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​Der ultimative Guide zur weiblichen Menstruation – für Männer

Unerträgliche Schmerzen, Sex trotz Sturzblutungen und unangebrachte Witze: Das müsst ihr über das allmonatliche Gebärmutter-Massaker im weiblichen Unterleib wissen.

von Lisa Ludwig
28 Mai 2015, 1:14pm

Foto: VICE Media

Nur, um das direkt am Anfang mal klarzustellen: Menstruation gehört zum weiblichen Körper wie Brüste und allgemeine Awesomeness. Deswegen ist es auch vollkommen angemessen, dass am 28. Mai, heute also, der Menstrual Hygiene Day gefeiert wird. Vielleicht auch als eine Art Versuch, in der Öffentlichkeit ein dezidiertes Bild zum Thema Periode und Monatsblutung zu schaffen als „Ih, Tampons!". Deswegen, liebe Männer, wollen wir hier und heute einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Aufklärung leisten. Nur für euch, denn die holde Weiblichkeit ist ja gezwungenermaßen bereits im Bilde.

Alle 28 Tage (in aller „Regel"—haha!) stößt der Körper die alte Gebärmutterschleimhaut ab und markiert damit den Beginn eines neuen Zyklus, in dessen Verlauf nicht nur eine neue Gebärmutterschleimhaut, sondern in den Eierstöcken selbst außerdem Follikel gebildet werden, von denen einer schließlich zur Eizelle heranreift. Diese verlässt beim Eisprung schließlich ihren Eierstock und nistet sich, falls befruchtet, in der frischen, kuscheligen Gebärmutterschleimhaut ein. Kommt es zu keiner Befruchtung, wird ebenjene wieder abgestoßen und als blutiger Sturzbach ausgeschieden. Dann beginnt alles von Neuem. Ist das nicht superspannend?

Vor allem aber ist es ein komplett automatisierter, natürlicher Vorgang. Wir können uns schließlich auch nicht aussuchen, wie wir Nahrung verdauen, nur weil diese ganze Ausscheidungssache nicht so richtig sexy ist.

Fruchtbarkeit

Ist Menstruation aber nicht deshalb irgendwie supergeil, weil sie quasi Blut gurgelnd in die Welt hinausschreit, wie fruchtbar der weibliche Körper ist? Blut gegen die Fähigkeit, Leben schenken zu dürfen—wiegt das nicht alles andere um Längen auf? Nun ja, nein. So einfach ist es nicht. Man kann nämlich durchaus unfruchtbar sein und sich trotzdem jeden Monat aufs Neue auf sprudelnde Unterleibskrämpfe freuen. Dass die Gebärmutterschleimhaut in regelmäßigen Abständen abgestoßen wird, bedeutet nämlich noch lange nicht, dass es auch zum Eisprung kommt. Why? Because fuck you, that's why.

Und dass Frauen während ihrer Tage generell nicht schwanger werden können, ist übrigens auch eine Lüge.

Geld

Foto: eric molina | Flickr | CC BY 2.0

Wahrscheinlich wurde noch niemand durch Menstruation in den Ruin getrieben. Tatsächlich gibt es mittlerweile aber mehrere Aktivisten und auch Journalisten, die öffentlich fordern, dass die benötigten Hygiene-Produkte (Tampons, Binden, Menstruationstassen) von den Krankenkassen übernommen werden sollten. Dabei geht es nicht darum, ob es sich beim regelmäßigen Kauf um eine tatsächliche finanzielle Belastung handelt, sondern viel mehr ums Prinzip. Schließlich kauft sich niemand aus Spaß kleine Baumwollwürste, um sie sich dann in die Vagina zu stopfen. Und diese ganze Menstruationssache hat sich das weibliche Geschlecht nun auch wirklich nicht ausgesucht. Umso unverständlicher ist es demzufolge auch, dass Binden und Tampons in Australien nach wie vor nicht von der „Waren- und Dienstleistungssteuer" befreit sind—im Gegensatz zu beispielsweise Kondomen und Sonnencreme.

Mehr zum Thema: Ich habe einen Menstruationsfetisch.

