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Studenten gehen in Hongkong für mehr Demokratie auf die Straße

Letzte Woche haben Studenten ihre Vorlesungen boykottiert, um für mehr Demokratie zu protestieren. In einer auf Bildung fixierten Stadt, in der gute Noten und Doktortitel die Definition einer erfolgreichen Jugend sind, ist das etwas Herausstechendes.
30.9.14

Studierende in Hongkong boykottieren den Unterricht. Fotos: Jeff Cheng

In Hongkong kommt Bewegung in die Sache. Die ganze letzte Woche haben Studierende ihre Vorlesungen boykottiert, um für mehr Demokratie auf die Straße zu gehen. In einer auf Bildung fixierten Stadt, in der gute Noten und Doktortitel die Definition einer erfolgreichen Jugend sind, ist das etwas sehr Herausstechendes.

Sie sind aufgebracht, weil ihnen immer wieder ein allgemeines Wahlrecht versprochen wird, seit die Stadt 1997 von den Briten an China übergeben wurde. Erst kürzlich wurde dieses Versprechen von Bürgermeister Leung Chun-Yin erneuert. Letzten Monat verkündete Peking, dass zwar jeder 2017 wählen dürfen wird, dass es aber nur zwei oder drei Kandidaten für das Bürgermeisteramt geben werde und jeder Kandidat vom Ständigen Ausschuss des Volkskongresses bestätigt werden müsse. So will Peking sicherstellen, dass der zukünftige Regierungschef von Hongkong linientreu bleibt.

„Überrascht hat es mich zwar nicht, aber enttäuscht war ich trotzdem, als ich erfahren habe, dass Peking die Wahlen beschränken will”, sagt der 24-jährige Alex Chow, Vorsitzender der Studierendenvereinigung Hongkongs (HKFS) und einer der Protestführer. „Sie sind wie immer sehr konservativ.”

Alex Chow vor versammelten Studenten

Die HKFS hat letzte Woche eine beeindruckende Zahl von jungen Menschen zum Protest aufrufen können. Am Montag versammelten sich ca. 130.00 Studierende vor der Chinesischen Universität in Hongkong. In einer Rede fragte Chow: „Wie kann es sein, dass eine kleine Gruppe die Geschicke Hongkongs lenkt? Wieso entscheiden nicht seine 7 Millionen Einwohner?”

Die Unterstützung wuchs, als Mittwochnachmittag und Donnerstagabend wieder spontan protestiert wurde. 4000 Menschen marschierten am Donnerstagabend durch die Stadt, um ihr Lager vor dem Haus des Bürgermeisters aufzuschlagen—so viele hatten seit 1997 nicht an Aktionen des zivilen Ungehorsams teilgenommen. Persönlich wurde es, als die Menge ein riesiges Pappkonterfei eines grinsenden Leung Chun-Yin (mit aufgeklebten Fangzähnen) hochhielt und skandierte: „Leung Chun-Yin, tritt zurück!” „Xi Jinping [Regierungschef Chinas], halt den Mund!”

Demonstranten marschieren zum Haus von Leung Chun-Yin.

Die ganze Woche über verliefen die Proteste friedlich. Die Polizei begleitete und sicherte die Demonstrationen, hatte aber ansonsten nicht viel zu tun. Die Studierenden gaben sich alle Mühe, die Proteste nicht außer Kontrolle geraten zu lassen und die Obrigkeit nicht zu provozieren. „Wir müssen zeigen, dass wir verantwortungsbewusst sind. Wir wollen nicht als ein Haufen nichtsnutziger Querulanten auftreten”, sagte Jonathon Lam, ein Physikstudent aus Hongkong, der an den Protesten beteiligt war.

Ein Demonstrant hält eine Tafel mit der Forderung nach allgemeinem Wahlrecht hoch.

Als die Regierung sich nach einer Woche des Universitätsboykotts allerdings immer noch nicht geäußert hatte, war der Unmut groß. Freitagabend kletterte eine Gruppe Studenten über die Tore zum Civic Square, einem ehemals öffentlichen Platz, die die Regierung im Juli gesperrt hatte. 150 Menschen taten es ihnen gleich: Sie drängten sich an Polizisten vorbei oder kletterten über den knapp drei Meter hohen Metallzaun, um den Platz „zurückzuerobern”. Sie wurden von Polizisten umringt. Diese wiederum wurden von 3.000 Studenten umringt, welche dann von Hunderten Polizisten der Bereitschaftspolizei eingekesselt wurden. So blieb es eine Weile. Die Menschen erleichterten sich auf der Straße; Wasser und Süßigkeiten wurden verteilt.

Demonstranten halten Regenschirme hoch, um Tränengas abzuwehren.

 Die Menschenmenge drängte und drückte. Die Polizei hielt Tafeln hoch, auf denen stand: „Bleibt zurück oder wir werden Gewalt anwenden.” Die Polizisten zielten mit Pfefferspray auf die Studierenden und benutzten Schutzschilde, um die jungen Leute zurückzudrängen. Es brach Chaos aus—und das, obwohl die Studenten ihre Arme in die Luft warfen, um zu zeigen, dass sie friedliche Absichten hatten. Einige wurden während der Tumulte verletzt, andere brachen wegen Hitzeschlag oder Unterzuckerung zusammen.

Demonstranten geraten mit der Polizei aneinander

Samstagmorgen wurden die Vorräte knapp und alle machten langsam schlapp. Die verbliebenen Studenten wurden am Nachmittag festgenommen oder gewaltsam entfernt. Unter den Festgenommenen war auch Chow.

Die HKFS plant Sit-Ins, um die Freilassung der festgenommenen Demonstranten zu erwirken und Leung endlich ein klares Statement zum allgemeinen Wahlrecht abzuverlangen. Manche sehen die Proteste als Einstand für die Demokratiebewegung Occupy Central.

Die Organisatoren haben angekündigt, dass sie friedlich demonstrieren wollen. Angesichts der dramatischen Szenen vom Wochenende und der bisherigen Bilanz der Regierung ist noch ungewiss, ob die Einsatzkräfte Gewalt anwenden werden, um zukünftige Demonstrationen aufzulösen.

„Das einzige, was wir fordern, ist ein allgemeines Wahlrecht”, nuschelte eine 16-Jährige, die sich Pfefferspray aus den Augen rieb. „Alles andere ist Schwachsinn. Wieso werden wir wegen dieser Forderung wie Verbrecher behandelt?”

Folgt jetzt das nächste Tiananmen? Das ist unwahrscheinlich, weil sich China eine derart schlechte PR nicht leisten kann. Angesichts der Tatsache, dass die Hongkonger Polizei sich kürzlich mit 4.000 Gasgranaten eingedeckt hat und Leung Chun-Yin weiterhin pekingtreu bleibt, ist zu vermuten, dass sich Lage vorerst nicht beruhigen wird.