Diebstahl-Geschichten von den Self-Checkouts von Coop und Migros
Illustration von Luigi Olivadoti
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Diebstahl-Geschichten von den Self-Checkouts von Coop und Migros

"Ich liebe Self-Checkout-Kassen. Dank ihnen spare ich eine Menge Geld."
16 August 2016, 8:30am

Wir alle haben es wohl schon einmal getan aber ausser ein paar etwas zu stolzen Hobbykleptomanen redet kaum jemand gerne darüber: Stehlen, das böse S-Wort, von dem uns unsere Eltern (und Religionslehrer) stets einreden wollten, dass es falsch sei. Der geplante Sozialisierungseffekt dieser Warnungen scheint sich sogar in der Kriminalstatistik des Bundes abzuzeichnen: Voriges Jahr wurden gerade einmal 13.993 Ladendiebstähle zur Anzeige gebracht. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass das nur die halbe Wahrheit ist und sich Zehntausende unter euch tummeln, die das Klauen so professionalisiert haben, dass sie sich schlicht nicht dabei erwischen lassen—oder die einfach Glück hatten.

Euer Karma könnt ihr dennoch nicht belügen, dafür aber jeden anderen—ganz besonders die aktuellste Effizienzmassnahme von Migros und Coop: die Self-Checkout-Kassen. Sogar die reinsten Seelen unter euch werden durch das schnell durchschaubare System dieser Do-it-yourself-Kassen wohl hin und wieder zu bösen Machenschaften verleitet. Dass man dafür nur eine Maschine und keinen Menschen austricksen muss, trägt wohl auch seinen Teil dazu bei—nimm das, Technologisierung!

Die Liste der Langfinger dürfte dementsprechend lang sein. Von Leuten, die Bioprodukte als Nicht-Bioprodukte einscannen, bis zu jenen, die das Scannen gleich bei ihrem ganzen Einkauf "vergessen". Hier sind einige Geschichten der Pink Panther des Alltags:

Sabrina, 21

Ich liebe Self-Checkout-Kassen. Dank ihnen spare ich eine Menge Geld. Normalerweise lasse ich nur kleine Dinge wie einen Migros-Eistee oder eine Tragetasche mitgehen. Aber es kam auch schon vor, dass ich einen Schokoladekuchen mitgehen lassen habe. Ich mache das so, dass ich "versehentlich" ein Produkt mehrere Male einscanne und beim Löschen ebenfalls "versehentlich" statt einem gleich beide Artikel lösche. Ich habe den "versehentlichen Doppelscan" sogar perfektioniert. Während ich das zu klauende Produkt scanne, zucke ich leicht. So wird es automatisch einmal zu viel gescannt. Es hilft auch, wenn ich mit gerunzelter Stirn möglichst lange ein verwirrtes Gesicht mache und auf möglichst viele Knöpfe drücke. Dann sieht es so aus, als würde ich mit der Technologie nicht klarkommen und habe das perfekte Alibi, falls ich erwischt werde.

Julian, 23

Heute Morgen, als ich mir Frühstück beim Zürcher Hauptbahnhof holen wollte, nahm ich einen Schokoladegipfel, tippte aber nur einen Normalen. Fazit: 50 Rappen gespart.

Fatima, 23

Seit ich bei der Migros arbeite, lasse ich nichts mehr mitgehen, sonst würde ich sofort meinen Job verlieren. Ich denke aber, dass man an den Do-it-yourself-Kassen alles klauen kann, was man möchte. Ich habe früher immer teure Dinge wie tiefgefrorene Crevetten und Kaffeekapseln geklaut. Ich habe die Produkte einfach nicht eingescannt, sondern gleich auf die Seite der schon gescannten Dinge gestellt. Ich habe immer vor Angst gezittert. Seit ich aber selbst in einem Laden arbeite, glaube ich, dass ich sowieso davon gekommen wäre. Der Kunde ist König und wenn ich gesagt hätte, dass ich es vergessen habe, hätten mich die Mitarbeiter laufen gelassen.