Was bei all diesen Diskussionen allerdings immer schmerzlich unter den Teppich gekehrt wird, sind die Ausgaben für Schmerzmittel gegen „Menstruationsbeschwerden", die scheinbar aus Prinzip immer mindestens doppelt so teuer sein müssen wie ganz normale Kopfschmerztabletten. Dass man an die zehn Euro im Monat alleine dafür ausgeben muss, vor Unterleibskrämpfen nicht komplett wahnsinnig zu werden, ist absolut nicht akzeptabel. Was uns auch direkt zum nächsten Punkt bringt:

Schmerzen

Vielleicht wurdet ihr mal von einem Krokodil angefallen, wart im Krieg oder habt euch einen Splitter eingetreten. Aber seid ehrlich, Männer: Gab es jemals einen Moment, in dem ihr das Gefühl hattet, dass sich eine Horde Maulwürfe auf Speed einmal durch euren Unterleib gräbt? Hattet ihr derart unerbittlich durchgehende und dabei gleichzeitig irgendwie eklig dumpfe Krämpfe, dass ihr vor Schmerzen kotzen müsst oder ernsthafte Probleme habt, auch nur die drei Meter zum Bett zu laufen, um euch dort mit wahnsinnigen Schunkelbewegungen und der Wärmflasche auf dem Unterbauch in den Schlaf zu heulen? Musstet ihr trotzdem ganz normal eurem Vollzeitjob nachgehen, auch mit der Gefahr, dass euch wegen akuten Sturzblutungen schwarz vor Augen wird, und dabei so tun, als würde all das gerade nicht passieren, weil man sich nicht jeden Monat für zwei bis drei Tage krankschreiben lassen kann?

Eine etwas andere Art des Blutfetischs zeigen wir euch in unserer Dokumentation „Das echte ‚True Blood'?"

Findet ihr es übertrieben, wenn ich euch sage, dass ich in meinem Leben noch nie schlimmere Schmerzen durchleben musste als an dem Wochenende, an dem ich vergessen hatte, meinen Vorrat an unfassbar starken Painkillern aufzustocken? Ich war kurz davor, mir meine Gebärmutter mit den bloßen Händen aus dem Unterleib zu reißen, nur damit das Ganze endlich ein Ende hat. Ihr habt keine Ahnung, was Frauen jeden Monat durchleiden müssen. Und das ist nur das, was innerhalb unseres Körpers passiert.

Blut. Überall Blut.

Erinnert ihr euch an diese Szene aus der Shining-Verfilmung von Stanley Kubrick? Diese Einstellung, wo Tausende Liter Blut aus einem Aufzug schießen? Das ist die wahrscheinlich akkurateste Metapher auf Menstruation, die jemals in irgendeinem Film Verwendung gefunden hat. Auch wenn man als Frau während seiner Periode im Durchschnitt nur bis zu 200ml Blut verlieren soll, fühlt es sich nach bedeutend mehr an. Vor allem dann, wenn man an einem ganz normalen Morgen nichtsahnend die Augen aufschlägt und feststellen muss, dass man einmal mehr in einer riesigen Lache aus seinem eigenen Blut aufgewacht ist.

Es mag Leute geben, die Periodenblut zu einem Fetisch stilisieren und tatsächlich habe ich auch schon von Männern gehört, dass der Geruch („wie rohe Rindersteaks") etwas Animalisches, irgendwie Erregendes hat. Die Begeisterung beim weiblichen Geschlecht dürfte sich bei derartigen Spitzfindigkeiten allerdings in Grenzen halten. Bluten ist nichts, was Spaß macht. Unterwäsche wegwerfen zu müssen, weil man nach vier Tagen des Durchblutens der irrigen Annahme erlegen muss, dass man das Ganze jetzt endlich wieder hinter sich hat, auch nicht.

i-D: Warum hat Instagram das Foto einer Frau mit Menstruationsblut gelöscht?

Und wenn wir schon dabei sind, dass selbst fingerdicke, vermeintlich supersaugfähige Pads in Windeldimension zwischen den Beinen nicht dazu in der Lage ist, den stetigen roten Sturzbach zwischen den Beinen aufzunehmen—warum gibt es dann nicht endlich ein verlässliches, zertifiziertes Reinigungsmittel, dass Blutflecken WIRKLICH aus Klamotten, Bettlaken und Stoff im Allgemeinen rauskriegt? Keine Frau möchte sich vorkommen wie ein irrer Serienmörder, wenn sie Dinge in die Reinigung bringt. Und von den geronnen Blutklumpen, die den Schluss nahelegen, dass sich irgendein unfertiges Lebewesen in deinem Unterleib zersetzt hat, das du jetzt auf diesem Weg ausscheiden musst, will ich erst gar nicht anfangen.

