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Nazis

Braune Fetzenschädel sind immer noch ein rotes Tuch (und ihre Gäste auch)

Zwei ÖVP-Gemeinderäte sind zurückgetreten, weil bekannt wurde, dass sie bei einem Nazi im Keller waren. Wir stellen uns die Frage, ob unserer Gesellschaft durch noch mehr Abschottung solcher Elemente wirklich geholfen wäre.
19.9.14

Screeshot von Vimeo

Österreich ist und bleibt ein Biedermeier-Land. In uns allen steckt immer noch ein kleiner Adalbert Stifter, der lieber die subtilen Wetterstimmungen vor und nach einem Gewitter gemalt hat, als die eigentliche Action, und sofort Todesangst bekommt, wenn es irgendwo mal so richtig donnert—nur, dass wir unseren Hang zu gemäßigter Wildheit heute mit Food-Porn und Fischengehen ausleben.

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Insofern könnte man das, was gestern in dem ​kleinen burgenländischen Ort Marz geschehen ist, fast loben. Immerhin ist hier zur Abwechslung mal das Gegenteil von nichts passiert. Nachdem aufgedeckt wurde, dass zwei der Männer, die in Ulrich Seidls neuem Film Im Keller dabei zu sehen sind, wie sie Herrn Ochs in seinem Hobbyraum voller Hitler-Devotionalien besucht und mit ihm dort getrunken haben, ÖVP-Gemeinderäte waren, führte der öffentliche Druck ziemlich schnell dazu, dass beide ihr Mandat zurücklegten.

Endlich hat sich also was getan. Die Medien haben etwas bewirkt und wir Österreicher dürfen uns auf den ersten Blick eine gewisse „Hands-on-Mentalität" attestieren. Auf den zweiten Blick sieht die Sache aber ein wenig anders aus. Und bevor jetzt vorschnelle Kritik aus der „tl;dr"-Ecke kommt, lasst mich eins sehr deutlich sagen: Ich will hier weder Nazis, noch den Nationalsozialismus oder dessen Opfer (zu denen auch mein Opa und meine Großtante gehören) verharmlosen. Aber diese Kritik, die in den Kommentaren sicher mindestens einmal auftauchen wird, sagt mir bereits, wie sehr wir am eigentlichen Punkt vorbeireden. Es geht hier immerhin nicht um einen idiotischen Ideologen, sondern um zwei Menschen, deren Fehltritt darin besteht, dass sie bei ebendiesem zuhause waren und ausgerechnet im Nazi-Zimmer mit ihm getrunken haben.

Ein Hauptproblem an der derzeitigen öffentlichen Empörung ist auch, dass die wenigsten Menschen den Film Im Keller, der die Szene enthält, um die es seit gestern im gesamten (österreichischen) Internet geht, schon gesehen haben. Hier eine kleine Zusammenfassung der Szene: Herr Ochs ist ein alter Tuba-Spieler sowie Alkoholiker und Nazi-Devotionalien-Sammler. Herr Ochs hat einen ganzen Kellerraum voller Hitler-Andenken und NS-Merch, in den er gelegentlich auch seine Musikkapellen-Kollegen zum Trinken einlädt. Genau ein solches Beisammensitzen wird bei Im Keller in aller Seidl'schen Ausführlichkeit gezeigt. Die Band-Freunde trinken Schnaps, reden über ihre Frauen, wollen betrunken mit dem Auto nachhause fahren. Es wird kein Nazi-Gedankengut ausgetauscht—die drapierten NS-Symbole im Hintergrund überschatten aber trotzdem alles, was gesprochen wird. Das ist unschön, aber auch schon wieder alles.

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Aber sobald es bei uns um Nazi-Themen geht, verlieren wir oft unser biedermeierliches Detailgespür und behalten von der Epoche nur die Angst vor Ereignissen. Grillparzer, Österreichs zweiter Biedermeier-Superstar, hat diese Haltung schön wie folgt zusammengefasst: Es muss was geschehen, aber es darf nichts passieren. Auf diesem schmalen Grat der Vermeidung balancieren wir tagtäglich. Wenn es ans Eingemachte geht, äußert sich diese Vermeidung gerne, indem wir fordern, dass alles, das auch nur irgendwie im Nazi-Orbit kreist, diskussionslos zu ersticken und aus unserem Gesichtsfeld zu verbannen.

Braune Fetzenschädel sind für viele immer noch ein rotes Tuch. Im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Problemthemen gibt es hier keine Diskussion und keinen Diskurs, keinen aufgeklärten Umgang und keine nüchterne Auseinandersetzung. „Zurecht", würden einige jetzt sagen, und: „Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen." Ja und eh.

