederum auch kostenlose Betreuungsplätze für Kinder notwendig macht ...

Foto: SF Brit | Flickr | CC BY-ND 2.0

Sie sind nicht der typische AL-Kandidat. Vom Teil des Systems zum Gegner, das klingt schon etwas nach Hollywood—es gibt ja Stimmen, die Ihnen unterstellen, dass Sie Ihr Engagement vor allem als Selbstzweck betreiben.
Von der Karriere her bin ich sicherlich eher ein FDP-Mann. Ich war Banker, Wirtschaftsprüfer, um genau zu sein, Hauptmann in der Armee. Ich habe lange den Kapitalismus unterstützt und gelebt, aber verstanden habe ich ihn nicht. Auch als ich auf die Caymans ging nicht. Erst als ich befördert wurde und mehr Einsicht bekam oder eben nicht—manche Dinge wurden mir weiter verheimlicht—begann ich, das System zu hinterfragen, und erkannte, dass es sich dabei um Diebstahl an der Allgemeinheit, an Herr und Frau Jedermann handelt. Und als ich dann mit diesen Informationen zum Staat gehen wollte, half man mir entgegen meiner Erwartung nicht, sondern schützte das System.

Nach Ihrem Whistleblowing gegen Julius Bär sind Sie danach aber trotzdem nach Mauritius gegangen, um wieder für eine Bank zu arbeiten.
Ich muss zugeben, dass ich vielleicht etwas naiv war. Ich wollte nicht wahrhaben, dass Julius Bär kein Einzelfall ist. Wenn man sich die ethischen Grundsätze der Bank Of Africa, immerhin die zweitgrößte Bank des Kontinents, so anschaut, dann klingt das alles ganz korrekt. Als ich dann aber dort arbeitete, musste ich feststellen, dass auch diese Bank von Jersey, England, aus, einem weiteren Verdunkelungs- und Verschleierungsort, gesteuert wurde. Ich habe deswegen meine Meinung geändert. Die Schweizer Medien wollten das aber nicht wahrhaben und haben mich als Psychopathen abgestempelt. Glücklicherweise kam dann die Zusammenarbeit mit dem Guardian und mit Wikileaks zustande.

Sie haben es den Medien auch nicht gerade schwierig gemacht. Eine inszenierte Pressekonferenz mit Julian Assange in London, auf der Sie den britischen Behörden Daten-CDs übergeben, die sich als leer herausstellten.
Natürlich war das eine Inszenierung und natürlich ging es dabei um Aufmerksamkeit. Die CDs waren leer, bis auf zwei Whistleblower-Songs, die ein befreundeter Jazzmusiker von mir komponiert hatte. Es war eine symbolische Übergabe, um die Thematik in die Öffentlichkeit zu bringen und das hat funktioniert. Julian Assange war dann aber nicht umsonst gekommen, wie sich anhand der Veröffentlichungen ja gezeigt hat.

Sie wurden in den Medien auch noch dafür kritisiert, dass Sie den ersten Datensatz nicht nur den Steuerbehörden, sondern auch Organisationen wie der NPD zuspielen wollten.
Ich stehe dazu: Ich drohte der Bank und schrieb extremen Organisationen von links bis rechts. Dazu muss man aber auch die Hintergründe kennen: Ich war nervlich am Ende, gesundheitlich angeschlagen, hatte meinen Job verloren. Dann begannen die Beschattungen, die schwarzen Autos, die mir und meiner Familie folgten, die anonymen E-Mails mit Todesdrohungen. Ich konnte nicht mehr schlafen, hatte eine post-traumatische Belastungsstörung. Und weder NGOs noch Medien noch die Justiz halfen mir. So habe ich mich an andere Organisationen gewandt, die nicht mit dem Establishment verbandelt sind. Weder die NPD noch der schwarze Block haben von mir aber Daten erhalten. Und was ich auch nie gemacht habe: Geld für die Daten verlangt. Schon 2003 hat mir jemand vier Millionen Dollar dafür geboten, aber ich lehnte ab, genauso wie Julius Bär mich nicht mit einem Vergleich abspeisen konnte.

Foto von Claude Hurni

Laut Ihrer Schilderung wurden Sie verfolgt und bedroht, wogegen Sie auch Anzeige erstattet haben, die aber abgelehnt wurde. Wird die Schweiz, wenn es um die Finanzwirtschaft geht, zum Wilden Westen?
Wenn es um die „money making machine" geht, egal in welchen Verdunkelungs- und Verschleierungsorten, egal ob London oder die Caymans oder Zürich, dann gibt es keine Unterschiede. Da geht es um Staatsinteressen. Wäre ich aber auf den Caymans geblieben, dann würde ich jetzt vielleicht nicht mehr leben. So geht es in der Schweiz schon nicht zu und her. Hier werden Leute, die dem System gefährlich werden könnten, einfach abgeschmettert oder diffamiert. Es braucht die juristische Kreuzigung, damit die Ordnung wieder hergestellt ist.

Ihre Chancen, am Sonntag gewählt zu werden, sind relativ gering. Mit welchen Mitteln wollen Sie Ihre Ziele weiterverfolgen?
Natürlich setze ich nicht alles auf mein politisches Engagement. Aber die Kandidatur generiert Aufmerksamkeit für dieses Thema. Obwohl ich froh wäre, wenn die ganzen Gerichtsverfahren vorbei sein könnten: Die Justiz ist zu meiner PR-Agentur geworden. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: Auf Wikileaks wurden ja erst 37 Fälle publiziert. Das sind längst nicht alle.

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