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(Halb-)Legale Räusche: Kratom

Ich dachte, Kratom-Tee sei das, was Dreadlocks-Träger zum Vorglühen trinken, aber Kratom ist eigentlich legales Heroin.

Benjamin von Wyl

Benjamin von Wyl

Foto von Coaster420, Wikimedia Commons

Foto: Coaster420 | Wikimedia Commons | Public Domain

Die schlimmste Droge unserer Zeit ist ja für viele anhaltende Nüchternheit. Weil aber soziale Ächtung, Beschaffungskriminalität und komplette Abhängigkeit fast genauso schlimm sind, haben wir in unseren rauschverliebten Jugendtagen alle das eine oder andere Mal zu (halb-)legalen Alternativen gegriffen. Deshalb packen wir ab heute die schwammigsten und schönsten Erinnerungen an unsere „Barely Legal Highs" aus-also zu Räuschen, die zumindest zu der jeweiligen Zeit oder in der jeweiligen Gegend legal waren. Heute: Kratom, das in Deutschland legal ist, es sei denn, es wird nachweislich als Rauschmittel missbraucht.

Kratom kommt vom Kratombaum. Und der Kratombaum wächst in Thailand. Dort traut man Kratom-obwohl es seit 1943 illegal ist-derzeit zu, die Crystal Meth-Welle zu stoppen. Kratom wird in Kapseln, in Tropfenform oder in Tees konsumiert. Es ist ein beruhigendes, manchmal euphorisierendes Opioid.

Für mein 19-jähriges Ich war Kratom-Tee vor allem das, was die Dreadlocks-Träger in meinem alten Freundeskreis getrunken haben, während wir Spät-Teenies zum Vorglühen nach allem lechzten, das über 35 Volumenprozente hatte. Auf meine Rückfragen hieß es immer: „Es beruhigt und macht leicht für ____." (Hier: Beliebig Hinterland-Goas, Dancehall-Konzerte oder Balkanbeat-Partys einfügen.)

Ich war eigentlich immer zufrieden, wenn ich genug Tequila-Shots getrunken hatte, um die Zitrone mit Rinde zu schlucken oder genug Absinthe, um die halbvolle Flasche auf einem Vorführwagen vor irgendeinem Autohändler zu deponieren. Aber Kratom? Ich bin mir nicht mal sicher, ob ich damals realisiert habe, dass es sich dabei um eine Droge handelte. Vielleicht hielt ich es für eine Hippie-Bezeichnung für den Guten-Abend-Tee, wer weiß.

Foto von GamblinMan22 | Wikimedia Commons | CC BY-SA 3.0

Im Verlauf eines Abends, der sicher auch von Bier grundiert war, stolperte ich mit einem Wahnsinnigen, den ich gleichzeitig mag und hasse-wir nennen ihn hier Mola-durch die Aarauer Altstadt. Wir landeten in einem Wohnzimmer von jemandem, der einen gewissen Ruf und entsprechend riesige Tellerpupillen hatte. Wir sprachen über irgendwas. Euphorie und Filme und jene Geschöpfe, die wir mit 19 „Frauen" nannten, obwohl wir ganz klar Mädchen meinten.

Dabei gab es Tee und den haben wir auch getrunken. Als ob es nicht sowieso klar gewesen wäre, erfahren wir irgendwann, dass es Kratom-Tee war. (Mola erinnert sich daran übrigens so, dass er explizit nach Kratom-Tee verlangt hatte. Die Schwaden des Restabends überlagern allerdings auch die Erinnerung von der Zeit vor dem Konsum.)

Foto von subflux | Flickr | CC BY-SA 2.0

So oder so blieben wir noch sitzen. Wir fühlten uns etwas high. Molas Kicherkanonaden sind und waren weit bekannt-an ihnen konnte man die Kratom-Wirkung also nicht messen. Nach einer Weile wandelte sich unser mit Cannabis vergleichbares Draufsein in wohlige Euphorie. Irgendwann verließen wir die Tellerpupillen-Wohnung. Wir sangen „Drunken Sailor", „Humpty Dumpty" und „Shot Through The Heart" von Bon Jovi, bewegten uns in weiten Kreisen fort, bis wir in Bahnhofsnähe auf Molas Ex-Freundin trafen. Mola hat zwar auch sonst keine Barriton-Stimme, redete aber sofort in erregtem Countertenor auf sie ein.

Wie er das konnte, war mir unverständlich, aber hinterher habe ich erfahren, dass die Wirkung von Kratom bei großer Konzentration in den Hintergrund gerät. Mich interessierten während dem ganzen anderthalbstündigen Gespräch jedenfalls nur die Strukturen auf der Betonwand der Turnhalle um die Ecke. Ich fuhr mit meinen Fingern über Löcher oder verfolgte den Verlauf von weißen Schlieren auf der dunkelgrauen Oberfläche. Zwischendurch rief ich halbherzig: „Mola!" Und irgendwie bilde ich mir ein, mich an Visuals zu erinnern, was mir heute aber lächerlich erscheint. Laut dem Drogenwiki führt Kratom aber oft zu Tagträumereien. Ich erträumte die Halluzinationen also.

Foto von Umberto Rotundo | Flickr | CC BY 2.0

Nach dem ewig erscheinenden Redeschwall beruhigte sich Mola. Sein letzter Zug war da schon weg, seine Laune dafür aber schnell wieder besser. Eventuell war es für Mola der ideale Bewusstseinszustand, um auf seine Ex zu stoßen: Opiatmäßig ruhig. Keine Ahnung, wie er sturzbesoffen ausgetickt wäre. Der ganze Abend hätte uns also deshalb in Erinnerung bleiben können, weil er Mola half, seinen Beziehungsfrust hinter sich zu lassen. Leider wirkt Kratom-das umgangsprachlich scheinbar als „Sexknallkopf" bekannt ist-auch aphrodisierend. Leider ließ ich Mola neben mir im Bett schlafen. Und leider hat er meine Beine für Frauenschenkel gehalten. Man merke: Mit Kratom kann man Beziehungen und die sexuelle Ausrichtung überwinden.

Anfragen für Cyber-Beinpenetration könnt ihr Benj auf Twitter schicken: @biofrontsau