Fotos

Eine Reise durch fünf Jahrzehnte Londoner Clubgeschichte

Vergesst das Berghain 2015, das hier ist London in den 70ern und 80ern.

von Jak Hutchcraft
09 Oktober 2015, 4:33am

The George, 1977 (Zuschnitt, das Originalfoto findest du hier) | Alle Fotos: Derek Ridgers

London ist für viele Dinge bekannt: seine kitschigen Touristenattraktionen, sein zweifelhaftes Essen, seine Vielfalt und auch sein Nachtleben (auch wenn viele Clubs inzwischen dicht machen, kann man dort trotzdem immer noch so gut Party machen wie kaum anderswo auf der Welt).

Derek Ridgers, der durch seine „Skinheads: 1979 - 1984"-Fotoreihe und seine Ibiza-Bilder vor dem Einfall der Rave-Generation berühmt wurde, fotografiert jetzt schon seit fünf Jahrzehnten die Clubgänger der englischen Hauptstadt. Zwar hat sich im Laufe dieser Zeit die Musik und die Mode immer wieder verändert, aber die Begeisterung und der Hang zur nackten Haut ist bei den Londoner Partywütigen immer gleich geblieben.

Nächsten Monat wird Derek sein neues Buch The Dark Carnival: Portraits from the Endless Night veröffentlichen, das Partybilder aus den vergangenen 40 Jahren enthält. Zu diesem Anlass habe ich mich mit dem Fotografen unterhalten.

VICE: Hi Derek. Warum fotografierst du gerade das Londoner Nachtleben?
Derek Ridgers: Als ich damals in den 60er Jahren zur Kunstschule ging, war ich sowohl großer Fotografie- als auch Musikfan. Ich fing an, meine Kamera mit zu Konzerten zu nehmen, um Fotos von meinen Lieblingsbands schießen zu können. 1976 kam dann die Punk-Welle und mir fiel auf, wie sich das Publikum veränderte. Deshalb habe ich mich bei den Konzerten dann einfach immer umgedreht und lieber das Publikum fotografiert.

Welchen Zeitraum decken die Fotos aus deinem neuen Buch ab?
Das erste Bild wurde bei der Eröffnung vom Roxy geschossen, Londons erstem Punk-Club. Das war im Dezember 1976. Die letzten Fotos habe ich Anfang 2015 im Electrowerkz in Islington gemacht. Das macht dann also 40 Jahre verteilt über fünf Jahrzehnte.

Kate und Lesley, Bridge House, 1979

Wow. Auf welche Clubs hast du dich neben dem Roxy dabei noch konzentriert?
Hier ist vor allem das Vortex in Soho zu erwähnen. Ohne das Roxy und das Vortex hätte ich wohl nie so intensiv in Clubs fotografiert. Dort ging es einfach immer richtig wild und heftig zu und man konnte dort verdammt gute Bilder schießen.

Zu meiner Zeit Mitte der 80er Jahre war das Taboo wahrscheinlich mit Abstand der beste Club Londons. Wenn dort damals eine Bombe detoniert wäre, dann hätte es die besten Fashion-Fotografen, Models und Stylisten der Stadt nicht mehr gegeben, weil die alle ständig im Taboo abhingen.

Thump: Jemand verscherbelt gerade einen Berliner Club—auf eBay Kleinanzeigen

Wenn es jedoch um puren, hemmungslosen Hedonismus geht, dann muss ich hier das Submission und den Torture Garden nennen, die beiden großen Fetisch-Clubs der 90er. Dort ist wirklich alles passiert, was man sich nur so vorstellen kann. Den Torture Garden gibt es sogar noch, aber dort geht es natürlich nicht mehr so zu wie damals.

Julia, Blitz, 1979

Was hat sich abgesehen von der Mode an Londons Nachtleben noch verändert?
Ich bin zwar inzwischen nicht mehr so häufig in Clubs unterwegs, aber meiner Meinung nach haben iPhones, Instagram und Selfies das Nachtleben heutzutage in ein einziges langes Foto-Shooting verwandelt. Zu meiner Zeit kam es sogar manchmal vor, dass ich der einzige war, der im Club Bilder machte.


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Zu welcher Subkultur hast du dich am meisten hingezogen gefühlt?

Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich da überhaupt auf eine Szene festlegen kann. Ich bin groß gewachsen und schaue eher komisch aus—deshalb passte ich damals nicht zu den New Romantics. Außerdem war ich noch nicht alt genug, um zu den Mods zu zählen. Eine Zeit lang war ich dann eine Art Skinhead-„Light-Version", weil ich nicht genügend Geld hatte, um mir die wirklich passenden Klamotten zu kaufen. Dazu kam, dass ich eine Brille trug und deswegen auch keine große Lust auf Schlägereien hatte. Ich habe wohl keinen wirklich guten Skin abgegeben.

Paul, Palace, 1982

Heutzutage finden eine Menge Subkulturen viel mehr im Internet statt als draußen auf der Straße. Was sagst du zu dieser Entwicklung?
Ich gehöre nicht zu diesen Leuten, die ständig meinen, dass früher alles besser war. Das Gute am Internet ist doch die Tatsache, dass man schnell Zugriff auf alle Arten von Informationen und Dingen hat und die Welt zu einer Art Dorf geworden ist.

Allerdings ist es jetzt auch nicht mehr möglich, dass sich gewisse Sachen abseits der Öffentlichkeit entwickeln können, denn heutzutage gibt es immer irgendwelche Computer-Cowboys, die zwar selbst nichts gebacken kriegen, aber trotzdem an allem herummeckern müssen.

Jessica, Wag Club, 1983

Du hast ja mit Sicherheit schon viele Clubs und Veranstaltungsorte kommen und gehen sehen. Gehört das für dich zum natürlichen Prozess einer sich ständig verändernden Stadt dazu?
In Großstädten gibt es quasi keinen Stillstand und die vorherrschenden Fashion-Trends sowie die finanziellen Umstände sorgen nun mal dafür, dass sich die Dinge stetig verändern. Ich weiß, dass derzeit viele Clubs schließen müssen, aber wer weiß, wie sich das in Zukunft noch entwickeln wird. Es wird immer irgendwelche Leute geben, die sich über Veränderung beschweren.

Ist das Londoner Nachtleben mit dem anderer Großstädte vergleichbar?
Ich war jetzt schon auf jedem Kontinent feiern, sogar an abgelegenen und exotischen Orten wie der Baffininsel zwischen Kanada und Grönland. Dabei ist mir aufgefallen, dass zwischen den verschiedenen Clubs viel mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede herrschen. Die junge Leute gehen abends fort, tanzen zu lauter Musik, betrinken sich dabei, stolpern durch die Gegend und versuchen natürlich, mit dem anderen Geschlecht anzubandeln. Egal wo, Nachtclubs sind immer dunkel und laut. Das war schon immer so und wird wohl auch immer so bleiben.

Vielen Dank, Derek.