Reisen

Wodka trinken mit Blick auf Tschernobyl

Gestern vor 30 Jahren geschah die größte atomare Katastrophe der Welt. Wir haben uns mit einem illegalen Reiseführer und Erforscher der Sperrzone unterhalten, die um den zerstörten Reaktor errichtet wurde.

von Kostas Onisenko
27 April 2016, 10:40am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Kiril Stepanets

Jedes Jahr betreten Tausende Menschen illegal die Sperrzone von Tschernobyl, wo vor 30 Jahren das schlimmste Reaktorunglück der Geschichte stattfand. Das riesige Gebiet umfasst unter anderem die Stadt Prypjat, die Stadt Tschernobyl und Dutzende Dörfer. Nach der Evakuierung wurde im Umkreis von 30 Kilometern um den Reaktorblock 4 die Sperrzone eingerichtet. Seither ist das Betreten nur mit einer Sondergenehmigung und in Begleitung einer offiziellen Begleitung erlaubt.

Natürlich halten sich daran aber nicht alle. Zuerst waren sie noch ganz vorsichtig, doch im Laufe der Zeit haben sich auch immer mehr hauptsächlich junge Menschen organisiert, um das Gebiet zu erforschen, sich einen Adrenalin-Kick zu holen, zu stehlen oder einfach nur ein Picknick zu machen. Vor ein paar Jahren gab es vielleicht 10-15 illegale Besucher, doch inzwischen sind es Hunderte.

Reisebüros, die offizielle Reisen nach Tschernobyl anbieten, bieten auch oft Verbindungen zu diesen inoffiziellen Reiseführern an. Für 80 bis 150 Dollar wirst du dann in die Sperrzone mitgenommen—wohin auch immer du möchtest.

Geisterdörfer, die Überhorizont-Radarstation Tschernobyl-2 mit ihren großen Antennenarrays, der Vergnügungspark in Prypjat, Wohngebäude und selbst ein See—du kannst nach Herzenslust eine Welt erforschen, in der das Leben vor 30 Jahren zum Stillstand gekommen ist.

Wir haben uns mit einem der illegalen Reiseführer über seine Arbeit unterhalten. Kiril Stepanets ist 27 Jahre alt und Sperrzonen-Touristenführer ist seine Haupttätigkeit.

Kiril Stepanets

VICE: Wie hast du damit angefangen?
Kiril Stepanets: Das erste Mal habe ich die Zone 2009 im Rahmen einer offiziellen Führung betreten, aber ich habe schnell gemerkt, dass diese Führungen einem rein gar nichts bieten—sie nehmen nur dein Geld und sorgen dafür, dass du desorientiert bist. Den ersten illegalen Besuch habe ich 2011 mit Freunden gemacht, und seitdem gehe ich immer wieder hin.

Warum gehst du in die Zone?
Ich wohne direkt nebenan. Aus Kiew sind es anderthalb Fahrtstunden. Andere fahren in die Alpen oder die Karpaten, um sich zu entspannen, ich fahre eben nach Tschernobyl. Eine Zeit lang habe ich als Guide gearbeitet, aber dann haben sie mich aus dem System geworfen. Also habe ich angefangen, die Leute illegal mitzunehmen. In den Augen der Regierung bin ich eine Mischung aus Hooligan und Terrorist. Ich gehe hin, weil ich dann an Orte gehen kann, wo noch niemand war.

Wie kommt ihr dorthin?
Wir fahren mit dem Auto oder dem Bus an einen Checkpoint, suchen uns dann einen der illegalen Eingänge und laufen zu Fuß weiter an den Ort, der uns gerade interessiert.

Wie lange lauft ihr?
Es kommt darauf an, wohin man möchte. Hoch nach Prypjat—die große Stadt—läuft man ein paar Tage. In die nahegelegenen Dörfer dauert es nicht so lange. Aber wenn ich jetzt alleine hinfahre, dann laufe ich sehr viel, und zwar an Orte, an die seit 30 Jahren niemand mehr einen Fuß gesetzt hat. Prypjat ist für mich inzwischen langweilig geworden; neulich war ich unterwegs dorthin und habe auf der Straße etwa 40 Leute getroffen. Das hat mich abgeschreckt.

Ist die radioaktive Strahlung nicht gefährlich?
Was ist Radioaktivität? Sie ist ein natürliches Phänomen. Selbst hier, wo ich gerade sitze, gibt es Radioaktivität. Vor 30 Jahren konnte die Strahlung dir noch schaden, aber heute ist sie im Grunde unschädlich. Wie bist du in unser Land gekommen? Bei deinem Flug hast du vermutlich mehr Strahlung abbekommen als ich bei einer einwöchigen Exkursion nach Tschernobyl. Wenn du zum Arzt gehst, röntgt er deinen Zahn. Die Strahlung in Tschernobyl ist ein Buhmann.

