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Role Models von John Waters Teil 5

Heute lest ihr den letzten Teil von John Waters Ode an seine literarischen Helden.
30.11.10

Heute lest ihr den letzten Teil von John Waters Ode an seine literarischen Helden. Im fünften und letzten Teil unseres Ausschnitts aus seinem neuen Buch Role Models, erzählt der berühmte Regisseur über Darkness and Day von Ivy Compton-Burnett. Solltest du sie verpasst haben, dann findest du hier den ersten, zweiten, dritten und vierten Teil.
John Waters - Role Models
“Bookworm” - Teil Fünf.

Willst du noch einen Schritt weiter gehen, bei deiner Suche nach snobistischer, elitärer Literatur? Natürlich willst du das, aber ich muss dich warnen, es geht nicht ohne Arbeit. Versuch mal einen Roman von Ivy Compton-Burnett. Sie war Engländerin, sah aus wie die Dame auf dem Old Maid-Spiel, hatte nicht einmal Sex und schrieb zwischen 1911 und 1969 zwanzig dunkle, witzige und böse Romane. Such dir einen aus, sie sind eigentlich alle ziemlich ähnlich. Wenig Handlung, fast keine Beschreibungen und endlos lange Seiten voll hermetischem, stilisiertem, scharfem, gemeinem und hasserfülltem Edwardianischem Dialogen. "Wenn du einmal Compton-Burnett in die Hand nimmst," sagte Ivy über ihre eigenen Bücher, "ist es schwer, sie nicht sofort wieder hinzulegen."

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Da Darkness and Day als eine ihrer "merkwürdigsten Romane" bezeichnet wurde, dachte ich, dass ich ihn einfach mal als Strafpunkt empfehle. Sie schrieb ihn 1951, mit 67. Es ist ihre unglaublich erfindungsreiche Neuinterpretation von Ödipus Rex. Eine Familie kommt aus dem Exil zurück, entdeckt Geheimnisse über eine unbeabsichtigte inzestuöse Ehe und bemerkt gleichzeitig, dass ihre unschuldigen Wahrheiten noch mehr komplizierten Scham verursachen. Ivy Compton-Burnett war besessen von der exakten Bedeutung von Sprache  und sie hasst es, etwas zu beschreiben, was nicht schon ohnehin von ihren Charakteren gesagt wurde. Sie malt eine verbales Bild ihrer Charaktere, aber nur ein einziges Mal (meistens wenn sie zum ersten mal auftauchen) und das heißt, dass du besser genau aufpasst und es dir gut merkst, weil es oft vorkommt, das erstmal 30 Seiten Dialoge kommen, bevor noch mal jemand identifiziert wird. Sobald der Leser endlich diese kleinen Inseln in diesem Meer von Gesprächen findet, muss er sich sammeln, tief durchatmen und zurück in Ivys Sprachwhirpool springen. Kein Wunder, dass ein Kritiker Fräulein Compton-Burnett "Autorin für Autoren" genannt hat. Die Dialoge dekonstruieren ohne Unterlass, was die Charaktere eigentlich sagen wollen. Wenn man erstmal im Rhythmus ist und den Glanz und die subtilen Nuancen der Familienstrukturen in den Worten ihrer Charaktere erkennt, fühlt man sich den anderen Menschen überlegen und der Art wie sie im realen Leben leben.

Sicher, du verlierst dich vielleicht wenn du Darkness and Day liest,  vielleicht wirst du hypnotisiert vermutlich wirst du dich langweilen. Aber sobald du merkst, dass du dich nicht mehr konzentrierst, dass du nicht genug aufpasst, PENG! ein großartiger Satz wird dich genau zwischen die Augen treffen und dir eine intellektuelle Gänsehaut verpassen. Man kann dieses Buch auf alle Fälle nicht überfliegen. Nachdem er Seiten um Seiten von langem Dialog zurück blättern musste, um herauszufinden, wer, was zu wem sagt, beschwerte sich einer der Lektoren, dass die Autorin vergessen hatte zu erwähnen, dass einer der Charaktere gerade am Telefon war. Ivy musste das zugeben und ergänzte ihren Text mit den zwei Wörtern "er sagte."