Lisa, 25

Eigentlich finde ich das Klauen von Lebensmitteln scheisse und bis auf zwei Mal habe ich es auch noch nie gemacht. Als ich Ende des Monats fast die Limite meiner Karte erreicht und vergessen hatte, Geld abzuheben, liess ich einmal etwas mitgehen, ich glaube es war Milch oder Joghurt. Weil ich Angst hatte, dass meine Limite nicht mal mehr für Brot und Joghurt (oder eben Milch) reichen könnte, löschte ich einfach etwas aus der Liste der Einkäufe heraus. Ich getraute mich das auch nur, weil keine Mitarbeiterin bei den Kassen stand, die die Kunden kontrollierte. Im Nachhinein habe ich mich aber dafür geschämt.

Gertrude, 74

Manchmal lasse ich mit Absicht einen Sack Kartoffeln im Einkaufswagen liegen, um zu schauen, ob die Angestellten das bemerken. Diese Selbermachkassen verstehe ich sowieso nicht und mit 74 Jahren kann ich Dinge klauen, ohne dafür bestraft zu werden. Ich schiebe die Schuld darauf, dass ich alt und vergesslich bin. Ich drücke einfach auf ein paar Knöpfe, bezahle mit der Karte und gehe. Das Einkaufen macht so noch viel mehr Spass als sowieso schon.

Michelle, 20

Ich war während einer Wintersaison Snowboardlehrerin. Damals machten wir eine zweiwöchige Weiterbildung in Davos, welche fast jeden Abend in einem Saufgelage endete—wie das bei Snowboardlehrern eben so ist. Bereits am ersten Tag bemerkten wir, dass man bei den Self-Checkout-Kassen im Coop keine ID brauchte, um Alkohol zu kaufen. Wir scannten also den Alkohol erst gar nicht ein. Beim ersten Mal waren es nur eine Flasche Jack Daniels und drei Flaschen Jägermeister aber je länger wir dort waren, desto mehr liessen wir mitgehen. Die Mitarbeiter haben das gar nicht bemerkt, dort sind sowieso immer alle Kunden betrunken. Die nächsten zwei Wochen bezahlten wir kein einziges Mal für unseren Alkohol.

Marco, 22

Ich klaue eigentlich nicht oft, aber letzten Frühling war ich knapp bei Kasse. Ich scannte deshalb immer wieder mal einzelne Produkte nicht ein. Oft war es Haargel: Es ist klein, teuer und unauffällig. WC-Papier oder ein Six-Pack Bier gehören für mich schon zur Königsdisziplin.

Einmal musste ich aber mehr mitgehen lassen: Erst als ich schon alle Produkte eingescannt hatte, fiel mir auf, dass ich meine Karte nicht dabei habe. Weil ich aber trotzdem etwas essen musste, brach ich den Bezahlvorgang ab und wartete, bis die Kontrolllampe an der Self-Checkout-Kasse dem Personal anzeigte, dass sie für den nächsten Kunden bereit ist. Es sah also so aus, als hätte ich bezahlt. Dann packte ich Brot, Salat und Eistee ein und spazierte gemütlich nach Hause. Wenn es keine Kameras im Laden gibt, geht das für mich klar. Ich habe einfach so getan, als würden alle geklauten Produkte wirklich mir gehören.

Adrian, 27

Ich bin eigentlich ein ehrlicher Bürger. Alles, was es zu scannen gibt, wird von mir auch gescannt. Ich habe nur ein Problem mit den Sachen, die man selbst eintippen muss. Es geht gegen meine Natur, für ein und dasselbe Produkt aus irgendeinem Grund mehr zu bezahlen. Deswegen bezahle ich für Bio-Früchte und -Gemüse stets den regulären Nicht-Biopreis.

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Titel-Illustration von Luigi Olivadoti