Du hast also keine Instrumente dabei oder so?
Nein, nicht mehr, denn wenn davon etwas konfisziert wird, bin ich einen Haufen Geld los. Früher habe ich die Sachen mitgenommen, aber heute nicht mehr. Ich weiß, wohin ich gehe.

MOTHERBOARD: Der Mann, der im Keller von Tschernobyl auf einen Elefantenfuß traf

Werden denn oft Leute von den Behörden erwischt?
Mich haben sie schon mehrmals erwischt.

Und was passiert dann?
Im Grunde nichts. Sie schauen durch unsere Sachen. Sie eröffnen einen Fall, er geht vor Gericht und irgendwann wird dann ein Bußgeld von 10 Euro von dir verlangt. Das gilt natürlich nur, wenn man zum Gucken dort war. Wenn man was klaut, sieht es schon anders aus.

Was kann man da denn klauen?
Vieles, zum Beispiel Eisen und Holz. Aber damit habe ich nichts am Hut.

Verdienen die Schmuggler viel an der Sperrzone?
Ich habe gehört, sie würden unheimlich Geld scheffeln, aber ich halte mich da raus. Ich gehe hin, um unverdorbene Orte zu genießen und Fotos und Wissen für das Buch zu sammeln, das ich zur Zeit schreibe. Ich nehme auch immer noch Leute gegen Bezahlung mit.

Was für Menschen zählen zu den illegalen Besuchern?
Das können Geschäftsleute sein, die viel Erfolg haben, aber sich nach etwas Aufregung sehnen. Oder Journalisten, die eine gute Aufnahme wollen oder einfach nur neugierig auf das berühmt-berüchtigte Tschernobyl sind. Aber etwa 90 Prozent der Leute gehen hin, um sich in Prypjat bei Sonnenuntergang auf ein Gebäude zu stellen und sich mit Aussicht auf eine tote Stadt zu betrinken. Vielleicht steckst du die ganze Zeit in einem Büro oder einer Fabrik fest und willst dich einfach eine Zeit lang frei fühlen, während du eine ganze Stadt nur für dich hast. Manche nehmen auch Drogen, aber davon halte ich mich auch fern.

Wo übernachtet ihr, wenn ihr die Zone durchwandert?
Wir haben unsere Verstecke. Wohnungen, in denen wir je nach Gruppengröße leben. In Prypjat und in den Dörfern.

Wie viele von euch illegalen Reiseführern gibt es?
Inzwischen habe ich keine Ahnung. Früher waren es etwa 15, die einander alle kannten. Inzwischen sind es viel mehr, der Zusammenhalt ist weg und die Leute haben sich verändert. Wir streiten untereinander.

Wie sehen diese Konflikte aus?
Der Andere kennt zum Beispiel mein Versteck, und dann zerbricht er mein Fenster oder pisst auf mein Bett. Er bespitzelt mich und verhält sich wie ein Arschloch. Grundsätzlich zieht die Zone Spinner an.

Hast du auch schon nette Leute dort kennengelernt?
Viele. Ich habe gute Freunde. In Prypjat bin ich einer Frau aus Moskau begegnet, die auch illegal dort war. Wir wurden ein Paar und gingen immer zusammen hin. Ich habe es als "radioaktive Romanze" bezeichnet. Inzwischen sind wir nicht mehr zusammen.

Hat es schon Unfälle gegeben?
Einer meiner besten Kumpels aus Russland ist im Winter hingefahren und dort dann betrunken auf einem Gebäude eingeschlafen. Seine Füße waren nass, und am Morgen konnte er sie kein bisschen mehr spüren. Er schleifte sich an die Hauptstraße, rief die Polizei und ergab sich. Er hat letzten Endes alle Zehen verloren. Und er war einer der Erfahrensten.

Gibt es auch Wildtiere?
Sehr viele sogar. Es gibt Wölfe, aber die halten sich von Menschen fern. Es gibt wilde Pferde, die dich vielleicht treten, wenn du ihnen zu nahe kommst, aber ansonsten lassen sie dich in Frieden. Ganz selten mal kommt vielleicht ein Bär von der weißrussischen Seite.

Hast du keine Angst vor ihnen?
Vor Tieren habe ich keine Angst. Das schlimmste Tier ist der Mensch. Deswegen mag ich auch Tschernobyl so gerne, da gibt es von der Sorte kaum welche.

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