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Die beängstigend intelligenten und allwissenden Kinder aus Darkness and Day sprechen wie keine anderen Kinder in der Geschichte der Jugend. "Erinnerst du dich an deinen Onkel?" fragt ein Verwandter seine Nichten Rose und Viola. "Du warst mal jünger," antwortet Rose mit eiskalter Logik. "Das ist wahr," antwortet der Onkel, "und ich fühle mich immer noch genau so jung wie damals." "Leute fühlen sich jünger als sie sind," antwortet sie schnell. "Sie gewöhnen sich nicht an ein Alter, bevor sie ein neues erreichen. Ich fühle mich wie neun, dabei bin ich schon seit einer Woche zehn, ich bin in meinem elften Jahr." "Soviel denke ich eigentlich nie nach," sagt ihre Schwester Viola. "Ich denke immer," antwortet Rosa.

Einfache Wahrheiten werden in diesem Buch auf eleganteste Weise erzählt. "Man kann nicht ändern, was in deinem Kopf vorgeht," sagt einer der Charaktere. Als die Familie sich über einen Skandal Sorgen amcht, folgert einer der Mitglieder logisch:  "Die Leute vergessen DInge nicht, außer sie tun es." Nachdem die Haushälterin die kleine Rose dabei erwischt wie sich noch nach ihrer Schlafenszeit im Bett liest, schimpft sie, "Meine Liebe, ich habe nicht gesehen dass du dieses Buch versteckt hast." "Wenn sie das getan hätten, wäre es ja nicht mehr versteckt gewesen," antwortet Rose ohne mit der Wimper zu zucken. Sogar etwas so einfaches wie Guten Morgen zu wünschen, kann zu schmerzhaften Debatten führen. Als die Kinder nicht antworten, macht die Lehrerin einen neuen Versuch. "Wir versuchen das noch mal. Guten Morgen wünsche ich euch beiden." "Wir sagen nicht Dinge wie 'Guten Morgen'," antwortet Rose, "wir sehen keinen Sinn darin." "Vielleicht seid ihr noch nicht alt genug um das zu verstehen," versucht die Lehrerin zu argumentieren. "Wir wollen nicht alt sein," antwortet Rose "die Leute wissen nicht viel mehr. Sie lernen nur, um so zu wirken." Nachdem sie Kinder ihr Lehrerin so lange gefoltert haben, dass sie nach nur zwei Tagen Arbeit kündigt, versucht sie ihre Frustration in Worte zu fassen: "Geduld ist nicht dazu da, Menschen ohne normale Gefühle dazu zu ermutigen, untolerierbar zu sein," aber die Mädchen bleiben ungerührt. Als das Kindermädchen einen gemeinen Streich, der etwas mit dem Stuhl der Lehrerin zu tun hat entdeckt,  versucht sie sie zu ermahnen. "Die Sache die ich entdeckt habe, ist zu schlimm, um wahr zu sein." "Dann kann es nicht wahr sein," antwortet Rose, wie immer am debatierein. "Ich traue mich gar nicht zu fragen," stößt das Kindermädchen aus. "Dann ist wohl alles erledigt," stellen die Kinder als intellektuelle Sieger fest.

Wenn es um den Tod geht, können die texte von Fräulein Compton-Burnett unglaublich brutal sein. Nachdem man den Kindern was von einem Tod in der Fmilie erzählt hat wird ihnen gesagt "lauft nach oben und vergesst, was gesagt wurde. Denkt nur an den fröhlichen Teil." "Was it der fröhliche Teil?" fragt Viola. "Es gibt keinen," antwortet Rose. "Warum reden die Menschen so, als wären sie glückliche, wenn jemand tot ist? Ich glaube, dass es bedeutet, dass es ein bisschen Freude dabei geben muss."

Bis zum Ende ihres Lebens höret Ivy Compton-Burnett's reizbare, rosinenpickende, besessene Liebe zu Wörtern niemals auf. Laut ihre großartigen Biografie Ivy von Hilary Sperling, wurde sie einmal von einer alten Freundin aus einem Mittagsschaf geweckt und sie schnappte, "Ich bin nicht müde, ich bin schläfrig. Das sind zwei unterschiedliche Dinge. Und es überrascht mich, dass du dachst ich bin müde, wenn ich doch nur schläfrig bin." Diese Ivy! SIe war ein Clown. Ihre letzten Worte? "Lasst mich in Ruhe!" Und das werde ich.Ich besitze alle 20 ihrer Romane und ich habe 19 davon gelesen. Wenn ich den letzten lesen würde, der noch übrig ist, dann wäre nichts mehr von Ivy Compton-Burnett für mich da und ich müsste wahrscheinlich selbst sterben.