Sexuelle Interaktion

Sex während der Periode ist ein ebenso schwieriges wie diverses Thema, bei dem es einfach keinen Konsens gibt. Manche Frauen fühlen sich während ihrer Tage so unwohl im eigenen Körper, dass sie das von vornherein selbst ablehnen. Andere (prominentestes Beispiel mag da Charlotte Roches Hauptfigur in Feuchtgebiete sein) zelebrieren ihre Blutungen und funktionieren den Geschlechtsakt zum orgiastisch-animalischen Opferfest um. Es ist verständlich, dass nicht jeder Typ Bock darauf hat, sein Gesicht in einem scheinbar nie versiegenden Sturzbach aus Blut und Gebärmutterschleimhaut-Überbleibseln zu vergraben. Trotzdem ist die Grundeinstellung, dass eine menstruierende Frau zur kontaminierten sexuellen No-Go-Area erklärt wird, einfach nicht OK. Wir können doch auch nichts dafür! Wir sind diejenigen, die am meisten unter dieser Situation leiden! Und macht es euch nicht nur noch männlicher, wenn ihr auch mit den weniger schönen Seiten der Weiblichkeit umgehen könnt?

Anyways. Wenn ich noch ein einziges Mal eins dieser beschissenen „Höhö, wenn sie ihre Periode hat, ist Blowjob-Woche"-Memes sehen muss, werfe ich mit Menstruationstassen.

Ekel

Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Nicht jeder muss es geil finden, an benutzten Tampons zu saugen oder sich vollgeblutete Binden ins Gesicht zu kleben, um als aufgeklärter, reifer Mann wahrgenommen zu werden. Aber, und das ist ganz, ganz wichtig: Wenn es etwas gibt, das eine Frau, die einmal im Monat von der Natur gezwungen ist, sich unter unmenschlichen Schmerzen im großen Stil vollzubluten und dabei von einem emotionalen Extrem ins nächste geworfen zu werden, absolut nicht hören will, dann dass dieser Vorgang (und somit auch zwangsläufig sie) „eklig" ist.

Glaubt mir, wir fühlen uns furchtbar genug. Erstens gibt es bedeutend abstoßendere Dinge als Blut, die der menschliche Körper absondern kann. Und zweitens würdet ihr auch nicht wollen, dass wir mit angewidertem Gesichtsausdruck den Raum verlassen, wenn euer Sperma seltsam schmeckt.

„Die hat bestimmt ihre Tage!"

Oft, liebe Männer, sagt man mal dumme Sachen, weil man es einfach nicht besser weiß. Ihr habt wahrscheinlich die grundlegend nicht falsche Vorstellung, dass Frauen während ihrer Periode starken Hormonschwankungen unterliegen und ja, natürlich beeinflusst das auch die allgemeine Stimmung der betroffenen Person. Aber, und an dieser Stelle könnt ihr das „liebe Männer" deutlich passiv-aggressiver lesen: Wenn eine Frau ihre Tage hat, dann ist sie kein leicht reizbarer Altherrenwitz, der jedes Zickenklischee, das Mario Barth jemals auf der Bühne ausgerülpst hat, bestätigt. Dann ist sie ein gebrochener Mensch, der durch die Untiefen der Hölle gehen muss und das nur, weil irgendjemand ja euren Nachwuchs auf die Welt bringen muss.

Wenn ich mir angucke, wie unerträglich für viele Vertreter des starken Geschlechts schon Heißwachs-Haarentfernung zu sein scheint, frage ich mich ernsthaft, welche Art von Verhalten es beim Mann rechtfertigen würde, ihm periodenartige Zustände zu unterstellen. Der Verlust beider Beine? Fragt euch nicht, warum Frauen auf derartige Äußerungen nicht unfassbar entspannt reagieren. Fragt euch, wie sie es schaffen, euch kein Messer in den Unterleib zu rammen und es ganz langsam umzudrehen. Dann hättet ihr nämlich tatsächliche Erfahrungswerte, über die ihr Witze machen könnt.

Lisa hat Männer trotz der ganzen Menstruations-Ungerechtigkeit trotzdem lieb. Folgt ihr bei Twitter.


Titelfoto: imago/Westend61