Screeshot von Vimeo

Vielleicht ist es auch gut, dass die beiden Gemeinderäte zurückgetreten sind. Vielleicht sollte man sich als Anwärter oder Inhaber eines solchen Amtes besser überlegen, mit wem man einen geselligen Abend verbringt. Und vielleicht ist es nicht unbedingt die schlauste Reaktion, nach Bekanntwerden der ganzen Angelegenheit den Regisseur anzupöbeln und trotzig zu verkünden, dass man besser nicht bei einem solchen Dreh mitgemacht hätte (ohne auch nur ein Wort darüber zu verlieren, dass man auch ohne Kamera über die Sache vielleicht genauer nachdenken hätte müssen).

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Aber vielleicht—nur vielleicht—wäre es auch angebracht, sich nicht sofort zum aburteilenden Lynch-Mob zu formieren und als einzige Option totale soziale Isolation für verirrte Keller-Nazis zu fordern, weil damit weder uns noch irgendwem sonst geholfen und erst recht kein Problem aus der Welt geschafft ist. Und vielleicht sollten wir gerade bei den Themen, wo wir uns als Gesellschaft über unsere Position einig sind, besonders vorsichtig mit denen umgehen, auf die wir mit dem Finger zeigen.

Um das hier (noch mal) klarzustellen: Nein, ich finde es nicht toll, wenn Politiker unter Hakenkreuz-Fahnen feiern. Ich will nationalsozialistisches Gedankengut auch nicht soweit entkriminalisieren, dass verblendete Neonazis den Eindruck bekommen, es stünde bald ein 4. Reich ins Haus. Und das nicht nur, weil ich aus einer jüdischen Familie komme und mir die Erkenntnisresistenz gar nicht mal so alter Nazis sehr sauer aufstößt. Ich selbst würde meine Obstler tendenziell auch eher ungern unter dem Schnauzer des Führers verbringen. Aber darum geht es in dieser Sache nun einmal nicht.

Herr Ochs, der Tuba-spielende Keller-Nazi aus der Seidl-Sequenz, ist laut seiner eigenen Aussage in Im Keller bei der örtlichen Polizei registriert. Die Behörden wissen über seine „Fan-Artikel", seine problematische Neigung und seine strafbare Gesinnung Bescheid. Die Frage hinter dem aktuellen Empörungs-Aufschrei sollte allerdings lauten, womit genau sich die beiden ÖVP-Politiker strafbar gemacht haben.

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Im Interview sagte Seidl mir gegenüber: „Auch das ist eine von vielen österreichischen Realitäten. Und es ist geradezu eine österreichische Qualität, dass alle im Ort davon wissen und die Musiker trotzdem einfach so zu ihm kommen."

Neben vielem anderen ist Herr Ochs auch eine traurige Gestalt, die sich in Alkoholismus (nicht selten 10 Spritzer am Vormittag) und ein krudes Weltbild (Hitler-Bilder zum Hochzeitstag) hineingesteigert hat. Er ist rein rechtlich nicht unschuldig, aber praktisch auch keine Bedrohung. Er läuft nicht mit Flugblättern herum und er verprügelt keine Ausländer. Nicht, dass Alkoholismus eine Ausrede wäre. Aber dieser Mann ist vor allen Dingen verschroben und hat sich wie ein Verschwörungstheoretiker seine eigene, abgeschlossene, in sich schlüssige Welt zusammenfantasiert, in der Adolf Hitler die Antwort auf alle Fragen und Probleme ist.

Seidl weiter: „Herr Ochs ist kein Neonazi, der begeht in dem Sinn keine Verbrechen. Und noch was: [Er] ist ein sehr sympathischer Mensch. Das ist eben so. Das macht es auch so schwierig—es ist ja viel einfacher, wenn man jemandem begegnet und sagt ‚Na, das ist doch ein fieses Schwein!' Da kann man leicht mit dem Finger zeigen. Aber diese Normalität und Sympathie neben der ganzen Vergangenheitsverherrlichung das ist schon was anderes."

Das ist mit Sicherheit nicht die Antwort auf alles. Die haben nur Verschwörungstheoretiker und Nazis für sich gepachtet. Wie mein alter Deutschprofessor sagte: „Nur dumme Menschen haben auf alles eine Antwort." Nur das Fragen sollten wir nicht unterbinden.

Begleitet Markus auf Twitter durch Österreichs Gedankenkeller: @wurstzombie